Am 27. September richtet sich der Blick weltweit auf eine Branche, die Menschen verbindet, Arbeitsplätze schafft und Regionen wirtschaftlich prägt, zugleich aber zunehmend mit ihren eigenen Folgen konfrontiert ist: den Tourismus.
Der Welttourismustag wurde von der damaligen Welttourismusorganisation UNWTO ins Leben gerufen und 1980 erstmals begangen. Das Datum erinnert an den 27. September 1970, an dem die Statuten der Organisation verabschiedet wurden. Die Vereinten Nationen wollen mit diesem Tag auf die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Bedeutung des Tourismus aufmerksam machen. Heute gehört dazu ebenso die Frage, wie Reisen mit dem Schutz von Natur, Klima und kulturellem Erbe vereinbar bleibt.

Wenn Algorithmen Reisen lenken
2026 bekommt diese Frage eine neue Dimension. Im Mittelpunkt des diesjährigen Welttourismustages steht die digitale Transformation und der Einsatz Künstlicher Intelligenz. In El Salvador wird darüber diskutiert, wie KI den Tourismus verändern kann. Sie kann Reisen vereinfachen, Angebote personalisieren und Besucherströme analysieren. Gleichzeitig stellt sich eine neue Frage: Wenn Algorithmen bestimmen, welche Orte uns empfohlen werden, wie lässt sich verhindern, dass am Ende immer dieselben Hotspots profitieren und die Belastung dort weiter steigt?

Deutschland experimentiert bereits mit dieser Frage. Das vom damaligen Bundesumweltministerium geförderte Forschungsprojekt AIR – AI-basierter Recommender für nachhaltigen Tourismus untersuchte von 2022 bis Ende 2024, wie Künstliche Intelligenz für ein nachhaltigeres Besuchermanagement eingesetzt werden kann. Besucherfrequenzen wurden erfasst, Auslastungen prognostiziert und bei drohender Überlastung alternative Orte oder Zeitpunkte vorgeschlagen. Erprobt wurde der Ansatz unter anderem im Allgäu, im Ruhrgebiet, im Sauerland sowie an der Nord- und Ostseeküste Schleswig-Holsteins.
Die Idee dahinter ist bemerkenswert: KI soll nicht möglichst viele Menschen zum bekanntesten Ort führen, sondern Besucherströme entzerren. Die Forschung zeigte allerdings auch die Grenzen eines solchen Ansatzes. Digitale Empfehlungen allein reichen nicht aus, um Reiseentscheidungen zuverlässig zu verändern. Ob ein Gast einer Alternative folgt, hängt auch davon ab, ob sie attraktiv, erreichbar und zum persönlichen Reiseanlass passend ist.

Nachhaltigkeit beginnt mit einer einfachen Frage
Parallel dazu versucht Deutschland, die ökologischen Auswirkungen des Tourismus überhaupt messbarer zu machen. Ein bis Oktober 2026 laufendes Forschungsprojekt des Bundesamtes für Naturschutz untersucht, wie sich Tourismus, Sport und Freizeitaktivitäten auf die biologische Vielfalt auswirken. Entwickelt werden sollen Indikatoren, mit denen sich diese Belastungen künftig besser erfassen lassen.

Damit verschiebt sich die Perspektive. Es geht nicht mehr allein darum, wie viele Gäste eine Destination aufnehmen kann. Entscheidend wird zunehmend, was ihr Besuch mit dem jeweiligen Naturraum macht.
Vom Slow Travel zum regenerativen Tourismus
Eine Antwort darauf findet sich im Konzept des Slow Travel. Weniger Ortswechsel, längere Aufenthalte und eine intensivere Beziehung zu Landschaft, Kultur und Menschen stehen dabei im Vordergrund. Der regenerative Tourismus geht noch einen Schritt weiter. Er will die negativen Auswirkungen nicht lediglich reduzieren, sondern Tourismus so gestalten, dass Natur, Kultur, lokale Wirtschaft und Gemeinschaften davon profitieren.
Wie sich dieser Gedanke praktisch entwickeln lässt, zeigt das Ostseeraum-Projekt ReTour. Unter Federführung von Visit Skåne arbeiten Partner aus Schweden, Dänemark, Litauen, Deutschland und Polen daran, neue Methoden für regenerativen Tourismus zu entwickeln und in der Praxis zu testen. Zu den offiziellen Partnern gehört die Westpomeranian Regional Tourism Organization in Stettin. Das Projekt läuft von Juni 2024 bis Mai 2027 und verfügt über ein Budget von rund 1,88 Millionen Euro aus dem Programm Interreg South Baltic.

2026 geht ReTour von der Entwicklung in die praktische Erprobung. Dabei werden in den Partnerregionen konkrete Angebote untersucht, die einen Mehrwert für Natur, Bevölkerung und lokale Wirtschaft schaffen sollen. In Westpommern standen im Frühjahr 2026 unter anderem regenerative Weinbaubetriebe rund um Stettin auf dem Programm. Damit wird Weinbau zu einem Beispiel dafür, wie Landwirtschaft, Landschaft, regionale Produkte und touristische Erlebnisse miteinander verbunden werden können.
Das Weingut Kojder bei Babinek passt in dieses Bild. Die Familie bewirtschaftet ihre Weinberge ökologisch und entwickelt den Weinbau als Teil einer regionalen Identität. Für Besucher entsteht daraus mehr als eine Weinprobe: Es geht um Landschaft, Landwirtschaft, Handwerk und die Geschichte einer Region, die sich touristisch neu entdeckt. Entscheidend ist dabei weniger das einzelne Weingut als das Prinzip dahinter: Tourismus kann regionale Wertschöpfung stärken, wenn er sich an den Bedingungen und Ressourcen eines Ortes orientiert.

Wenn Reisen selbst zum Problem wird
Die Debatte über nachhaltigen Tourismus hat allerdings noch eine andere Seite. Der Journalist Philipp Laage beschäftigt sich in seinem Buch „Travel is broken“ mit den Erwartungen, die wir inzwischen an das Reisen stellen. Die Suche nach dem perfekten Ort, die Angst, etwas zu verpassen, und die permanente Vergleichbarkeit durch soziale Medien können aus einer Reise ein regelrechtes Optimierungsprojekt machen.

Damit treffen sich zwei Entwicklungen, die zunächst wenig miteinander zu tun haben scheinen: die ökologische Frage nach den Belastungsgrenzen einer Destination und die persönliche Frage, warum wir überhaupt reisen. Slow Travel setzt dem eine andere Idee entgegen: weniger abhaken, länger bleiben, genauer hinsehen.
Warum der Welttourismustag heute wichtig ist
Der Welttourismustag ist deshalb mehr als ein internationaler Aktionstag für eine wirtschaftlich bedeutende Branche. Er bietet Anlass, über die Richtung nachzudenken, in die sich das Reisen entwickelt. KI kann dabei helfen, Besucherströme zu lenken. Nachhaltige Konzepte können Belastungen reduzieren. Regenerative Projekte versuchen, den Orten etwas zurückzugeben. Slow Travel verändert den Blick des Reisenden.Keine dieser Ideen löst das Problem allein. Zusammen markieren sie jedoch einen Wandel: Tourismus wird zunehmend daran gemessen, was er mit den Orten macht, die er besucht.

Vielleicht liegt genau darin die Bedeutung des 27. September 2026. Die Frage lautet nicht mehr nur, wohin wir reisen wollen und wie viele Menschen eine Destination aufnehmen kann. Es geht darum, wie Reisen aussehen muss, damit auch morgen noch jene Landschaften, Kulturen und Lebensräume existieren, die uns heute zum Aufbruch bewegen. Der Welttourismustag erinnert damit an den ursprünglichen Gedanken hinter dem Reisen: Menschen sollen andere Orte kennenlernen, nicht sie verbrauchen.
Zur Unterstützung der Recherche sowie zur Prüfung und Optimierung von Sprache, Grammatik und Rechtschreibung kamen teilweise KI-gestützte Tools zum Einsatz. Es gilt der Redaktionskodex.

































































