Reisen galt lange als Versprechen: raus aus dem Alltag, hinein in die Welt, neue Orte entdecken und mit anderen Eindrücken zurückkehren. Doch dieses Versprechen hat Risse bekommen. Overtourism, Klimafolgen, überfüllte Sehnsuchtsorte und ein wachsender Erlebnisdruck gehören inzwischen ebenso zum Reisen wie die Suche nach Erholung und besonderen Momenten.
Der Reisejournalist Philipp Laage hat sich in seinem Buch „Travel is broken“ genau diesen Widersprüchen gewidmet. Er glaubt weiterhin an das Reisen, fragt aber, was daraus geworden ist. Denn während wir nach unberührten Orten suchen, tragen wir selbst dazu bei, dass sie überlaufen werden. Wir wollen abschalten und schauen gleichzeitig aufs Smartphone, wollen spontan sein und planen doch längst jedes Erlebnis im Voraus.

Laage beschreibt Reisen als Sinnsuche, Lifestyle und Statussymbol und stellt die unbequeme Frage, ob wir unterwegs tatsächlich noch etwas entdecken oder vielmehr einer Vorstellung davon hinterherreisen, wie ein gelungenes Leben auszusehen hat. Gleichzeitig geht es um die großen Fragen unserer Zeit: Wie viel Tourismus vertragen Regionen? Wie lässt sich Reisen mit Klimaschutz verbinden? Und warum fällt es uns eigentlich so schwer, im Urlaub einfach einmal nichts zu tun?
Im Gespräch plädiert Laage für weniger Optimierungsdruck und mehr Offenheit. Denn eine gute Reise muss für ihn nicht bis ins Detail geplant sein. Sie darf Umwege, Überraschungen und sogar Enttäuschungen enthalten. Der eigentliche Luxus des Reisens liegt für ihn darin, wieder empfänglich für die Welt zu werden.
Exklusives Interview mit dem Journalisten Philipp Laage
Annett Conrad: Herr Laage, Sie haben als freier Journalist, der über Reisen und ferne Länder schreibt, einen Beruf, von dem viele Menschen träumen. Warum haben Sie gerade jetzt ein Buch geschrieben, das mit dem provokanten Titel „Travel is broken“ suggeriert, dass mit dem Reisen etwas grundlegend nicht stimmt? Wann entstand bei Ihnen der Eindruck, dass die Glückserzählung des Reisens Risse bekommen hat?

Philipp Laage: Ich glaube weiterhin an das Reisen. „Travel is broken“ bedeutet für mich nicht, dass wir zu Hause bleiben sollten. Aber die öffentliche Debatte ist gekippt. Waldbrände in Südeuropa, Wut auf Kreuzfahrtschiffe, Einheimische protestieren gegen den Tourismus – es sind die negativen Folgen des Reisens, die die Schlagzeilen bestimmen. Das war der Ausgangspunkt für mein Buch.
Und dann hat mich vor allem interessiert: Was ist Reisen für eine Erfahrung geworden? Unter welchen gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen findet es statt? Urlaub soll uns heute erholen, glücklich machen, außergewöhnliche Erlebnisse liefern, den Horizont erweitern und zeigen, dass wir ein spektakuläres Leben führen. Das ist ziemlich viel für zwei bis sechs Wochen im Jahr.
Als reisender Journalist beobachte die Widersprüche schon länger. Wir suchen unberührte Orte und tragen dazu bei, dass sie überlaufen werden. Wir wollen abschalten und schauen trotzdem ständig aufs Handy. Wir wollen uns frei und ungebunden fühlen sein und buchen inzwischen jedes Erlebnis vor. Das ist oft Selbstoptimierung und Statusarbeit in Badelatschen oder Trekkingschuhen.
Irgendwann habe ich mich gefragt: Warum machen wir das so? Das Buch ist der Versuch, darauf eine Antwort zu finden.
Annett Conrad: In Ihrem Buch beschreiben Sie Reisen als Sinnsuche, Lifestyle und Statussymbol zugleich. Ist der eigentliche Zweck des Reisens verloren gegangen, weil wir heute nicht mehr unterwegs sind, um etwas zu entdecken, sondern um etwas aus unserem Leben zu machen – oder darüber zu erzählen?
Philipp Laage: Einen ursprünglichen, reinen Zweck des Reisens gab es vermutlich nie. Menschen sind aus Neugier gereist, aus religiösen Gründen, zur Bildung, aus Abenteuerlust oder einfach, weil sie es sich leisten konnten. Und natürlich war Reisen immer auch Status. Die Grand Tour des jungen Adligen war keine bescheidene Angelegenheit. Neu ist aber ein bestimmter Anspruch in unserer Gesellschaft: Das Individuum soll möglichst interessant und außergewöhnlich sein. Kaum etwas eignet sich dafür so gut wie Reisen. Eine Highend-Küche kann man einfach kaufen, eine Reise muss man erlebt haben.
Auf vielen Reisen geht es, schätze ich, weniger darum, etwas zu entdecken. Vielmehr arbeitet man eine Vorstellung davon ab, wie ein gelungenes Leben auszusehen hat. Im schlimmsten Fall reisen wir sehr weit und kommen unseren eigenen Interessen und Leidenschaften keinen Zentimeter näher.
Annett Conrad: Sie schreiben über Erlebnisdruck und die Angst, etwas zu verpassen. Viele Menschen kehren heute erschöpfter aus dem Urlaub zurück, als sie losgefahren sind. Ist das ein Problem des Reisens oder spiegelt sich darin vor allem eine Gesellschaft wider, die selbst die Erholung noch optimieren will?
Philipp Laage: Ganz klar Letzteres. Wir leben in einer Gesellschaft, in der ständig alles möglich scheint. Rund um die Uhr erinnert uns das Smartphone daran, was wir alles noch tun, sehen und erleben könnten. Dann sitzen wir morgens beim Frühstück auf Sardinien und überlegen, welche Bucht wir heute noch schaffen, wo wir danach essen und ob wir den Sonnenuntergang am richtigen Viewpoint sehen. Selbst Erholung bekommt einen Leistungscharakter. Wir wollen maximal entspannen – und gleichzeitig maximal viel erleben. Ein Freizeitprogramm, das nicht zusammenpasst.
Wir sollten akzeptieren, dass ein guter Urlaub auch Leerlauf braucht, nicht jede Stunde erinnerungswürdig sein muss und Langeweile kein auszumerzender Makel ist, sondern ein wichtiger Modus, um überhaupt mental anzukommen und herunterzufahren.

Annett Conrad: Nach der Pandemie wurde viel über ein neues, bewussteres Reisen gesprochen. Gleichzeitig erleben wir heute wieder Rekordzahlen im Tourismus. Was hat sich seit Corona tatsächlich verändert, bei Reisenden, in der Branche und in unserem Verständnis davon, warum wir überhaupt verreisen?
Philipp Laage: Während Corona gab es diese große Hoffnung, dass wir danach alle langsamer, näher und bewusster reisen würden. Wir entdeckten den Bayerischen Wald und das Wattenmeer und fanden den Himmel ohne Kondensstreifen ganz schön. Das hatte allerdings damit zu tun, dass man schlicht nirgendwo anders hin konnte. Als die Grenzen wieder aufgingen, zeigte sich ein riesiger Nachholeffekt, wie es in der Reisebranche hieß. Ich denke, verpasstes Leben sollte nachgeholt werden.
Die Pandemie hat im Rückblick also eher gezeigt, welchen riesigen Stellenwert Reisen für uns besitzt. Urlaub ist eben kein netter Luxus, den man sich ab und zu gönnt. Für viele Menschen gehört das Unterwegssein zum Kern eines guten Lebens. Gleichzeitig ist das Bewusstsein für die Folgen größer geworden. Wir wissen um die Klimabilanz und den Overtourism. Wir reisen ungebrochen, aber eben nicht mehr ganz so unschuldig. Dieser Widerspruch wird uns erhalten bleiben.
Annett Conrad: Ein zentrales Dilemma unserer Zeit ist die Umweltfrage: Wir wissen um die Klimafolgen des Reisens, insbesondere des Fliegens, wollen aber gleichzeitig die Welt sehen. Wird dieser Widerspruch in der Reisedebatte Ihrer Meinung nach ehrlich genug geführt?
Philipp Laage: Oft wird mir die Debatte zu moralisch und gleichzeitig zu bequem. Die eine Seite sagt: Fliegen ist klimaschädlich, also bleib zu Hause. Die andere sagt: Mein einzelner Flug macht den Unterschied auch nicht. Es wäre besser, über politische Maßnahmen zu sprechen: Ausbau des Bahnverkehrs in Europa, eine weltweit verbindliche Bepreisung von CO2-Emissionen, solche Dinge.
Natürlich verursacht besonders Fliegen erhebliche Emissionen. Wer viel und weit reist, kann sich nicht glaubwürdig zum ökologischen Musterbürger erklären. Das gilt auch für mich. Darüber muss man nicht herumreden. Aber daraus folgt für mich nicht, dass Reisen moralisch verwerflich ist. Tourismus schafft Einkommen, finanziert Naturschutz und ermöglicht Begegnungen.
Jeder Mensch wird gute Gründe für die eigene Reise finden – ein paar Tage Sonne mit der Familie am Mittelmeer, die langersehnte Südostasien-Tour, die wichtige Konferenz in Shanghai. Wer mag sich hinstellen und urteilen: Diese Reise geht jetzt aber gar nicht! So kommen wir nicht weiter. Die Idee des persönlichen CO2-Fußabdrucks hat kein Klimaaktivist populär gemacht, sondern British Petroleum.
Annett Conrad: Viele Destinationen leiden unter Overtourism, während andere Regionen händeringend um Gäste werben. Muss wirklich jeder abgelegene Küstenort, jedes Bergdorf und jeder „unentdeckte Geheimtipp“ touristisch erschlossen werden?
Philipp Laage: Nein. Vor allem sollten wir uns von der etwas imperialen Vorstellung verabschieden, jeder schöne Ort warte nur darauf, von uns entdeckt zu werden. Das Internet hat den Individualtourismus paradoxerweise zum Massentourismus gemacht. Früher verteilten Reiseführer die Menschen auf einige bekannte Sehenswürdigkeiten. Heute entdecken Hundertausende Menschen denselben versteckten Wasserfall, dieselbe Bucht oder dasselbe Bergdorf auf TikTok.
Gleichzeitig wäre es arrogant, einer Region zu erklären, sie solle lieber unentdeckt bleiben, wenn die Menschen dort mit Tourismus Geld verdienen möchten. Entscheidend ist deshalb, wer über die Entwicklung entscheidet und wer davon profitiert. Das sollten die Menschen vor Ort sein.

Annett Conrad: Damit verbunden ist ein weiterer Widerspruch: Viele Regionen sind wirtschaftlich auf den Tourismus angewiesen und wünschen sich mehr Gäste. Gleichzeitig wächst der Ruf nach Entschleunigung, Nachhaltigkeit und weniger Besucherströmen. Wie lässt sich dieser Konflikt zwischen wirtschaftlichen Interessen und bewusstem Reisen überhaupt auflösen?
Philipp Laage: Indem man nicht nur über die Zahl der Touristen spricht, sondern darüber, welche Art von Tourismus eine Region möchte. Tagesgäste, die mit dem Kreuzfahrtschiff kommen, zwei Stunden durch die Altstadt laufen und wieder verschwinden, haben einen anderen Effekt als Menschen, die mehrere Tage bleiben, in lokalen Hotels schlafen und in Restaurants essen.
Entscheidend ist nicht automatisch weniger Tourismus, sondern ein wirtschaftlich sinnvoller. Städte und Regionen müssen bestimmen, wie viele Ferienwohnungen sie zulassen, wo Hotels gebaut werden, wie Besucherströme gelenkt werden und welche Infrastruktur sie finanzieren. Der einzelne Reisende kann die Probleme nicht lösen, er kann sich nur an die Regeln halten. Und sich die Frage stellen: Wer verdient an meinem Urlaub? Bleibt möglichst viel Geld dort, wo ich zu Gast bin?
Annett Conrad: „Slow Travel“ wird oft als Gegenmodell zum hektischen Massentourismus präsentiert. Ist das tatsächlich ein kultureller Wandel oder erleben wir gerade nur die nächste Marketingstrategie einer Branche, die gelernt hat, selbst die Sehnsucht nach Entschleunigung zu vermarkten?
Philipp Laage: Natürlich wird Slow Travel vermarktet. Der Kapitalismus ist ziemlich gut darin, seine eigene Kritik als neues Produkt ins Regal zu stellen. Das meine ich erstmal wertfrei. Man kann Entschleunigung buchen, inklusive Digital Detox, Waldbaden und Superfood-Frühstück. Das klingt vielleicht etwas albern, aber macht die Idee nicht falsch. Ich denke, es geht vor allem darum, sich wieder Zeit für die Dinge zu lassen. Man kann auch mit dem Zug in drei Wochen durch sechs Länder hetzen und kaum irgendwo gewesen sein. Oder man kann eine Woche in einer Stadt verbringen, jeden Morgen in dasselbe Café gehen und anfangen, den Ort wirklich wahrzunehmen – und sich selbst.

Annett Conrad: Sie suchen als Reporter seit Jahren nach besonderen Orten und außergewöhnlichen Menschen. Hat sich Ihr Blick auf das Reisen durch die Arbeit an diesem Buch verändert? Gibt es Dinge, die Sie heute bewusst nicht mehr tun oder Orte, die Sie anders wahrnehmen als früher?
Philipp Laage: Vor allem frage ich mich öfter: Warum will ich da eigentlich hin? Im Grunde die alles entscheidende Frage. Früher war da sicher noch mehr der etwas verkrampfte Ehrgeiz, viele Orte und Länder gesehen zu haben. Das ist inzwischen von mir abgefallen. Heute versuche ich, dem Reisen wieder mehr Raum zu lassen. Nicht jede Unterkunft vier Wochen im Voraus buchen, nicht jedes Restaurant recherchieren, nicht jeden Ort schon auf Google Maps abspeichern. Das fällt mir nicht immer leicht. Aber das Schönste am Reisen waren für mich rückblickend eigentlich fast nie die perfekt geplanten Momente. Sondern meistens die Dinge, von denen ich vorher nicht einmal ahnte, dass es sie gibt.
Annett Conrad: Wenn Sie die zentrale Frage Ihres Buches auf einen Satz reduzieren müssten: Worin liegt der eigentliche Sinn des Reisens heute, also in einer Zeit, in der nahezu jeder Ort erreichbar, fotografierbar und digital verfügbar geworden ist?
Philipp Laage: Es geht darum, die Welt nicht nur verfügbar zu machen, sondern sich von ihr überraschen zu lassen.
Um etwas auszuholen: Wir können heute fast alles schon vor einer Reise sehen. Das Hotelzimmer, den Strand, das Essen im Restaurant, den Aussichtspunkt bei Sonnenuntergang. Wir haben Rankings, Bewertungen und endlos viele Bilder, buchen Erlebnisse im Voraus und navigieren metergenau durch eine fremde Stadt. Wir wissen, was kommt, wenn wir das wollen. Aber wollen wir das?
Eine gute Reise erzeugt für mich einen Abstand zum eigenen Alltag und öffnet einen Raum, in dem nicht schon alles vorher feststeht. Man begegnet Menschen, gerät auf Umwege, wird irritiert, begeistert oder auch enttäuscht. Der eigentliche Luxus liegt nicht darin, ständig noch mehr von der Welt zu konsumieren, sondern für eine Weile wieder empfänglich für sie zu werden.
Vielen Dank Herr Laage für die ausführlichen und aufschlussreichen Antworten.

Weitere Informationen:
Wer für sich das Reisen neu entdecken möchte, dem sei „Travel is broken“ ans Herz gelegt. Das Buch darf als Reminder verstanden zu werden, sich dem Sog des FOMO immer auf auf’s Neue zu entziehen.
Buchrezension: Travel is broken
Hinweis der Redaktion: Die in diesem Interview geäußerten Aussagen, Einschätzungen und Meinungen geben die persönlichen Ansichten des Interviewpartners wieder. Die Redaktion macht sich diese nicht zu eigen. Für die inhaltliche Richtigkeit der Angaben ist der Interviewpartner verantwortlich.






























































