Viele Urlaubsorte, auch an der deutschen Nord- und Ostseeküste, sind so beliebt, dass aus dem authentischen Erlebnis längst eine Inszenierung für Touristen geworden ist. Das exklusive Erlebnis, die Menschen und ihre Kultur kennenzulernen, ist damit verloren gegangen.
Doch auch heute noch gibt es Orte, an denen es anders ist. Einer davon ist Butjadingen an der Nordseeküste. Ein echter Geheimtipp – zumindest bis der historische Leuchtturm „Roter Sand“ seinen Weg aus der Deutschen Bucht zum von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz bevorzugten Standort Fedderwardersiel auf der Halbinsel Butjadingen gefunden hat und dort zum Touristenmagnet wird.
Von der Schweinezucht zum Kreativunternehmer

Einst lebten hunderte Schweine auf dem Hof von Reinhard Evers. Doch in den letzten dreißig Jahren hat sich Hof Iggewarden zum Erlebnishof gewandelt, auf dem Großstadtfamilien das Landleben erleben und im Bauerngarten und bei der Fütterung der Tiere ins beschauliche Landleben eintauchen können. Zum Hof gehören auch ein kleiner Hofladen und das familiengeführte Restaurant, in dem Evers als lebendige Speisekarte, Kellner und Entertainer wirkt. Auf der Wiese vor dem Hof spielt man auch das von Evers selbst entwickelte Friesengolf. Wie bei einem überdimensionalen Minigolf schlägt man mit einem aus Kinderstiefeln und Besenstielen gebauten Schläger einen Ball über den Parcours – durch Reifen, Tore und auch durch die mitten auf der Wiese stehende „Tür zum Glück“. Hier kann man unter den vorbeiziehenden Wolken und mit Blick auf die weitläufige Landschaft über das Leben philosophieren und aus dem spielerischen Spaß einen Moment mit Tiefgang machen. Dass Reinhard Evers inzwischen auch den internetbasierten Radiosender „Radio Roter Sand“ mit selbstkomponierten Liedern betreibt, zeigt, dass die Geschichte von Hof Iggewarden sich ständig weiterentwickelt.
Mit 550 Schafen auf dem Deich

Dass Butjadingen einst dem Meer abgerungen wurde, bringt mit sich, dass die Halbinsel von hohen Deichen umschlossen ist. Damit diese das Land vor dem Meer schützen, sorgen von Frühjahr bis Herbst tausende Schafe dafür, dass das Gras kurz und der Boden fest bleibt. Auf elf Kilometer Deich sorgen zum Beispiel die 550 Mutterschafe der Deichschäferei Feldhausen für den Deich. Seit 2023 ist die Deichschäferei im Besitz eines jungen Paares, das sich um die Tiere kümmert und jeden Donnerstag bei einer öffentlichen Führung über das Leben der Schäfer und Schafe informiert. In rund einer Stunde erfahren die Gäste bei dem informativen Vortrag, worauf es ankommt und welche Bedeutung die Tiere für die Region haben. Wer mag, kann im Hofladen anschließend Wurst, Wolle und andere Schafs-Produkte kaufen oder im benachbarten Melkhus eine frische Buttermilch oder ein Eis aus regionaler Produktion genießen. Wer einmal in Feldhausen ist, kann die Gelegenheit für einen Spaziergang über den Deich und in den Langwarder Groden, der 2024 von der Heinz-Sielmann-Stiftung zum Naturwunder erklärt wurde, nutzen.
Entspannen auf friesische Art

Ein Urlaub in der Wesermarsch ist anders als das auf Massen ausgelegte Angebot auf den Inseln oder in bekannten Orten wie St. Peter-Ording. Um auf der Halbinsel mobil zu sein, braucht man ein Auto – oder bei schönem Wetter ein E-Bike und kann dann ganz entspannt die in der Landschaft verstreuten Ziele wie den Friesenfriedhof oder das Oberfeuer Preußeneck ansteuern und entdecken. Unter dem alten Kirchhof in Langwarden sind die Gebeine hunderter Friesen begraben, die dort 1514 starben, als sie in einer Schlacht unter dem Motto „Lever doodt as Sklav!“ vergeblich versuchten, ihre Freiheit gegen das Heer der Welfenherzöge zu verteidigen. Eine Klanginstallation erzählt dazu die Geschichte des Freiheitskampfes.

Während sich der Blick auf dem Friesenfriedhof auf sieben in den Boden eingelassene Stahlsilhouetten richtet, geht der Blick beim Oberfeuer Preußeneck 45 Meter zum Himmel. Einst diente das 1961/62 erbaute und im Sommer 2012 stillgelegte Oberfeuer Schiffen auf dem Weg nach Bremerhaven zur Orientierung. Nach seiner Stilllegung sollte der charakteristische, rote Turm abgerissen werden, doch eine engagierte Bürgerinitiative setzte sich erfolgreich für seinen Erhalt ein und hat der Gegend so einen Aussichtsturm mit Geschichte und Blick auf das Wattenmeer erhalten.
Schneller als die Flut

Am Wattführerhäuschen in Eckwarderhörne bieten der staatlich geprüfte Wattführer Matthias Schulz und sein Team regelmäßig Führungen ins Watt an. Eine besonders interessante Führung ist die Gezeiten-Wattwanderung. Bei der wandern die Gäste in 90 Minuten der einsetzenden Flut entgegen und erfahren von Profis wie Thomas Büsing einiges über Flora und Fauna in diesem besonderen Lebensraum. An verschiedenen Stationen erfahren die Besucher, welche Bedeutung Muscheln für das Watt haben, graben gemeinsam einen Wattwurm aus und stehen plötzlich mit den Füßen im an diesem Küstenabschnitt langsam steigenden Wasser.

Nebenbei informieren die Wattführer über die Gefahren von Ebbe und Flut und sorgen so für kurzweiliges Infotainment. Wer noch mehr über das Wattenmeer erfahren möchte, kann das im Nationalpark-Haus Museum Fedderwardersiel tun. Dort gibt es Aquarien mit Fischen und Krebsen, Informationen zur Entstehung der Landschaft und der Deiche und zahlreiche interaktive Stationen, an denen man tiefer ins Thema einsteigen kann. Eine Fotoausstellung mit Tierbildern ergänzt das Angebot des Museums.
Genuss mit Geschichte

Zu einem exklusiven Urlaub gehören auch Genussmomente. Für die sorgt zum Beispiel das Teekontor in Langwarden. Matthias Blümig und seine Frau haben sich hier ihren Traum vom Leben am Meer erfüllt und bewirten ihre Gäste mit einer Auswahl aus rund zweihundert Teesorten. Zu denen gehört auch der klassische Ostfriesentee, der bei einer kommunikativen Teezeremonie serviert wird. Dabei wird zunächst Kandis in die Tasse gegeben. Anschließend folgt der heiße Tee – und schließlich frische Sahne, die in einer Bewegung gegen den Uhrzeigersinn dazugegeben wird. Das bildet nicht nur formschöne „Wölkchen“ in der Tasse, sondern soll symbolisch auch die Zeit für den Genuss anhalten. Da der Tee nicht umgerührt wird, wechselt der Geschmack vom sahnigen ersten Eindruck über die Bitterkeit des Tees zur Süße des Kandis. Dazu genießt man Ostfriesentorte oder hausgemachten Kuchen.

Für Genuss steht auch Michael Schiller, der seinen früheren Beruf als Flugzeugingenieur gegen eine erfolgreiche Backfischbude mit eigener Räucherei getauscht hat. Hier gibt es frischen Back- und Räucherfisch – mit Blick auf die im Hafenbecken liegenden Fischkutter.
Die Seele baumeln lassen

In Butjadingen kann man herrlich entspannen und die Seele baumeln lassen. Der Blick auf das Meer, die Wanderungen über die scheinbar endlosen Deiche mit den gemütlichen Schafen oder eine Radtour durch die bis heute landwirtschaftlich geprägte Landschaft sorgen für Entspannung und Erholung. Wer mag, findet verteilt auf die verschiedenen Orte auch moderne Unterhaltung wie ein Nachtgolfen mit beleuchteten Bällen beim Adventure Golf, doch im Fokus steht auf der Halbinsel Butjadingen der entspannte Genussurlaub.
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