Wer mit Martin Männer durch die Weinberge von Schliengen fährt, bekommt schnell eine Ahnung davon, was ihn antreibt. Hinter dem Ort steigen die Rebflächen sanft an, der Blick reicht über das Markgräflerland bis zur Burgundischen Pforte.
Im Boden liegt Kalk, an manchen Stellen von Löss und Lehm überlagert, an anderen steinig und geschiefert. Männer deutet auf die Hänge und spricht über Exposition, Wasser, Rebenalter und Ertrag. Burgund liegt gedanklich nicht weit entfernt. Der Unterschied ist lediglich: Hier steht kein französisches Ortsschild.

Das Weingut Blankenhorn gehört zu den traditionsreichen Betrieben des Markgräflerlands. Seit 1987 ist es Mitglied im VDP, heute bewirtschaftet Martin Männer rund 22 Hektar Rebfläche. Die klassifizierten Spitzenlagen sind das Schliengener Sonnenstück als VDP.GROSSE LAGE und der Schliengener Roggenbach als VDP.ERSTE LAGE. Geologisch reicht das Spektrum von Löss, Lehm und Mergel bis zu kalkreichen Böden.

Ein Jurist, der Winzer werden wollte
Dass Martin Männer heute Winzer ist, war keineswegs selbstverständlich. Er studierte Rechtswissenschaften, arbeitete als Unternehmensjurist in der elterlichen Maschinenbaufirma und hatte den Wein dennoch nie ganz aus dem Blick verloren. Denn er wuchs mit Wein auf; sein Vater bewirtschaftete Reben im Nebenerwerb, ein Onkel machte bereits damals auf seine Weise Naturwein.

Mit 39 Jahren nahm Männer ein Sabbatical. Die Frage war schlicht: Wie soll es weitergehen? Ein Gespräch mit Konrad Salwey gab schließlich einen wichtigen Impuls. Männer wollte allerdings nicht einfach das elterliche Stück Land übernehmen. Er suchte eine größere Aufgabe und fand sie 2014 in Schliengen – das Weingut Blankenhorn.

Was folgte, war weniger behutsame Renovierung als kontrollierter Neustart. Männer trennte sich von bestehenden Strukturen, reduzierte Erträge, stellte den Weinbau auf biologische Bewirtschaftung um und investierte massiv in Keller und Gebäude. Aus dem traditionsreichen Betrieb sollte ein Weingut werden, das sich qualitativ nicht mit dem Durchschnitt zufriedengibt.

Ein Haus mit vielen Leben
Auch das historische Ensemble des Weinguts hat Martin Männer neu gedacht. Das Gebäude stammt in seinen ältesten Teilen aus dem Mittelalter und hat im Laufe der Jahrhunderte erstaunlich viele Leben durchgemacht. Einst gehörte das Anwesen zum Besitz des Bistums Basel, später diente es unter anderem als Meierei und Furierstation. Der markante Turm, der bis hinunter in den Keller reicht, erinnert noch heute an diese Vergangenheit. Während des Dreißigjährigen Krieges war der Ort Teil einer Infrastruktur, in der Reisende und Heere versorgt wurden. Später lag hier eine Station an der alten Postkutschenroute zwischen Basel und dem Markgräflerland.


Beim Umbau wollte Männer diese Geschichte nicht hinter einer glatten neuen Architektur verschwinden lassen. Alte Balken wurden freigelegt, originales Mauerwerk erhalten und Materialien möglichst aus der Region verwendet. Selbst dort, wo Neues hinzukam, sollte es sich in die gewachsene Struktur einfügen. Das Haus wurde damit gewissermaßen selbst zu einer Zeitkapsel des Weinguts: verschiedene Epochen liegen übereinander und erzählen davon, wie sich der Ort immer wieder neu erfunden hat.



Wo früher ein Großraumbüro der ehemaligen Erzeugergemeinschaft lag, befindet sich heute die Weinbar. Sie ist Teil der Idee, das Weingut wieder stärker als Ort der Begegnung zu öffnen. Bei Verkostungen können Besucher die Weine dort probieren, kleinere Veranstaltungen finden statt, und auch für private Feiern oder Firmenevents wird das historische Ensemble genutzt. Eine kleine Küche ist auf kalte Speisen ausgelegt, schließlich soll hier der Wein im Mittelpunkt stehen.

Damit greift Männer zugleich eine alte Tradition des Hauses auf: die Gastwirtschaft. Schon die historische Lage an der Postkutschenroute machte den Ort zu einer Station für Reisende. Heute sind es Weinfreunde, die hier Halt machen. Aus dem früheren Zweckbau ist ein Ort geworden, an dem man sitzen, probieren, diskutieren und den Blick auf die Geschichte des Hauses ebenso schweifen lassen kann wie auf die Weine.

Das Markgräflerland: Gutedel trifft Burgunder
Das Markgräflerland ist eine eigenwillige Weinlandschaft. Zwischen Freiburg und Basel, Schwarzwald und Oberrhein gelegen, profitiert die Region von vielen Sonnenstunden und dem milden Klima. Durch die Burgundische Pforte strömt warme Luft aus dem Rhônetal in Richtung Südschwarzwald. Gleichzeitig sorgen Winde aus der westlichen und südlichen Nachbarschaft immer wieder für Abkühlung.

Die klassische Rebsorte der Region ist der Gutedel, in Frankreich und der Schweiz Chasselas genannt. Rund 1.000 Hektar sind im Markgräflerland mit dieser alten Rebe bestückt. Ihre Besonderheit: Sie drängt sich aromatisch kaum in den Vordergrund. Genau deshalb kann sie Boden, Kleinklima und Lage besonders klar transportieren.

Für Martin Männer ist das ein Geschenk. Er möchte Gutedel aus seiner Rolle als unkomplizierten Zechwein befreien und zeigen, wie viel Tiefe in der Sorte steckt. Weniger Ertrag, alte Reben, sorgfältige Handlese und Zeit auf der Hefe verändern den Charakter. Der Wein wird präziser, strukturierter und mineralischer. Mehr über den Gutedel von Blankenhorn gibt es in unserem Artikel Aufbruch mit Tradition zu lesen.
Gleichzeitig ist das Markgräflerland geradezu prädestiniert für Burgundersorten. Baden ist Deutschlands wichtigstes Anbaugebiet für Spät- und Weißburgunder; insgesamt machen Burgundersorten rund 60 Prozent der badischen Rebfläche aus. Kalkreiche Böden und das warme Klima passen zu Chardonnay, Weißburgunder und Pinot Noir. Männer muss sich also gar nicht entscheiden zwischen regionaler Identität und burgundischer Stilistik. Beides gehört hier zusammen.


Der Boden gibt den Ton an
„Die Bodenvielfalt ist hier unten wirklich der Wahnsinn“, sagt Männer und schaut versonnen über das Land. Schon benachbarte Parzellen können sich bei Struktur, Kalkgehalt sowie den Anteilen von Ton, Lehm und Löss deutlich unterscheiden.

Auf unserer Fahrt durch die Lagen wird diese Theorie plötzlich anschaulich. Vor uns stehen die Reben, dahinter zeichnen sich die hellen Kalksteinwände ab. In Richtung Burgund öffnet sich die Landschaft. Der Blick macht verständlich, weshalb Männer diese Gegend immer wieder mit der Côte d’Or vergleicht.

Besonders eindrucksvoll ist der Ölacker. Der Hang orientiert sich zur Burgundischen Pforte, sein steiniger, geschieferter Kalkboden mit geringer Auflage bietet ideale Voraussetzungen für Weiß- und Spätburgunder. Im Sonnenstück wiederum prägen kalkhaltige Tonböden und Kalkmergel die Reben. Das Burgund ist dabei kein Ziel, das kopiert werden soll. Es ist eher ein Maßstab für die Frage, wie präzise Herkunft in Wein übersetzt werden kann.

Grüner Weinberg statt sauberer Weinberg
Wer durch die Rebzeilen geht, sieht schnell, dass hier eine andere Vorstellung vom Weinberg herrscht. Zwischen den Reben wächst es. Schafe übernehmen einen Teil der natürlichen Pflege, gedüngt wird unter anderem mit Erbsenprotein. Pflanzenschutz erfolgt nach Bedarf und nicht nach Kalender. Kupfer und Schwefel gehören weiterhin zu den Werkzeugen des biologischen Weinbaus.

Inzwischen geht Blankenhorn noch einen Schritt weiter. Im Rahmen eines Vitiforst-Projekts wurden 2026 auf einer ehemaligen Pinot-Noir-Fläche Bäume und Sträucher gepflanzt. Elsbeere, Felsenbirne, Ahorn, Heckenrose und Ginster sollen Schatten spenden, Wasserhaushalt und Mikroklima beeinflussen und Lebensraum schaffen. Für die Zukunft sind dort wieder rund 2.100 Pinot-Noir-Reben vorgesehen.

Am Rand der Fläche steht ein Lebensturm: Insektenhotels, Nistmöglichkeiten, Totholz und Steinhaufen. Es geht um Vögel, Insekten und die kleinen Bewohner des Weinbergs und damit um ein Ökosystem, das weit über die Rebe hinausgeht. Blankenhorn ist zudem FAIR’N GREEN zertifiziert und geht seinen ökologischen Weg konsequent weiter.

Weniger machen, genauer werden
Auch im Keller folgt Männer dieser Idee. 100 Prozent Handlese, konsequente Selektion und reduzierte Erträge bilden die Grundlage. Bei den höher klassifizierten Weinen wird spontan vergoren. Edelstahl, Beton und Holz werden nicht als Stilmittel eingesetzt, sondern abhängig von Rebsorte, Jahrgang und gewünschtem Ausdruck.


Das lässt sich bei der Verkostung besonders gut nachvollziehen. Der Schliengen Chardonnay 2022 zeigt reduktive, kalkige Noten, wirkt cremig und erinnert stilistisch tatsächlich an Burgund. Der Ölacker Weißburgunder 2022 stammt aus einem großen Stückfass, wurde spontan vergoren und lag rund zehn Monate auf der Hefe. Nasser Kiesel, florale Noten und eine elegante Frische prägen den ihn.
Noch deutlicher wird die Idee beim Sonnenstück Chardonnay GG 2021. Alte Reben, Kalkmergel, Barrique und Zeit haben einen Wein entstehen lassen, der nach sechs Jahren noch erstaunlich frisch wirkt: feine Frucht, nasser Stein, Eleganz pur, die noch lange am Gaumen spürbar ist. Der Wein steht exemplarisch für Männers Vorstellung von einem großen Wein: nicht laut, sondern präzise.

Auch beim Spätburgunder geht es um Finesse. Der Schliengen Pinot Noir 2023 zeigt rote Frucht und filigrane Tannine; der Ölacker Pinot Noir arbeitet stärker mit Holz und Struktur. Das Sonnenstück Pinot Noir wiederum bringt mit zunehmender Reife genau jene Verbindung aus Frucht, Mineralität und Eleganz, die Männer sucht.

Und dann ist da der Gutedel. Vielleicht ist er am Ende der beste Beweis dafür, dass die Zukunft des Markgräflerlands nicht darin liegt, seine Eigenheiten gegen internationale Vorbilder auszutauschen. Der Gutedel kann hier bleiben, wo er hingehört – und trotzdem größer gedacht werden.

Martin Männer spricht gern von „emanzipierten Weintrinkern“. Gemeint sind Menschen, die Herkunft erkennen wollen und nicht ausschließlich nach großen Namen kaufen. Wer für 30 Euro einen Wein sucht, der Boden, Rebe und Handwerk erzählt, findet in Schliengen eine ziemlich überzeugende Alternative zu manchem berühmten Etikett aus Frankreich. Martin Männer beweist, was Ortswein alles kann.

Der eigentliche Reiz des Weinguts Blankenhorn liegt in einer gelungenen Verbindung: tief verwurzelt im Markgräflerland, mit Respekt vor dem Gutedel, mit einem klaren Blick auf die Kalkböden und mit Burgund als gedanklichem Fixpunkt. Ein Winzer, der seine neue Heimat nicht verändern will, um sie größer erscheinen zu lassen. Er will vielmehr zeigen, wie groß sie längst ist.
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