Von Terrassen und Balkonen blickt man auf die berühmten Sassi, die historischen Höhlen- und Felsenviertel Materas – wie über ein Meer aus Stein. Dieses spektakuläre Geflecht aus Treppen, Höhlen, Dächern und Häusern hat die Stadt zu einem der ikonischen Reiseziele der Basilikata gemacht. Doch Matera nur als fotogene Kulisse zu betrachten, wäre zu oberflächlich.

Unter den Gassen verlaufen unzählige Zisternen (unterirdische Wasserspeicher) und alte Wasserwege, in den Fels geschlagene Räume dienten als Wohnungen, Ställe und Speicher. Getreide wurde eingelagert, Brot gemeinschaftlich gebacken, Wasser für trockene Zeiten gesammelt. Gerade dieses über Jahrhunderte gewachsene Zusammenspiel von Sassi, Felsarchitektur und ausgeklügeltem Wassersystem war mitentscheidend dafür, dass Matera 1993 in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen wurde.
Wer in Matera heute an solchen Orten übernachtet, erlebt mehr als ein außergewöhnliches Interior Design: Man bezieht Räume, deren frühere Funktionen noch spürbar sind und die mit erstaunlichem Respekt in die Gegenwart transformiert wurden. Zwei sehr unterschiedliche Unterkünfte stehen exemplarisch dafür. Von beiden führen Spuren weiter in die Stadt: vom Korn zum Pane di Matera, vom alten Gemeinschaftsofen zum Brotstempel-Handwerk – und vom Wasserreservoir unter einem Hotel bis zu den monumentalen Zisternen unter dem heutigen Stadtzentrum.

Geschichte neu kuratiert – im Il Granile wurde einst Getreide gelagert
Granile ist ein altes Wort für Getreidespeicher. Hier lagerte einst, was für Matera über Jahrhunderte Lebensmittel und Lebensgrundlage zugleich war: das Korn. Sie gehörten zum weitläufigen Palazzo Malvinni Malvezzi, dessen Geschichte eng mit einer bedeutenden landwirtschaftlichen Familie Materas verbunden ist. Im 19. Jahrhundert wurden hier Getreide und andere Erzeugnisse der umliegenden Güter gelagert. Später wechselten die Räume mehrfach ihre Funktion: Sie wurden Geschäft, Fitnessstudio, sogar Diskothek. Erst mit dem Umbau zum Il Granile Contemporary Loft bekam die ältere Geschichte wieder Gewicht. Heute empfangen Michele Brucoli und seine Frau Ferdinanda die Gäste in den ehemaligen Speicherräumen des Palazzo Malvinni Malvezzi und haben deren heutige Gestaltung maßgeblich mitgeprägt.

Die Transformation begann gemeinsam mit einem südkoreanischen Architektenfreund der Familie und entwickelte sich nach dessen Rückkehr nach Korea während der Pandemie weiter in Eigenregie. Das Ergebnis ist keine glatte Rekonstruktion, sondern eine bewusst offene Collage aus Fundstücken, Patina, Kunst und zeitgenössischem Design. Alte Farbschichten bleiben sichtbar, Risse werden nicht kaschiert, sondern teilweise durch Licht akzentuiert – ein Gedanke, der sich an der Philosophie des Kintsugi orientiert.

Designliebhaber werden voller Entzücken entdecken, wie achtsam die früheren Gebrauchsgegenstände im Lofthouse Il Granile 2.0 neue Rollen übernehmen: eine Sammlung historischer Siebe inspirierte die Suite I Setacci. Eine alte Waage, auf der einst Getreidesäcke gewogen wurden, ist heute in eine eiserne Treppenkonstruktion integriert. Ein Getreidetrichter, die Tramoggia, gab einem Raum seinen Namen. Unter jüngeren Bodenschichten kam alter Terrakotta-Belag zum Vorschein, und ein Stein mit einer ährenähnlichen Gravur wurde später sogar zum Motiv für das Logo des Hauses.

Daneben setzen Designklassiker und Fundstücke bewusste Kontraste: Vintage-Leuchten von Venini, moderne Lampen von Artemide, alte Türen mit rissiger Vergoldung, ein Eichenbrett, das einst Teil einer Kirchenorgel gewesen sein soll. Fernseher stehen auf Staffeleien, Heizkörper werden nicht versteckt. Die Faltküche und der Espresso-Corner sind wohl das Raum-im-Raum-Highlight dieser Interieur-Designspielwiese. Genau darin liegt sein Luxus: nicht in Perfektion, sondern in der sehr lässigen Fähigkeit, die frühere Funktion des Ortes noch durchschimmern zu lassen.

Vom Korn zum Brot
Und weil in diesem besonderen Loft-Boutiquehotel die Vergangenheit mit Getreide begann, führt die Spur fast zwangsläufig weiter zum Brot. Eine der traditionsreichsten Adressen für das typische Pane di Matera mit seiner hoch aufgeworfenen Form, kräftigen Kruste und gelblich-strohfarbenen, unregelmäßig geporten Krume aus Hartweizen und Sauerteig ist die Bäckerei Il Forno di Gennaro / Panificio Perrone. Die Familiengeschichte reicht bis ins späte 19. Jahrhundert zurück. Heute führen Gennaros Töchter Patrizia und Sabrina Perrone gemeinsam mit ihrer Mutter die Backtradition weiter – passend zu einer Stadt, in der die Brotkultur über Generationen stark von Frauen geprägt war. Früher wurde der Teig zu Hause vorbereitet und anschließend zum Gemeinschaftsofen gebracht; heute entstehen hier aus Hartweizen, Sauerteig und viel überliefertem Wissen die charakteristischen Laibe des Pane di Matera.

Von der lebendigen Backstube führt der Weg anschließend weiter hinab in die Sassi – dorthin, wo sich im Museum die Geschichte von Brot, Gemeinschaftsöfen und Brotstempeln noch einmal aus historischer Perspektive erzählt. Im kleinen, erst vor kurzem eröffneten Museo del Pane in den Sassi steht die originalgetreue Rekonstruktion eines alten Gemeinschaftsofens im Mittelpunkt. Hier wurde früher nicht einfach Brot verkauft: Die Familien bereiteten ihre Teige zu Hause vor und brachten die oft mehrere Kilogramm schweren Laibe zum Backen ins Viertel. Weil viele Brote gleichzeitig im Ofen lagen, mussten sie eindeutig gekennzeichnet werden. In vielen Restaurants wird die traditionelle Ciallèdd serviert, ein Brotsalat aus altbackenem Pane di Matera, je nach Variante mit Tomaten, Zwiebeln, Kräutern und den für die Basilikata typischen knusprigen peperoni cruschi.


Genau daraus entstand die Tradition der Brotstempel. In seiner Werkstatt im Sasso Caveoso schnitzt Manuele Mancini solche timbri del pane bis heute aus Holz. Die Initialen werden direkt aus einem massiven Holzblock herausgearbeitet – wie bei den historischen Vorbildern. Was einst ein praktisches Werkzeug war, ist heute zugleich Handwerk, Erinnerung und persönliches Objekt.


Corte San Pietro: Geschichte unmittelbar bewohnen
Corte San Pietro macht genau diese Schicht erfahrbar und Geschichte unmittelbar zum (hochpreisigen) Wohnkonzept. Das Albergo diffuso breitet sich über historische Höhlenwohnungen, Höfe und Gassen aus. Einige Räume reichen tief in den Tuff hinein, andere öffnen sich zu gemeinschaftlichen Innenhöfen – eine Struktur, die an das alte vicinato erinnert, jenes nachbarschaftliche Leben rund um einen gemeinsamen Hof. Spätere Einbauten wurden bei der Restaurierung bewusst zurückgenommen, damit die ursprüngliche Architektur wieder sichtbar werden konnte. Tuffstein, altes Holz und Cortenstahl bestimmen das Bild; kleine Lichtöffnungen und weich gefiltertes Tageslicht zeichnen die Unebenheiten des Felses nach.


Die puristische Reduktion hat fast etwas Tempelartiges: Steinwände, Gewölbe und gedämpftes Licht lassen die Zimmer wie stille Rückzugsräume wirken. In einigen Suiten sind große Duschen, steinerne Badewannen oder ein Hamam in die historische Raumstruktur integriert; andere Wellnessbereiche greifen die Höhlen- und Wasserwelt atmosphärisch auf. Wichtig ist dabei gerade die Trennung: Man badet zwar nicht im historischen Zisternensystem, aber die umgestalteten Bäder und Spa-Bereiche nehmen mit heutigem Komfortanspruch seine Stimmung auf, während die alten Wasserspeicher als eigene historische Schicht unter dem Haus eher „museal“ erhalten bleiben. Diese Infrastruktur machte das Leben in den Sassi jahrhundertelang überhaupt erst möglich.

Unter der Oberfläche
Unter Corte San Pietro liegen acht historische Zisternen. Sie erinnern daran, dass Wohnen in Matera immer auch bedeutete, mit Wasser hauszuhalten. Regen und Quellwasser wurden über Rinnen, Kanäle und Fallrohre gesammelt und in den unterirdischen Speichern bewahrt – ein fein abgestimmtes System, das sich durch die Sassi zog. In diese verborgene Infrastruktur greift Alfredo Pirris permanente Installation IDRA ein. Sie entstand im Rahmen des Projekts Matera Alberga – Arte Accogliente und verbindet Hof, Oberfläche und Zisterne miteinander. Zerbrochene Spiegel, Stein und unterirdischer Raum machen aus dem historischen Versorgungssystem einen Ort der Reflexion. Die Kunst legt sich dabei nicht über die Geschichte, sondern schärft den Blick auf das, was unter der sichtbaren Stadt längst vorhanden war.

Palombaro Lungo: 50 Meter durch Materas monumentale Zisterne
Von hier führt der Weg fast zwangsläufig weiter zum Palombaro Lungo unter der Piazza Vittorio Veneto. Die monumentale öffentliche Zisterne macht im großen Maßstab sichtbar, was Corte San Pietro im Kleinen erzählt. Rund 50 Meter lang und bis zu 16 Meter tief konnte sie einst Millionen Liter Wasser aufnehmen. Heute führen Stege durch den abgesenkten Speicherraum. Das Licht ist magisch, der Besuch schliesst den Kreis. Ein Blick hinter und unter Materas berühmte, vielbesuchte Kulisse lohnt sich. Die Stadt war nie nur ein Meer aus Stein. Sie war immer auch ein komplexes System aus Wohnen, Speichern, Sammeln und Teilen.

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