Weinbau auf Usedom klingt zunächst ungewöhnlich. Genau das macht den Kühn&Hell des Weinguts Welzin so interessant. Zwischen Usedomer See und Stettiner Haff hat die Familie Kühne-Hellmessen ein Weinbauprojekt aufgebaut, das bewusst eigene Wege geht.
Seit 2021 wachsen hier pilzwiderstandsfähige Rebsorten, die gemeinsam im Weinberg stehen und auch gemeinsam verarbeitet werden. Der Kühn&Hell 2024 ist ein echter Gemischter Satz. Sieben PIWI-Rebsorten bilden die Grundlage: Sauvignac, Muscaris, Solaris, Rinot, Ravel blanc, Soreli und Fleurtai. Die Idee dahinter stammt unter anderem aus den Erfahrungen der Familie mit dem Weinbau auf Sizilien. Unterschiedliche Sorten wachsen gemeinsam auf einer Fläche, werden zusammen gelesen und ergeben einen Wein, der seinen Charakter aus dem Zusammenspiel der Reben und dem jeweiligen Jahrgang entwickelt.
Im Keller bleibt man diesem Ansatz treu. Der 2024er wird spontan vergoren, unfiltriert und nur minimal geschwefelt. Ausgebaut wird er sowohl im Edelstahl als auch im Eichen-Barrique. Mit 13,5 Prozent Alkohol besitzt der Jahrgang eine gute Substanz. Das Weingut beschreibt ihn als cremig und tiefgründig, mit knackigen Zitrusnoten, salziger Mineralität und einem vollmundigen, trockenen Finale.

Gerade die Verbindung aus Frische, Cremigkeit und Mineralität macht den Wein interessant. Er versucht nicht, seine ungewöhnliche Herkunft zu kaschieren. Im Gegenteil: Der Kühn&Hell steht für einen Weinbau, der auf Usedom erst noch seine eigene Geschichte schreibt.
Der Gemischte Satz als Prinzip
Was auf den ersten Blick wie eine ungewöhnliche Rebenmischung wirkt, ist für Christoph Kühne-Hellmessen eine bewusste Entscheidung. Der Gemischte Satz soll nicht jedes Jahr exakt dasselbe Geschmacksbild liefern. Unterschiedliche Rebsorten, Boden, Wetter und Vegetationsverlauf bestimmen gemeinsam, was schließlich in der Flasche landet.

Auch die Voraussetzungen sind ungewöhnlich. Die Rebfläche liegt am Rand einer Endmoräne zwischen Usedomer See und Stettiner Haff. Das Wasser wirkt im Frühjahr temperaturausgleichend und kann im Herbst Wärme speichern. Dazu kommen rund 1.900 Sonnenstunden im Jahr. Kühne-Hellmessen sieht darin die Grundlage für eine lange Vegetationsperiode, bei der Reife und Frische zusammenkommen können.
Der biologische Anbau ist dabei keine Marketingidee, sondern Teil der Geschichte des Familienbetriebs. Kühne-Hellmessen arbeitet seit Jahrzehnten ökologisch und setzt beim Weinbau konsequent auf PIWI-Reben. Auf synthetischen Pflanzenschutz und mineralische Düngung wird verzichtet. Die Rebfläche ist von heimischen Gehölzen umgeben, zwischen den Reben wachsen Kräuter und Klee.

Unsere Verkostung
Im Glas zeigt sich der Kühn&Hell 2024 in einem hellen Gelb mit goldenen Reflexen. In der Nase Zitrusaromen, nussige Noten und eine feine Würze, die bereits auf einen Wein mit etwas mehr Tiefe und Struktur schließen lassen.
Am Gaumen präsentiert er sich sehr frisch, dabei überraschend vollmundig und rund. Zitronen- und Orangenzeste bringen die nötige Frische, während sich dahinter erdige Aromen entwickeln. Die Säure bleibt eher zurückhaltend und fügt sich harmonisch in die cremige Textur ein. Dazu kommt eine feine salzige Mineralität, die dem Wein Spannung gibt, ohne ihn kantig wirken zu lassen.

Der Trinkfluss ist angenehm, der Abgang ordentlich und von der mineralischen Würze geprägt. Seine eigentliche Stärke zeigt der Kühn&Hell 2024 für uns allerdings weniger als Solist im Glas, sondern als Speisenbegleiter. Seine runde, cremige Struktur und die Kombination aus Zitrus, Würze und salziger Mineralität bieten genügend Substanz, um ihn auch mit charaktervollen Gerichten zu kombinieren.
Besonders gut können wir ihn uns zu Krustentieren vorstellen, bei denen die Zitrusnoten und die salzige Mineralität ihre Stärken ausspielen. Überraschend passend dürfte er aber auch zu einem Wiener Schnitzel sein: Die Cremigkeit des Weins nimmt die goldbraune Kruste auf, während Zitrus und Mineralität für den nötigen Gegenpol sorgen.

Kein Wein, der unbedingt allein die Bühne beanspruchen möchte. Seine Stärke liegt in der Kombination mit gutem Essen. Und genau dort entwickelt der Kühn&Hell 2024 seinen besonderen Reiz.
Ein Blick auf den Jahrgang 2025
Spannend wird nun der Blick auf den nächsten Jahrgang. Im September 2025 begann in Welzin bereits die Ernte für den Kühn&Hell 2025 – es war der dritte Jahrgang des Naturweins. Rund 3.000 Flaschen waren erneut geplant. Gleichzeitig wollte die Familie wieder einen Pét-Nat auf die Flasche bringen.
Wie der 2025er letztlich schmecken wird, konnte Mitte Juli schon auf dem Weingut Welzin probiert werden. Es sei nur so viel gesagt: Ein Gemischter Satz und obendrein Naturwein soll schließlich nicht jedes Jahr eine Kopie seines Vorgängers sein. Mit zunehmendem Alter der Rebstöcke dürfte zudem die Frage interessant werden, wie stark sich deren Ausdruck im Wein verändert.

Ein Weinbauprojekt mit Zukunft
Der Kühn&Hell 2024 erzählt deshalb eine Geschichte, die über den Inhalt der Flasche hinausgeht. Hier versucht niemand, aus Usedom eine zweite Mosel oder ein neues Rheingau zu machen. Die Familie Kühne-Hellmessen probiert aus, was an diesem ungewöhnlichen Standort möglich ist: mit PIWI-Reben, biologischem Anbau, Gemischtem Satz und möglichst wenig Eingriffen im Keller.
Noch ist das Weingut klein. Gerade das macht den Blick auf die kommenden Jahrgänge interessant. Die Rebstöcke werden älter, die Erfahrungen größer und die Familie experimentiert weiter. Vielleicht entsteht hier tatsächlich einmal eine kleine Weinregion Nordost, von der Christoph Kühne-Hellmessen in unserem Interview spricht. Noch ist das Zukunftsmusik.

Der Kühn&Hell 2024 ist jedenfalls ein überzeugendes Argument dafür, dass man Weinbau nicht immer dort suchen muss, wo man ihn erwartet. Dazu gibt es auch unseren Artikel: Weinbau am Rande der Republik
Beschreibung: Kühn&Hell 2024
Rebsorte: Sauvignac, Muscaris, Solaris, Rinot, Ravel blanc, Soreli, Fleurtai
Farbe: Gelb mit goldenen Reflexen
Nase: Zitrusaromen, nussig, feine Würze
Gaumen: sehr frisch, Zitronen- und Orangenzeste, erdige Aromen, cremig, salzige Mineralität
Flascheninhalt: 750 ml
Alkoholgehalt: 13,5 %vol.
Die Redaktion weist darauf hin, dass Alkohol verantwortungsvoll konsumiert werden sollte und nicht für Minderjährige geeignet ist.
Die Recherche erfolgte aufgrund der Zurverfügungstellung von Verkostungsmustern. Dieser Beitrag wurde unabhängig und nach journalistischen Standards redaktionell erstellt. Externe Unterstützung ermöglichte die Veröffentlichung, ohne Einfluss auf Inhalt, Bewertung oder redaktionelle Ausarbeitung. Zur Unterstützung der Recherche sowie zur Prüfung und Optimierung von Sprache, Grammatik und Rechtschreibung kamen teilweise KI-gestützte Tools zum Einsatz. Es gilt der Redaktionskodex.































































