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Wir sind auf dem Weg zum Weingut Kojder in Babinek, im Norden Polens. Unter den Reben liegen Kalkboden und eiszeitliche Sedimente. Was uns erwartet: Weine mit burgundischer Ambition. Bislang hatte noch niemand von uns auf dem Schirm, wie selbstbewusst sich der Weinbau in Westpommern entwickelt. Inhaber Marek Kojder geht noch weiter. Er glaubt, dass die Zukunft des Weins weiter nördlich liegen könnte.

Es ist ein kühler, windiger Hügel, auf dem die Reben von Winnice Kojder stehen. Hinter den Weinbergen beginnt der Buchenwald der Puszcza Bukowa, der Landschaftsschutzpark südöstlich von Szczecin. Vor rund 10.000 Jahren lag über der Region das Eis der letzten Kaltzeit. Der Gletscher hinterließ Moränen, sandige Lehme und kalkreiche Ablagerungen. Heute stehen die Reben auf diesem geologischen Erbe.

Winnice Kojder – ein Weingut mit burgundischen Ambitionen in Westpommern / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad (iPhone 16 Pro)

Burgund liegt rund 1.200 Kilometer weiter südwestlich. Und doch fällt dieser Name bei den Kojders immer wieder. Nicht, weil die Familie behaupten würde, Westpommern sei Burgund. Es geht um die Überzeugung, dass sich aus kalkreichen Böden, einem vergleichsweise kühlen Klima und einer langen Vegetationsperiode Weine erzeugen lassen, deren Stilistik eher an das französische Burgund erinnert als an das klassische Bild eines polnischen Weins.

Vom Reeder zum Winzer

Die Geschichte von Winnice Kojder beginnt nicht mit einer alten Winzerfamilie. Marek Kojder war Reeder und besaß sieben Frachtschiffe. Sein ursprünglicher Traum führte ihn nach Italien, auf die Insel Elba. Dort wollte er Wein anbauen. Es kam anders.

Gründer und Inhaber Marek Kojder im Weinberg / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad (iPhone 16 Pro)

2002 kaufte er rund 150 Hektar Land in Westpommern. 2012 wurden die ersten Reben gepflanzt. Heute gehören noch rund 45 Hektar zum Besitz, davon sind acht Hektar mit Weinreben bepflanzt. Viel größer soll das Weingut nach den Vorstellungen der Familie nicht werden. Zwölf Hektar gelten als obere Grenze.

Zwei seiner drei Kinder konnte Marek Kojder für seine Idee begeistern. Tochter Anna studierte Landwirtschaft und absolvierte unter anderem Praktika in Freiburg. Sohn Artur war zunächst Schiffsingenieur, bevor er sich für die Landwirtschaft entschied. Heute ist er Kellermeister. Gemeinsam führen die Geschwister das professionelle Weingut auf der Basis weiter, die ihr Vater geschaffen hat.

Heute steht ein modernes Weingut auf dem Areal, das vorher einfach nur ein Hügel aus eiszeitlichen Moränen und Kalk war / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad (iPhone 16 Pro)

Kalk, Klima und PIWI-Reben

Wer durch die Weinberge läuft, versteht schnell, weshalb die Familie so viel über den Boden spricht. Die Reben stehen in einer Senke, vom Wald geschützt und zugleich dem Wind ausgesetzt. Unter der Grasnarbe liegt Kalk. Auch der Buchenwald ringsum wächst auf kalkreichem Untergrund.

Für Marek Kojder ist dieser Boden ein Teil der Erklärung für die Mineralität und die salzigen Anklänge seiner Weine. Hinzu kommt das Klima. Die Familie setzt auf eine lange Vegetationsperiode, kühle Nächte und ausreichend Sonneneinstrahlung. Künstliche Bewässerung gibt es nicht, auch nicht bei Neuanpflanzungen. Die Reben sollen ihren Standort selbst erschließen und mit zunehmendem Alter tiefer wurzeln.

Bei Boden und Klima findet Marek Kojder Parallelen zum Burgund / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad (iPhone 16 Pro)

Zum ökologischen Anspruch passen die pilzwiderstandsfähigen Rebsorten, kurz PIWI. Angebaut werden unter anderem Johanniter, Souvignier Gris, Solaris, Muscaris und Cabernet Blanc. Bei den roten Sorten stehen Cabernet Cortis, Rondo und Pinot Noir im Weinberg.

Gerade Souvignier Gris spielt eine besondere Rolle. Als die Kojders die Sorte pflanzten, war sie in Polen noch weitgehend unbekannt. Unterstützung erhielt die Familie aus Deutschland, unter anderem aus Freiburg und Geisenheim. Der Blick reicht also schon bei den Rebsorten über die Grenzen Westpommerns hinaus.

Von Anfang an setzte die Familie auf PIWI-Sorten / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad (iPhone 16 Pro)

Doch wer Burgund im Blick hat, kommt an Pinot Noir und Chardonnay nicht vorbei. Während Spätburgunder hier bereits gut gedeiht, wurde Chardonnay bislang vorsichtiger behandelt. Ein dafür vorgesehener Weinberg war zunächst nicht optimal vorbereitet.

Weniger Eingriff, mehr Herkunft

Auch im Keller verfolgt Kojder eine Philosophie, die sich bewusst vom industriellen Weinmachen entfernt. Die Trauben und der Wein sollen möglichst wenig bewegt werden. Wo immer es möglich ist, arbeitet das Weingut mit Schwerkraft statt mit Pumpen. Das natürliche Absetzen der Trubstoffe gehört ebenso dazu wie der Einsatz von Biohefen, teilweise auch spontane Gärung, malolaktische Gärung und lange Reifezeiten auf der Feinhefe.

Barriques werden mehrfach belegt, damit das Holz den Wein nicht überlagert. Ein Beispiel ist der Johanniter Barrique, der bis zu 24 Monate im französischen Eichenfass reift. Trotz der langen Holzreife bleiben Frucht und Struktur erhalten.

Marek Kojder formuliert seine Ambitionen selbstbewusst: „Wir machen die besten Weine in Polen.“ Das ist keine objektive Qualitätsaussage, sondern das Selbstverständnis eines Winzers, der sich mit seinem Projekt noch lange nicht am Ziel sieht.

Nichts Geringeres als den besten Wein in Polen zu machen, ist der Anspruch von Marek Kojder / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad (iPhone 16 Pro)

Noch weiter reicht seine Prognose. Kojder glaubt, dass die Weinwelt künftig weiter nach Norden blicken wird. Er hält es für möglich, dass Weine aus Südeuropa unter den veränderten klimatischen Bedingungen irgendwann nicht mehr an die Qualität herankommen, die in Polen möglich sein könnte.

Eine steile These. Aber eine, die sich aus seiner Sicht aus den veränderten Bedingungen des Weinbaus ableitet: längere Vegetationsperioden, kühle Nächte, ausreichend Sonneneinstrahlung und Böden, die Wasser speichern können. Ob Westpommern tatsächlich eine Weinregion der Zukunft wird, lässt sich heute nicht beantworten. Dass sich die Bedingungen des Weinbaus durch den Klimawandel verschieben, ist allerdings Realität.

Vom Johanniter bis zur Botrytis

Die Verkostung zeigt, dass Kojder keineswegs auf ein einheitliches Geschmacksbild setzt. Der Johanniter 2023 präsentiert grüne und pfeffrige Noten, Grapefruit und Zitrus, begleitet von stabiler Säure und einer leichten Petrolnote. Souvignier Gris 2023 wirkt reduktiver, mit nassem Kiesel, Zitrus und ausgeprägter Mineralität.

„Klar“ 2023, eine Cuvée aus Johanniter, Solaris, Souvignier Gris und einem kleinen Anteil Muscaris, ist blumiger und exotischer. Holunderblüte und frische Säure machen ihn zum Aperitifwein.

Bei Kojder nutzt man ausschließlich Schraubverschlüsse. Bei diesem Thema kennt Marek Kojder keine diplomatische Zurückhaltung: „Schraubverschluss ist der beste Verschluss.“ Kork hält er für die falsche Wahl. Sein Urteil fällt drastisch aus: „Kork ist total scheiße.“ / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad (iPhone 16 Pro)

Beim Cabernet Cortis 2023 wird es dunkler: Brombeere, dunkle Kirsche, Schokolade und Hibiskus treffen auf kräftige Tannine, Säure und Holz. Dieser Wein verlangt Geduld.

Am anderen Ende des Spektrums steht der Botrytis 2019. Solaris und Johanniter waren von der Edelfäule Botrytis cinerea überzogen. Nach der Vinifizierung reifte der Süßwein zehn Monate im Eichenfass. Aprikose, kandierte gelbe Pflaume und Zitrus verbinden sich mit den charakteristischen Aromen der Botrytis. Trotz der Süße bleibt die Säure präsent. Das Reifepotenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft.

Kunst & Wein, auch das soll zukünftig weiter vorangetrieben werden / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad (iPhone 16 Pro)

Ein Weingut mit Zukunftsplänen

Rund 50.000 Flaschen produziert Kojder derzeit jährlich, maximal 80.000 sollen es werden. Handarbeit und der Verzicht auf mineralischen Dünger, Herbizide und Pestizide gehören zum Konzept. Zwischen den Rebzeilen wächst eine gezielte Begrünung, die der Biodiversität dient. Eigener Humus soll künftig ebenfalls hergestellt werden.

Parzellenbegrünung und Humus bringen Diversität im Weingarten / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad (iPhone 16 Pro)

Eine besondere Herausforderung sind im September die Stare. Im Frühjahr sind die Vögel als Schädlingsbekämpfer willkommen, während der Reife werden sie zur Plage. Kojder versucht, sie mit Lärm von den Trauben fernzuhalten.

Auch Besucher sollen künftig stärker Teil des Weinguts werden. Die Familie beteiligt sich am Projekt des regenerativen Tourismus in Westpommern. Gäste können auf dem Gelände arbeiten, gemeinsam essen und die Weine probieren. Fine-Dining-Abende und Weinveranstaltungen sind geplant, Übernachtungsmöglichkeiten sollen folgen. Camper können bereits heute auf dem Gelände stehen.

Pläne schmieden und Projekte umsetzen, wie etwa das Weingut als Eventlocation zu nutzen, gehört zur Kernkompetenz von Kojder / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad (iPhone 16 Pro)

Burgund als Idee

Marek Kojder läuft täglich barfuß, meditiert und spricht davon, geerdet zu sein. Seine Lebensweise muss man nicht teilen, um die Verbindung zu seiner Arbeit zu erkennen. Weniger künstliche Hilfsmittel, mehr Aufmerksamkeit für Boden, Pflanze und Zeit: Diese Idee zieht sich durch Weinberg und Keller.

Marek Kojder – er will auf einem kleinen Flecken im Westpommern weine im burgundischen Stil erzeugen. Wir werden das Vorhaben verfolgen. Die Zeit wird es zeigen / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad (iPhone 16 Pro)

Ist Westpommern also auf dem Weg zum neuen Burgund?

Noch ist das eine Behauptung, keine Feststellung. Burgund besitzt eine über Jahrhunderte gewachsene Weintradition, berühmte Lagen und eine globale Bedeutung, mit der sich eine junge polnische Weinregion nicht vergleichen lässt. Die Kojders sehen dennoch Parallelen: kalkreiche Böden, Säure, Mineralität, geringe Erträge, lange Reife und einen zurückhaltenden Holzeinsatz. Mit Pinot Noir und Chardonnay stehen zudem zwei Rebsorten im Weinberg, die untrennbar mit Burgund verbunden sind.

Die Reben geschützt und dennoch weht ein leichter Wind durch die Blätter, der frische Wind des Aufbruchs / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad (iPhone 16 Pro)

Vor allem aber haben die Kojders den Mut, eine junge Weinregion neu zu denken. Ihre Geschichte begann mit einem Reeder, der eigentlich auf Elba Wein anbauen wollte. Heute stehen seine Kinder in einem Weinberg in Westpommern, wo Gletscher vor Jahrtausenden Kalk und Sedimente hinterlassen haben.

Das neue Burgund muss nicht Burgund heißen. Es könnte auch Babinek heißen.

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