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Wer ein Büdchen betritt, kommt selten allein zum Einkaufen. Zwischen Kaffee, Zeitschriften, Süßigkeiten und Getränken entstehen Gespräche, werden Sorgen geteilt, Geschichten erzählt und manchmal auch ganz konkrete Hilfen gesucht.

Für Verena-Kristina Kirchberg ist dieses Miteinander seit 2018 Alltag. Sie besitzt und betreibt „brucKis büdchen“ in Duisburg-Hochheide und hat dort erlebt, wie eng ein solcher kleiner Laden mit dem Leben eines Stadtteils verbunden sein kann.

In ihrem Buch „Ich bin Büdchen“ erzählt die gelernte Zierpflanzengärtnerin von ihrem ungewöhnlichen Berufsweg, von Begegnungen hinter dem Verkaufstresen und von den Menschen, die ihr Büdchen prägen. Dabei richtet sie den Blick auch auf eine Trinkhallenkultur, die fest zur Geschichte des Ruhrgebiets gehört und 2021 offiziell als immaterielles Kulturerbe Nordrhein-Westfalens ausgezeichnet wurde.

Im Gespräch erzählt Verena-Kristina Kirchberg, warum sie sich dem Büdchen so verbunden fühlt, was sie über die Menschen gelernt hat, die täglich zu ihr kommen, und weshalb sie Hochheide trotz aller Probleme als einen Ort des Zusammenhalts erlebt. Sie spricht über Einsamkeit und Armut, über Begegnungen auf Augenhöhe und über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, mit denen viele Trinkhallen heute kämpfen. Und sie erklärt, warum für sie eines feststeht: „Du bekommst vielleicht die Verena aus dem Büdchen, aber niemals das Büdchen aus der Verena.“

Willkommen in brucKis Büdchen – schauen wir doch mal rein / © Foto: Heike Sterthoff

Exklusives Interview mit Autorin Verena-Kristina Kirchberg

Annett Conrad: „Ich bin Büdchen“ lautet der Titel Ihres Buches und damit verschmelzen Sie geradezu mit dem Ort, an dem Sie arbeiten. Wann haben Sie gemerkt, dass Ihr Büdchen für Sie längst mehr geworden ist als ein Arbeitsplatz? Und was bedeutet es heute für Ihre eigene Identität?

Verena-Kristina Kirchberg: Ich habe bereits im ersten Jahr gemerkt, dass das Büdchen und ich zusammengehören. Mir gefiel direkt die Kombination aus Menschenkontakten, den Laden zu organisieren, Verantwortung tragen und Entscheidungen frei treffen zu können. Ich sage immer, so ein Büdchen gibt dir ganz viel, nimmt dir aber auch manchmal etwas. Ich habe mich noch besser kennengelernt, meine Grenzen aufgezeigt bekommen und weiß heute, dass Auftanken und Abschalten auch ganz wichtig sind, damit man immer in seiner eigenen Mitte sein und bleiben kann. So sehr ich auch Menschen mag, ich muss auch meine alleinigen Verena-Zeiten haben und diese nehme ich mir auch sehr gerne.

Annett Conrad: Sie sind gelernte Zierpflanzengärtnerin und haben sich für ein Leben hinter dem Verkaufstresen entschieden. Was hat Sie an dieser ganz besonderen Form des Arbeitens gereizt?

Verena Kirchberg in ihrem Büdchen / © Foto: Heike Sterthoff

Verena-Kristina Kirchberg: Ursprünglich wollte ich immer nur mal in einem Büdchen einfach so arbeiten. Aber Jürgen und ich haben sein Elternhaus gekauft, indem sich im EG das Büdchen befindet. Der damalige Pächter wollte eh aufhören, also haben wir eine Nacht drüber geschlafen und entschieden, wir eröffnen das Büdchen unter unserer Flagge. Ich hatte null Plan vom Büdchen-Leben, da bin ich Stück für Stück hineingewachsen. Und heute kann ich sagen, dass war bis jetzt die tollste berufliche Zeit meines Lebens. Und egal was die Zukunft bringen wird, eines steht fest: Du bekommst vielleicht die Verena aus dem Büdchen, aber niemals das Büdchen aus der Verena. Klingt ja jetzt wie das Wort zum Sonntag, ist aber wirklich so.

Annett Conrad: Und was haben Sie über die Jahre über die Menschen gelernt, die morgens die erste Tasse Kaffee holen und abends noch auf ein Bier vorbeischauen?

Verena-Kristina Kirchberg: Ich habe gelernt, dass viele Menschen einsam sind und einfach jemanden zum Quatschen brauchen. Sie erzählen mir aus ihrem Leben: Trauriges, Witziges oder fragen um Hilfe oder brauchen einen Ratschlag. Ich verkaufe übrigens aber auch manchmal morgens schon einen Flachmann Korn oder Wodka. Das ist die Schattenseite bei meiner Tätigkeit. Ich habe auch gelernt, dass es sehr viele alkoholabhängige Menschen gibt, was sich quer durch alle Schichten zieht. Aber ich musste auch lernen, dass ich nicht die ganze Welt retten kann. Ich kann das aber im Kleinen machen, und zwar indem ich allen Menschen auf Augenhöhe und mit Respekt und Anstand begegne.

Annett Conrad: In „brucKis büdchen“ treffen Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten aufeinander. Manche kommen zum Einkaufen, andere zum Reden, Zuhören oder weil sie ganz konkrete Hilfe brauchen. Was macht ein Büdchen zu einem sozialen Ort und warum funktioniert diese Form der Nachbarschaft gerade dort so gut?

Verena-Kristina Kirchberg: Ich denke es steht und fällt auch mit den Menschen, die in einem Büdchen arbeiten. Man muss schon Bock auf Büdchen und den Job haben und natürlich auch auf Menschen. Es ist kein Job, in dem man sich profilieren kann und den man vielleicht nur macht, um sich und anderen etwas zu beweisen. Man muss authentisch sein, die Menschen immer dort abholen wo sie stehen und das Herz sollte auch immer mit dabei sein. Ansonsten gilt, dass Büdchen oder wie man hier im Ruhrgebiet sagt Trinkhallen, schon immer ein Treffpunkt für Menschen waren. Anlaufstelle zum Quatschen, Lachen, Meckern uvm.

Ich bin Büdchen - ein Blick in unsere Gesellschaft ohne Filter
Ich bin Büdchen – ein Blick in unsere Gesellschaft ohne Filter / © Redaktion FrontRowSociety.net

Annett Conrad: Die Trinkhallenkultur des Ruhrgebiets wurde 2020 in das Landesinventar des immateriellen Kulturerbes Nordrhein-Westfalens aufgenommen und 2021 offiziell ausgezeichnet. Was hat diese Anerkennung bei Ihnen ausgelöst?

Verena-Kristina Kirchberg: Natürlich fühlt man sich als Inhaber eines Büdchens geehrt, keine Frage. Aber mehr auch nicht! Denn von dieser Auszeichnung können wir ja leider nicht leben oder unsere Rechnungen bezahlen. Soll heißen, Büdchen sterben aus – ähnlich wie Kneipen – wir kämpfen mit den unfassbar hohen Nebenkosten und Einkaufspreisen für unsere Waren. Klar muss man die Verkaufspreise anpassen, aber die Kunden wiederum haben ja auch oftmals keine Knete mehr auffe Tasche. Dann gibt es auch noch das Thema Mindestlohn, es ist natürlich ganz klar, dass jeder Mensch fair für seine Tätigkeit bezahlt werden muss. Aber was auch klar ist, dass so „kleine Krauter“ wie ein Büdchen es nun mal ist, dieses im Grunde gar nicht leisten können. Dann folgt diese wahnwitzige Kassenbonpflicht, hier schmeißt man allabendlich die fein ausgedruckten Papierchen zu 99,9% der Fälle gesammelt in den Müll. Teure Scannerkassen sind auch mittlerweile für uns Pflicht. Da kommt einiges zusammen, was ganz viele gar nicht mehr finanziell stemmen können.

Annett Conrad: Ist die Aufnahme aus Ihrer Sicht eine angemessene Würdigung dessen, was hinter einem Büdchen tatsächlich gelebt wird oder besteht die Gefahr, dass damit etwas sehr Lebendiges zum folkloristischen Kulturgut erklärt wird?

Verena-Kristina Kirchberg: Ganz ehrlich? Da haben wir so gar nichts von gemerkt. Ich denke wir würden mehr davon profitieren, wenn wir in irgendeiner Form steuerliche Vorteile erhalten würden. Damit nämlich dieses Kulturgut erhalten bleibt. Und nochmal ganz ehrlich? Ich bin mir sehr sicher, dass die Mehrheit unserer Kunden nichts von der Auszeichnung weiß. Wir wollen einfach unsere Büdchen / Trinkhallen weiter betreiben und davon halbwegs gut leben können, reich werden kann man nämlich damit nicht mehr, wenn man alles legal und ordnungsgemäß einnimmt und abführt. Die ganz fetten Jahre sind eh vorbei, aber wir dürfen nicht sterben, weil wir wichtig für eine Gesellschaft sind, deswegen lautet die Devise: #rettetdietrinkhallen

Annett Conrad: Das Büdchen gehört eng zur Geschichte des Ruhrgebiets. Meist lagen viele Trinkhallen in der Nähe von Zechen und Werkstoren. Was hat sich durch den Strukturwandel verändert und welche Aufgabe übernimmt ein Büdchen heute, nachdem die industrielle Welt, für die diese Kultur einst entstanden ist, weitgehend verschwunden ist?

Verena-Kristina Kirchberg: Streng genommen sind die Aufgaben eines Büdchens heute noch immer so wie damals, es ist natürlich in erster Linie eine Verkaufsstelle, aber in zweiter Linie eine Anlaufstelle für die Menschen. Hier kannste dir den Kummer vonner Seele reden, hier lernste neue Menschen kennen, hier kannste auch mal befreit Lachen und Quatsch machen, hier wird dir geholfen wenne nicht mehr weiter weißt. Am Büdchen bist du einfach nur Mensch und legst für eine Weile deine anderen Alltags-Pflicht-Rollen ab. Büdchen waren und sind authentisch und ehrlich. Ich glaube, manch ein Politiker sollte vielleicht dort mal Mäuschen spielen, um mal aus erster Hand zu erfahren, was die Menschen denn so bewegt.

Bei Verena Kirchberg hat jeder seinen Platz 😉 / © Foto: Heike Sterthoff

Annett Conrad: Hochheide wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig über Probleme wie Armut, Leerstand, Kriminalität und die „Weißen Riesen“ beschrieben. Sie erzählen dagegen von Zusammenhalt, Hilfsbereitschaft und Menschen, die Ihnen ans Herz gewachsen sind. Was sehen Sie in Hochheide, das ein Außenstehender leicht übersieht?

Verena-Kristina Kirchberg: Ich sage auch ganz klar, dass Hochheide ein sozialer Brennpunkt ist. Ich sage aber auch, dass ich dieses nicht abwertend meine, sondern realistisch. Ich erlebe hier aber, dass Hochheide manchmal wie ein Dorf ist, hier kennen sich voll viele Menschen untereinander, grüßen sich oder quatschen kurz miteinander. Die Menschen hier sind toll und ich bedanke mich auch immer wieder dafür, dass sie mich hier so nett aufgenommen haben. Natürlich haben wir hier auch die „Regelbrecher“ und die sind nervig, und zwar sehr. Und den Herrschaften muss man auch klar die Grenzen aufzeigen und ihnen deutlich machen, dass Hochheide der ganz falsche Ort ist für deren Verhalten. Aber die tollen Menschen in Hochheide lassen sich auch nicht unterkriegen und wenn 100 mal schlecht und negativ über den Stadtteil berichtet wird, sie machen schön stoisch hier weiter und ziehen ihren Stiefel durch, auf das Hochheide vielleicht doch nochmal aus dem Schattendasein rauskommt.

Annett Conrad: Sie schreiben über Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen können, begegnen ihnen aber offenbar vor allem als Menschen mit ihren eigenen Geschichten. Wie wichtig ist Ihnen dieser unvoreingenommene Blick? Gibt es Begegnungen hinter Ihrem Tresen, die auch Ihre eigene Sicht auf Menschen oder auf das Leben verändert haben?

Verena-Kristina Kirchberg: Diesen Blick auf Augenhöhe besitze ich zum Glück schon immer, keine Ahnung warum das so ist. Aber ich kann mich sehr gut in Menschen hineinfühlen und auch mit ihnen kommunizieren. Von mir selbst sage ich, ohne dabei eingebildet sein zu wollen: „Ich kann Menschen“. Das ist natürlich ein Faktor, der mir sehr im Büdchenleben hilft und vielleicht klappt es auch gerade deswegen so gut mit mir und den Kunden? Es tauchen am Schalter ja unglaublich viele verschiedene Menschen auf und das hält mich und meinen Kopf sehr frisch und ich lerne ja auch von den Menschen. Ich erfahre Neues und andere Perspektiven, Sichtweisen und Einstellungen, was ich großartig finde. Meine Sicht auf die Menschen hat sich dahingehend verändert, dass ich glaube, wir müssen uns noch mehr gegenseitig zuhören und freundlicher zueinander sein. Die Kinder da draußen mehr fördern und wieder Kinder sein lassen. Außerdem weiß ich viele Dinge, welche ich besitze und habe noch mehr zu schätzen, denn ich werde ja auch oft mit Armut konfrontiert.

Ein Kiosk ist mehr als ein Laden – er bringt menschen unterschiedlichster Couleur zusammen / © Foto: Heike Sterthoff

Annett Conrad: Was macht das Ruhrgebiet für Sie trotz – oder vielleicht gerade wegen – seiner Brüche und Veränderungen so lebenswert? Und wenn Sie einem Menschen einen einzigen Tag in Duisburg schenken könnten: Wohin würden Sie ihn mitnehmen?

Verena-Kristina Kirchberg: Das Ruhrgebiet ist knallhart ehrlich und das mag ich richtig gerne. Meine Heimatstadt ist Köln und Kölner sind anders, also wunderbar, aber anders. Als ich vor über 20 Jahren ins Ruhrgebiet kam, dachte ich ja, die mögen mich hier nicht, weil die so „unfreundlich“ waren. Nun bin ich ja mittlerweile voll integriert und kann sagen, nee, die sind hier nicht unfreundlich, die tragen einfach nur ihr Herz auffer Zunge. Aber was ich mag, ich bin inzwischen eine gute Mischung aus „Alaaf und Glück Auf“, soll heißen, ich bin eine Frohnatur und stehe dem Leben sehr offen gegenüber und kann dir aber auch knallhart meine Meinung ins Gesicht sagen und die steht dann auch fest.

Und wenn ich einem „Aus-städter“ mal einen Tag Duisburg zeigen würde, dann würden wir uns erstmal an eines der schönen Rheinufer begeben und die Füße in den Strandsand stecken. Aber ich würde ihm auch die Industriekulissen zeigen, weil ich die nämlich tatsächlich richtig schön finde.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Frau Kirchberg für die aufschlussreichen Antworten, die direkt Lust machen, in ihr Büdchen einzukehren. Und wer neugierig auf das Buch geworden ist, findet unsere Besprechung über folgenden Link: Buchrezension: Ich bin Büdchen

 

FrontRowSociety-Herausgeberin Annett Conrad führte das Interview mit Verena-Kristina Kirchberg im August 2026. 

Weitere Informationen

brucKis büdchen
Kirchstraße 179
47198 Duisburg / Deutschland