Das Strandhotel Ostseeblick auf Usedom steht wie kaum ein anderes Haus für eine bewegte Familiengeschichte zwischen historischem Bruch, Neuanfang und gelebter Vision. Im exklusiven Interview spricht die Familie Wehrmann offen über die Enteignung im Zuge der „Aktion Rose“, den mutigen Wiederaufbau des Familienbetriebs nach der Wiedervereinigung und die Bedeutung von Tradition und Weiterentwicklung im heutigen Hotelalltag.
Dabei wird deutlich, wie sehr Werte wie Zusammenhalt, Vertrauen und unternehmerischer Mut das Handeln über Generationen hinweg prägen. Gleichzeitig gewähren die Wehrmanns persönliche Einblicke in ihre Philosophie, ihre Verbindung zur Ostsee und ihre Vision für die Zukunft eines Hauses, das weit mehr ist als ein Hotel: ein Ort voller Geschichte, Emotion und gelebter Gastfreundschaft.

Exklusives Interview mit Familie Wehrmann, Inhaber des Strandhotels Ostseeblick auf Usedom
Annett Conrad: Liebe Familie Wehrmann, beginnen wir ganz von vorn. Die Enteignung Ihrer Familie 1953 im Zuge der Aktion Rose war ein einschneidendes Erlebnis. Wie prägt diese historische Erfahrung Ihr Selbstverständnis als Unternehmerfamilie bis heute?
Lisa Wehrmann: Die Enteignung war ein Ereignis, das unsere Familiengeschichte tief geprägt und vieles verändert hat – nicht nur unternehmerisch, sondern insbesondere auch persönlich, denn unsere Vorfahren landeten damals ja auch im Gefängnis.
Als meine Eltern dann vor rund 30 Jahren beschlossen haben, das Strandhotel Ostseeblick wieder als familiengeführtes Haus aufzubauen, war das weit mehr als eine wirtschaftliche Entscheidung. Es war der Wunsch, die Geschichte unserer Familie weiterzuschreiben und etwas zurückzuholen, das einst verloren gegangen war. Dafür brauchte es unglaublich viel Mut, Energie und auch finanzielle Kraft. Gleichzeitig war da immer die Hoffnung, dass das, was damals passiert ist, nicht das letzte Kapitel bleibt. Dieses Bewusstsein begleitet uns bis heute und ist sicherlich auch einer der Gründe, warum meine Schwester und ich heute Teil des Unternehmens sind. Wir wissen sehr genau zu schätzen, was hier geschaffen wurde.
Annett Conrad: Ihr Haus spricht offen von „Verlust und Neuanfang“. Wie gelingt es, aus einer solchen Geschichte nicht Bitterkeit, sondern unternehmerische Kraft zu entwickeln?
Uwe und Sibylle Wehrmann: Mit Bitterkeit gäbe es heute kein Strandhotel Ostseeblick. Natürlich ist diese Geschichte traurig und prägend, und sie bleibt ein Teil unserer Familie. Doch Anfang der 1990er-Jahre entstand bei uns immer stärker der Wunsch, aus dieser Vergangenheit etwas Positives wachsen zu lassen, ohne dabei zu vergessen, was die vorherige Generation aufgebaut und erlebt hat. Entscheidend war der Blick nach vorn: die Vision, einen neuen Ort der Gastfreundschaft zu schaffen und das Familienerbe auf moderne Weise weiterzuführen. Genau aus dieser positiven Haltung konnten wir die Kraft ziehen, diesen Weg zu gehen – auch wenn die Umsetzung alles andere als einfach war.
Annett Conrad: Gab es einen Moment, in dem Sie gespürt haben: Wir schaffen hier wirklich einen Neuanfang – trotz allem, was passiert ist?
Uwe Wehrmann: Ein ganz besonderer Moment war sicherlich die Begrüßung unserer ersten Gäste. Zu erleben, wie sehr sie sich über das Haus freuten und uns mit Offenheit und Neugier begegneten, war unglaublich bewegend. In diesem Augenblick wurde spürbar: Das hat Zukunft.
Sybille Wehrmann: Für uns war es ein echter Neuanfang – eine neue Umgebung, ein neues Zuhause. Die enge Zusammenarbeit mit regionalen Partnern, die zunehmende Verwurzelung vor Ort und schließlich der Ausbau der Marke „Wehrmanns“ mit weiteren Betrieben in Heringsdorf haben dieses Gefühl immer weiter gestärkt.

Annett Conrad: In diesem Jahr feiern Sie Ihr 30 jähriges Jubiläum unter dem Motto „Never Stop Dreaming“. Was bedeutet dieser Satz konkret für Ihre Lebens- und Arbeitsweise im Alltag?
Muriel Wehrmann: „Never Stop Dreaming“ beschreibt, wie wir als Familie denken und arbeiten. Wir haben immer daran geglaubt, dass man nur dann etwas Besonderes schaffen kann, wenn man Ideen zulässt, neugierig bleibt und den Mut hat, neue Wege zu gehen. Dieser Satz ist für uns mehr als nur ein Motto – er erinnert uns jeden Tag daran, dass wir ohne Träume, Visionen und den Glauben an das Unmögliche heute nicht dort wären, wo wir stehen.
Annett Conrad: Sie führen das Hotel als Familienbetrieb über mehrere Generationen hinweg. Wo liegen die größten Spannungsfelder zwischen Tradition und Weiterentwicklung – gerade jetzt, wo die nächste Generation stärker übernimmt?
Uwe und Sibylle Wehrmann: Wir empfinden Tradition und Weiterentwicklung nicht als Gegensätze, vielmehr gehen sie bei uns Hand in Hand. Tradition bedeutet für uns vor allem Wertebewusstsein, Authentizität und die Fähigkeit, sich selbst treu zu bleiben. Gleichzeitig haben wir uns immer hinterfragt und kontinuierlich weiterentwickelt. Mit der nächsten Generation wird dieser Prozess noch spannender: Muriel und Lisa bringen neue Perspektiven, frische Ideen und andere Denkweisen mit. Gemeinsam entscheiden wir dann als Familie, was zu uns passt und wie wir es umsetzen möchten.
Lisa Wehrmann: Natürlich führen unterschiedliche Sichtweisen manchmal auch zu intensiven Diskussionen. Aber genau darin liegt auch eine Stärke. Bisher haben wir immer einen gemeinsamen Weg gefunden, hinter dem am Ende alle stehen konnten.
Muriel Wehrmann: Der Schlüssel dazu, diese Spannungsfelder zu überbrücken und konstruktiv zu gestalten, liegt für uns darin, einander zuzuhören, uns auf Augenhöhe zu begegnen, auch bei unterschiedlichen Meinungen eine respektvolle Umgebung zu schaffen und voneinander zu lernen.
Annett Conrad: Ihre Werte „Respekt, Ehrlichkeit, Liebe, Lässigkeit“ klingen fast wie ein Lebenskonzept. Wie übersetzen Sie diese Haltung in Führung und Entscheidungen?
Lisa Wehrmann: Das ist tatsächlich so, weil es nicht nur Unternehmenswerte, sondern auch die Werte unserer Familie sind. Respekt und Wertschätzung gegenüber jedem einzelnen Mitarbeitenden sind für uns ein echtes Fundament. Vielleicht ist genau das auch ein Grund dafür, dass viele Menschen uns seit Jahrzehnten begleiten. Ehrlichkeit spielt dabei eine zentrale Rolle, im Miteinander, aber auch in Entscheidungen. Liebe bedeutet für uns die Leidenschaft für Gastfreundschaft und für das, was wir tun. Und eine gewisse Lässigkeit hilft dabei, auch in herausfordernden Zeiten optimistisch und flexibel zu bleiben.
Annett Conrad: Ihr Konzept verbindet Wellness, Kulinarik und Naturerlebnis. Welche Rolle spielt die Ostsee als „Kraftquelle“ für Ihr Spa-Angebot sowie für Ihre gastronomischen Outlets?
Lisa Wehrmann: Die Ostsee ist für uns die zentrale Kraftquelle für das gesamte Erlebnis im Haus. Deshalb haben wir auch unsere Marke „MEERness“ entwickelt. Dahinter steckt die Idee, neue Energie aus dem Meer, dem Küstenklima und der umliegenden Natur zu schöpfen, etwa aus Europas erstem Kur- und Heilwald, der ganz stark vom Ostseeklima geprägt ist. Dieses Gefühl spiegelt sich auch in unseren Treatments und unserem MEERness Spa wider, in dem das Konzept ein architektonisches Zuhause gefunden hat. Gleichzeitig lebt unsere Kulinarik von Regionalität und der engen Verbindung zur Insel. Die Ostsee ist bei uns nicht nur Teil des Namens, sondern überall spürbar.


Annett Conrad: Sie betonen Ihre regionale Verwurzelung und Partnerschaften auf der Insel. Welche Verantwortung für Usedom fühlen Sie als Unternehmer und Privatpersonen?
Lisa Wehrmann: Als eines der letzten familiengeführten Häuser auf Usedom fühlen wir uns der Region eng verbunden. Mit dem Strandhotel Ostseeblick und unseren weiteren Häusern – der Villa Usedom, der Boje06 und dem Restaurant Wehrmanns Alt-Heringsdorf – setzen wir bewusst neue Impulse und bewahren gleichzeitig die Besonderheiten der Insel. Für uns ist es wichtig, regionale Produzierende persönlich zu kennen, langfristige Partnerschaften aufzubauen und zu pflegen und diese auch sichtbar zu machen. Wir möchten unseren Gästen zeigen, welche Schätze Usedom bereithält, kulinarisch, kulturell und landschaftlich. Deshalb beziehen wir regionale Partner bewusst in unsere Angebote, Veranstaltungen und Konzepte mit ein.
Annett Conrad: Wenn Ihre Großeltern / Urgroßeltern heute nach Enteignung, Verlust und Rückgewinnung zurückkehren könnten: Was würden Sie ihnen über das heutige Strandhotel Ostseeblick erzählen?
Lisa Wehrmann: Das Strandhotel Ostseeblick ist heute ein Ort der Begegnung, offen für alle Generationen und voller Leben. Ein Haus mit einer besonderen Atmosphäre, zu dem Gäste immer wieder zurückkehren. Viele begleiten uns bereits seit ihrer Kindheit, kommen später als Paar oder mit Freunden wieder und reisen mittlerweile mit ihren eigenen Kindern an. Genau diese Verbundenheit macht das Haus für uns so besonders. Vielleicht würden wir ihnen sagen: Die Idee von damals lebt weiter, nur auf eine neue, moderne Weise.

Annett Conrad: Und wenn Sie einen Moment nach vorne schauen: Wovon träumen Sie heute – für Ihr Hotel, Ihre Familie… und vielleicht auch ganz für sich selbst?
Lisa und Muriel Wehrmann: Und persönlich? Weiterhin den Mut zu haben, groß zu träumen – so wie es unsere Eltern vorgelebt haben.
Ich bedanke mich bei Familie Wehmann für die persönlichen Einblicke in ihr Familienprojekt Strandhotel Ostseeblick. Über das herzlich geführte Haus ist in unserem Magazin ein Artikel erschienen. Viel Spaß bei: Never Stop Dreaming an der Ostsee

Weitere Informationen
Strandhotel Ostseeblick
Kulmstraße 28
17424 Seebad Heringsdorf / Deutschland
Hinweis der Redaktion: Die in diesem Interview geäußerten Aussagen, Einschätzungen und Meinungen geben die persönlichen Ansichten des Interviewpartners wieder. Die Redaktion macht sich diese nicht zu eigen. Für die inhaltliche Richtigkeit der Angaben ist der Interviewpartner verantwortlich.


































































