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Von der Donau aus wirkt Esztergom zunächst wie eine Stadt, die ihre Geschichte vor allem in Stein geschrieben hat. Über dem Fluss erhebt sich die gewaltige Silhouette der Basilika, dahinter liegt der Burgberg.

Doch bevor der Weg hinauf zu Ungarns größtem Kirchenbau führt, lohnt ein anderer Abstecher. Nur kurzes Stück vom Ufer entfernt liegt in der Víziváros, der ehemaligen Wasserstadt, die Bibliotheca Ecclesiae Metropolitanae Strigoniensis – die Kathedralbibliothek von Esztergom.

Ein Blick auf Esztergom vom gegenüberliegenden Ufer der Donau / © Redaktion FrontRowSociety.net

Wer mit der Riverside Mozart anlegt, kann dieses Ziel leicht zu Fuß erreichen. Der Weg führt durch einen Park sowie einen Teil der Stadt, in dem sich noch heute erahnen lässt, wie eng Esztergom über Jahrhunderte mit der ungarischen Kirchengeschichte verbunden war. Fast unscheinbar liegt fast das Gebäude an einer mit Kopfsteinpflaster überzogen Straße. Viele gehen sicher einfach vorüber, denn die Bibliotheca ist wesentlich weniger frequentiert als die monumentale Basilika. Und dennoch ist ihr Schatz mindestens genauso faszinierend.

Durch die geschichtsträchtige Stadt geht es zu Fuß zur Bibliotheca Ecclesiae Metropolitanae Strigoniensis / © Redaktion FrontRowSociety.net

Eine Bibliothek mit tausendjährigem Gedächtnis

Die Geschichte der Sammlung reicht mehr als ein Jahrtausend weit zurück. Bereits mit der Gründung des Erzbistums Esztergom unter König Stephan I. um das Jahr 1001 entstand der Bedarf an liturgischen und wissenschaftlichen Büchern. Die Kathedrale und die mit ihr verbundene Domschule benötigten Texte für Gottesdienst, Unterricht und kirchliche Verwaltung. Bücher waren damals essentielle Arbeitsmittel und kostbare Wissensspeicher zugleich.

Im Mittelalter waren Bücher unentbehrlich und viele Kapitelsmitglieder vermachten nach ihrem Tod der Bibliothek ihren Bestand / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad (iPhone 16 Pro)

Von dieser mittelalterlichen Bibliothekswelt ist allerdings vieles verloren gegangen. Kriege, Brände und politische Umbrüche gingen auch an den Büchersammlungen nicht spurlos vorüber. Besonders einschneidend war die osmanische Eroberung Esztergoms im Jahr 1543. Erzbischof und Domkapitel verließen die Stadt und verlegten das Zentrum der kirchlichen Verwaltung nach Nagyszombat, dem heutigen Trnava in der Slowakei. Alles, was sie an wertvollen Bücher und Handschriften mitnehmen konnten, brachten sie zu ihrem neuen Standort.

Leider konnte die Liste der mittelalterlichen Bücher und Schriften nicht gerettet werden / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad (iPhone 16 Pro)

Erst im 19. Jahrhundert kehrte das kirchliche Zentrum nach Esztergom zurück. Erzbischof Sándor Rudnay ließ 1821 die Bibliothek aus Pressburg, dem heutigen Bratislava, zurückführen und gründete zugleich eine neue Kapitelbibliothek. 1853 entstand schließlich das heutige Bibliotheksgebäude nach Plänen des Architekten József Hild. Nun war mit dem Gebäude ein präsentabler Rahmen entstanden, die Bestände aus gleich drei Bibliotheken zusammenzuführen. Schon damals war die Sammlung beeindruckend: 1856 wurden 54.816 gedruckte Werke und 1.391 Handschriften gezählt.

Auch die Bestände aus der Sammlung von Kardinal Jószsef Battyány sind in dieser Bibliotheca versammelt / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad (iPhone 16 Pro)

Ein Gebäude erzählt Geschichte

Hild entwarf für die Bibliotheca keinen nüchternen Bücherspeicher. Die Räume wurden unterschiedlichen Funktionen entsprechend angelegt und zu einer eigenständigen Bibliotheksarchitektur verbunden. An der Fassade wacht der heilige Hieronymus über das Haus, jener Kirchenvater, der die lateinische Bibelübersetzung Vulgata maßgeblich prägte.

Der Architekt József Hild wurde mit dem Bau der Bibliothek beauftragt / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad (iPhone 16 Pro)

Auch im Inneren begegnen sich Architektur und Buchgeschichte. Zwar wurde die Bibliothek 1944 im Zweiten Weltkrieg beschädigt, später jedoch aufwändig restauriert. Heute sind die historischen Räume und die Sammlungen wieder öffentlich zugänglich. Und wie könnte es anders sein; das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Das Entscheidende aber sind die Bücher.

Es ist ein Bauwerk mit Symbolkraft, die sich im Inneren verdeutlicht / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad (iPhone 16 Pro)

Bücher, die Gewicht haben

Wer durch die Sammlung geht, bewegt sich durch Jahrhunderte europäischer Geschichte der Geisteswissenschaften. Theologische Werke bilden einen Schwerpunkt, doch das Spektrum reicht weit darüber hinaus. Handschriften, Inkunabeln, Karten, Druckgrafiken und Werke aus zahlreichen weltlichen Wissenschaftsgebieten gehören zum Bestand. Die Bibliothek bewahrt zudem mehrere hundert Inkunabeln, also Drucke aus der Frühzeit des Buchdrucks.

Knapp 64.000 gedruckte Werke und Handschriften beherbergt die Bibliothek / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad (iPhone 16 Pro)

Besonders eindrucksvoll ist der Bakócz-Graduale. Das zweibändige liturgische Manuskript entstand für Tamás Bakócz, jenen bedeutenden Erzbischof von Esztergom, der Anfang des 16. Jahrhunderts sogar als möglicher Kandidat für das Papstamt galt. Die beiden riesigen Bände wiegen zusammen mehr als 110 Kilogramm und gehören zu den größten erhaltenen Kodizes ihrer Art.

Sie wurden von Kardinälen und Erzbischöfen zusammengetragen … / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad (iPhone 16 Pro)
… und später der Öffentlichkeit zugänglich gemacht / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad (iPhone 16 Pro)

Daneben wartet mit dem Jordánszky-Kodex ein bedeutendes Zeugnis der ungarischen Sprachgeschichte. Die Handschrift enthält eine mittelalterliche ungarische Bibelübersetzung und gehört zu den wichtigsten Sprachdenkmälern des Landes. Auch eine Corvina aus dem Umfeld der berühmten Bibliothek des Königs Matthias Corvinus wird hier aufbewahrt: der sogenannte Lövöldi-Codex. Dazu kommen die Familienbibel des Dichters Bálint Balassi sowie weitere Handschriften, Frühdrucke und historische Sammlungen.

Man bekommt eine Gänsehaut, wenn man bedenkt, wer schon alles dieses kostbaren Schätze in der Hand gehalten hat / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad (iPhone 16 Pro)

Solche Details verändern die Sichtweise des Besuchs. Plötzlich steht man nicht mehr vor alten Büchern, sondern vor Originalen, die von Herrschern, Geistlichen, Gelehrten und Dichtern benutzt wurden.

Zwar nur zum Anschauen, doch so bekommt die Bibliothek eine nahbare Bühne / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad (iPhone 16 Pro)

Vom Buch zur Basilika

Die Bibliotheca erzählt bereits jene Geschichte, die sich beim nächsten Ausflug fortsetzt. Denn ihre Bücher sind eng mit der Institution verbunden, die Esztergom über Jahrhunderte geprägt hat: dem ungarischen Erzbistum.

Von der Bibliothek führt der Weg weiter durch die Stadt und schließlich hinauf zum Burgberg. Dort steht die Basilika. Sie ist das sichtbare Gegenstück zur Bibliotheca: hier die bewahrten Gedanken, dort der monumentale Ausdruck kirchlicher Macht. Wer beide Orte nacheinander besucht, erlebt Esztergom deshalb aus zwei Perspektiven. Die Bibliothek erzählt von Wissen, Erinnerung und Überlieferung. Die Basilika erzählt von Königen, Erzbischöfen, Macht und Glauben. 

Die Basilika erzählt die Geschichte weiter / © Redaktion FrontRowSociety.net

Und plötzlich bekommt die gewaltige Kuppel, die schon von der Riverside Mozart aus über der Stadt zu sehen war, eine neue Bedeutung für die Betrachter. Unser Artikel: Unter der großen Kuppel Ungarns

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