Kaum eine Stadt ist so international geprägt wie Melbourne: Menschen aus mehr als 140 Nationen haben hier ihre Spuren hinterlassen – in den Straßen, Cafés und im Lebensgefühl der Stadt. Ein Spaziergang durch eine Metropole, die die Vielfalt feiert und sich immer wieder neu erfindet.

Der Kaffee am Flughafen kostet keine sechs Dollar, umgerechnet knapp drei Euro fünfzig. Willkommen in Melbourne, der inoffiziellen Kaffee-Hauptstadt der Welt. Selbst beim Thai-Imbiss bekommt man hier Kaffee aus italienischen Profimaschinen mit perfekt aufgeschäumter Milch und Espresso mit dicker Crema. Kein Wunder, dass der amtierende Wold Barista Champion aus Melbourne kommt. „Hier in Melbourne hast du zehn hervorragende Cafés im Umkreis von einem Kilometer“, schwärmt Jack Simpson. Und eine unglaublich kreative Szene, die neben Klassikern, auch co-fermentierte Kaffee-Spezialitäten anbietet (Project Zero) oder ganz auf ein Dutzend Röstungen und – für den unverfälschten Geschmack – keinerlei Milch anbietet (Discipline Roasters).

Geschichte trifft Moderne
Guter Kaffee ist aber nur eine von Melbournes Qualitäten. Die Stadt ist außerdem kulinarisches Zentrum Australiens, reich an Kunst und Kulturinstitutionen und Austräger weltberühmter Sportevents wie den Australian Open im Januar. Manche vergleichen die Stadt mit Berlin, anderswo erinnert sie an London, dann plötzlich wähnt man sich in Italien. Es ist definitiv die europäischste der australischen Metropolen. Nicht nur, was das Wetter betrifft, das hier europäisch durchwachsen ist und nicht selten mehrere Jahreszeiten in einen Tag packt.

Eigentlich aber wird der Vergleich mit Europa dieser Metropole nicht gerecht. Beim Stadtspaziergang kann man die ganze Welt bereisen. Beginnen wir in „Großbritannien“. Heißt: An der Flinders Street Station, einem edwardianischen Prachtbau mit ockergelber Fassade, Kuppel und den ikonischen Uhren über dem Haupteingang. „Meet me under the clocks“, sagen die Einheimischen, da der zentral gelegene Bahnhof ein beliebter Treffpunkt ist. Nur ein paar Straßenzüge weiter ragt der viktorianische Coop’s Shot Tower unter einer gläsernen Kuppel im Einkaufszentrum Melbourne Central auf – ein Sinnbild, das zeigt wie selbstverständlich Geschichte und Moderne hier ineinandergreifen.

Schön trinken und schlafen am Hafen
Die umliegenden Straßen sind das pulsierende Herz der Stadt, einer der wenigen Orte, wo die Häuser hoch hinauf in den Himmel ragen. Vorteil dieser Stadtplanung: Wer hoch hinauf kommt, hat fast immer Aus- und Weitblick auf die umliegende Stadt und die Bucht von Port Philip, die sich im Süden zum Ozean öffnet. Tipp: Das zentral gelegene Vibe Hotel, das nicht nur über große Panoramafenster, sondern auch über eine 22 Stockwerke hohe Rooftop Bar verfügt. Die Drinks passen zum Ausblick auf den Hafen, würdigen sie doch das maritime Erbe der Stadt.

Auch das 1 Hotel Melbourne, das im Sommer 2025 eröffnet hat, lockt mit schöner Aussicht auf Hafen und die denkmalgeschützten Kräne, die dort bis heute am Wasser wachen. Highlight aber sind die mehr als 7000 im Haus verteilten Pflanzen. So viele, dass für deren Pflege allein drei Mitarbeitende abgestellt sind. Das Haus zeigt, das Nachhaltigkeit wunderbar mit Luxus und ästhetischem Anspruch einhergeht. Die Wände sind zum Teil mit recycelten Eisenbahn-Holzpaneelen verkleidet. Im Bad mahnt eine Sanduhr spielerisch zum wassersparenden Duschen und wer zu viel eingepackt hat, kann Kleidungsstücke zurück- und spenden lassen. Im hauseigenen Lokal „From Here by Mike“ liegt der Fokus auf saisonalen, Gemüse-basierten Gerichten.

Exotisches Eis und Weltklasse-Drinks
Das Zentrum liegt nur einen kurzen Spaziergang entfernt, immer am Hafenbecken entlang, wo sich auch das ikonische Crown Casino und die National Gallery of Victoria (Australiens ältestes und größtes Kunstmuseum) befinden. Gegenüber liegt der Federation Square, das kulturelle Herz der Stadt. In den umliegenden Straße gibt es neben bekannten Namen auch allerlei Schätze zu entdecken – wie Beku Gelato, wo das Eis mit südasiatischen Aromen verfeinert ist: Durian, Kondensmilch oder Malaiischer The Tarik, ein süßer-cremiger Milchtee. Zwischen Glastürmen versteckt liegt auch das Caretaker’s Cottage (eine der „World’s 50 Best Bars“). Wie der Name sagt, handelt es sich um ein Häuschen aus Backstein, den man eher auf dem englischen Land, statt im Business-District einer Großstadt vermuten würde.

Früher lebte in dem denkmalgeschützten Bau der Hausmeister der benachbarten Kirche. Heut werden hier in zwei gemütlichen, stets bis auf den letzten Platz besetzten Räumen kreative Drinks gemixt und manchmal auch Platten aufgelegt. Anschließend lohnt ein Besuch im Serai, das sich in einer kleinen Seitenstraße des CBD versteckt. Dort wird zu Naturweinen philippinische Küche voll überraschender Aromen serviert.
Ein Museum für (fast) jede Nation
Und damit willkommen in Asien. Empfehlenswert ist auch ein Abstecher in die Kimchi Lane, nach Little Saigon oder Chinatown, die älteste chinesische Siedlung außerhalb des Landes. Menschen aus Asien machen heute den Großteil der Zugezogenen aus. Melbourne war schon immer von Einwanderung geprägt. Während es im 19. Jahrhundert vor allem Glückssucher aus Europa waren, sind es heute Menschen aus Indien, China, Vietnam oder von den Philippinen.

Zahlreiche Museen zeichnen diese multikulturelle Geschichte nach. Sie sind im Netzwerk Multicultural Museums Victoria zusammengefast. Neben dem Immigration Museum, das die Einwanderung seit Beginn der europäischen Besiedelung im 19. Jahrhundert bis heute nachzeichnet, gibt es das Hellenic Museum, das Islamic Museum, das Chinese Museum, das Jewish Museum und das Museo Italiano. Mitte des Jahres soll das ein weiteres eröffnen, das der vietnamesischen Kultur der Stadt gewidmet ist.
Auf den Spuren der Aboriginal People
Auch die Kultur der Aboriginal People ist heute deutlich präsenter, als noch vor einigen Jahren. Herzstück ist der Koorie Heritage Trust am zentralen Federation Square, das Kunstwerke und Artefakte der First Nation People aus Südostaustralien sammelt. In der Mitte des Platzes wurden 2013 fünf Bäume gepflanzt, als Symbol für die fünf indigenen Stämme, die seit Jahrtausenden im Süden des heutigen Bundesstaates Victoria leben.

Ziel des Zentrums ist es, die lebendige Kultur und Geschichte der Aboriginal Communities sichtbar zu machen und ihr Wissen weiterzugeben. Das Kulturzentrum organisiert auch Touren, etwa entlang des Yarra River, den die Indigenen Birrarung nennen: Fluss aus Nebel und Schatten, weil er einst von Büschen und Bäumen gesäumt war. Natur und Tiere sind heute weitgehend verschwunden, die Stadt hat den wilden Fluss gezähmt, aber Kunstinstallationen erinnern an die einstige Bedeutung für die Aboriginal People.
Indigene Aromen auf dem Teller
Auch ihre Esskultur wird heute vermehrt gewürdigt. Im Ngarrgu Djerring Café können traditionelle Zutaten wie Pepperberry oder Aniseed Myrtle probiert werden. Zudem bietet das Café jungen Indigenen Ausbildungsplätze und Jobs. Im Herzen der Fitzroy Gardens hat kürzlich das Yiaga eröffnet, dessen zwölfgängiges Tasting-Menü Native Food mit Fine Dining kombiniert.

Vorreiter dieser Bewegung ist Ben Shewry, der in seinem Attica seit fast zwei Jahrzehnten indigene Aromen wie Känguru, Emu, Wüstenlimette und wilden Honig in den Fokus rückt. Der Koch versteht seine Küche als kulinarische Erzählung über Landschaft und Geschichte des Kontinents. Das Lokal versteckt sich in einem schmalen, unscheinbaren Haus im Vorort Ripponlea. Innen öffnet sich eine andere Welt. Schon die Kunst an den Wänden (von befreundeten First Nations Kunstschaffenden) und die Deko auf dem Tisch (traditionelle, handgeflochtenen Körbe) macht klar, worum es ihm geht: Sichtbarkeit für die indigene Kultur, die lange unsichtbar war und gezielt zerstört wurde.

Einmal Krokodil-Tarte bitte!
Shewry setzt auf das kulinarische Wissen der First Nations – die älteste kontinuierliche Esskultur der Welt – und arbeitet mit indigenen Produzenten, um diese Zutaten in eine moderne australische Haute Cuisine zu übersetzen: Tartelette, die mit Krokodil, Macadamia und Wattle Seeds gefüllt ist. Pudding mit einheimischen Ingwer oder wolkige Creme mit Sugarbag Honey, für den Küchenchef „eine der besten Zutaten der Welt“. Handgesammelt, von Dutzenden indigenen Zulieferern, dementsprechend kostbar und daher gerne auch mal in einer Kaviardose serviert.

Shewry ist kompromisslos und leidenschaftlich, dennoch kommen seine Kreationen leichtfüßig daher. Nach den ersten Gängen werden die Gäste („Man muss sich bei so viel Essen ja auch mal die Beine vertreten!“) durch das Labyrinth aus Küchen in den kleinen Hinterhof geführt. Mit seinen bunt bemalten Wänden erinnert er an einen Zauberwald. Dazu passt der Gang, der hier gereicht wird: Der Magic Mushroom – ein Choux-Bällchen mit einheimischen Beeren und Parmesan-Stiel.
Nach dem Strand ein Abstecher nach Italien
Auch bei Tageslicht lohnt ein Abstecher in die südlichen Vororte, wo sich die Strände wie an einer Perlenkette aufreihen. Am bekanntesten ist St. Kilda – diese teils windumtoste Freizeit- und Sportstätte der Locals. Auch der ikonische Vergnügungspark Luna Park liegt dort, der mit seinem nostalgischen Flair zum Zeitreisen einlädt. Nördlich der Innenstadt geht es nach Italien. Die Straßen rund um die Lygon Street sind das historische Zentrum der italienischen Community. Hier reiht sich Gelateria an Pizzeria an Caffè-Bar. Wie in vielen Metropolen ist die junge Szene zunehmend in äußeren Vororte gezogen – und mit ihnen kleine Boutiquen und angesagte Lokale. So hat sich das im Norden gelegene Brunswick zum Hotspot für kulinarisch Interessierte entwickelt.

Wo sich die Genussszene trifft
Es sind Lokale wie das Etta, die diesen Ruf begründet haben: Kein Fine‑Dining‑Restaurant, sondern ein modernes, regional verwurzeltes Bistro mit Fokus auf lokale Produkte, tolle Weine und hausgemachte Drinks. Dazu herzlicher Service, gute Stimmung und eine elegantes, unprätentiöses Ambiente. Kein Wunder, dass das Lokal fast immer bis auf den letzten Platz besetzt ist (ebenso das jüngst eröffnete Schwesterlokal ein Haus weiter, das etwas legererer Daphne).

Auch die vielen Märkte tragen zum Ruf der Metropole als Food-Hauptstadt bei. Schöner als der von Touristen frequentierte Queen Victoria Market ist der Prahran Market südlich des Zentrums. Ein Urlaub reicht nicht, um all die Köstlichkeiten zu probieren. Der Markt ist Herzstück des umliegenden Viertels, wo historische Gebäude auf moderne Cafés, Bars und Boutiquen treffen. Hier ist Melbourne verspielt und bunt. Ein paar Mal abgebogen, und schon geht die Weltreise weiter.
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