Von Tórshavn aus führt der Weg hinein in eine Landschaft, die sich jeder Eile zu widersetzen scheint. Wir sind mit der Le Bellot auf den Färöern unterwegs, das Expeditionsschiff liegt in Tórshavn auf Streymoy vor Anker.
Die Hauptstadt bleibt bald hinter uns. Die Straße führt nordwärts, hinein in eine immer stiller werdende Welt. Unser Ziel ist Saksun, ein kleines Dorf, das sich am Ende eines Tales unter hohen Bergen und Wasserfällen duckt.

Schon die Anfahrt ist ein Erlebnis. Das Grün der Hänge wirkt fast unwirklich, darüber schieben sich graue Wolken, die das Licht ständig verändern. Dann liegt Saksun vor uns. Ein paar Häuser, dunkle Holzwände, weiße Fensterrahmen und Dächer, auf denen Gras wächst. Dahinter steigen die Berge steil auf. Unterhalb des Dorfes liegt Pollurin, eine von Felsen eingefasste Gezeitenlagune, die bei Ebbe über einen Sandstreifen mit dem offenen Meer verbunden ist.


Ein Dorf zwischen Bergen und Meer
Saksun ist klein. Gerade einmal elf Menschen leben hier; und das ist die Angabe für 2023. Ein Dorf als Einöde, die letzte Bastion der bewohnten Welt – genau darin liegt seine besondere Wirkung. Es gibt keine Geschäftigkeit, keinen Verkehrslärm, keine Gastronomie, die sich an Besucher richten. Stattdessen scheint das Dorf seinen eigenen Rhythmus zu bewahren.

Eine Gänsefamilie spaziert über die Straße. Die Tiere lassen sich von uns nicht beeindrucken. Sie gehen ihren Weg, als wären wir gar nicht da. Niemand scheint hier auf Besucher gewartet zu haben. Und gerade das macht die Botschaft des Ortes so eindringlich. Er war hier schon lange, bevor wir überhaupt Notiz von seiner Existenz nahmen.

Genau das ist der Punkt: Die Geschichte von Saksun reicht weit zurück. Der Hof Dúvugarðar, dessen historische Gebäude heute als Museum erhalten sind, vermittelt einen Eindruck vom bäuerlichen Leben früherer Jahrhunderte. Teile der Anlage sind rund 300 Jahre alt. Das Leben hier war lange von Landwirtschaft, Schafhaltung und der unmittelbaren Abhängigkeit von Landschaft und Wetter geprägt.


Auch die kleine Kirche erzählt von der Eigenständigkeit des Dorfes. 1850 war die Kirche in Tjørnuvík, zu deren Gemeinde Saksun damals gehörte, so baufällig, dass über einen Neubau nachgedacht wurde. Die Saksuner wollten jedoch eine eigene Kirche. 1858 wurde die Saksun-Kirche schließlich geweiht.

Die Landschaft bestimmt den Menschen
Heute ist es vor allem die fast vergessene Ursprünglichkeit, die Saksun zu einem besonderen Ort macht. Das Dorf liegt in einem natürlichen Amphitheater, umgeben von Bergen und dem Tal des Flusses Dalá mit seinen Wasserfällen. Die Lagune Pollurin war einst ein natürlicher Hafen. Erst ein schwerer Sturm im 17. Jahrhundert veränderte die Küstenlandschaft und ließ Sand den Fjord versperren. Bei Ebbe zeigt sich noch heute der sandige Weg hinaus in Richtung Meer.


Wir stehen dort und schauen auf diese Weite. Es ist schwer, sich vorzustellen, dass nur wenige Flugstunden entfernt Städte liegen, in denen Menschen von Termin zu Termin hetzen, in Verkehrsmitteln dicht an dicht stehen und ihre Tage vor Bildschirmen verbringen. Hier dagegen gibt es Wind, Wasser, Gras und Felsen. Und plötzlich wird der eigene Kopf stiller, die Gedanken klarer.

Für uns steht fest, das ist eine der stärksten Erfahrungen einer Reise in die Färöer: Die Natur unterhält uns nicht. Sie verlangt keine Aufmerksamkeit. Sie ist einfach da. Rau, wechselhaft, manchmal abweisend und zugleich von einer Schönheit, die zu begreifen sich lohnt.

Schönheit braucht Rücksicht
Gerade weil Saksun so unberührt wirkt, ist der Ort empfindlich. Die Färöer haben in den vergangenen Jahren gelernt, dass zunehmender Tourismus seine Spuren hinterlassen kann. So werden Wege ausgebaut, die Besucher gezielt lenken, damit die empfindliche Landschaften und deren Ökosystem geschont werden. Auch in Saksun wird darum ausdrücklich darum gebeten, auf den ausgewiesenen Wegen zu bleiben und die Privatsphäre der Anwohner zu respektieren.

Das passt zu diesem Ort. Wer Saksun besucht, sollte nicht versuchen, ihn zu erobern. Man sollte ihn auf sich wirken lassen. Für einen Moment muss man nichts leisten. Keinen Termin einhalten, keine Nachricht beantworten. Nur stehen, schauen und hören. Der Wind streicht über die Gräser, irgendwo ruft ein Vogel, die Gänse ziehen weiter durch das Dorf. Über den Bergen verändert sich das Licht. Saksun bleibt, wie es ist.


Und während wir später nach Tórshavn zurückfahren, nehmen wir etwas von dieser Ruhe mit. Für eine Weile fühlt sich die Welt außerhalb der Färöer Insel Streymoy erstaunlich weit weg an.
Noch mehr Spannendes über die Le Bellot gibt es über folgende Links:
Die Welten des Nordens / Boutique Spa auf hoher See / Die Küche als Kompass der Reise
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