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Olivier Geissbühler, seit 2021 Projektmanager für PIWI-Rebsorten bei der Schweizer Firma Delinat, zählt zu den profiliertesten Stimmen, wenn es um die Zukunft des nachhaltigen Weinbaus geht.

Im Gespräch mit Annett Conrad erläutert er, wie rasant sich die Forschung an pilzwiderstandsfähigen Rebsorten (PIWIs) derzeit entwickelt, warum diese Sorten als Schlüssel zu einem ökologischeren Weinbau gelten und welches Potenzial sie im Hinblick auf Klimawandel, Ressourcenschonung und Weinqualität besitzen. Dabei zeichnet Geissbühler ein klares Bild davon, wie PIWIs den Weinbau der Zukunft prägen könnten – ohne die Tradition aus den Augen zu verlieren.

Warum ist Kalk gut für Reben?
Welche Rebsorten gedeihen wo am besten? Und sind PIWIs die Zukunft des Weinbaus in Europa? / © Redaktion FrontRowSociety.net

Exklusives Interview mit Olivier Geissbühler, Projektmanager PIWI Rebsorten bei Delinat

Olivier Geissbühler über die Chancen und Herausforderungen pilzwiderstandsfähiger Rebsorten (PIWIs) im modernen Weinbau. Er erklärt, warum sie als Schlüssel zu mehr Nachhaltigkeit gelten – und welches Potenzial sie für die Zukunft des Weins bergen.

Annett Conrad: Herr Geissbühler, die Züchtung neuer PIWIs schreitet rasant voran. Viele sprechen davon, dass in den nächsten Jahren noch robustere und vielleicht sogar standortangepasste Sorten auf den Markt kommen werden. Wie sehen Sie die aktuelle Forschung und wohin geht die Entwicklung?

Oliver Geissbühler gilt als Experte für PIWI Rebsorten
Olivier Geissbühler gilt als Experte für PIWI Rebsorten / © Oliver Geissbühler

Olivier Geissbühler: In den letzten Jahren ist tatsächlich viel gelaufen im Bereich von neuen Rebsorten. Private Züchter wie Valentin Blattner und verschiedene Forschungsinstitutionen in Europa sind seit Jahrzehnten damit beschäftigt, Rebsorten zu züchten, welche krankheitsresistent sind und zugleich ein Aroma haben, welches breite Massen an Konsumentinnen und Konsumenten anspricht. Mit diesen neuen Sorten ist es möglich, mit einem Minimaleinsatz von Pflanzenschutzmittel Trauben von höchster Qualität zu produzieren, was den Weinbau deutlich ökologischer und auch ökonomischer macht. Kurz gesagt: Diese neuen Sorten sind der beste Weg, um wirklich nachhaltig Wein zu produzieren.

Ein Grund, weshalb diese Innovationen für Aussenstehende nicht immer sofort ersichtlich sind, ist der lange Prozess einer neuen Sorte bis zur Marktreife: Von der Züchtung bis zur Marktreife dauert es oft 10-20 Jahre. Zudem ist es ein laufender Prozess: Jedes Jahr werden hunderte neue, potenziell bessere Sorten gezüchtet, welche anschliessend über Jahre hinweg draussen im Feld und mittels kleinen Vinifikationen auf die Weinqualität getestet werden. Die Sorten, welche sich am Ende bei den Winzerinnen und Winzern und in der Weinwelt etablieren, sind nur die Spitze des Eisbergs. Bis eine solche neue Sorte gewisse Bekanntheit und Beliebtheit erlangt und auf grösseren Flächen angebaut wird, vergehen oft noch einmal etliche Jahre.

Die Fortschritte der neueren Züchtungen im Hinblick auf Resistenz und Geschmack sind aber auf jeden Fall ziemlich revolutionär. Ich konnte in den letzten Jahren Weine von der neuesten Züchtungsgeneration verkosten, welche erst in sehr kleinen Mengen verfügbar sind und das Potenzial dieser Sorten ist auf jeden Fall vergleichbar mit herkömmlichen Sorten wie Pinot Noir, Cabernet Sauvignon etc. Das heisst, die Rebsorten der Zukunft existieren bereits, jetzt müssen sie nur noch zugelassen, vermehrt, gepflanzt und entsprechend vinifiziert werden von innovativen Winzerinnen und Winzern, welche auch Neues wagen wollen.

Annett Conrad: Ein wichtiges Argument für PIWIs ist ihre Rolle bei der Schonung von Ressourcen. Weniger Spritzungen bedeuten weniger Wasser- und Energieverbrauch, aber auch geringere Belastungen für die Böden und die Biodiversität. Wenn Sie das große Ganze betrachten: Welchen tatsächlichen Beitrag können PIWI-Sorten zur ökologischen Nachhaltigkeit im Weinbau leisten?

Olivier Geissbühler: Neue Sorten können ohne weiteres als Gamechanger für den Weinbau bezeichnet werden. Um dies zu verdeutlichen, lohnt sich ein kurzer Blick in die Geschichte des Weinbaus: Seit im 19. Jahrhundert der Mehltaupilz aus Amerika nach Europa eingeschleppt wurde, hat sich der Weinbau komplett verändert. Ohne Behandlung ist es unmöglich geworden, gesunde Trauben zu produzieren und es mussten fortan in regelmässigen Abständen Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. Über Jahrzehnte hinweg geschah dies mit Unmengen an chemisch-synthetischen Pestiziden, was in der Umwelt riesige Schäden anrichtete und auch die Gesundheit vieler Landwirte gefährdete. Biologische Alternativen wie Kupfer und Schwefel gibt es zwar, aber sie haben bei zu intensiver Anwendung ebenfalls schädliche Auswirkungen auf die Umwelt. Mit den neuen Sorten können ohne weiteres 80 Prozent der Pflanzenschutzmittel eingespart werden, in guten Jahren sogar deutlich mehr. So müssen Winzerinnen und Winzer deutlich weniger mit dem Traktor durch die Weinberge fahren, was auch die Bodenqualität deutlich verbessert und enorme Einsparungen an Arbeitsstunden ermöglicht. Das erlaubt wieder einen traditionellen Weinbau im Einklang mit der Natur, wie es in den Jahrhunderten zuvor möglich war. Das Endprodukt sind hochqualitative und gesunde Trauben ohne Rückstände.

Gesunde Reben, die dem Klima trotzen – mit den PIWI Sorten können 80 Prozent der Pflanzenschutzmittel eingespart werden / © Redaktion FrontRowSociety.net

Annett Conrad: Diese Sorten sind resistent gegen Pilzkrankheiten und können dadurch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln deutlich reduzieren. Ganz ohne Schutzmaßnahmen geht es aber auch hier nicht – können Sie uns erklären, welche Behandlungen nach wie vor nötig sind und wo die Grenzen dieser Resistenz liegen?

Olivier Geissbühler: Pilzkrankheiten wie der Falsche und Echte Mehltau sind äusserst hartnäckig, sie mutieren ständig weiter und finden so immer wieder neue Wege, um Resistenzen (sei es von Pflanzenschutzmitteln oder Resistenzgene der Pflanze selber) zu umgehen. Und obwohl die neuesten Züchtungen in den Versuchsfeldern ohne Pflanzenschutz oft komplett gesund bleiben, wird geraten, sicherheitshalber eine minimale Menge Pflanzenschutzmitteln auszubringen. Damit soll verhindert werden, dass sich Pilzsporen ungebremst vermehren können und damit das Risiko von potenziell gefährlicheren Mutationen entsteht. Man muss dazu sagen, dass der minimale Einsatz von biologischen Pflanzenschutzmitteln wie Kupfer und Schwefel aber ökologisch gesehen vertretbar ist. Kupfer ist immerhin ein Spurenelement und kommt auch natürlicherweise im Boden vor. Wie überall gilt: Die Menge macht das Gift.

Annett Conrad: Gleichzeitig verändert der Klimawandel den Weinbau dramatisch. Wir erleben längere Trockenperioden, Spätfröste und Hitzewellen. Inwiefern können PIWI-Sorten helfen, diesen Herausforderungen zu begegnen – und wo stoßen sie auch selbst an ihre Grenzen?

Olivier Geissbühler: Das Spannende an der PIWI-Züchtung ist, dass sie nicht nur eine Lösung gegen den Hauptgegner – die Pilzkrankheiten – bietet, sondern zugleich auch andere Faktoren der Rebe auf natürliche Weise optimiert werden können. Mithilfe der Selektion können zum Beispiel Sorten ausgewählt werden, welche besonders frost- oder trockenresistent sind. Auch andere Faktoren wie die Blühzeit oder der Reifezeitpunkt spielen eine wichtige Rolle im Hinblick auf die Klimaveränderungen und man kann sich in der Züchtung auf diejenigen Sorten konzentrieren, welche am jeweiligen Klima am besten angepasst sind. Eine Sorte zu züchten, welche sämtliche Faktoren auf perfekte Weise abdeckt, wird wohl schwierig sein, aber man kann für verschiedene Regionen passende Rebsorten züchten, welche den jeweiligen klimatischen Bedingungen entsprechen. Mit herkömmlichen Rebsorten ist das unmöglich, die DNA dieser Sorten ist seit Jahrhunderten dieselbe und sie können sich deshalb auch nicht den aktuellen Klimaveränderungen anpassen.

Oliver Geissbühler und Josep Maria Albet i Noya
Olivier Geissbühler und Josep Maria Albet i Noya / © Oliver Geissbühler

Annett Conrad: Wenn wir den Blick auf die unterschiedlichen Weinregionen lenken: PIWI-Sorten sind ja nicht automatisch für jeden Standort die beste Wahl. Für welche Böden und klimatischen Bedingungen eignen sie sich besonders – und wo würden Sie Winzern eher abraten, auf diese Sorten zu setzen?

Olivier Geissbühler: Bisher wurden PIWIs vor allem dort angepflanzt, wo es mit heiklen europäischen Rebsorten fast unmöglich war, überhaupt gesundes Traubenmaterial zu produzieren. Das heisst, vor allem in kälteren, nässeren Regionen mit hohem Krankheitsdruck. Doch auch das ändert sich nun langsam, weil auch die Winzerinnen und Winzer in südlicheren Regionen Frankreichs, Italien oder Spanien merken, welche immensen Vorteile diese Sorten bieten. Der langjährige Delinat-Winzer Josep Maria Albet i Noya hat zum Beispiel bereits vor über einem Jahrzehnt ein gross angelegtes Züchtungsprojekt mit Valentin Blattner gestartet, wo erstmals spanische Rebsorten mit PIWIs gekreuzt wurden, um die perfekten PIWI-Sorten für südlichere Regionen zu züchten. Und das Ergebnis ist äusserst vielversprechend: Es entstanden dutzende neue Sorten, welche dem Aromaprofil spanischer Rebsorten entsprechen und zugleich krankheitsresistent sind. Die besten 10 Sorten aus diesem Projekt wurden jetzt bereits für die Zulassung angemeldet und sollten in den nächsten Jahren in ganz Spanien angepflanzt werden dürfen.

Daneben gibt es natürlich auch PIWI-Sorten, welche sich spezifisch für nördlichere Regionen wie Skandinavien besonders gut eignen, weil sie frostresistent sind, besonders früh reifen und auch bei etwas weniger Sonne genügend Zucker in den Trauben bilden. Kurz gesagt: Theoretisch lassen sich für fast alle Regionen geeignete PIWI-Sorten züchten, je nachdem welche Typizitäten und Anbaueigenschaften gewünscht sind. Der PIWI-Anbau ist sogar in Regionen möglich, wo Weinbau sonst gar nicht denkbar wäre.

Annett Conrad: Wenn wir international schauen: In manchen Ländern gelten PIWIs bereits als fester Bestandteil moderner Weinbaustrategien, während traditionelle Regionen noch eher zurückhaltend sind. Wer sind heute die Vorreiter, und was könnten etwa Frankreich, Italien oder auch die Schweiz von ihnen lernen?

Olivier Geissbühler: Die PIWI-Entwicklung ist generell in den nördlichen Ländern weiter vorangeschritten, weil mit dem kühleren und feuchteren Klima der Anbau dieser Sorten von Beginn weg auf der Hand lag. Da das Pflanzen, die Vermarktung und die Bekanntheit von neuen Sorten immer langsam vonstatten geht und Reben meist Jahrzehnte stehen, bis sie ausgerissen und durch eine neue Sorte ersetzt werden, geschieht auch dieser Sortenwandel langsam. Mittlerweile werden jedoch auch in Frankreich und Italien neue Sorten gezüchtet und von Rebschulen und Weinbauinstituten gefördert, was diesen Wandel beschleunigt. Auch schwierige Jahre mit viel Krankheitsdruck und Wetterkapriolen können dieses Umdenken beschleunigen. Mit den aktuellen Herausforderungen im Weinmarkt werden zwar grosse Investitionen (zum Beispiel das Pflanzen neuer Weinberge mit neuen PIWI-Sorten) schwieriger, doch es wird auch klar, das „Weitermachen wie bisher“ nicht mehr funktioniert. Wer also neue Reben pflanzt, sollte sich gut überlegen, welche Sorten er in den nächsten 20-30 Jahren in seinen Weinbergen stehen haben möchte, im Hinblick auf klimatische Veränderungen und nachhaltige Bewirtschaftung. Dass dieses Umdenken auch in traditionsgeprägten Weinregionen stattfindet, zeigen aktuelle Beispiele: In der Champagne wird mit der PIWI-Sorte Voltis experimentiert, im Piemont mit der PIWI-Sorte Muscaris. Dass das Festhalten an Tradition auch in renommierten Regionen nicht mehr funktioniert, zeigt sich im Bordeaux: Dort werden in den nächsten Jahren wohl rund 40 Prozent der Rebflächen verschwinden.

Weine aus PIWI-Rebsorten aus Deutschland, der Schweiz sowie aus Katalonien zeigen eher des Terroir als die Rebsorte / © Redaktion FrontRowSociety.net

Annett Conrad: Viele Weinliebhaber stellen sich schließlich die Qualitätsfrage: Kann ein PIWI auch im Premiumsegment überzeugen? Glauben Sie, dass wir eines Tages Große Gewächse aus PIWI-Sorten im Glas haben werden – und was braucht es, damit das gelingt?

Olivier Geissbühler: Ich bin überzeugt, dass die neue Generation der PIWIs mittlerweile das gleiche sensorische Potenzial haben wie europäische Sorten. Man muss bedenken, dass PIWIs bisher oft an schwierigen Lagen gepflanzt wurden. Auch in der Vinifikation ist die Erfahrung mit herkömmlichen Sorten um Jahrzehnte voraus. Das heisst, PIWIs wurden sowohl im Anbau wie auch im Keller bisher von vielen Top-Weingütern eher vernachlässigt. Wenn jedoch diese neuen Sorten einmal zu grösseren Reben herangewachsen sind, die Erfahrung mit der Vinifizierung weiter gestiegen ist und sich die besten Önologinnen und Önologen mit diesen Sorten über Jahre hinweg intensiv beschäftigen, bin ich überzeugt, dass noch einmal ein Qualitätssprung möglich ist. Denn schlussendlich ist die beste Voraussetzung für einen guten Wein gesundes Traubenmaterial aus einem gesunden Boden, und genau das ermöglichen die PIWIs.

Annett Conrad: Und zum Schluss eine kleine Vision: Wenn Sie sich den Weinbau im Jahr 2050 vorstellen – welche Rolle spielen PIWI-Sorten dann, und wie könnte sich unser Verständnis von Qualität, Herkunft und Nachhaltigkeit im Wein bis dahin verändern?

Olivier Geissbühler: Ich denke, PIWI-Weine werden in den nächsten Jahren laufend an Relevanz und Qualität gewinnen. Doch auch traditionelle Sorten haben weiterhin eine Existenzberechtigung und werden sicher auch noch längere Zeit angebaut, insbesondere an Top-Lagen und für spezielle Weine im Premium-Segment. Heute liegt in Deutschland und in der Schweiz der Anteil von PIWI-Sorten bei unter 5%, aber ich könnte mir vorstellen, dass bis in ein paar Jahrzehnten der PIWI-Anteil bei rund 50% liegt. Was man auch bedenken muss, ist, dass sich der Weinbau in Europa stetig nach Norden verschiebt und dort bei Neupflanzungen vernünftigerweise oft direkt auf PIWI-Sorten gesetzt wird. Zugleich werden grosse Weinbauflächen in Südeuropa, wo bisher traditionelle Rebsorten wuchsen, wegen zu heissen Temperaturen und Wassermangel wohl wegfallen. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass sich Weinbegeisterte künftig weniger auf eine bekannte Rebsorte oder Appellation fokussieren, sondern für ein qualitatives, nachhaltig produziertes Produkt, welches das Terroir in allen Facetten widerspiegelt, auf dem es gewachsen ist. Doch für diesen Wandel braucht es ein ökologisches Umdenken in der gesamten Wertschöpfungskette, von der Landwirtschafts- und Bildungspolitik, über die Winzerbetriebe bis hin zu den Konsumentinnen und Konsumenten.

 Vielen Dank Herr Geissbühler für die aufschlussreichen Antworten. Noch mehr über Delinat gibt hier: Delinat: Die stille Revolution im Weinberg

FrontRowSociety Herausgeberin Annett Conrad führte das Interview mit Olivier Geissbühler im September 2025. 

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Delinat
Davidstrasse 44
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