Der Bernina Express ist der einzige Zug, der die Alpen auf einer offenen Strecke überquert. Ausganspunkt der Fahrt mit dem Panoramazug ist die Schweizer Stadt Chur – Ziel das italienische Tirano.
Der größte Teil der Stecke, von Thursis bis zum Zielbahnhof, gehört als erst dritte Bahnstrecke weltweit seit 2008 zum UNESCO Welterbe. Die rund viereinhalbstündige Fahrt auf der im Jahr 1910 eröffneten Strecke verbindet spektakuläre Natur mit eindrucksvoller Technik, die nicht nur Bahn-Begeisterte fasziniert, denn auf dem Fahrplan stehen 55 Tunnel, 196 Brücken und eine für Züge anspruchsvolle Steigung von bis zu sieben Prozent.
Die Reise beginnt in der ältesten Stadt der Schweiz

Im Bahnhof von Chur, wo sonst Pendler und Reisende auf ihren Zug warten, herrscht eine positive Aufregung. Reisende aus aller Welt, darunter viele Asiaten und Amerikaner, stehen vor den rot glänzenden Wagen der Rhätischen Bahn. Doch der Bernina Express ist ein besonderes Produkt, mit dem der Bahnanbieter, der ein Streckennetz in der Region betreibt, eine exklusive Zielgruppe im Blick hat. Der Bernina Express gehört zu den Schweizer Panoramazügen und bietet mit bis zur Decke verlängerten Fenstern einen hervorragenden Blick in die Bergwelt. Eine exklusive Möblierung, mehrsprachige Durchsagen und ein aufmerksames Serviceteam runden das Alpenerlebnis ab.
Begrüßung mit Stil

Schon auf dem Bahnsteig begrüßen freundliche, mehrsprachige Mitarbeiter die Gäste und weisen den Weg zum richtigen Wagen. 2. Klasse? 1. Klasse mit mehr Platz und Ruhe? Oder doch der nostalgische Wagen der Pullmann-Class, den man nur in Verbindung mit einem Ausflug zu einem Weingut buchen kann? Bei der Reise mit dem Bernina-Express finden ganz unterschiedliche Menschen das jeweils passende Produkt und machen sich gemeinsam auf eine Reise, die sie sobald nicht vergessen werden. Für die Fahrt braucht man einen Fahrschein der entsprechenden Klasse der Schweizer Bahn – und eine kostenpflichtige Reservierung für den Panoramazug.
Von der Kathedrale bis zum Rhein

Ausgangspunkt der Reise ist Chur. Archäologie fanden in der Stadt rund 13.000 Jahre alte Spuren altsteinzeitlicher Jäger. Wer vor der Zugfahrt Zeit hat, kann sich die achthundert Jahre alte Kathedrale St. Mariä Himmelfahrt anschauen oder durch die lebhafte Innenstadt bummeln. Von der ältesten Stadt der Schweiz folgt der Bernina Express dem normalen Verlauf der Gleise. Vorbei an Vorstadtvillen und Industrieanlagen ist der Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein bei Reichenau der erste spektakuläre Ausblick. Von dort geht es weiter durch die Wiesen des Burgenland Domleschg. Am Rand der Strecke, inmitten von im Sommer blühenden Wiesen, grasen Pferde. Bäume schwanken vor der Kulisse der schon in einer Höhe von 600 Meter eindrucksvollen Berge im Hintergrund.
Ein Teil der Strecke gehört zum UNESCO Weltkulturerbe

Offiziell beginnt die UNESCO Welterbestrecke der Rhätischen Bahn erst in Thusis. Die bis zu 300 Meter hohen Felswände der Viamala-Schlucht gehören hier genauso zum Panorama wie die Burg Hohen Rätien. Einst war der Ort der nördliche Abschluss des Passes. Wer es aus Italien bis hierhin geschafft hatte, konnte verschnaufen. Wer in Richtung Süden wollte letzte Einkäufe machen und Mut für die Passage sammeln. 1845 wurde das Dorf nach der letzten von 18 Feuersbrünsten, nach streng-geometrischen Plänen wieder aufgebaut. Beim Blick aus dem Fenster kann man die bewegte Geschichte der Region erahnen.
Eindrucksvolle Bauwerke beweisen Ingenieurkunst

Auch baulich hat die Strecke eine Menge zu bieten. Während die bewältigte Steigung von rund sieben Prozent vor allem Bahnbegeisterten etwas sagt, sind die eindrucksvollen Bauwerke, die die Strecke möglich gemacht haben, für jedermann beeindruckend. Das Solisviadukt zum Beispiel ist 42 Meter lange. Seine elf bis zu 85 Meter hohen Kalksteinbögen überspannen eine Schlucht. Noch größer sind die 65 Meter hohen Natursteinsäulen des Landwasserviadukts. Später auf der Strecke werden weitere technische Bauwerke wie das Kreisviadukt Brusio ebenso für Staunen sorgen.
Kleine Dörfer – und malerische Landschaften
Das Dorf Filisur in der Bündner Bergwelt ist von der rätoromanischen Kultur geprägt, während weitere oben am Berg die Walser siedelten, da die besser nutzbaren Tallagen schon vergeben waren, als sie im Mittelalter nach Graubünden kamen. Das lang gezogenen Straßendorf mit seinen reich verzierten Fassaden erinnert an die Engadiner Baukultur und steht für den kulturellen Austausch über die Alpenpässe hinweg.
Ein Paradies für Wanderer und Biker
Auf der Höhe von Bergün sind immer mehr Wanderer und Biker zu sehen. Über dem Ort thront der im 12. Jahrhundert erbaute und im 17. Jahrhundert um ein weithin sichtbares Obergeschoss erweiterte Meierturm. Nicht weit davon steht eine im spätgotischen Stil renovierte Kirche. Gleich neben dem Bahnhof hat im ehemaligen Zeughaus ein bahnhistorisches Museum eröffnet. Auch ein Kurhaus aus dem Jahr 1906 zeigt, wie die Erschließung mit der Bahn den damals einsetzenden Tourismus möglich gemacht hat.
Von St. Moritz in die Berge

Beim Zwischenstopp in St. Moritz steigen viele weitere Gäste ein. Der Bahnhof liegt direkt am St. Moritz See unterhalb des Ortes. Gleich nach der Abfahrt sieht man das Wasser des Sees über eine Staustufe herabstürzen. Schwarze Rinder grasen auf den saftigen Wiesen. Mit Nadelbäumen bewachsene Berghänge bilden die Alpenkulisse. Auf dem Weg in die Berge erklimmt der Bernina-Express immer neue Höhen. Das Dorf Pontresina selbst liegt auf 1774 Höhenmetern, der nahegelegene Gipfel des 4.048 Meter hohen Piz Bernina wurde schnell zum Anziehungspunkt für internationale Bergsteiger. Höchster Punkt der Bahnstrecke hingegen ist der Ospizio Bernina mit 2253 m.
Diese Seen in den Bergen sind weiß – oder schwarz

Gleich neben dem Bahnhof liegt der See Lago Bianco, der durch das Gletscherwasser und den Sand des Cambrena-Gletschers grünlich-weiß gefärbt ist. Gleich daneben liegt kurioserweise der Lej Nair, welcher nach seiner fast schwarzen Farbe benannt ist. Neben der Bahnstrecke weißt ein Schild auf die Wasserscheide hin. Nördlich von ihr fließen alle Gewässer über die Donau ins Schwarze Meer, südlich über den Po ins Adriatische Meer. Von dort aus geht es wieder abwärts. Der Aussichtspunkt Alp Grüm, an dem der Zug rund zehn Minuten hält, bietet eine atemberaubende Aussicht bis nach Italien und auf den Palügletscher. Bis zur Sonnenterasse des Gasthauses von Alp Grüm hört man das Wasser der aus dem Gletscher fließenden Wasserfälle in die Tiefe prasseln.
Italienische Seen stehen für Entspannung

Mit dem Tal Valposchiavo erreicht der Zug den italienischen Sprachraum der Schweiz. Poschiavo, der Hauptort des Tals, hat einen Dorfkern mit engen Gassen und einen Straßenzug aus herrschaftlichen Villen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die bunten Fassaden der Stadtpaläste erinnern schon fast an mediterrane Lebensfreude. Später erreicht der Panoramazug den Ferienort La Prese. Ruhe und Entspannung scheinen rund um den türkisfarben in der Sonne schimmernden See im Mittelpunkt zu stehen. Auf den letzten Kilometern fährt der Zug teilweise parallel oder über die dann gesperrten Dorfstraßen und findet so seinen Weg durch die dicht bebauten italienischen Dörfer. Zielbahnhof ist das italienische Tirano. Wahrzeichen der Stadt ist die zwischen 1505 und 1528 erbaute Wallfahrtskirche Madonna di Tirano.
Tirano ist das Ziel der Reise

Wer mag, kann nach dem Aufenthalt in Tirano mit dem Bernina Express zurück nach Chur – oder zu einer der Zwischenstationen fahren. In den Panoramawagen der 1. Klasse finden jeweils 28 Gäste Platz. Der historische Wagen der Pullmann Class, dessen Gäste in Tirano zu einem Mittagessen und einer Besichtigung auf ein Weingut gefahren werden, muss auf die großen Fenster verzichten, hat dafür aber eine traditionelle und stilvolle Möblierung. Während der Fahrt informieren mehrsprachige Durchsagen über besondere Sehenswürdigkeiten. WLAN ist vorhanden. An den Einzelplätzen in der 1. Klasse gibt es lediglich eine schweizer Steckdose, an den Doppelplätzen auch USB-Anschlüsse.
Bahnbegeisterte erleben Ingenieurkunst
Bahnbegeisterte entdecken während der Fahrt auf der Strecke, deren Abschnitt zwischen Thusis und Tirano als eine von weltweit nur drei Bahnstrecken zum Weltkulturerbe gehört, spektakuläre technische Bauwerke wie das Kreisviadukt von Brusio. Um Höhe zu überwinden, fährt der Zug in einer 360-Grad-Schleife über das Viadukt. Pionierwerk moderner Ingenieurskunst sind auch die kreisförmigen Kehrtunnel im Berginneren und die Viadukte über tiefe Schluchten. 1969 startete der Bernina Express mit einem Kurswagen von Chur nach Tirano. Im Sommer 2000 wurden die Panoramawagen eingeführt, die die spektakuläre Strecke über die Alpen heute bei vielen Touristen so beliebt machen.
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