Anna von Boetticher kennt die Welt aus einer Perspektive, die den meisten Menschen verborgen bleibt: unter Wasser, oft in großer Tiefe und mit nur einem Atemzug. Die Apnoetaucherin hat 34 deutsche Rekorde aufgestellt und ist bis auf 81 Meter Tiefe getaucht. Doch im Gespräch wird schnell deutlich, dass es ihr nie allein um Zahlen, Rekorde oder die Überwindung körperlicher Grenzen ging.
Ihre eigentliche Triebkraft ist die Neugier – auf die Unterwasserwelt, auf unbekannte Orte und auf die Frage, was ein Mensch mit seinen eigenen Fähigkeiten erreichen kann. In ihrem Buch „Es ist nie nichts“ geht es deshalb auch um einen besonderen Blick auf die Welt: um die Fähigkeit, selbst in unscheinbaren Momenten etwas zu entdecken, Ungewissheit auszuhalten und Herausforderungen in kleinen Schritten zu begegnen.
Im Interview erzählt Anna von Boetticher, wie sie den Atemreiz beim Apnoetauchen beherrscht, wo für sie Mut in Leichtsinn übergeht und weshalb mentale Stärke ebenso aus Erfahrung wie aus der Bereitschaft entsteht, die eigenen Grenzen realistisch einzuschätzen. Sie spricht über Begegnungen mit der Natur, unerwartete Wendungen auf Reisen, ihre Arbeit für die Dokumentarreihe Waterwoman und darüber, was sie heute immer wieder ins Unbekannte aufbrechen lässt.

Exklusives Interview mit Apnoetaucherin und Autorin Anna von Boetticher
Annett Conrad: Sie waren 17 Jahre alt, als Sie Ihren ersten Tauchschein machten. Dass Sie später zu einer der erfolgreichsten deutschen Apnoetaucherinnen werden würden, war damals sicher nicht absehbar. Was hat Sie am Tauchen von Anfang an so fasziniert und wann wurde daraus eine echte Lebensaufgabe?
Anna von Boetticher: Schon als Kind hatte ich eine große Sehnsucht danach, die unbekannten Weiten unserer Welt zu entdecken. Mit einer Taucherbrille konnten ich und meine Brüder uns Dinge ansehen, die sonst verborgen waren. Das hat auf mich eine große Faszination ausgeübt. Ich wollte immer und überall unter die Oberfläche gucken und wie Jacques Cousteau die Tiefen der Meere erkunden. Ich wurde Tauchlehrer und arbeitete als Guide, wenn ich Zeit hatte, denn so finanzierte sich das Tauchen selbst – dabei hatte ich nie vor, davon zu leben. Den Weg ins Apnoetauchen fand ich, weil ich mich immer weiterentwickeln und meine Fähigkeiten ausbauen wollte. Ich war fasziniert, hatte aber keine Ambitionen, daraus eine berufliche Laufbahn zu machen. Ich wollte einfach nur tauchen, für mich, aus Leidenschaft – wenn auch auf einem hohen, professionellen Niveau. Selbst als ich schon Rekorde aufgestellt und Medaillen geholt hatte, kam es mir nicht in den Sinn, mit dem Sport Geld zu verdienen. Erst als ich anfing, mit den Tauchern der Marine zusammenzuarbeiten, nahm das berufliche Drumherum um das Tauchen so viel Zeit ein, dass daraus nach und nach mein Lebensunterhalt geworden ist.
Annett Conrad: 2007 haben Sie Ihren ersten Apnoe-Workshop besucht, kurze Zeit später stellten Sie bereits deutsche Rekorde auf. Sie sind bis auf 81 Meter Tiefe getaucht und haben 34 deutsche Rekorde aufgestellt. Was musste sich in Ihnen verändern, um Leistungen zu erreichen, die für die meisten Menschen jenseits ihrer Vorstellungskraft liegen? Und was haben Sie dabei über Ihre eigenen Grenzen gelernt?

Anna von Boetticher: In mir musste sich nichts verändern, denn die Tiefen der Meere auf die verschiedensten Weisen zu entdecken, war schon lange eine Leidenschaft, die ich verfolgte. Diesen Weg mit nur einem Atemzug zu gehen, war nur eine andere Variante davon. Die mentale Stärke, die man für das Tauchgänge an der Spitze des Sports braucht und die Fähigkeit, mich selbst und die jeweilige Situation einzuschätzen und Risiken abzuwägen, brachte ich bereits mit, da das tiefe technische Tauchen, von dem ich kam, in Wahrheit viel komplexer und schwieriger ist als das Apnoetauchen. Ich war es also bereits gewöhnt, unter Wasser in allen Situationen die Ruhe und den Überblick zu behalten und auch mit Problemen umzugehen. Das war sicher einer der Gründe, warum ich im Apnoesport schnell erfolgreich sein konnte.
Ich konnte im Apnoetauchen meine eigenen Fähigkeiten noch weiter entwickeln und meine Grenzen ausdehnen – vom reinen technischen Wissen und der Erfahrung der Tiefe aus dem Gerätetauchen hin zu einer großen körperlichen Leistungsfähigkeit. Es war sehr spannend dabei zu erleben, wie sehr sich ein Mensch an die extremen Orte unserer Erde anpassen kann – in Bezug auf Apnoetauchen an große Tiefe, mit nur einem Atemzug. Dorthin zu kommen braucht Zeit und Training, aber es ist viel mehr möglich, als man denkt. Faszinierend!
Annett Conrad: Apnoetauchen bedeutet, sich bewusst in eine Situation zu begeben, in der der Körper irgendwann nach Luft verlangt. Wie trainiert man den Kopf dafür, diesen sehr elementaren Fluchtimpuls auszuhalten? Was bedeutet mentale Stärke für Sie und wo endet Mut und beginnt Leichtsinn?
Anna von Boetticher: Das brennende Bedürfnis zu atmen kennen wir alle, denn jeder Mensch hat irgendwann einmal ausprobiert, wie lange er die Luft anhalten kann. Als Apnoetaucher lernt man es richtig zu lesen. Tatsächlich wird der Atemreiz nicht vom fehlenden Sauerstoff ausgelöst, sondern vom steigenden CO2-Spiegel im Blut. Wenn der Impuls zum Atmen kommt, hat man noch jede Menge Sauerstoff zur Verfügung und kann, je nach Trainingszustand und natürlicher Veranlagung, noch Minuten lang ausharren. Um ein Beispiel zu geben: ich habe einmal, bei einer WM, 6 Minuten 12 Sekunden die Luft angehalten, damals ein deutscher Rekord. Dabei kam der Atemreiz bei zirka 2 Minuten 45 Sekunden. Man sieht: da ist noch viel Zeit! Das Gefühl, dass man gleich stirbt wenn man nicht Luft holt, ist also eine Art Fehlalarm. Apnoetaucher lernen, den Atemreiz einzuordnen und ihn auszuhalten – schön ist das nicht, aber man gewöhnt sich daran. Es ist eben auch Sport. Insofern hat man das Gefühl nicht, flüchten zu müssen, weil das Bedürfnis zum Atmen einsetzt.
Manche Apnoetaucher kennen allerdings durchaus den Moment der Angst in der Tiefe, wenn ihnen auf einmal klar wird, wie weit sie von der Oberfläche entfernt sind. Dann fällt es ihnen schwer, nicht nach oben zu sprinten. Um das zu vermeiden, dehnen wir unsere Tauchgänge in sehr kleinen Schritten aus – 2 bis 3 Meter tiefer, später sogar nur einen Meter. Man erlaubt dem Geist, sich an die Tiefe zu gewöhnen. Ich persönlich hatte nie Angst in der Tiefe und nie das Gefühl, flüchten zu müssen, denn ich war schon als Gerätetaucher so oft weit unten im Meer, dass sich mein Unterbewusstsein bereits daran gewöhnt hatte, dort zu sein. Mit körperlichen und mentalen Grenzen gut umzugehen, gehört für mich dazu – einfach brachial irgendwelchen Tiefen nachzujagen, ist aus meiner Sicht Unsinn. Doch am Ende muss jeder für sich entscheiden, wie er eine Sache angehen will und was seine Motivation dabei ist.
Annett Conrad: Sie haben sich irgendwann vom Gedanken verabschiedet, die Welt allein in Metern und Minuten zu messen. Heute geht es Ihnen um Entdeckung, Begegnungen und besondere Augenblicke. Wann und wodurch hat sich dieser Blick auf das Tauchen verändert?
Anna von Boetticher: Der Apnoesport und die sportlichen Erfolge waren ja nur ein Teil meines Weges im Tauchen. Der Wunsch, die Unterwasserwelt zu entdecken und zu erleben war immer die Motivation, die allem zugrunde lag – selbst bei Wettkampf- und Rekordtauchgängen habe ich jedes Mal intensive Eindrücke mitgenommen. Ich hatte Spaß daran, herauszufinden wie weit ich in meinem persönlichen Rahmen kommen kann, aber die sportliche Leistung war nur ein kleiner Teil meines Erlebnisses bei einem Tauchgang. Als ich anfing, an der Ausbildung von Berufstauchern wie Marine, Polizei und Feuerwehrtauchern mitzuhelfen, musste ich mich entscheiden und konnte nicht mehr so viel Zeit in das Training für Wettkämpfe investieren. Auch dadurch hat sich mein Fokus nach und nach wieder vermehrt auf das reine Entdecken verlegt – dabei durchaus auch auf extreme Abenteuer. Ab und zu werde ich aber immer wieder mal an einem Wettkampf teilnehmen, denn es macht mir immer noch großen Spaß!
Annett Conrad: Ihr neues Buch trägt den Titel „Es ist nie nichts“. Was zunächst wie ein kleiner Satz klingt, ist bei Ihnen zu einer Art Lebensmotto geworden. Was bedeutet dieser Satz für Sie persönlich, warum lohnt es sich, genauer auf das vermeintlich Unspektakuläre zu schauen?
Anna von Boetticher: Tatsächlich ist das ein Satz, der schon immer beschreibt, wie ich über die Welt um mich herum denke. Er hat sich noch einmal verstärkt, als jemand zu mir sagte „Ach, dann habt ihr wieder nichts gesehen“, als wir einmal von einem Tag Suche nach einer bestimmten Situation mit Haien zurückkamen. Damals dachte ich, wieso nichts – was heißt da nichts? Nur, weil wir keine Haie gefunden hatten, hieß das ja noch lange nicht, dass da „nichts“ war. Ich hatte den Sonnenaufgang über dem Atlantik gesehen, das spiegelglatte Meer, auf dem die großen Wasservögel sich ausruhten und mit meinen Freunden einen Kaffee aus der Thermoskanne geteilt, in einem kleinen Boot weit draußen vor der Azoreninsel Pico. War das Nichts? Für mich ist es wichtig, die Verantwortung für den Blick zu übernehmen, mit dem ich durch die Welt gehe. Es ist nicht an meiner Umgebung, mir Eindrücke zu liefern, sondern an mir, sie mit offenen Augen zu sehen und die vielen Nuancen wahrzunehmen, die es überall gibt. Wer den Willen in sich trägt, sich über die Welt zu freuen und sich von ihr faszinieren zu lassen, egal wo und unter welchen Umständen, dem wird nie langweilig und ein Tag ist selten nur trist.

Annett Conrad: In Ihrem Buch nehmen Sie die Leser mit unter das Eis Grönlands, in die Cenoten Mexikos und in die Arktis. Hier entstehen Gedanken über Resilienz, Gelassenheit und den Umgang mit dem Unplanbaren. Gibt es eine konkrete Situation auf einer dieser Reisen, in der Sie selbst erfahren haben, dass man Ungewissheit nicht immer beherrschen, aber lernen kann, mit ihr umzugehen?
Anna von Boetticher: Wer viel unterwegs ist, wird schnell erleben, dass das Leben oft seine eigenen Pläne hat. Das fängt bei Mietautos an, die liegen bleiben und bei Hotels, die eine Buchung oft nicht richtig verstanden haben. Man trainiert, sich in solchen Situationen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und schnell neue Wege zu suchen. Als wir für den Dreh der NDR-Dokureihe „Waterwoman“ in Island waren, hatten wir drei Drehtage für die kleine Insel Grimsey eingeplant, die am Polarkreis liegt. Wir fuhren zehn Stunden in den Norden, um von dort aus die Fähre nach Grimsey zu nehmen – nur um festzustellen, dass Sturm herrschte und die Fähre bei acht Meter Wellengang nicht ablegen konnte. Für Tage nicht. Wir verarbeiteten die Enttäuschung bei einem Kaffee in einer Tankstelle, fuhren zehn Stunden wieder zurück in den Süden und drehten eine besonders schöne Geschichte auf einem Gletscher, die ich sofort als Idee im Kopf hatte – den Guide organisierte ich am Handy während der Fahrt. Es war eines unserer eindrucksvollsten Erlebnisse auf dieser Reise.
Wenn man bei extremen Abenteuern die Auseinandersetzung mit der Natur und den Elementen sucht, muss man wissen, dass immer etwas Unvorhergesehenes passieren kann und vor allem mental in der Lage sein, die Ruhe zu bewahren, wenn es schwierig wird. Das ist auch für viele meiner Unternehmungen, bei denen ich die Grenzen des Machbaren verschiebe, essentiell wichtig. Diese Fähigkeit habe ich über viele kleine Schritte in drei Jahrzehnten von Erfahrung ausgebaut. Sie gehört zu den wichtigsten Grundlagen, die ich brauche, um unter Wasser neue Wege zu gehen.
Annett Conrad: Mit „Waterwoman“ haben Sie Ihre Faszination für die Unterwasserwelt einem großen Publikum zugänglich gemacht; nun arbeiten Sie an einem Dokumentarfilm über die Welt unter dem Eis in Grönland. Was können Bilder und Film erzählen, was ein Buch nicht vermag?
Anna von Boetticher: Ein Buch kann gut erzählen, was in meinem Inneren vor sich geht, wenn ich etwas intensiv erlebe. Das können Bilder nur begrenzt – sie zeigen zum Beispiel nicht, ob meine Muskeln gerade brennen oder ob ich den Atemreiz bereits spüre. Was Bilder aber sehr gut können ist, die Verbindung des Menschen zu der Umgebung zu zeigen, in der ich mich gerade befinde. Wenn sie richtig gut sind, dann fangen sie auch den emotionalen Moment ein, den ich erlebe. Sie erlauben dem Betrachter, mit mir dort zu sein. Die Geschichten von der unvorstellbar wundersamen Unterwasserwelt so zu erzählen, dass man als Betrachter das Gefühl hat, sie mit mir entdecken zu können, auch wenn man selbst nicht taucht – darum geht es mir.
Annett Conrad: Wenn man Ihre Geschichte betrachtet, scheint Neugier eine ebenso starke Antriebskraft zu sein wie der Wunsch, Grenzen auszuloten. Was treibt Sie heute an, immer wieder ins Unbekannte aufzubrechen?
Anna von Boetticher: Es gibt so Vieles zu entdecken und so viel zu sehen. Wie schön ist das! Man muss noch nicht einmal an ferne Orte reisen, um die Welt auf viele verschiedene Weisen zu erleben. Wer einmal mit der Taucher- oder Schwimmbrille in einem See unter die Oberfläche geguckt hat, weiß, dass es ist, als würde man durch ein Fenster in ein anderes Universum blicken. Jeder von uns kann Tiere in seiner direkten Umgebung beobachten, an denen wir oft einfach vorbei laufen. Die Neugierde hört nie auf, sie gehört zu einer grundlegenden Weise, der Welt zu begegnen, die für mich wichtig ist und die mir große Freude macht. Dabei mag ich es, herauszufinden, wie ich selbst als kleiner Mensch in diese Welt passe – ob unter dem Eis in Grönland, in einer wilden Großstadt, in der ich mich zurechtfinden muss, oder in den Bergen vor meiner Haustür in meiner zweiten Heimat in Frankreich. Es muss dabei nicht immer extrem sein, aber ich habe großes Interesse daran, auch die Orte zu erkunden, die nicht auf den ersten Blick anziehend sind. Ich mag es, sie zu entschlüsseln, ihre verborgene Schönheit zu entdecken und dabei all meine Fähigkeiten und meine Erfahrung einzusetzen.

Annett Conrad: Und welchen Gedanken oder Impuls würden Sie Menschen mitgeben, die selbst vor einer Herausforderung stehen und vielleicht glauben, dafür nicht mutig oder stark genug zu sein?
Anna von Boetticher: Ich denke, für viele von uns ist das Problem, dass wir dazu neigen, immer gleich in Superlativen zu denken. Wir sehen einen Olympiasieger oder Extremsportler und sagen uns: Das könnte ich nie! Natürlich können wir nicht alle Goldmedaillen im Schwimmen holen oder Marathons in zwei Stunden laufen. Aber jeder von uns kann schwimmen lernen, und jeder von uns kann eine Minute laufen, später zwei, und so weiter. Was für mich zählt, ist die Frage, was ich mit meinen Möglichkeiten – körperlich, finanziell, zeitlich usw – wohl erreichen und erleben kann. Das Schöne daran ist, dass jeder kleine Schritt von diesem Ausgangspunkt aus gesehen einer nach vorne ist – und damit ein Erfolg. Das macht Freude! Wer eine Herausforderung so betrachtet, wird in jedem Fall dabei etwas gewinnen, egal, wie weit er am Ende kommt. Also: nur Mut zum ersten, winzigen Schritt – und nur Mut dazu, in etwas erst mal richtig schlecht zu sein – es ist egal! Am Ende gewinnt man immer etwas dazu: denn das Leben besteht nun mal aus vielen kleinen Erfahrungen.
Vielen Dank an Anna von Boetticher für die interessanten Antworten. Für weitere spannende Eindrücke der Unterwasserwelt aus Sicht der Autorin sind in unserer Rezension ihres Buchs „Es ist nie nicht“ zu entdecken.

Hinweis der Redaktion: Die in diesem Interview geäußerten Aussagen, Einschätzungen und Meinungen geben die persönlichen Ansichten des Interviewpartners wieder. Die Redaktion macht sich diese nicht zu eigen. Für die inhaltliche Richtigkeit der Angaben ist der Interviewpartner verantwortlich.



























































