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Im Mittelburgenland ist Blaufränkisch weit mehr als nur irgendeine Rebsorte. Für Michael Kerschbaum ist er sogar ein Stück Heimat, das Boden, Klima und Geschichte in sich trägt.

Auf den schweren, eisenhaltigen Lehmböden rund um Horitschon entstehen Weine, die ihre Herkunft mit Würze, Struktur und Tiefe zeigen. Doch Kerschbaums Verständnis von Qualität hat sich verändert: Wo früher Kraft und Konzentration stärker im Mittelpunkt standen, geht es heute um Feinheit, Präzision und Balance.

Besonders deutlich wird dieser Wandel beim Blaufränkisch „X“. Seit 2015 lässt Kerschbaum den Wein zehn Jahre reifen, bevor er ihn freigibt. Das ist eine bewusste Entscheidung gegen die zunehmende Beschleunigung des Weinkonsums. Der zweite Jahrgang erscheint nun in einer limitierten Auflage von 3000 Flaschen. Die lange Reifezeit soll zeigen, welches Entwicklungspotenzial in einem großen Blaufränkisch aus Horitschon steckt.

Im Interview erzählt der Inhaber und Chefönologe des gleichnamigen Weinguts, welches Mitglied bei im Verband Blaufränkischland und der Rennomierte Weingüter Burgenland ist, warum Geduld für ihn heute ein Qualitätsmerkmal ist, wie der Klimawandel den Weinbau im Mittelburgenland verändert und weshalb Nachhaltigkeit für ihn dort beginnt, wo sie unbequem wird. Er spricht über den Einfluss seines Vaters Paul, über den eigenen Weg innerhalb der Familientradition und über die Frage, welchen Stellenwert Wein künftig haben sollte: als Genussmittel, Kulturgut und Ausdruck einer besonderen Herkunft.

Ein Weingut ist stets eine Familienangelgenheit, wie auch bei Micheal und Stephanie Kerschbaum / © Foto: Elke Mayr

Exklusives Interview mit Winzer Michael Kerschbaum, seit 2009 Inhaber des gleichnamigen Weinguts im Burgenland

Annett Conrad: Herr Kerschbaum, Blaufränkisch gilt für Sie als „ehrlichster Ausdruck unserer Herkunft“. Was erzählt der Blaufränkisch aus Horitschon über seine Heimat, das andere Rebsorten nicht können?

Michael Kerschbaum: Blaufränkisch kann unsere Herkunft besonders präzise übersetzen. Auf den schweren, eisenhaltigen Lehmböden rund um Horitschon entstehen Weine mit einer unverwechselbaren Würze, einer klaren Struktur und Tiefe. Dabei geht es nicht nur um Kraft, sondern vor allem um Spannung, Geradlinigkeit und Charakter. Blaufränkisch reagiert sehr sensibel auf den Boden, das Klima und die jeweilige Lage. Genau deshalb erzählt er so unmittelbar davon, wo er gewachsen ist. Für mich ist er der ehrlichste Ausdruck unserer Heimat, weil er nichts beschönigt und weil große Blaufränkisch-Weine nicht laut sein müssen, um lange in Erinnerung zu bleiben.

Annett Conrad: Mit dem Blaufränkisch „X“ haben Sie 2015 ein ungewöhnliches Projekt gestartet: zehn Jahre Reifezeit, bevor der Wein überhaupt auf den Markt kommt. Was hat Sie damals dazu bewogen, so viel Geduld in einen Wein zu investieren?

Michael Kerschbaum: Ich bin überzeugt, dass viele Spitzenweine zu jung getrunken werden. Sie kommen auf den Markt, werden verkostet und oft bereits geöffnet, bevor sie ihr eigentliches Potenzial zeigen können. Beim Blaufränkisch X wollte ich deshalb bewusst einen neuen Weg gehen. Der Wein sollte nicht nur für eine lange Reife geschaffen werden, ich wollte ihm diese Zeit auch tatsächlich geben. Deshalb reifte er nach der zweijährigen Fasslagerung für weitere acht Jahre auf der Flasche bei uns im Weingut. Das X steht für genau diese zehn Jahre Geduld. Mein Ziel ist es, einen großen Blaufränkisch erst dann freizugeben, wenn er bereits eine besondere Trinkreife erreicht hat, aber gleichzeitig noch viele Jahre Entwicklung vor sich hat.

Das Projekt X startete 2015 / © Foto: Elke Mayr

Annett Conrad: Der zweite Jahrgang des „X“ kommt nun in limitierter Auflage von 3000 Flaschen auf den Markt. Hat sich Ihre Vorstellung davon, was dieser Wein einmal werden soll, in den vergangenen zehn Jahren verändert?

Michael Kerschbaum: Die Grundidee ist dieselbe geblieben! Der X soll zeigen, welches Reifepotenzial in einem großen Blaufränkisch aus Horitschon steckt. Verändert hat sich allerdings mein eigener Blick auf den Wein. Vor zehn Jahren standen vielleicht noch stärker Konzentration, Kraft und Ausbau im Vordergrund. Heute interessieren mich Feinheit, Präzision und die erkennbare Herkunft noch mehr. Der X soll kein monumentaler Wein sein, der durch Lautstärke beeindruckt. Er soll Tiefe und Substanz besitzen, aber gleichzeitig elegant, geradlinig und lebendig bleiben. Die lange Reifezeit bestätigt für mich, dass Geduld nicht nur zusätzliche Aromen hervorbringt, sondern dem Wein vor allem Ruhe, Harmonie und Ausdruck verleiht.

Annett Conrad: Sie sagen, dass Rotweine häufig zu früh getrunken werden. Ist der „X“ damit auch eine Art Gegenentwurf zu einer Weinkultur, in der vieles immer schneller verfügbar sein muss?

Michael Kerschbaum: Ja, durchaus. Wir leben in einer Zeit, in der fast alles sofort verfügbar sein soll. Wein folgt aber einem anderen Rhythmus. Man kann seine Entwicklung begleiten und unterstützen, aber man kann sie nicht beliebig beschleunigen. Der X ist deshalb auch ein bewusstes Bekenntnis zur Langsamkeit. Als Winzer übernehme ich die Geduld für unsere Kunden und bringe den Wein erst dann auf den Markt, wenn ich ihn für bereit halte. Das ist wirtschaftlich nicht immer der einfachste Weg, aber es entspricht meinem Qualitätsverständnis. Manche Dinge gewinnen erst durch Zeit an Wert, nicht nur geschmacklich, sondern auch emotional. Genau diese Erfahrung möchte ich mit dem X vermitteln.

Annett Conrad: Ihr Stil hat sich von früher eher kraftvollen, im neuen Barrique ausgebauten Weinen hin zu mehr Feinheit, Geradlinigkeit und Herkunftstypizität entwickelt. Was bedeutet Qualität für Sie heute?

Michael Kerschbaum: Qualität bedeutet für mich heute nicht mehr maximale Kraft oder möglichst viel von allem. Ein großer Wein muss nicht laut sein. Er braucht Tiefe, Spannung und Länge, gleichzeitig aber auch Eleganz und Trinkfluss. Vor allem muss er seine Herkunft erkennen lassen. Das Holz darf einen Wein begleiten und ihm Struktur geben, aber es soll ihn nicht überdecken. Diese Entwicklung war kein radikaler Bruch, sondern ein Prozess. Mit zunehmender Erfahrung lernt man, genauer hinzuhören und weniger einzugreifen.

Ein Blick ins Fasslager des Weinguts / © Foto: Weingut Kerschbaum

Annett Conrad: Das Klima im Mittelburgenland verändert sich: weniger Niederschlag und mehr Hitze stellen den Weinbau vor neue Herausforderungen. Welche Entscheidungen müssen Winzer heute treffen, damit ihre Weine auch in Zukunft Frische und Balance behalten?

Michael Kerschbaum: Viele entscheidende Maßnahmen beginnen lange vor der Lese. Wir müssen unsere Böden so bewirtschaften, dass sie Wasser besser aufnehmen und möglichst lange speichern können. Begrünung, Humusaufbau und eine schonende Bearbeitung spielen dabei eine zentrale Rolle. Gleichzeitig wird das Laubmanagement immer wichtiger. Die Trauben brauchen Luft und Licht, dürfen der intensiven Sonne aber nicht schutzlos ausgesetzt sein. Auch der richtige Lesezeitpunkt ist entscheidend. Wer nur auf möglichst hohe Reife wartet, verliert schnell Frische und Balance. In Zukunft wird es noch stärker darum gehen, jeden Weingarten individuell zu verstehen und frühzeitig zu reagieren. Patentrezepte gibt es nicht, dafür unterscheiden sich Böden, Lagen und Jahrgänge zu stark.

Annett Conrad: Ihr Weingut arbeitet seit 2023 nachhaltig zertifiziert, verzichtet auf künstliche Bewässerung und setzt unter anderem auf Begrünung und gezieltes Laubmanagement. Wo beginnt für Sie verantwortungsvoller Weinbau und wo darf Verantwortung auch unbequem werden?

Michael Kerschbaum: Verantwortung beginnt für mich mit dem Bewusstsein, dass wir unsere Böden nicht besitzen, sondern für die nächste Generation bewahren müssen. Nachhaltigkeit darf deshalb nicht nur ein Zertifikat oder ein Begriff in der Kommunikation sein. Sie muss sich in den täglichen Entscheidungen zeigen! Beim Pflanzenschutz, bei der Bodenbearbeitung, beim Energieeinsatz und im Umgang mit Wasser und unseren Ressourcen. Der Verzicht auf künstliche Bewässerung zwingt uns etwa dazu, intensiv an der Bodenstruktur, der Begrünung und dem Humusaufbau zu arbeiten. Verantwortung wird dort unbequem, wo sie mehr Arbeit verursacht, höhere Kosten bedeutet oder kurzfristig weniger Ertrag bringt. Genau an diesem Punkt zeigt sich aber, wie ernst man es tatsächlich meint.

Im Weinberg hört die Natur nicht auf / © Foto: Weingut Kerschbaum

Annett Conrad: Gleichzeitig sinkt der Weinkonsum. Das spüren der Handel sowie die Gastronomie. Wie verändert diese Entwicklung Ihren Blick auf die Zukunft des Weinbaus: Muss Wein wieder stärker zum besonderen Genuss werden, statt alltägliches Konsumgut zu sein?

Michael Kerschbaum: Der sinkende Konsum ist eine Herausforderung für die gesamte Branche. Ich glaube aber nicht, dass die Antwort darin liegen kann, Wein immer billiger oder beliebiger zu machen. Wenn insgesamt weniger getrunken wird, muss die Qualität des einzelnen Erlebnisses wichtiger werden. Wein sollte wieder bewusster ausgewählt, geteilt und genossen werden. Darin liegt auch eine Chance für Herkunftsweine! Sie erzählen von einem Ort, einem Jahrgang und von den Menschen, die dahinterstehen. Wir müssen diesen Wert verständlich vermitteln, ohne belehrend zu wirken. Die Zukunft liegt für mich nicht im schnellen Konsum, sondern in Weinen mit klarer Herkunft, nachvollziehbarer Qualität und einem echten Anlass zum Genießen.

Annett Conrad: Ihr Vater Paul hat den Blaufränkisch im Mittelburgenland entscheidend mitgeprägt, Sie haben Ihren eigenen Stil entwickelt. Wie viel Tradition braucht Veränderung? Muss man den Mut haben, mit der eigenen Familiengeschichte ein Stück weit zu brechen?

Michael Kerschbaum: Ohne die Arbeit meines Vaters wäre unser Weingut heute nicht dort, wo es steht. Er hat früh an das Potenzial des Blaufränkisch und unserer Region geglaubt und mit großem Mut Qualitätsmaßstäbe gesetzt. Diese Haltung prägt mich bis heute. Tradition bedeutet für mich aber nicht, alles unverändert fortzuführen. Sie gibt einem ein Fundament, auf dem man etwas Eigenes entwickeln kann. Jede Generation arbeitet unter anderen Bedingungen und muss deshalb auch eigene Antworten finden. Mein Stil ist heute feiner, geradliniger und stärker von der Herkunft geprägt. Darin sehe ich keinen Bruch mit der Familiengeschichte, sondern ihre Weiterentwicklung. Entscheidend ist, dieselbe Konsequenz und Verantwortung zu bewahren, auch wenn sich der Weg dorthin verändert.

Vater und Sohn – Paul und Michael Kerschbaum / © Foto: Elke Mayr

Annett Conrad: Wenn Sie zehn oder zwanzig Jahre nach vorne schauen: Welchen Wein wollen wir in Zukunft eigentlich machen und trinken?

Michael Kerschbaum: Ich wünsche mir Weine mit einer klaren Identität! Weine, die nicht überall entstehen könnten und nicht jedem kurzfristigen Trend folgen. Sie sollen ihre Herkunft zeigen, ausgewogen sein und sich gut entwickeln können. Gerade angesichts des Klimawandels werden Frische, Balance und ein maßvoller Alkoholgehalt noch wichtiger. Gleichzeitig müssen wir Wein wieder stärker als wertvolles Kulturgut begreifen. Mein Ziel bleibt, Blaufränkisch mit Substanz, Würze und Tiefe zu erzeugen, aber immer mit Eleganz und ohne unnötige Lautstärke. Einen Wein, der heute Freude macht und auch nach vielen Jahren noch etwas zu erzählen hat.

Vielen Dank an Michael Kerschbaum für die aufschlussreichen Antworten.

FrontRowSociety-Herausgeberin Annett Conrad führte das Interview mit Michael Kerschbaum im August 2026. 

Weitere Informationen

Weingut Kerschbaum
Hauptstraße 111
7312 Horitschon / Burgenland / Österreich

 

Hinweis der Redaktion: Die in diesem Interview geäußerten Aussagen, Einschätzungen und Meinungen geben die persönlichen Ansichten des Interviewpartners wieder. Die Redaktion macht sich diese nicht zu eigen. Für die inhaltliche Richtigkeit der Angaben ist der Interviewpartner verantwortlich.