Wenn man lange genug in traditionellen Weinregionen unterwegs ist, gewöhnt man sich an das Bild der Reben in Reih und Glied, ordentlich gezähmt, fast militärisch ausgerichtet. Ich habe unzählige solcher Weinberge gesehen, als Reporterin, Besucherin, Weinliebhaberin.
Doch ein Spaziergang im Sommer hat meine Wahrnehmung radikal verändert – ein Erlebnis, das mich bis ins Herz der Delinat-Methode und zu den Pionieren der PIWI-Rebsorten führen sollte.

Es war auf dem Weingut Wohlgemuth-Schnürr in Rheinhessen, einem Betrieb, der in der zweiten Generation mit PIWI (pilzwiderstandsfähig) arbeitet. Zwischen Hecken, blühenden Wiesen, knorrigen Bäumen und summenden Insekten wurde mir klar: Ein Weinberg kann lebendig sein – nicht nur im übertragenen Sinn, sondern buchstäblich. Dieser Kontrast zu den kahlen, brachliegenden Böden vieler konventioneller Rebflächen war ernüchternd und inspirierend zugleich. Ich erkannte, dass ein Ökosystem „Weinberg“ nur gedeihen kann, wenn man die Natur nicht bekämpft, sondern in Symbiose mit ihr arbeitet.

Die Delinat-Methode – Biodiversität als Kernprinzip
Die Delinat-Methode wirkt auf den ersten Blick wie eine romantische Gegenbewegung, doch in ihrer Tiefe ist sie wissenschaftlich fundiert und pragmatisch. Ich erinnere mich an Gespräche mit Winzern, die von den ersten Schritten berichteten: Leguminosen statt Kunstdünger, dauerhafte Begrünung, Blühstreifen, Hecken und sogar kleine Wildniszonen in den Weinbergen. „Es war, als würde man einem Weinberg das Sprechen beibringen“, erzählte mir ein Winzer, und ich verstand sofort, was er meinte.

Karl Schefer, der Gründer von Delinat, hatte 1980 eine Vision: Weinbau ökologisch, nachhaltig und dennoch geschmacklich herausragend zu gestalten. In einer Zeit, in der Pestizide und Monokulturen fast unvermeidbar schienen, setzte er auf „Vielfalt statt Einfalt“ – Biodiversität als Schlüssel für ein ökologisches Gleichgewicht und resiliente Reben. Säen statt Düngen, stand auf einmal im Zentrum, damit Nährstoffe über Symbiosen mit Pilzen aus tieferen Bodenschichten verfügbar werden, Erosion verhindert und Humus aufgebaut werden kann. Und natürlich die richtige Rebsortenwahl: Nur Sorten, die am jeweiligen Standort gedeihen, sichern langfristige Qualität und stabile Erträge.

PIWI-Sorten – robust, zukunftsfähig und überraschend vielseitig
Die eigentliche Revolution des Weinbaus aber zeigt sich in kleinen, unscheinbaren Trauben: PIWI-Sorten. Diese pilzwiderstandsfähigen Rebsorten benötigen deutlich weniger Pflanzenschutzmittel, schonen den Boden und reduzieren Energieeinsatz und CO2-Emissionen. Ich erinnere mich, wie ich bei einem Online-Tasting einen PIWI-Wein probierte: ein Schweizer Landwein namens Koo Kuu Kirschrot vom Weingut Lenz in Iselisberg, aus Leon Millot, Muscat Bleu und Maréchal Foch. Fruchtig, mit schöner Würze und milden Tanninen, ein Wein, der zu hellem Fleisch oder mildem Käse brilliert, und mir die neue Leichtigkeit der PIWI-Weine deutlich machte. Seine Kühle ist eher dem Stil Schweizer Weine geschuldet, als der Rebsorte. Also ist eine klare Definition des Terroirs mit diesen Sorten möglich.

Vom Delinat-Weingut Albet i Noya in Penedès lernte ich den Aventurer 2022 kennen, aus Belat und VB 91-26-26, einer Neuzüchtung, die noch keinen Namen hat. Vier Monate im neuen Barrique gereift, zeigte er intensive Frucht, Tannine, Kräuter, Vanille und feine Noten von Kaffee und Tabak. Ein Wein, der den heißen Süden Spaniens widerspiegelt und zugleich beweist, dass PIWIs auch in Premiumlagen große Ausdruckskraft entwickeln können. Und auch bei ihm sehe ich, das Terroir drückt sich in den Weinen aus, die mit der Natur entstehen und nicht in der Rebsorte.

Schließlich führte mich das Tasting zurück nach Deutschland, nach Rheinhessen, diesmal zu Tobias Zimmer vom Weingut Hirschhof. Jetzt verkoste ich seinen Caphira, ein leichter Sommerwein aus Cabernet Blanc und Saphira, fruchtbetont, leicht zu trinken, mit kräuteriger Würze. Dieser leichte Weiße ist eine perfekte Einführung in die Welt der PIWI-Weine, die zeigt, wie harmonisch sie sich in die bekannten Regionen einfügen lassen.

PIWI-Sorten gibt es schon seit rund 150 Jahren. Ursprünglich wurden europäische Vitis vinifera-Reben mit amerikanischen Wildarten gekreuzt, um Pilzresistenz zu gewinnen. Der Prozess ist langwierig: Über Jahre werden mittels Betäubung, also sexueller Kreuzung, neue Stecklinge gewonnen, selektiert und dann vegetativ vermehrt. Heute arbeitet Delinat eng mit Züchtern wie Valentin Blattner zusammen, experimentiert mit autochthonen Rebsorten in Katalonien und führt Projekte wie VRIAC, um neue, widerstandsfähige Sorten zu entwickeln.

Widerstand und Chancen im Weinbau
Trotz der überzeugenden Vorteile treffen PIWI-Weine immer noch auf Vorbehalte. „Ein PIWI wird niemals ein Grosses Gewächs“, hörte ich einmal von einem traditionellen Rheingauer Winzer und Mitglied im VDP. Doch für mich wird dabei übersehen, dass die Geschichte des Weins nicht nur in Tradition, sondern auch im Mut liegt, Neues auszuprobieren. Klimawandel, extreme Wetterlagen und veränderte Konsumentenerwartungen machen robuste Sorten nötig – und PIWIs bieten die Chance, hochwertigen Wein ökologisch nachhaltig zu erzeugen. Das beweist auch das Traditionsweingut Balthasar Ress in Eltville. Sie haben ihre Rieslinglagen direkt am Rhein gerodet und mit PIWI-Sorten bestückt, und das mit Erfolg.

Besuche bei Winzern zeigen mir, dass die Neugier der Verbraucher wächst. PIWI-Weine, ursprünglich eine Nische, gewinnen langsam Anerkennung, auch weil sie komplexe Aromen und eine eigene Stilistik entwickeln können. Delinat unterstützt dabei, mit gezieltem Marketing Vorurteile abzubauen und gleichzeitig die ökologischen Vorteile hervorzuheben.
Der Weinberg als lebendiges Ökosystem
Für mich ist klar: Weinqualität entsteht nicht trotz, sondern durch Biodiversität. Die Delinat-Methode betrachtet den Weinberg als funktionierendes Ökosystem. Dauerbegrünung, Blühstreifen, Hecken, Wasserstellen und Wildniszonen fördern nicht nur die Artenvielfalt, sondern auch gesunde Reben. Permakultur, Agroforstwirtschaft und regenerative Bodenpflege sind integrale Bestandteile dieser Philosophie. Es geht nicht um Minimalismus im Wein, sondern um maximale Synergie zwischen Natur und Winzerhandwerk.

In dem Moment, wo wir zwischen den Reben stehen, die Insekten summen und die Schmetterlinge fliegen, begreifen wir, dass die Zukunft des Weinbaus hier beginnt, nämlich mit der Vielfalt, die das Potenzial hat, ganze Regionen nachhaltig zu verändern.
Wein erleben, Zukunft verstehen
Die Delinat-Methode gilt als eine ökologische Richtlinie. Doch darüber hinaus ist sie ein lebendiges Konzept, das Wissen, Leidenschaft und Erfahrung zusammenführt. Ob Caphira, Koo Kuu Kirschrot oder Aventurer 2022 – jeder Wein erzählt eine Geschichte, die über Geschmack hinausgeht: über den Schutz der Böden, den Erhalt der Artenvielfalt und die Chancen, die PIWI-Sorten für den Weinbau von morgen bieten.

Vielleicht wird eines Tages ein PIWI als Grosses Gewächs vom VDP Deutschland anerkannt. Aber wichtiger ist: Wein erzählt immer eine Geschichten – immer, überall und in jeder Traube.
Noch mehr Informationen über Delinat und PIWI-Rebsorten gibt es im Interview mit Olivier Geissbühler, seit 2021 Projektmanager für PIWI-Rebsorten bei der Schweizer Firma Delinat.
Der Inhalt dieses redaktionell erstellten Artikels wurde unabhängig verfasst. Die Veröffentlichung wurde durch externe Unterstützung ermöglicht, ohne Einfluss auf die journalistische Ausarbeitung. Es gilt der Redaktionskodex.
Die Redaktion von FrontRowSociety informiert, dass Alkohol verantwortungsvoll genossen werden sollte. Jeder sollte dazu verpflichtet fühlen, Alkohol von Kindern fernzuhalten.




























































