Wer heute durch die Weinberge von Winnica Julo oberhalb der Oder spaziert, sieht zunächst einen jungen Weinberg: Reben auf steilen Terrassen, dahinter der Blick über Szczecin und die Oderlandschaft. Doch dieser Weinberg erzählt eine Geschichte, die viel weiter zurückreicht als bis zu seiner Pflanzung.
Hier wurde schon vor Jahrhunderten Wein angebaut. Aleksandra und Mariusz Ronewicz versuchen nun, diese beinahe vergessene Geschichte wieder zum Leben zu erwecken. „Wir wollen Brücken bauen zwischen Geschichte und Gegenwart“, sagt Aleksandra Ronewicz. Die Künstlerin und ihr Mann haben das Grundstück 2021 gekauft, und heute erstreckt sich ihr Weinberg über knapp einen Hektar. Die Entwicklung ging erstaunlich schnell: 2023 standen zunächst rund 600 Reben auf gerade einmal 1.000 Quadratmetern. 2024 kamen weitere Flächen hinzu, darunter Hänge rund um einen alten Aussichtspunkt. Für die Erweiterung wurden 1.200 historische Reben bestellt. 2025 waren bereits mehr als 3.500 Rebstöcke gepflanzt.

Das Projekt schlägt noch größere Wellen. Denn die Stadt Szczecin führt Julo inzwischen offiziell als Winnica Julo und zeichnete es 2025 mit dem städtischen Zertifikat „Zrobione w Szczecinie“ aus, das lokale Initiativen sichtbar machen soll. Bei Julo ging es dabei ausdrücklich um Weinbau und Enotourismus.
Auf den Spuren eines verschwundenen Weinbergs
Der Name Julo ist dabei selbst ein Stück Geschichte. Er geht auf die frühere Bezeichnung des angrenzenden Waldgebiets zurück. Im 19. Jahrhundert war der Forst Julo ein beliebtes Ausflugsziel mit Restaurants, Spazierwegen und Cafés samt Gärten und Aussicht. Von dem einstigen Forsthaus sind heute nur noch Treppen und Fundamente erhalten.
Noch älter ist die Geschichte des Weinbaus. Auf den Hügeln von Gocław, dem heutigen Stadtteil, wurde bereits seit dem Mittelalter Wein angebaut. Quellen belegen einen Weinberg schon zur Zeit des Herzogtums Pommern. Unter schwedischer Herrschaft wurden im 17. und 18. Jahrhundert Karten angefertigt, auf denen Weinberge und ihre Besitzer eingezeichnet sind.

Genau diese historischen Spuren interessieren die Ronewiczs. Sie haben alte Bücher und Karten ausgewertet und suchen nach Hinweisen darauf, welche Rebsorten einst in Stettin wuchsen. Die schwedischen Karten sind dabei besonders wertvoll, weil sie nicht nur die Weinberge, sondern auch die damaligen Besitzverhältnisse dokumentieren.
Unterstützung bekommen sie von Andreas Jung aus der Pfalz, einem Spezialisten für historische Rebsorten. Gemeinsam versuchen sie herauszufinden, welche der alten Stettiner Sorten heute noch erhalten sind und wo entsprechendes Pflanzenmaterial zu finden ist. Einige ihrer Reben kamen aus Luxemburg und Österreich. Inzwischen gedeihen bei Julo Auxerrois, Elbling, Gewürztraminer, Gutedel, Johanniter, Müller-Thurgau, Pinot Noir, Roter Riesling, Ruländer, Scheurebe, Solaris, Sylvaner, Tauberschwarz und Zweigelt.

Weinbau mit Blick über die Oder
Die Lage ist reizvoll, aber alles andere als bequem. Die Reben stehen an einem Steilhang mit rund 35 Grad Gefälle. Bevor überhaupt gepflanzt werden konnte, mussten Aleksandra und Mariusz Ronewicz die Terrassen selbst anlegen. Mit Spaten und viel körperlicher Arbeit wurde aus dem Hang ein Weinberg. Auch die Erweiterung der Flächen erfolgt weitgehend in Eigenregie.

Geologisch gehört der Standort zur Landschaft der letzten Eiszeit. Sandige und karbonathaltige Böden prägen die Fläche. Dass Weinbau hier überhaupt möglich ist, überrascht vielleicht, doch die lange Vegetationsperiode der Region gilt als eine der Grundlagen für den Weinbau im Unteren Odertal. Noch braucht es Eingriffe von außen, wie uns Aleksandra und Mariusz erzählen, etwa beim Pflanzenschutz und bei der Bewässerung.

Noch ist Julo ein sehr junges Weingut. In diesem Jahr entsteht erstmals eine größere eigene Produktion. Die Ronewiczs machen den Wein zunächst selbst, ohne Kellermeister. Bei unserem Besuch stehen deshalb fünf Weine aus der Pfalz auf dem Tisch: Gemischter Satz, Gelber Kleinberger, Süssschwarz als Blanc de Noir, Grünfränkisch und Franc Pinot. Alles historische Sorten.

Die Verkostung ist eine Art Blick in die Zukunft. Denn genau diese Idee soll auch die Weine von Julo prägen: keine möglichst modischen Rebsorten, sondern Pflanzen, die etwas über die Vergangenheit dieses Ortes erzählen. Ein Gemischter Satz mit zahlreichen historischen Sorten macht diesen Ansatz besonders anschaulich. Und das ist die nächste Brücke: Die Geschichte soll bei Julo also nicht im Archiv bleiben, sondern irgendwann im Glas landen.

Geschichte wird zum Markenzeichen
Auch das Logo der Winnica Julo erzählt diese Geschichte. Aleksandra Ronewicz hat es selbst entworfen. Jahresringe und Holzstruktur erinnern an die Zeit, die Terrassen an den Weinberg. Dazu kommt die Form eines Fingerabdrucks. Alles zusammen steht für einen Weinberg, der buchstäblich mit den Händen entstanden ist. Außerdem wachsen auf dem Grundstück rund 50 alte Apfelsorten. Auch daraus soll künftig ein eigenes Produkt entstehen: Cidre.


Und noch eine weitere Geschichte gehört zu Julo. Das Haus, in dem sich das Weingut befindet, wurde von Hans Bernhard Reichow entworfen. Der Architekt und Stadtplaner war eng mit der Entwicklung Stettins verbunden. Er baute das Haus für sich selbst und berücksichtigte dabei Lage, Aussicht und Sonneneinstrahlung. Die Ronewiczs kauften es zunächst wegen seiner außergewöhnlichen Lage und entdeckten seine Geschichte erst nach und nach.
Seit fünf Jahren arbeiten sie liebevoll an der Renovierung und verbinden die Geschichte des Hauses mit der Geschichte des Stadtteils und der Geschichte des Weinbaus.

Doch Julo versteht sich inzwischen ausdrücklich als Ort für Enotourismus. Bei Verkostungen geht es deshalb nicht allein um den Wein. Die Besucher erfahren etwas über das historische Stettiner Weinbaugebiet, die Geschichte der Villa und die Landschaft an der Oder. Dabei wird die kleine Degustationsstube selbst zur Zeitreise mit all den alten Postkarten, antiken Möbeln und historischen Gegenständen aus Szczecin. Auch der Aussichtspunkt oberhalb der Reben soll erhalten bleiben und öffentlich zugänglich sein. Von dort reicht der Blick über die Oder bis zum Jezioro Dąbie, dem Dammschen See.

Eine Weinregion im Werden
Julo denkt längst über den eigenen Weinberg hinaus. Gemeinsam mit anderen Weingütern beteiligt sich das Projekt an den Bemühungen, das Untere Odertal, Dolina Dolnej Odry, als geschützte geografische Herkunft zu etablieren. Das geplante Gebiet umfasst den Landkreis Gryfino und die Stadt Szczecin. Allerdings ist der Antrag ein längerer formaler Weg und noch längst keine fertige Appellation. Für das Weingut Julo wäre eine solche Herkunftsbezeichnung mehr als ein Eintrag auf dem Etikett. Sie würde die Region als Weinlandschaft sichtbar machen.

Vielleicht ist das überhaupt die interessanteste Idee hinter diesem jungen Weingut: Aleksandra und Mariusz Ronewicz versuchen nicht, Stettin einfach zu einem weiteren europäischen Weinbaugebiet zu machen. Sie suchen vielmehr nach dem, was hier schon einmal vorhanden war. Alte Karten, vergessene Rebsorten, ein verschwundener Name und ein Hügel über der Oder werden zu Bausteinen für etwas Neues. Sie pflanzen Geschichte. Und jetzt, da die ersten eigenen Trauben im Keller ankommen, darf man gespannt sein, wie sie schmeckt.
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