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Mein Weg nach Welzin führt über holprige schmale Straßen, vorbei an Feldern und Wasserarmen in diesem besonderen Licht der Ostsee. Nichts deutet zunächst darauf hin, dass hier Wein entsteht – bis ich vor dem Weingut Welzin stehe. Ein junges Projekt, angesiedelt irgendwo zwischen Experiment und Vision, und doch erstaunlich konsequent umgesetzt.

„Mein Name ist Christoph Kühne-Hellmessen. Wir sind hier auf dem Weingut Welzin, auf der schönen Insel Usedom“, begrüßt mich der Winzer. Viel Pathos liegt nicht in diesem Satz, eher die Selbstverständlichkeit eines Mannes, der lieber anpackt als erzählt.

Ein Bayer auf Usedom: Christoph Kühne-Hellmessen
Ein Bayer auf Usedom: Christoph Kühne-Hellmessen / © Studio Maximilian König/Weingut Welzin

Vom Süden in den Nordosten

Wie Christoph berichtet, beginnt die Geschichte dieses Weinguts nicht an der Ostsee, sondern in Bayern. Nach der Wende zog die Familie in den Nordosten, zunächst aus eher pragmatischen Gründen. Landwirtschaft war immer Teil ihres Lebens; heute bewirtschaftet der Betrieb rund 180 Hektar Ackerland – und das von Anfang an biologisch.

Der Wein kam später, sogar über Umwege. Seit 2012 betreibt Familie Kühne-Hellmessen ein kleines Weingut am Ätna auf Sizilien. Dort entstand die Idee, die heute das Projekt auf Usedom prägt: der Gemischte Satz. Unterschiedliche Rebsorten wachsen gemeinsam auf einer Fläche, werden zusammen gelesen und verarbeitet. Das Ergebnis ist weniger planbar, dafür aber oft komplexer und näher am jeweiligen Jahrgang. Genau jene Erfahrung transportierte Christoph Kühne-Hellmessen nach Usedom. Und sie wurde zur Grundlage eines Projekts, das in dieser Form in Deutschland selten ist.

Ursprünglich wollten Christoph und Cornelia Kühne-Hellmessen den Nachbarhof kaufen, doch dann wurde es dieses gute Stück: das heutige Weingut Welzin / © Petermann/TMV Usedom

Ein echter Ärmelhochkrempler

Bei unserem Gespräch wird schnell klar: Christoph ist keiner, der lange theoretisiert. Wer ihn erlebt, merkt schnell: Hier arbeitet jemand, der Entscheidungen trifft und sie umsetzt. Einer, der sich nicht von Konventionen leiten lässt, sondern von Erfahrung und Neugier. Oder einfacher gesagt: Christoph ist ein echter Ärmelhochkrempler.

Das zeigt sich auch daran, wie das Weingut entstanden ist. Die Rebfläche wurde erst 2021 angelegt: rund ein Hektar mit etwa 4.000 Rebstöcken. Dafür waren Genehmigungen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung notwendig, denn Weinbau ist in dieser Region nach wie vor die Ausnahme. Doch für Christoph war die Entscheidung logisch. Klima, Böden, Lage – all das sprach aus seiner Sicht für den Weinbau.

Zwischen dem Usedomer See und dem Stettiner Haff wird neben der Bio-Landwirtschaft nun auf einem Hektar Weinbau betrieben, ebenfalls biologisch / © Petermann/TMV Usedom

Allerdings unterscheiden sich die Bedingungen auf Usedom deutlich von klassischen Weinregionen. Die Böden sind geologisch jung, geprägt von der letzten Eiszeit: sandiger Lehm, Strandsand, stellenweise schwerer, mooriger Untergrund. Diese Vielfalt auf engem Raum verleiht den Weinen eine markante Mineralität.

„Wir haben hier geologisch die jüngsten Böden Deutschlands, weil hier als allerletztes das Eis weggegangen ist“, sagt Christoph.

Hinzu kommt das besondere Mikroklima der Insel. Viele Sonnenstunden, die Nähe zum Wasser und vor allem der Wind prägen den Standort. Letzterer ist entscheidend: „Wir haben immer leichten Wind … der trocknet alles schnell ab“, erklärt der Bio-Bauer. Er sorgt dafür, dass die Blätter der Reben nach Regen oder Tau schnell abtrocknen – ein natürlicher Schutz gegen Pilzkrankheiten sowie ein entscheidender Standortvorteil.

Weinbau am Rande der Republick - das Weingut Kühne-Hellmessen auf Usedom
Weinbau am Rande der Republik – mit viel Leidenschaft und Handarbeit / © Studio Maximilian König/Weingut Welzin

PIWI-Reben und Gemischter Satz

Die Wahl der Rebsorten ist konsequent. Statt klassischer europäischer Sorten setzt das Weingut auf pilzwiderstandsfähige Reben, sogenannte PIWIs. Diese benötigen deutlich weniger Pflanzenschutz und passen besser zum biologischen Ansatz des Betriebs.

Ergänzt wird das durch den Gemischten Satz. Mehrere Sorten wachsen nebeneinander und gleichen unterschiedliche Witterungsbedingungen aus. Während eine Sorte in einem Jahr schwächelt, kann eine andere ihre Stärken ausspielen. Gleichzeitig entsteht eine größere aromatische Bandbreite. Die Erfahrungen aus Sizilien haben gezeigt, wie sinnvoll dieses Konzept sein kann – besonders unter schwierigen Bedingungen.

Sieben Rebsorten gedeihen gemischt auf einem Hektar Rebfläche: Sauvignac, Muscaris, Solaris, Rinot, Ravel blanc, Soreli und Fleurtai / © Studio Maximilian König/Weingut Welzin

Weinberg & Keller

Der Weinberg ist ein Ort intensiver Handarbeit. Zwar kommen Maschinen zum Einsatz, doch viele Arbeitsschritte erfolgen manuell. Begrünungen mit Kräutermischungen sorgen für Biodiversität und Bodenleben.

Beim Pflanzenschutz geht das Weingut einen eigenen Weg: Im Biobetrieb wird mit Fruchtkalk gearbeitet. „Der macht einen pH-Wert von ungefähr 15 auf der Blattoberfläche … und trocknet diese Mycelien aus“, so Christoph.

Die Weinlese ist dabei ein besonderer Moment im Jahr, wie Tochter Laura und Schwiegertochter Sabrina berichten. Sie erfolgt vollständig von Hand und ist ohne Unterstützung kaum zu bewältigen. Familie, Freunde und Helfer kommen zusammen, um die Trauben zu ernten. Oft entstehen daraus Tage, die eher an ein Treffen mit Familie, Freunden und Wohlgesinnten erinnern als an reine Arbeit.

Laura (2.v.re.) und Sabrina (li.) schwärmen von den intensiven Tagen der Lese als sozialer Event / © Studio Maximilian König/Weingut Welzin

Im Keller setzt sich die Philosophie des Weinguts fort. Vergoren wird ausschließlich spontan, also ohne zugesetzte Industriehefen. Stattdessen wird ein eigener Hefestarter angesetzt und dient als Grundlage für die natürliche Gärung. Christoph beschreibt mir das Verfahren wie folgt: „Wir ernten zehn Tage vor der Lese … machen einen Ansatz … dann hast du sofort die Hefe drin.“

Diese Methode reduziert das Risiko von Fehlgärungen und gibt dem Winzer gleichzeitig mehr Kontrolle. Dennoch bleibt die Spontangärung eine Herausforderung – sie erfordert neben Erfahrung auch ein gutes Gespür für den Prozess.

Um dem Wein mehr Struktur zu verleihen, setzt die Familie Kühne-Hellmessen auf eine kurze Maischestandzeit, meist zwischen drei und fünf Stunden, teilweise ergänzt durch eine längere Standzeit über Nacht. Die Gärung erfolgt im Stahltank, anschließend lagert der Wein mehrere Monate auf der Hefe. Ein Teil wird zudem im Holzfass ausgebaut, bevor die verschiedenen Partien miteinander verschnitten werden.

Den Gemischten Satz Kühn & Hell von der Insel Usedom sollte man nicht unversucht lassen / © Petermann/TMV Usedom

Zwischen Naturwein und Alltagstauglichkeit

Die Weine orientieren sich an Naturwein-Prinzipien, ohne sich dogmatisch daran zu binden. Auf Zusätze wird weitgehend verzichtet, die Arbeit im Keller bleibt minimalinvasiv. Gleichzeitig wird Schwefel gezielt eingesetzt – zur Stabilisierung und um die Gärung zu steuern. Diese pragmatische Haltung zeigt sich auch im Ergebnis: Weine, die Charakter haben, aber nicht experimentell um jeden Preis sind.

Noch ist die Produktion überschaubar. Im Jahr 2023 entstanden etwa 2.000 bis 3.000 Liter Wein, 2024 waren es 7.000 Liter. Die Menge schwankt stark – abhängig von Wetter, Ertrag und Jahrgang.

Neben dem Gemischten Satz wird auch ein Pet Nat hergestellt, der schneller ausverkauft ist, als es Weinfreunden lieb ist / © Petermann/TMV Usedom

In der Vermarktung geht das Weingut eigene Wege. Direktverkauf, Social Media und Kooperationen mit dem Tourismus spielen eine wichtige Rolle. Besucher:innen können spontan vorbeikommen, klingeln und den Wein direkt vor Ort erleben. Zudem sind bereits Kooperationen mit Partnerbetrieben auf Usedom entstanden, etwa mit dem Restaurant Bernstein in Heringsdorf oder dem Steigenberger Grandhotel Heringsdorf; sogar der Sprung ins KaDeWe in Berlin ist gelungen, berichtet Sabrina voller Stolz.

Die Vinothek des Weinguts Welzin ist eine Säule des Vertriebs. Christoph Kühne-Hellmessen (li.) und Schwiegertochter Sabrina (re.) heißen hier jeden Besucher willkommen / © Petermann/TMV Usedom

Doch bei meinem Besuch der Kühne-Hellmessens habe ich den Eindruck, dass das Weingut sich nicht nur als Produzent versteht, sondern auch als Ort der Begegnung – eingebettet in die Landschaft Usedoms.

Ein Projekt mit Perspektive

Das Weingut Kühne-Hellmessen steht exemplarisch für eine neue Form des Weinbaus in Deutschland: unabhängig, experimentierfreudig und von starken Persönlichkeiten geprägt.

Cornelia und Christoph Kühne-Hellmessen packten Anfang der 1990er Jahre ihre Sachen und brachen auf zu einem ambitionierten Projekt. Während Christoph die Bio-Landwirtschaft in Welzin aufbaute, war Cornelia immer als Englisch-Lehrerin tätig / © Studio Maximilian König/Weingut Welzin

Zwischen Ostsee und Ackerbau, zwischen Sizilien und Norddeutschland entsteht hier etwas Eigenständiges. Kein klassisches Weingut, sondern ein Projekt im besten Sinne – offen für Entwicklungen, geprägt von Familie und getragen von der Überzeugung, dass guter Wein vor allem eines braucht: Menschen, die ihn machen wollen. Und jemanden, der einfach anfängt.

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