Mit ihrem Weingut auf Usedom zählt die Familie Kühne-Hellmessen zu den Pionieren des deutschen Küstenweinbaus. Christoph Kühne-Hellmessen verwirklichte 2019 seine Vision, auf der Ostseeinsel Wein anzubauen. Ein sehr mutige Entscheidung, da Usedom so gar keine klassische Weinregion ist.
Gemeinsam mit seiner Frau Cornelia sowie seinen Kindern entstand daraus ein außergewöhnliches Familienprojekt, das Landwirtschaft, Gastfreundschaft und nachhaltiges Denken miteinander verbindet.
Im Interview sprechen Christoph Kühne-Hellmessen, Cornelia Kühne-Hellmessen und Schwiegertochter Sabrina Steeb über die Anfänge ihres Weinguts, die besonderen klimatischen Bedingungen Usedoms und ihre Erfahrungen mit Bio-Landwirtschaft und ökologischem Weinbau. Sie erzählen von pilzwiderstandsfähigen Rebsorten, spontaner Gärung und der Idee hinter ihrem Wein „KÜHN&HELL“. Gleichzeitig wird deutlich, wie eng Tradition, Innovation und familiärer Zusammenhalt auf dem Hof miteinander verbunden sind und welche Zukunftschancen sie für den Weinbau im Nordosten Deutschlands sehen.

Exklusiv-Interview mit Christoph Kühne-Hellmessen, Inhaber des Weinguts Welzin auf Usedom
Annett Conrad: Herr Kühne-Hellmessen, Sie sind Anfang der 1990er Jahre nach Usedom gekommen – wann entstand erstmals die Idee, ausgerechnet hier Wein anzubauen?
Christoph Kühne-Hellmessen: Die jetzige Rebfläche war verpachtet, aber ich war mit der Bewirtschaftung total unzufrieden und habe dann überlegt, was ich mit dem Stück Land direkt am Hof machen könnte. Nachdem wir schon ein paar Jahre Erfahrung mit Weinbau auf Sizilien gesammelt hatten, habe ich gedacht, das geht hier auch und habe dann Anfang 2019 bei der BLE einen Antrag auf Genehmigung einer Neuanpflanzung gestellt.
Annett Conrad: Ihr Weingut gilt als das nordöstlichste Deutschlands – was reizt Sie daran, Weinbau an einem Ort zu betreiben, der auf den ersten Blick nicht als klassische Weinregion gilt?
Christoph Kühne-Hellmessen: Das ist sicherlich auf den ersten Blick eine Herausforderung, aber genau das macht doch auch Spaß!
Cornelia Kühne-Hellmessen: Das hat ihn eben erst recht gereizt. Er wollte einfach ausprobieren, ob das auch hier funktionieren kann. Denn wenn es klappt, hat man als Erster und Einziger natürlich tolle Chancen.
Sabrina Steeb: Ich habe Christoph, meinen Schwiegervater, immer als Visionär erlebt. Deshalb war klar, egal was er als Nächstes macht, es wird etwas Spezielles. Und ja, viele sind tatsächlich erst einmal irritiert und fragen: Wein auf Usedom – geht das überhaupt und schmeckt das? Wir lassen probieren und erzählen unsere Geschichte. Danach sind die meisten positiv überrascht. Der Name unseres Weines, KÜHN&HELL, ist auch nicht nur an den Familiennamen angelehnt, sondern steht auch für: kühnes Projekt, heller Wein. Die Kühnheit schwingt also immer mit.

Annett Conrad: Wie prägen die besonderen Bedingungen Usedoms – von den jungen Böden bis zur Nähe zur Ostsee – den Charakter Ihrer Weine?
Christoph Kühne-Hellmessen: Ich bin überzeugt davon, dass genau das die Besonderheit unserer Weine ausmacht. Unsere Böden gehören zu den geologisch jüngsten Böden in Europa. Hier ging erst vor 12.000 Jahren das letzte Eis weg. Unsere Rebfläche beginnt am Rand einer Endmoräne, also ein sehr vielseitiger Boden, was sich auch im Wein widerspiegelt. Und auch die Wassernähe hilft uns. Wir haben hier den Vorteil, dass wir links und rechts vom Weinberg Wasser haben – den Usedomer See und das Stettiner Haff. Im Frühjahr wirkt das Wasser als Kühlschrank und verhindert einen verfrühten Austrieb. So ist die Gefahr von Spätfrösten gering. Dann steigt die Temperatur gemächlich an. Usedom hat über 1.900 Sonnenstunden, aber es wird nicht zu heiß. Im Herbst wiederum wirkt das Wasser als Wärmespeicher. Das heißt, wir haben eine ausgewogene und lange Vegetationsperiode, was zu reifen und aromatischen Trauben führt, ohne dass Frische und Säure durch zu viel Hitze verloren gehen.
Annett Conrad: Sie setzen konsequent auf pilzwiderstandsfähige Rebsorten und den gemischten Satz – ist das für Sie eher eine Notwendigkeit des Standorts oder eine bewusste stilistische Entscheidung?
Christoph Kühne-Hellmessen: Die Zukunft des Weinbaus liegt in diesen Neuzüchtungen, die, wie man sieht, hervorragende Weine hervorbringen können. Und ja, das ist eine ganz bewusste stilistische Entscheidung, weil wir den Gemischten Satz aus Sizilien kennen, wo nicht Wert auf eine bestimmte Rebsorte, sondern auf das Terroir gelegt wird und die Aromenvielfalt der verschiedenen Rebsorten so besondere Weine macht.
Annett Conrad: Ihr Betrieb ist als Biolandwirtschaft angelegt – was bedeutet ökologischer Weinbau unter den klimatischen Bedingungen im Norden konkret im Alltag?
Christoph Kühne-Hellmessen: Ich bin Biobauer seit 40 Jahren. Dazu gibt es für mich überhaupt keine Alternative. Auf die Pflanzen kommen nur Fruchtkalk und effektive Mikroorganismen. Und dass die klimatischen Bedingungen hier auf Usedom für die Gesundheit der Reben wesentlich besser sind als in vielen traditionellen Weinbaugebieten Deutschlands, erleichtert die Sache natürlich.
Cornelia Kühne-Hellmessen: Das herauszufinden war eine besonders erfreuliche Erfahrung.

Annett Conrad: Sie haben auch Erfahrungen am Ätna gesammelt – was haben Sie von dort nach Usedom übertragen, und wo stößt dieses Wissen an seine Grenzen?
Christoph Kühne-Hellmessen: Auf alle Fälle habe ich dort gelernt, dass gesunde Trauben die Grundvoraussetzung für guten Wein sind. Und da unser Land dort auf 700 Meter liegt, haben wir auch dort ein Mikroklima aus warmen Tagen und kühlen Nächten. Klar wird es heißer am Ätna als auf Usedom, aber das Prinzip ist das gleiche. Uns schmecken diese reifen und trotzdem frischen Weine. Allerdings machen wir auf Sizilien nur Rotwein und auf Usedom nur Weißwein. Bei der Arbeit im Keller ist das schon ein Unterschied.
Annett Conrad: Im Keller arbeiten Sie mit spontaner Gärung und eigenem Hefestarter – warum ist Ihnen dieser möglichst ursprüngliche Ansatz wichtiger als die Kontrolle durch Reinzuchthefen?
Christoph Kühne-Hellmessen: Die Idee ist, möglichst viel Usedom in die Flasche zu bringen und mit eigenem Hefestarter ist das auch risikoarm. Wenn wir das Jahr über im Weinberg gut gearbeitet haben, können wir im Herbst im Keller auch auf das natürliche Ergebnis vertrauen.
Annett Conrad: Ihre Weine bewegen sich nahe am Naturwein – wo ziehen Sie persönlich die Grenze zwischen handwerklicher Freiheit und notwendiger Stabilität im Produkt?
Christoph Kühne-Hellmessen: Ganz klar beim Einsatz von Schwefel. Wir halten die eingesetzte Menge möglichst gering, aber ein gewisser Oxidationsschutz muss für uns schon sein.
Annett Conrad: Das Weingut ist ein Familienprojekt, zugleich sind Sie in Tourismus und Direktvermarktung aktiv – wie verbinden Sie Landwirtschaft, Lebensstil und wirtschaftliche Realität auf einer Insel wie Usedom?
Christoph Kühne-Hellmessen: Das ist eigentlich ganz einfach: Wir alle lieben unsere Arbeit, wir machen und trinken gerne Wein und wir sind gerne Gastgeber. Das ist für uns immer eine Bereicherung. Und der Tourismus auf Usedom macht die Direktvermarktung natürlich leicht.
Sabrina Steeb: Mein Schwiegervater hat Recht: Wir leben und arbeiten dort, wo andere Urlaub machen – was könnte es Besseres geben? Mein Mann Leonhard und ich sind vorletztes Jahr mit dem Nachwuchs auf den Hof gezogen. Wir helfen im Weinberg und vor allem auch bei der Vermarktung. Auch meine Schwägerin Laura unterstützt von Bayern aus und ist für Rebschnitt, Jahrgangspräsentation und Ernte vor Ort. Uns als die junge Generation war wichtig, dass es ein frisches, modernes Produkt ist, das zwar vom Land kommt, aber auch in der Großstadt funktioniert.

Annett Conrad: Wenn Sie in die Zukunft blicken: Welche Vision haben Sie für Ihr Weingut – und welche Rolle kann nachhaltiger Weinbau im Kontext von Klimawandel und Küstenlandschaften künftig spielen?
Christoph Kühne-Hellmessen: Ich hoffe, dass wir uns als ein Weingut mit qualitativ hochwertigen Weinen etablieren, aber ich denke, Ostseewein wird trotz der immer besseren klimatischen Bedingungen für Weinbau noch lange ein Nischenprodukt bleiben.
Cornelia Kühne-Hellmessen: Die Kombination aus Qualität, Ostseeregion und Natürlichkeit möchten wir etablieren.
Sabrina Steeb: Und wer weiß – vielleicht etabliert sich zukünftig die Weinbauregion „Nordost“. Es gibt viele tolle Projekte in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern – und auch in Skandinavien. Die Cool Climate Wines stehen gerade erst am Anfang.
Vielen Dank an Familie Kühne-Hellmessen für die Aufschlussreichen Antworten. Noch mehr Spannendes über das Weingut und die Ambitionen seiner Protagoniste, ist in unserem Artikel „Weinbau am Rand der Republik: Das Weingut Welzin auf Usedom“ zu finden.

Weitere Informationen
Weingut Welzin
Christoph Kühne-Hellmessen
Welzin 16
17406 Usedom / Deutschland
Hinweis der Redaktion: Die in diesem Interview geäußerten Aussagen, Einschätzungen und Meinungen geben die persönlichen Ansichten des Interviewpartners wieder. Die Redaktion macht sich diese nicht zu eigen. Für die inhaltliche Richtigkeit der Angaben ist der Interviewpartner verantwortlich.






























































