Am frühen Abend stehen wir an Bord der Le Bellot und beobachten, wie Fort William langsam hinter uns zurückbleibt. Das Licht wird weicher, die Berge verlieren ihre Konturen, und über Loch Linnhe liegt eine stille Ruhe.
Wieder fahren wir durch die Passage, die uns schon bei der Ankunft beeindruckt hat. Diesmal sitzen wir an Deck, schauen hinaus und lassen Schottlands Landschaft an uns vorüberziehen. Vor uns liegt die Fahrt nach Stornoway.
Die Ufer ziehen langsam vorüber. Felsen und bewaldete Hänge, kleine Häuser, einsame Buchten. Immer wieder fällt der Blick auf die Berge, die sich im Abendlicht spiegeln. Mit jedem Kilometer wird die Landschaft weiter. Die Le Bellot verlässt die geschützten Gewässer und fährt hinaus in Richtung Sound of Mull und Sea of the Hebrides.


Zwischen Inseln und offenem Meer
Draußen verändert sich der Blick. Die Küste wird zerklüfteter, einzelne Inseln liegen wie dunkle Silhouetten im Wasser. Über dem Meer ziehen Vogelschwärme hinweg, an den Hängen grasen Schafe. Es sind unspektakuläre Bilder, und gerade deshalb bleiben sie im Gedächtnis. Nichts verlangt unsere Aufmerksamkeit, und doch gibt es ständig etwas zu sehen.


Mit der Zeit wird aus der Küstenlandschaft offenes Meer. Die Le Bellot erreicht den Minch, das weite Meeresgebiet zwischen dem schottischen Festland und den Äußeren Hebriden. Der Horizont scheint sich zu verschieben, je weiter wir hinausfahren. Die Abstände zwischen den Inseln werden größer, das Land rückt immer weiter aus der Sicht.

An der Reling stehen Passagiere und beobachten die vorbeiziehende Landschaft. Manche schweigen, andere kommen miteinander ins Gespräch. Wer gerade etwas entdeckt hat, macht die anderen darauf aufmerksam. Ein Vogelschwarm, eine besondere Felsformation, ein Lichtstreifen auf dem Wasser; kleine Beobachtungen werden zum gemeinsamen Erlebnis.


Zeit, die langsamer vergeht
Auf einer solchen Fahrt verändert sich das Verhältnis zur Zeit. Es gibt keine Notwendigkeit, von einem Ort zum nächsten zu gelangen. Die Strecke selbst bekommt Bedeutung. Man sitzt an Deck, schaut hinaus und merkt irgendwann, dass eine Stunde vergangen ist, ohne dass man sie gezählt hat.

Das Sehen wird zum Erleben. Nicht, weil ständig etwas Außergewöhnliches geschieht, sondern weil man genauer hinsieht. Das Licht verändert sich, die Wolken wandern über die Berge, das Meer nimmt unterschiedliche Farben an. Gespräche entstehen ganz selbstverständlich. Man tauscht sich über das Gesehene aus, über die Route und darüber, was einen am nächsten Tag wohl erwartet.


Frühstück mit Blick aufs Meer
Am nächsten Morgen sind wir noch immer auf See. Stornoway liegt bereits in unserer Fahrtrichtung, doch der Hafen ist noch nicht in Sicht. Die Nacht hat die Landschaft der offenen See nicht beendet, sie hat sie einfach weitergeführt.
Beim Frühstück sitzen wir an den Panoramafenstern. Draußen liegt das Meer, während auf den Tellern frisches Brot, Obst, Eier und andere Frühstücksklassiker liegen. Der Blick wandert immer wieder nach draußen. Ein Frühstück mit solcher Aussicht braucht eigentlich keine weitere Unterhaltung.



Später gehen wir an Deck. Der Wind ist kräftiger geworden und eine steife Brise bläst uns ordentlich um die Nase. Die Jacke wird enger gezogen, die Haare geraten durcheinander. Es ist frisch, aber genau das gehört zu diesem Morgen. Die Le Bellot liegt ruhig im Wasser, während vor uns nur Meer und Himmel zu sehen sind.

Stornoway kommt näher
Erst allmählich kündigt sich unser nächstes Ziel an. Stornoway, die größte Stadt der Äußeren Hebriden, liegt auf der Isle of Lewis und ist unser Ausgangspunkt für die kommenden Erlebnisse. Von hier aus werden wir eine Insel kennenlernen, deren Landschaft von Mooren, Felsen, Stränden und einer bis heute lebendigen gälischen Kultur geprägt ist.

Noch aber müssen wir nicht an Land. Wir können bleiben, wo wir sind: an Bord, mit einem Kaffee in der Hand, den Wind im Gesicht und den Blick über das Meer gerichtet. Die Reise besteht in diesen Stunden aus nichts anderem als dem Unterwegssein. Und gerade darin liegt ihr besonderer Reiz. Die Le Bellot fährt weiter. Stornoway kommt langsam näher. Wir haben Zeit.


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