Tradition bewahren und zugleich neue Wege gehen – kaum ein Thema prägt den modernen Weinbau so stark wie dieser Balanceakt. Seit er das Familiengut 2014 übernommen hat, führt Martin Männer das Weingut Fritz Blankenhorn im Markgräflerland (Baden) als Inhaber mit einer klaren Vision in die Zukunft.
Im Gespräch mit FrontRowSociety Herausgeberin Annett Conrad berichtet er, wie er den historischen Betrieb grundlegend erneuert hat, warum die oft unterschätzte Rebsorte Gutedel für ihn im Zentrum steht und welche Rolle Nachhaltigkeit, Qualitätsanspruch und veränderte Konsumgewohnheiten dabei spielen. Ein Interview über Mut zur Neuausrichtung, regionale Identität und die Kunst, Tradition lebendig weiterzuentwickeln.

Exklusives Interview mit Martin Männer, Inhaber des Weinguts Fritz Blankenhorn KG
Annett Conrad: Lieber Martin, Ihr Weingut blickt auf eine lange Familiengeschichte zurück, Sie selbst haben den Betrieb vor zwölf Jahren übernommen und neu ausgerichtet. Wie gelingt Ihnen im Alltag der Spagat zwischen gewachsener Tradition und Ihrer eigenen, modernen Handschrift?
Martin Männer: Wir haben das Weingut selbst von Grund auf renoviert. Während der 4-jährigen Umbauphase blieb kein Stein auf dem anderen und wir haben den kompletten Betrieb neu aufgebaut: Neuer Keller, neue Kelterhalle, Sanierung des Gutshauses. In den Weinbergen haben wir die Rebflächen auf biologischen Anbau umgestellt und die Rebsorten auf die eigentlichen Wurzeln des Betriebes reduziert. Unser Fokus bleibt auf der Rebsorte Gutedel, die wir aber weitaus breiter interpretieren und in verschiedenen Ausbauformen anbieten. Einige Spätburgunder-Weinberge haben wir allerdings auch komplett neu angelegt, mit Dichtpflanzung, burgundischen Klonen oder auch ganz neu in einem spannenden Viti-Forst-Projekt, das wir erst kürzlich angelegt haben. Wir sind uns der großen Historie des Gutes bewusst und freuen uns, auf diesen Grundpfeilern das Weingut fortzuführen, mit zeitgemäßen Methoden und jungen Ideen.
Annett Conrad: Wenn man über Blankenhorn spricht, kommt man am Gutedel kaum vorbei. Gab es einen konkreten Moment, in dem Sie gemerkt haben: Diese oft unterschätzte Rebsorte verdient bei uns viel mehr Aufmerksamkeit?
Martin Männer: Meine Gutedel „Erweckung“ kam in Genf beim Abendessen in einem 1*Sterne Restaurant mit einem Chasselas vom Genfer See, der bereits über 15 Jahre gereift war. Die Lage war soweit ich mich erinnern kann, Dezaley „Chemin de Fer“. Der Produzent müsste Maison Massy gewesen sein. Der Wein war eine absolute Bereicherung zum Menü. Das hat mich so begeistert. Ein Wein, der kaum Säure hat und über wenig bis gar kein Restzucker verfügt, aber trotzdem so toll reifen kann. Das kannte ich bis dato nur von Riesling, Chardonnay und Pinot Noir. Nach diesem Erlebnis habe ich beschlossen, dass diese Rebsorte bei mir im Weingut mit der gleichen Akribie und Aufmerksamkeit bedacht werden muss, wie Pinot Noir und Chardonnay. Ich freue mich, Mitarbeiter im Keller und im Außenbetrieb zu haben, die diese Rebsorte genauso lieben wie ich.

Annett Conrad: Aus dieser Entscheidung sind sehr unterschiedliche Gutedel- bzw. Chasselas-Weine entstanden – vom Gutswein bis zur Ersten Lage. Wie nähern Sie sich einem Weinberg oder einer Parzelle, um zu entscheiden, welcher Stil und welcher Ausbau hier wirklich Sinn ergeben?
Martin Männer: Kurz nach der Übernahme des Weinguts hatte ich einen Querschnitt aller Parzellen mit einem Minibagger geöffnet und dann von einem französischen Bodenlabor untersuchen lassen. Mit Hilfe dieser Ergebnisse habe ich dann entschieden, welche Rebsorte auf welcher Parzelle in Zukunft angebaut werden soll. Ich habe mit Christian Fin einen sehr guten Außenbetriebsleiter, mit dem ich gemeinsam über jeden Weinberg und jede Parzelle im Detail diskutiere und entscheide. Die Stilistik war relativ einfach zu finden. Erstens zeigt der Weinberg, wie der Wein ausgebaut werden will bzw. die Moste nach dem Pressen. Zweitens liebe ich persönlich den Ausbau im Holz und ein langes Hefelager für alle Sorten.
Annett Conrad: Sie sind Mitglied im VDP, also Teil einer sehr qualitätsorientierten Gemeinschaft. Wie prägt diese Zugehörigkeit Ihre tägliche Arbeit und hilft sie auch dabei, einer Rebsorte wie Gutedel mehr Anerkennung zu verschaffen?
Martin Männer: Die Mitgliedschaft im VDP spornt uns in unserer täglichen Arbeit an, um weiter kompromisslos an der Qualität im Weinberg und im Keller zu arbeiten. Da der in Gutedel in Deutschland nur im Markgräflerland angebaut wird, hat er im VDP selbstverständlich nicht das gleiche Standing wie z.B. Riesling. Das der Fokus beim Gutedel in den 80er und 90er Jahre bei fast allen Produzenten im Markgräflerland, nicht auf der Qualität, sondern der Quantität lag, macht es nicht einfacher trotz VDP Mitglied, der Sorte zu der Anerkennung zu verhelfen, die sie verdient. Gutedel ist für mich eine sehr zeitgemäße Rebsorte, sie ist leicht im Alkohol, hat moderate Säure und kommt mit dem Klimawandel gut zurecht.

Annett Conrad: Qualität hängt heute untrennbar mit Nachhaltigkeit zusammen. Welche Rolle spielen ökologische Bewirtschaftung und Umweltschutz in Ihrem Betrieb, und wo mussten Sie dafür vielleicht auch Gewohnheiten oder Abläufe grundlegend verändern?
Martin Männer: Mein Betrieb ist bereits seit 2017 mit dem Nachhaltigkeitssiegel Fair and Green zertifiziert. Der nächste Jahrgang 2026 wird der erste Jahrgang mit EU-Bio-Siegel sein. Dafür haben wir Gewohnheiten und Abläufe im Betrieb auf die Probe gestellt. Wir haben Parzellen aus der Bewirtschaftung genommen, die nicht nachhaltig zu bewirtschaften sind (ökonomisch). Spitzzeilen gerodet. Blühstreifen angelegt. Zwei Lebensstürme aufgestellt. Dieses Jahr haben wir eine Viti Forst Anlage angelegt. Nach Rodungen der Weinberge lassen wir gezielt Brachen liegen. Für uns ist das keine grundlegende Änderung unserer Arbeitsweise.
Annett Conrad: Gleichzeitig befindet sich die Weinbranche im Wandel: Der Konsum sinkt in manchen Bereichen, Geschmäcker verändern sich. Wie erleben Sie das konkret und sehen Sie darin eher eine Herausforderung oder sogar eine Chance für charakterstarke, leise Sorten wie Gutedel?
Martin Männer: Ich möchte seit 2014 langlebige, klassische Weine kreieren, die keine Trends mitmachen müssen, sondern durch ihre Qualität beim „emanzipierten Weintrinker“ überzeugen. Ich sehe gerade durch das veränderte Konsumverhalten eine Chance für charakterstarke Rebsorten wie Gutedel, denn der Gutedel ist authentisch, zeigt sein Terroir. Ein Schweizer Weinkritiker hat mir einmal gesagt, der Chasselas ist so neutral, er zeigt sofort, ob der Winzer sein Handwerk versteht, denn er verzeiht keine Fehler.

Annett Conrad: In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Preisfrage: Hochwertiger Weinbau mit Ertragsreduktion und viel Handarbeit ist aufwändig. Wie erklären Sie Ihre Preisstruktur? Bemerken Sie, dass Kundinnen und Kunden heute sensibler auf Preise reagieren als noch vor einigen Jahren?
Martin Männer: Wein ist ein Genussmittel und Genussmittel haben ihren Preis. Ich glaube, der deutsche Kunde war schon immer sehr preissensibel. Trotzdem wissen gerade Genussmenschen eine gute Flasche Wein zu schätzen und sehen die Mühen und Handarbeit, die dahinter stehen. Wir achten daher sehr genau darauf, für eine Flasche nicht mehr zu verlangen, als wir müssen. Oder kurz gesagt: Ich verkaufe nicht über den Preis, aber es gibt immer jemanden, der es schlechter billiger machen kann.
Annett Conrad: Zum Schluss noch der Blick nach vorn: Wein lebt von Tradition, aber auch von neuen Ideen. Wo bringen Sie bewusst frischen Wind hinein und wo sagen Sie ganz klar: Diese Werte und Arbeitsweisen bleiben das Fundament unseres Weinguts?
Martin Männer: Mein Team und ich bringen immer frischen Wind in unsere Arbeitsweisen. Das bedeutet aber, wie schon bereits erwähnt, nicht jedem Trend hinterherzurennen oder nachzumachen. Wir versuchen Rebsorten zu kultivieren, die für unsere Lagen „passen“ und dann für mindestens 50 Jahre an diesem Standort gedeihen können. Wir leben die Tradition, fokussieren uns auf die hier heimischen Rebsorten Gutedel und Spätburgunder, versuchen aber unsere Arbeitsweisen immer wieder dem Stand der Zeit anzupassen. Gerade haben wir einen trockenen Gutedel im Keller liegen mit 9% Alkohol, eigentlich ein Wein, den man vor vielen Jahrzehnten wohl auf jeder Weinkarte im Markgräflerland gefunden hätte und heute als revolutionäre Idee gilt. Manchmal ist eben der frische Wind auch die bewusste Erinnerung an alte Traditionen.

Vielen Dank an Martin Männer für die aufschlussreichen Antworten. In einem separaten Artikel stellen wir vier ausgesuchte Weine der Rebsorte Gutedel aus dem Hause Blankenhorn vor: Aufbruch mit Tradition: Martin Männer und das Weingut Blankenhorn

Weitere Informationen
Weingut Fritz Blankenhorn KG
Baslerstr. 2
79418 Schliengen / Deutschland
Hinweis der Redaktion: Die in diesem Interview geäußerten Aussagen, Einschätzungen und Meinungen geben ausschließlich die persönlichen Ansichten des Interviewpartners wieder. Die Redaktion macht sich diese Inhalte nicht zu eigen; für deren inhaltliche Richtigkeit und rechtliche Bewertung ist allein der Interviewpartner verantwortlich.































































