In Moczyły, dem früheren Schillersdorf, krähen die Hühner aufgeregt, während wir vor den Ruinen der alten Dorfkirche stehen. Nebenan ist die Bushaltestelle bereits für das Erntedankfest geschmückt. Viel mehr passiert an diesem Vormittag nicht. Und genau das ist der Punkt: Westpommern muss sich nicht beeilen.
Die Landschaft südlich von Stettin, rund um Gryfino und das Untere Odertal, ist eine Gegend für langsame Tage. Für Wege, die nicht unbedingt irgendwohin führen müssen, für ein Kajak, das lautlos durch einen Kanal gleitet, für einen Aussichtspunkt, an dem man länger bleibt als geplant. Massentourismus ist hier weit entfernt. Stattdessen bestimmen Wasser, Schilf, Wald und kleine Dörfer den Rhythmus.

Zwischen zwei Oderarmen
Das Międzyodrze, die Landschaft zwischen den beiden Oderarmen, umfasst rund 60 Quadratkilometer. Nach der letzten Eiszeit formte das Wasser hier eine weit verzweigte Niederungslandschaft. Später griff der Mensch tief in den Naturraum ein. Kanäle, Dämme und Entwässerungssysteme machten das Überschwemmungsgebiet landwirtschaftlich nutzbar. Heute hat die Natur viele Bereiche zurückerobert. Zwischen Westoder und Ostoder liegen wieder Altarme, Feuchtwiesen, Röhrichte und ein dichtes Netz aus Wasserwegen.

Wir erleben diese Landschaft am Morgen vom Wasser aus. Im Naturschutzgebiet bei Kołbaskowo, Kurów und Moczyły treffen wir Andrzej und Michał Kraśnicki. Vater und Sohn kennen das Gebiet seit Jahren. Andrzej ist als Tourguide und Journalist unterwegs, Michał studiert und begleitet ihn bei den Touren. Gemeinsam führen sie uns mit den Kajaks durch die Wasserlandschaft.

Das Wasser ist ruhig. Schilf und überhängende Zweige spiegeln sich auf der Oberfläche. Kein Motorengeräusch durchbricht die Stille. Im Inneren des Międzyodrze sind Motorboote nicht zugelassen; auf der Ostoder gibt es keinen Schiffsverkehr. Was bleibt, ist das leise Eintauchen der Paddel.

Rund 250 Vogelarten sind im Landschaftspark nachgewiesen. Auch Biber gehören zu den charakteristischen Bewohnern des Feuchtgebietes. Ihre Spuren lassen sich vor allem vom Wasser aus entdecken. Wer langsam genug unterwegs ist, bemerkt vielleicht einen Biberbau am Ufer oder hört einen Vogel, bevor er ihn sieht.

Nach der Tour geht es nach Gryfino, dem früheren Greifenstein. Für einen Mittagsstopp bietet sich das Restaurant Atol an. Fisch steht hier im Mittelpunkt, darunter auch regionaler Fisch. Nach einigen Stunden auf dem Wasser passt die unkomplizierte Küche gut zu diesem Tag: kein großes Tam Tam, sondern eine Pause, bevor es weitergeht. Denn Westpommern lässt sich gut in kleinen Etappen entdecken.


Ein Wald mit Fragezeichen
Nur wenige Kilometer von Gryfino entfernt liegt der Krzywy Las, der Krumme Wald bei Nowe Czarnowo. Etwa hundert Kiefern stehen dort auf einer kleinen Fläche und machen ihrem Namen alle Ehre. Ihre Stämme biegen sich wenige Zentimeter über dem Boden in einem auffälligen Bogen und wachsen anschließend wieder nach oben.


Wie diese ungewöhnlichen Formen entstanden, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Die polnische Forstverwaltung hält einen menschlichen Eingriff für wahrscheinlich. Vielleicht sollten die jungen Bäume gezielt so geformt werden, um später gebogenes Holz zu gewinnen. Wofür es verwendet werden sollte, ist nicht überliefert.

Es ist ein seltsamer Ort. Von Menschenhand geformt, hat er doch etwas mystisches an sich. Vielleicht liegt es daran, dass niemand etwas genaues weiß. Aus Ungeklärtem entwickeln sich wilde Spekulationen und beflügeln die Fantasie. Und schon wird ein Spaziergang durch den Wald zu einem Ausflug voller Rätsel.

Blick über das Wasserland
Vom Krumme Wald aus kann die Reise weiter nach Widuchowa zur Aussichtsplattform auf der Słowiańska Góra führen. Die Plattform wurde 2021 im Rahmen eines grenzüberschreitenden Interreg-Projekts zum nachhaltigen Wassertourismus errichtet. Ihr Standort ist bewusst gewählt: Słowiańska Góra ist mit 72,6 Metern die höchste Erhebung nördlich von Widuchowa. Von hier sieht man genau die Stelle, an der sich die Oder in Westoder und Ostoder teilt und das Międzyodrze beginnt. Gleichzeitig reicht der Blick über den polnischen Landschaftspark bis zum deutschen Nationalpark Unteres Odertal.


Unten liegt genau jene Wasserlandschaft, durch die wir am Morgen mit den Kajaks gefahren sind. Von oben wird sichtbar, was auf dem Wasser nur zu erahnen war: Das Untere Odertal ist ein großes Geflecht aus Wasser. Die Oder teilt sich, Kanäle ziehen sich durch die Niederung, dazwischen liegen Wiesen, Schilfflächen und Wälder.

Vieles wirkt unberührt, obwohl die Geschichte dieses Gebietes auch eine Geschichte menschlicher Eingriffe in den Fluss ist.
Das Untere Odertal ist nichts für Eilige. Es gehört denen, die paddeln, anhalten, schauen und weiterfahren, ohne den nächsten Programmpunkt im Blick zu haben. Wasser, Wald und Weite reichen hier vollkommen aus. Der Rest kommt von allein.

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