Stettin entdeckt man am besten ohne festen Takt. Die drittgrößte Stadt Polens liegt an der Oder und verbindet Urbanität mit erstaunlich viel Wasser und Grün. Rund ein Viertel des Stadtgebiets besteht aus Wasser, dazu kommen weitläufige Parks und Grünanlagen. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass Stettin sich selbst als „Floating Garden“ bezeichnet.
Wer die Stadt zu Fuß, mit dem Fahrrad oder vom Wasser aus erkundet, versteht schnell, was damit gemeint ist. Die Wege sind kurz, die Perspektiven wechseln ständig und irgendwann wird aus dem Spaziergang ganz selbstverständlich eine kleine Reise.

Wo die Stadt grün wird
Ein guter Ausgangspunkt dafür ist Jasne Błonia. Die weitläufige Grünanlage mit ihren alten Bäumen und offenen Rasenflächen bildet das grüne Herz Stettins. Von hier zieht sich die Goldene Route weiter durch den Kasprowicz-Park bis zum Rosengarten Różanka und schließlich hinaus in die Waldlandschaft.


Dass dieser Teil der Stadt so großzügig angelegt wurde, ist dem Industriellen Johannes Quistorp zu verdanken. Er stiftete das Land, auf dem einst ein englischer Landschaftspark entstand, als Erholungsraum für die Stettiner Bevölkerung. Heute führen Spazierwege durch die Anlage, vorbei an Skulpturen und der markanten Balluhr. Im Rosengarten wird der Rhythmus noch einmal langsamer. Zwischen rund 9.000 Rosen aus mehr als 100 Sorten verliert sich der städtische Hintergrund fast vollständig.


Es ist eine Seite Stettins, die bei einer klassischen Städtereise leicht untergeht. Dabei lässt sich die Stadt erstaunlich weit durch Grünräume durchqueren. Man geht los, ohne eigentlich weit gehen zu wollen, und findet sich wenig später an einem ganz anderen Ort wieder.


Vom alten Stettin zur Oder
Irgendwann führen die Wege zurück in die historische Stadt. Am Alten Rathaus und den restaurierten Bürgerhäusern des Marktplatzes wird sichtbar, wie eng die Gegenwart mit der Geschichte Stettins verbunden ist. Auf einem kleinen Hügel erhebt sich die Kathedrale, deren Turm später von der Oder aus wieder ins Blickfeld rückt.


Auch das Schloss der Pommerschen Herzöge, einst Residenz der Greifen, ist dabei stets präsent. Es gehört zu den Wahrzeichen der Stadt und ist zugleich ein Orientierungspunkt für jene Perspektive, die Stettin wenig später noch einmal verändern wird: vom Wasser aus.


Der Weg führt fast selbstverständlich bergab. Historische Fassaden weichen der offenen Uferpromenade, und mit jedem Schritt wird die Oder breiter. Plötzlich ist sie nicht mehr Hintergrund der Stadt, sondern ihr Mittelpunkt.

Die Oder gehört zur Stadt
An der Uferpromenade öffnet sich der Blick auf Łasztownia, die ehemalige Hafeninsel. Seit Beginn der 2000er-Jahre wurde das Areal Schritt für Schritt revitalisiert. Restaurants, Geschäfte, Freizeitangebote und das Maritime Science Centre haben aus dem früher abgeschirmten Hafengebiet einen öffentlichen Raum gemacht, in dem sich Stettin heute gerne am Wasser aufhält.


Zwischen den Odern
Wer nun aufs Wasser wechselt, sieht die Stadt mit anderen Augen. Stettin liegt an einem weit verzweigten Geflecht aus Oderarmen, Kanälen und Inseln. Westoder und Ostoder umschließen das Międzyodrze, das „Zwischenoderland“. Zwischen den beiden Flussläufen liegen grüne Inseln, Schilfflächen und Wasserarme, manche davon weitgehend sich selbst überlassen.

Eine Hafen- und Oderfahrt dauert je nach Route knapp zwei Stunden. Während das Boot sich vom Zentrum entfernt, verändert sich die Szenerie fast unmerklich. Hafenanlagen und Häuser treten zurück, Schilf und Bäume rücken näher ans Ufer. Kormorane sitzen in den Inselbereichen, Wasservögel begleiten das Boot. Die Stadt wird kleiner, während das Wasser immer mehr Raum gewinnt.

Gerade darin liegt der Reiz dieser Fahrt. Stettin lässt sich vom Wasser aus lesen. Die Geschichte bleibt an den Ufern sichtbar, während sich dahinter bereits eine Landschaft öffnet, die kaum noch städtisch wirkt. Aus der Stadt am Fluss wird langsam eine Stadt zwischen Flüssen.
Unter Segeln bis zur Ostsee
Diese maritime Seite ist dabei keineswegs bloße Kulisse. Im Segelzentrum liegen rund 200 Boote, die Liegeplätze sind vollständig vergeben. Kinder und Erwachsene trainieren hier, Segelkurse werden angeboten, Regatten ausgetragen. Die Boote kommen aus der Region ebenso wie aus Deutschland.

Wer selbst unterwegs ist, kann von hier über die Oder und die angrenzenden Wasserwege in Richtungss Stettiner Haff und Ostsee segeln. In die andere Richtung reicht das Wasserwegenetz bis Berlin. Auch Kajaks können gemietet werden.

Übernachten lässt sich ebenfalls am Wasser. Neben den Liegeplätzen gibt es Stellplätze für Wohnmobile, und durch die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr eignet sich das Segelzentrum auch als Ausgangspunkt für individuelle Touren.

Ein Boot wie die „Gift of Stettin“, deren Eigner bereits um die Welt gesegelt ist und mit dem Schiff regelmäßig an Wettbewerben teilnimmt, erzählt dabei eine ganz eigene Geschichte. Hier ist die Oder kein Ausflugsziel, sondern Lebensraum, Verkehrsweg und Startpunkt für die nächste Etappe.
Wenn Stettin leuchtet
Am Abend führt der Weg wieder zurück in die Stadt. Das Schloss der Pommerschen Herzöge liegt im letzten Licht, bevor die Dämmerung über die Oder zieht. Dann beginnen die Hafenkräne zu leuchten.

Ihre Farben spiegeln sich im Wasser. Auf der anderen Seite zeichnen sich historische Gebäude und das Schloss gegen den Abendhimmel ab. Was tagsüber Verkehrsweg, Landschaft und Freizeitrevier war, wird für einen Moment zur spiegelnden Fläche zwischen Geschichte und Gegenwart. Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem man versteht, warum das Wasser in Stettin so viel mehr ist als Kulisse.

Dem Wasser weiter folgen
Denn die Reise muss an der Stadtgrenze nicht enden. Wer Stettin auf dem Wasser verlässt, kann der Oder weiter in Richtung Unteres Odertal folgen. 2026 verbindet erstmals eine saisonale Wasserstraßenbahn Stettin mit Mescherin und Gartz (Oder). Die Route führt durch das Zwischenoderland und hinein in eine Landschaft aus Altarmen, Inseln, Feuchtgebieten und Auen.

Mit jedem Kilometer verändert sich auch das Tempo. Aus dem urbanen Hafen wird ein Flussraum, aus den Uferpromenaden eine stille Landschaft. Die Stadt verschwindet langsam hinter den Bäumen, bis schließlich nur noch Wasser, Schilf und Himmel den Blick bestimmen.

Auch individuell lässt sich diese Landschaft entdecken, mit Kanu, Kajak, Fahrrad oder eigenem Boot. Das passt zu einem Reiseverständnis, das nicht möglichst viele Stationen in möglichst kurzer Zeit sucht. Bewegung gehört dazu, ebenso das Verweilen; die Lust, einen Umweg zu nehmen, länger am Wasser zu bleiben oder einfach weiterzufahren, solange es sich richtig anfühlt.

Stettin ist dafür ein überraschend guter Ausgangspunkt. Die Stadt lässt sich über ihre Geschichte entdecken, über ihre Parks und ihre Kultur, vor allem aber über das Wasser. Es führt mitten durch die Stadt und zugleich hinaus aus ihr heraus. Erst verändert es die Perspektive auf Stettin, dann verändert es die Landschaft.

Und irgendwann wird aus der Städtereise eine Reise entlang der Oder, in der nicht mehr die Stadt den Takt vorgibt, sondern der Fluss.
Lust auf noch mehr Wasser? Dann weiterlesen: Wo die Oder das Tempo vorgibt
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