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Als Martin Männer im Jahr 2014 das traditionsreiche Markgräflerland Weingut Fritz Blankenhorn in Schliengen übernahm, war schnell klar: Hier wird kein Verwalter am Werk sein, sondern ein Gestalter.

Der junge Inhaber, selbst ausgebildeter Önologe und geprägt von internationalen Erfahrungen, stellte eine Rebsorte ins Zentrum seiner Vision, die lange als unspektakulär galt: Gutedel, international als Chasselas bekannt. Männer erkannte früh, dass diese Sorte – natürlich richtig verstanden und ernst genommen – das authentischste Sprachrohr der Region sein kann.

Martin Männer, Inhaber des Weinguts Fritz Blankenhorn
Martin Männer, Inhaber des Weinguts Fritz Blankenhorn / © Janosch Ruf

Unter seiner Leitung wurde das Gut nicht nur modernisiert, sondern stilistisch neu ausgerichtet. Weg vom einfachen Zechwein-Image, hin zu differenzierten, terroirgeprägten Gutedel-Weinen, die Struktur, Tiefe und Lagerfähigkeit zeigen. Männer setzt dabei auf selektive Handlese, reduktive Erträge, spontane Vergärung und einen sensiblen Holzeinsatz. Das alles sind Maßnahmen, die man früher in Baden eher bei Burgundersorten erwartete als beim Gutedel.

Unter Martin Männers Führung erstrahlt das Weingut Fritz Blankenhorn in neuem Glanz / © Günther Standl

Gutedel: Die älteste Rebe Europas und ihr Markgräfler Zuhause

Gutedel gehört zu den ältesten kultivierten Rebsorten der Welt. Genetische Untersuchungen verorten ihre Ursprünge im östlichen Mittelmeerraum, vermutlich im Gebiet des heutigen Israel oder Libanon, wieder andere sprechen davon, die Sorte sei bereits vor 5000 Jahren in Ägypten kultiviert worden. Von Konstantinopel gelangte die Sorte im 16. Jahrhundert nach Westeuropa ins Burgund, später auch in der Schweiz, wo sie als Chasselas zur Nationalsorte wurde.

Bis heute ist Chasselas im Anbaugebiet Lavaux am Genfer See die Hauptrebsorte / © Redaktion FrontRowSociety.net

In Deutschland fand der Gutedel vor allem im südlichsten Baden eine dauerhafte Heimat. Das milde Klima des Oberrheingrabens, die Löss- und Kalkböden sowie die Schutzwirkung des Schwarzwalds schaffen ideale Bedingungen: lange Vegetationsperioden, moderate Niederschläge und eine gleichmäßige Reifeentwicklung ohne extreme Säurespitzen.

Typisch für Gutedel ist seine subtile Aromatik. Anders als expressive Rebsorten lebt er nicht von primären Fruchtaromen, sondern von Textur, Mineralität und feinen Kräuternoten. Gute Exemplare zeigen Nuancen von Birne, Apfel, Mandel, frischen Kräutern und nassem Stein. Seine moderate Säure und der meist niedrige Alkohol machen ihn zu einem idealen Essensbegleiter. Meiner Meinung nach ist Gutedel ein Wein, der nicht dominiert, sondern interagiert.

Gutedel: im Badischen neu entdeckt / © Redaktion FrontRowSociety.net

Vom Alltagswein zum Terroirbotschafter

Im Markgräflerland war Gutedel jahrzehntelang der Wein für jeden Tag: unkompliziert, leicht, früh trinkreif. Doch genau diese Eigenschaften führten dazu, dass sein Potenzial unterschätzt wurde. Männer verfolgt einen anderen Ansatz. Er betrachtet Gutedel ähnlich wie Winzer in der Bourgogne ihre Chardonnay-Parzellen: als präzises Instrument zur Darstellung von Boden und Mikroklima.

Gutedel wohin das Auge blickt
Gutedel fühlt sich wohl im südlichen Baden / © Weingut Fritz Blankenhorn

Durch niedrigere Erträge und längere Hefelager entstehen Weine mit deutlich mehr Druck am Gaumen, feiner Phenolik und salziger Länge. Besonders auf kalkreichen Böden zeigt Gutedel eine fast burgundische Noblesse. Unbestritten findet dieser Stil zunehmend Beachtung oder nach Martin Männers Worten: Gutedel findet emanzipierte Weintrinker.

Mit langen Hefelagern und der Nutzung von Beton geht Martin Männer neue Gutedel-Wege in Baden / © Anna Ziegler, Medienagenten

Gutedel und Gastronomie: Ein unterschätzter Partner

Gerade in der gehobenen Gastronomie eröffnet Gutedel enorme Möglichkeiten. Seine Balance aus Frische, moderatem Alkohol und subtiler Aromatik erlaubt Kombinationen, die mit lauteren Weinen schwierig wären. Klassisch passt er zu Fisch, Spargel oder Geflügel, doch hochwertige Gutedel begleiten ebenso souverän Kalbsgerichte, helle Saucen oder vegetarische Küche mit Kräutern und Nüssen.

Beim Anblick von Sabines Spargelgerichts schlägt des Herz der Fastenden gleich ein wenig schneller
Bald beginnt die Spargelzeit, also schon jetzt am besten einen Gutedel-Vorrat sichern / © Redaktion FrontRowSociety.net

Wie überzeugend das in der Praxis funktioniert, lässt sich unmittelbar vor Ort erleben: In der zum Weingut gehörenden Fritz Weinbar werden die Weine gezielt in Szene gesetzt. Hier treffen die unterschiedlichen Gutedel-Stilistiken auf eine saisonal geprägte, regionale Schmankerl, wie etwa eine Kaiserstühler Vesperplatte oder ausgesuchte Käsesorten. Hautnah kann man erleben, wie facettenreich die Rebsorte sein kann – vom puristischen Gutswein zum eleganten Lagenwein.

Für den Einkehrschwung nach einer Wanderung: Fritz Weinbar / © Günther Stadl

Die VDP-Pyramide: Herkunft als Qualitätsmaßstab

Das Weingut Blankenhorn ist Mitglied im VDP, dem Verband Deutscher Prädikatsweingüter. Dessen Klassifikationssystem orientiert sich konsequent an der Herkunft:

  • VDP.GUTSWEIN: Einstieg, repräsentiert den Stil des Hauses
  • VDP.ORTSWEIN: charakteristische Weine einer Gemeinde
  • VDP.ERSTE LAGE®: hochwertige Einzellagen mit besonderem Profil
  • VDP.GROSSE LAGE®: die Spitze der Qualitätspyramide

Blankenhorn nutzt diese Struktur, um die Bandbreite des Gutedels transparent abzubilden. Angefangen beim frischen Alltagswein bis zum komplexen Lagenwein. Wir stellen heute vier verschiedene Weine aus unterschiedlichen Qualitätsstufen vor.

Viermal Gutedel – gleiche Reborte, immer anders / © Redaktion FrontRowSociety.net

2024 Markgräfler Gutedel VDP.GUTSWEIN trocken

Dieser Wein ist die Visitenkarte des Hauses. Die Trauben stammen aus verschiedenen Parzellen rund um Schliengen, geprägt von Löss und Kalk. Nach einer herausfordernden selektiven Lese aufgrund der schlechten Wetterbedingungen erfolgte eine schonende Pressung und temperaturkontrollierte Gärung im Edelstahl, gefolgt von einem kurzen Hefelager.

Meine Verkostung: Im Glas zeigt sich ein heller, klarer Duft nach grünem Apfel, Birne und frischen Kräutern. Am Gaumen saftig, mit feiner Mineralität und einem animierenden, trockenen Finish. Ein klassischer, moderner Gutswein: präzise, trinkfreudig und vielseitig einsetzbar.

2024 Markgräfler Gutedel VDP.GUTSWEIN trocken / © Redaktion FrontRowSociety.net

2024 Schliengen Chasselas VDP.ORTSWEIN

Der Ortswein bündelt die typischen Eigenschaften der Gemeinde Schliengen. Hier dominieren kalkreiche Böden mit Lössauflage, die dem Wein mehr Struktur verleihen. Die Gärung erfolgt spontan in großen Holzfässern mit einer anschließenden Reife auf der Feinhefe bis zu 10 Monaten.

Meine Verkostung: Die Nase wirkt deutlich komplexer: reife Birne, gelber Apfel, Mandeln und eine feine Kräuterwürze. Am Gaumen dichter als der Gutswein, mit cremiger Textur und salziger Länge. Dieser Wein zeigt, wie stark Herkunft den Charakter prägen kann: ein Gutedel mit klarer Handschrift des Ortes.

2024 Schliengen Chasselas VDP.ORTSWEIN / © Redaktion FrontRowSociety.net

2021 Schliengen Chasselas «Courage» VDP.ORTSWEIN Réserve du Patron trocken

Mit „Courage“ demonstriert Männer, wie ernst er Gutedel nimmt. Die Trauben stammen aus alten Rebanlagen mit stark reduzierten Erträgen. Ausbau und Reifung erfolgen über einen längeren Zeitraum auf der Vollhefe im Halbstückfass.

Meine Verkostung: Aromatisch bewegt sich der Wein bereits in burgundischen Dimensionen: reife gelbe Früchte, Haselnuss, getrocknete Kräuter, feine Rauchigkeit. Am Gaumen kraftvoll, mit dichter Phenolik, dennoch präzise und elegant. Die Bezeichnung „Réserve du Patron“ ist keine Marketingfloskel, sondern Ausdruck eines persönlichen Projekts des Inhabers.

2021 Schliengen Chasselas «Courage» VDP.ORTSWEIN Réserve du Patron trocken / © Redaktion FrontRowSociety.net

2022 Schliengener Kirchberg Chasselas «Le Clocher» VDP.ERSTE LAGE® trocken

Meine Verkostung: Die Lage Schliengener Kirchberg zählt zu den besten Gutedel-Terroirs der Region. Steile Parzellen mit hohem Kalkanteil und guter Drainage liefern kleinbeerige, konzentrierte Trauben. Die Vinifikation erfolgt selektiv, oft mit langer Maischestandzeit und anschließendem Ausbau im großen Holzfass.

„Le Clocher“ präsentiert sich entsprechend vielschichtig: Aromen von Quitte, reifer Birne, gerösteten Mandeln und kalkiger Mineralität. Am Gaumen straff und tiefgründig, mit vibrierender Salzigkeit und großem Reifepotenzial. Hier zeigt Gutedel seine vielleicht beeindruckendste Seite – nicht laut, sondern extrem nachhaltig.

2022 Schliengener Kirchberg Chasselas «Le Clocher» VDP.ERSTE LAGE® trocken
2022 Schliengener Kirchberg Chasselas «Le Clocher» VDP.ERSTE LAGE® trocken / © Redaktion FrontRowSociety.net

Zukunft einer leisen Größe

Ich kann mit Fug und Recht behaupten, Martin Männer hat in gut einem Jahrzehnt bewiesen, dass Gutedel mehr sein kann als regionaler Alltagswein. Durch präzise Weinbergsarbeit, mutige Kellerentscheidungen und ein klares Qualitätsverständnis hat er das Profil des Weinguts Blankenhorns geschärft und gleichzeitig der gesamten Region neue Impulse gegeben.

Das Weingut Fritz Blankenhorn wird zum Aushängeschild für Gutedel made in Germany
Das Weingut Fritz Blankenhorn wird zum Aushängeschild für Gutedel made in Germany / © Janosch Ruf

Der Weinmarkt und das Konsumverhalten steht zur Zeit an einem Wendepunkt: Authentizität, Trinkfluss und gastronomische Einsetzbarkeit sind gefragt. Diese Attribute könnte Gutedel zu der großen Gewinnerin der kommenden Jahre machen. Vorausgesetzt, Winzer behandeln die Rebsorte nicht als Selbstverständlichkeit, sondern als das, was sie ist: eine der feinsten und ehrlichsten Rebsorten Europas. Ich denke, Blankenhorn zeigt eindrucksvoll, wie dieser Weg leise, präzise und nachhaltig überzeugend sein kann.

Im Exklusiv-Interview mit Martin Männer sprechen wir darüber, wie er den historischen Betrieb grundlegend erneuert hat, warum die oft unterschätzte Rebsorte Gutedel für ihn im Zentrum steht.

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Die Redaktion von FrontRowSociety informiert, dass Alkohol verantwortungsvoll genossen werden sollte. Jeder sollte dazu verpflichtet fühlen, Alkohol von Kindern fernzuhalten.