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Bevor man den staubigen Hügel von Gibellina Vecchia erreicht, ahnt man wenig von der Wucht, die einen dort erwartet: ein Land-Art-Werk von solch stiller Monumentalität, dass es Landschaft, Geschichte und Erinnerung zu einem einzigartigen, fast sakralen Sinnbild vereint.

Die Straße führt in den sizilianischen Westen zum Grande Cretto – jenem gewaltigen Betonlabyrinth, das Alberto Burri über die Ruinen einer zerstörten Stadt legte. Es ist auch eine Reise zu Kunst, Trauma und Topografie, zu einem Werk, das Vergänglichkeit sichtbar macht und den Blick auf die Möglichkeiten der Land-Art neu schärft.

Il Grande Cretto – Ein monumentales Leichentuch über Gibellina / © Redaktion FrontRowSociety.net

Die Tragödie von Gibellina: Vom Beben zur Leere

In der Nacht vom 14. auf den 15. Januar 1968 erschütterte ein verheerendes Erdbeben das Belice-Tal im Westen Siziliens. Die historische Stadt Gibellina, heute als „Gibellina Vecchia“ bekannt, wurde nahezu vollständig in Schutt und Asche gelegt. Hunderte Menschen verloren ihr Leben, viele wurden obdachlos. Statt die Stadt an ihrem ursprünglichen Standort wieder aufzubauen – die seismische Gefahr blieb bestehen – entschied man sich, eine neue Siedlung rund zehn bis zwanzig Kilometer entfernt zu errichten, das heutige „Gibellina Nuova“. Die Ruinen des alten Dorfes blieben zurück, eine geisterhafte Kulisse, unbeachtet und verlassen.

Transformation: Aus Ruinen wird ein Kunstwerk / © Redaktion FrontRowSociety.net

Alberto Burri: Der Künstler, der Narben sichtbar macht

Alberto Burri (1915–1995) war kein gewöhnlicher Bildhauer oder Maler: Ursprünglich Mediziner und im Krieg verwundet, hat er sein Leben der Kunst gewidmet und dabei besonders das Thema Wunde, Bruch und Narben ins Zentrum gerückt. In seinen berühmten „Cretti“-Werken – Rissstrukturen auf Leinwand – untersuchte er die Kraft des Zufalls, der Spannung und der Dichte. Als man ihn nach Gibellina einlud, eine künstlerische Intervention umzusetzen, sah er nicht nur Trümmer, sondern eine Bühne für Erinnerungen: Er wollte die zerstörte Stadt körperlich überziehen, jedoch nicht zum Schweigen bringen. Der Beton sollte nicht glätten, sondern die Narben betonen, indem die Struktur des alten Stadtgrundrisses Material und Monument prägt.

Gibellina Vecchia – Auferstanden aus Ruinen / © Redaktion FrontRowSociety.net

Die Entstehung des Grande Cretto

1984 begann Burri mit seinem ambitionierten Projekt. Er schlug vor, die Ruinen von Gibellina vollständig zu überdecken – aber nicht unsichtbar zu machen, sondern sie in ein großes, begehbares Labyrinth aus weißem Beton zu verwandeln. Die Idee: breite Betonplatten, durchzogen von tiefen Spalten, die exakt den alten Straßen, Gassen und Parzellen der zerstörten Stadt entsprechen. Zwischen 1985 und 1989 errichtete er das Grundgerüst dieses monumentalen Werks, mit Betonblöcken, die bis zu etwa 1,5 Meter hoch sind, und Einschnitten, so breit, dass man hindurchschreiten kann.

Was einst ein Vulkanausbruch zerstörte, ist heute eine monumentale, begehbare Betonskulptur / © Redaktion FrontRowSociety.net

Doch das Projekt geriet ins Stocken: Finanzierungsprobleme, bürokratische Hürden; kurzum, die Bauarbeiten wurden 1989 eingestellt. Erst Jahrzehnte später, im Jahr 2015, zum hundertsten Geburtstag des Künstlers, konnte das Werk endlich vollendet werden. Die ursprünglichen Betonpartien sind deutlich von den später hinzugefügten zu unterscheiden. Die neueren, strahlend weißen Flächen kontrastieren mit den gealterten, patinierten Abschnitten. Heute erstreckt sich der Cretto über etwa 85.000 bis 90.000 Quadratmeter – ein wahrhaft riesiges Denkmal.

Die Skulptur von Alberto Burri nimmt die Topografie des Dorfes auf / © Redaktion FrontRowSociety.net

Wenn man den Grande Cretto betritt, erlebt man eine besondere Stimmung: Man wandelt durch jene einst belebten Straßen, die nun als Spalt- und Fugenmuster im Beton fortbestehen. Die dicken, weißen Betonmauern wirken wie ein Verband oder ein Leichentuch, das die Stadt umhüllt. Aus der Vogelperspektive offenbart sich das volle Ausmaß des Werks: ein geometrisches Netz, ein weißes Raster, eingebettet in die sizilianische Landschaft. Diese doppelte Wahrnehmung – sowohl als begehbare Skulptur als auch als abstrakte Grafik im Gelände – bringt uns zur Übetzeugung: Der Cretto ist nicht nur ein Mahnmal, sondern ein Landschaftsobjekt, der Erinnerung mit Raum verbindet.

Lebendiges Mahnmal: Unterwegs auf zwei Rädern … / © Redaktion FrontRowSociety.net
… oder auf zwei Füßen / © Redaktion FrontRowSociety.net

Land-Art im globalen Kontext

Der Grande Cretto ist ein anschauliches Beispiel für die Land-Art-Bewegung, die ab den 1960er Jahren entstand: Künstler verlagerten ihre Arbeit vom Atelier hinaus in die Natur, nutzten Erde, Stein, Beton oder andere Materialien, um direkte Eingriffe in die Landschaft zu machen. Namen wie Robert Smithson („Spiral Jetty“) oder Michael Heizer („Double Negative“) stehen dabei oft im Vordergrund, Künst­ler, die geologische Prozesse, Zeit und Vergänglichkeit thematisierten. Im Kern teilt Burri mit diesen Land-Art-Pionieren die Absicht, Kunst nicht nur in der Galerie zu inszenieren, sondern Landschaft als Medium zu verstehen. Anders als viele seiner Kollegen aber verfolgt Burri eine stärker monumentale, dauerhaft angelegte Vision – sein Werk ist nicht temporär, sondern als bleibende Geste des Gedenkens gedacht.

Ein besonderes Anliegen der Land-Art-Künstler ist es, … / © Redaktion FrontRowSociety.net
… Kunst in der Natur zu verorten / © Redaktion FrontRowSociety.net

Ein spannender Kontrast zum Grande Cretto bietet der Land-Art-Pfad auf der Gerschnialp oberhalb von Engelberg in der Schweiz. Dort handelt es sich um ein kuratiertes Festival von ortsbezogenen, oft temporären Arbeiten verschiedener Künstler: filigrane Skulpturen aus Holz, Stein oder anderen natürlichen Materialien, eingebettet in Alpweiden, Wälder und Felsen. Die Werke leben von ihrer Vergänglichkeit, sie reagieren auf Licht, Wetter und Jahreszeiten, und sie laden zur spielerischen Erkundung ein.

Der imposante Waldschreiter stammt von dem Künstler-Duo Gedeon Regli & Fabienne Baumann
Der imposante Waldschreiter stammt von dem Künstler-Duo Gedeon Regli & Fabienne Baumann und steht als Land-Art-Projekt auf der Gerschnialp oberhalb von Engelberg / © FrontRowSociety.net, Foto: Annett Conrad

Der Cretto hingegen ist dauerhaft, aus Beton und massiv. Er ist keine Spielerei, sondern ein Denkmal. In Engelberg erleben wir Kunst im Dialog mit Natur und Vergänglichkeit; in Gibellina erleben wir Geschichte, Verlust und Erinnerung in materialisierter Form. Engelberg symbolisiert die poetische, temporäre Seite der Land-Art, während Burri mit seinem Cretto die tragische, historische Dimension betont – das, was Land-Art im Kern auch leisten kann: Landschaft als Erinnerungsträger.

Kunstwerk und Landschaft im Dialog / © Redaktion FrontRowSociety.net

Die Bedeutung von Il Grande Cretto

Alberto Burri hat mit dem Cretto ein „begrabenes Gedächtnis“ geschaffen. Man ist fast geneigt zu sagen: Hier befindet sich ein geologisches, architektonisches, spirituelles Zeugnis der Stadt Gibellina, konserviert nach der Katastrophe. Die Betonrisse sind wie sichtbare Narben, die in ihrer schlichten Monumentalität den Verlust verorten. Mit seinem Kunstwerk gelingt es Burri, das kollektive Gedächtnis zu bewahren und den Schmerz in eine kraftvolle, ruhige Präsenz zu verwandeln.

Wer durch Il Grande Cretto flaniert, wird von einer fast sakralen Ruhe umgeben … / © Redaktion FrontRowSociety.net
... deren Dimensionen man erst zwischen den Betonschlangen erfasst
… deren Dimensionen man erst zwischen den Betonschlangen erfasst / © Redaktion FrontRowSociety.net

In dieser Verbindung zeigt sich ganz konkret, wofür Land-Art stehen kann: nicht nur als Spiel mit Raum und Natur, sondern als existenzieller Ort der Reflexion, wo Kunst und Leben, Vergänglichkeit und Ewigkeit, Bau und Zerstörung sich in einen stilles, aber unüberhörbares Miteinander verweben.

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