Wer den Wald oberhalb von Engelberg betritt, hört zuerst das Rascheln der Fichten, das Knacken der Wurzeln unter den Schuhen, das Zirpen der Grillen im hohen Gras. Und dann, nach ein paar Schritten, öffnet sich der Blick auf etwas, das so gar nicht hierher zu gehören scheint: eine Skulptur, schwarz poliert, aus Fichtenholz, geformt wie eine stilisierte Samenkapsel. Man bleibt stehen, schaut, tritt näher. Und merkt: Genau hier gehört sie hin.

So beginnt die Begegnung mit der Landart in Engelberg, die in diesem Sommer bereits ihre vierte Ausgabe erlebt. Das Motto lautet „Ausblick – Einsicht“, und schon der Name sagt, worum es geht: hinschauen, weitersehen, nach innen blicken.
Ein Pfad durch Kunst und Natur
Der Landart Pfad Gerschnialp ist rund 3,5 Kilometer lang. Elf Werke säumen den Weg, der sich in gut 90 Minuten durch Wald und über Wiesen bewältigen lässt. Blumen, Farne, Walderdbeeren, hohe Fichten und Heidelbeeren bilden die Kulisse, dazwischen tauchen die Arbeiten der Künstler auf. Mal groß und markant, mal so unscheinbar, dass man fast daran vorbeilaufen würde.

Kuratiert wird die Ausstellung von Claudia Häusler, Kulturmanagerin mit langjähriger Erfahrung. Sie begleitet Besucher auf dem Weg, erzählt von den Künstler:innen, von den Materialien, von den Ideen hinter den Werken. Man spürt sofort, wie sehr ihr dieses Projekt am Herzen liegt. „Es geht immer um die Natur“, sagt sie. „Landart ist keine Dekoration, sondern ein Gespräch zwischen Mensch und Landschaft.“

Kunst, die vergeht
Elf Exponate, geschaffen aus Holz, Moos, Stein, Schwemmholz – Materialien, die hier vorkommen, nichts, das fremd wirkt. Manche Arbeiten sind Skulpturen, andere Installationen, manche wirken fast wie Zeichen, die der Wald selbst gesetzt haben könnte.

Doch sie alle sind vergänglich. Nach zwei Jahren verschwinden die Werke wieder, manche lösen sich schon früher auf. Am 25. Oktober ist auch diese Ausstellung vorbei. „Die Flüchtigkeit gehört dazu“, erklärt Häusler. „Landart erzählt von Schönheit, die nicht für die Ewigkeit gedacht ist.“

Und tatsächlich: Während man durch den Wald geht, ist da das Gefühl, etwas Einmaliges zu sehen. Etwas, das so nur jetzt existiert – im Spiel von Sonnenlicht, Wind und Jahreszeit.
Stimmen der Künstler
Elf Künstler:innen haben ihre Spuren auf dem Pfad hinterlassen: zwei Deutsche, ein Italiener, der Rest aus der Schweiz. Alle mit künstlerischer Ausbildung, alle mit dem Wunsch, ihre Arbeit nicht in weißen Galerieräumen, sondern im offenen Raum der Natur zu präsentieren.

Da ist etwa das Werk „Sie haben das Ziel erreicht“ mit einem Durchmesser von drei Metern, das in fünf Tagen Arbeit entstanden ist, ganz in der Nähe eines Hochmoors. Von oben wirkt es wie das Zeichen auf Google Maps – als hätte jemand die Natur selbst markiert.
Eine junge Künstlerin baut Nester, die vom Rückzug erzählen, vom Wunsch, sich einzunisten, Schutz zu suchen. Ein anderes Künstler-Duo erschafft den „Waldschreiter“ aus Schwemmholz – eine Figur, die aussieht, als wäre sie direkt aus dem Boden gewachsen, bereit, weiterzugehen.

Landart als Bewegung
Landart ist keine Engelberger Erfindung. Die Bewegung entstand in den 1960er Jahren in den USA – als Antwort auf eine Kunst, die sich in Museen und Sammlungen abspielte. Damals wollten die Künstler:innen wollten hinaus in die Landschaft, wollten ihre Arbeiten dem Wind, dem Regen und der Zeit aussetzen.

Für Claudia Häusler ist Landart seit mehr als zehn Jahren eine Leidenschaft. Sie hat in Zug erste Projekte umgesetzt, war in Grindelwald involviert, wo auch ein Buch über Landart entstand. Ihre Idee: Künstlern einen Raum geben, wo sie ihre Arbeiten zeigen können, ohne Wände, ohne Grenzen. Engelberg ist mit seinem Wald, seinen Lichtungen und Wiesen der perfekte Ort dafür.

Persönliche Gedanken
Als ich den Pfad entlanggehe, merke ich, wie sich mein Blick verändert. Am Anfang sind es Kunstwerke, die ich entdecke. Doch je länger ich unterwegs bin, desto mehr sehe ich auch in den „normalen“ Dingen Kunst: das Muster des Mooses auf einem Stein, die Linien der Baumrinde, das Schattenspiel der Zweige im Wind.

Vielleicht ist das die eigentliche Kraft der Landart – nicht die Objekte selbst, sondern die Haltung, die sie in uns wecken. Ein Samenkorn, das man mitnimmt, ohne es zu merken.

Und das Ende gehört dazu. Im Oktober wird alles wieder abgebaut. Manche Werke haben sich bis dahin verändert, sind von Regen ausgewaschen, vom Moos überwachsen, von der Sonne gebleicht. Doch das ist kein Verlust. Es ist Teil der Geschichte. Landart in Engelberg ist kein Versuch, Dauerhaftigkeit zu schaffen. Es ist die Einladung, den Moment zu sehen, bevor er vergeht. Ausblick – Einsicht. Zwei Worte, die bleiben, auch wenn die Kunst verschwindet.
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