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In Göttlesbrunn, im Herzen des Weinbaugebiets Carnuntum, wird seit sechs Generationen Wein in der Familie Netzl gemacht. Aus dem einstigen gemischten landwirtschaftlichen Betrieb ist ein biologisch zertifiziertes Weingut mit rund 28 Hektar Rebfläche geworden. Franz und Christine Netzl haben das Haus über Jahrzehnte geprägt, heute führt Tochter Christina den Betrieb in fünfter Generation.

Wie sich Tradition und Weiterentwicklung dabei verbinden, lässt sich an zwei Weinen des Jahrgangs 2023 besonders gut ablesen: der Ried Bärnreiser und der wieder aufgelegte Anna-Christina. Beide kommen aus demselben Haus, beide sind Cuvées und beide tragen einen Teil der Familiengeschichte in sich. Stilistisch erzählen sie jedoch unterschiedliche Kapitel.

Christina Netzl formt das neue Gesicht des Zweigelt
Christina Netzl führt das Weingut in fünfter Generation / © Foto: Julius Hirtzberger

Die Ried Bärnreiser als lebendiges Geschichtsbuch

Die Ried Bärnreiser in Höflein gehört seit 2017 zu den klassifizierten Ersten Lagen der Österreichischen Traditionsweingüter. Für die Familie Netzl ist sie jedoch nicht nur eine Herkunftsbezeichnung. Christina Netzl beschreibt sie als ein „lebendiges Geschichtsbuch“, in dem jede Generation ihre Spuren hinterlassen hat.

Opa Johann pflanzte hier den ersten Zweigelt, Franz und Christine setzten 1996 Merlot, später kam durch Christina der Blaufränkisch hinzu. Diese drei Rebsorten bilden heute die Cuvée Ried Bärnreiser.

Ried Bärnreiser 2023 – dunkle Beerenfrucht, weißer Pfeffer und etwas Lakritz in der Nase; Glas: Josephine N° 3 red / © Redaktion FrontRowSociety.net

Die Lage beginnt am Waldrand und zieht sich weit über den Hang, bis sie sich vollständig vom Wald abwendet. Am wärmsten Punkt steht der Merlot. Südliche Ausrichtung, sandig-schottrige Lössböden und das pannonische Klima sorgen für hohe Reife. Gleichzeitig bewahrt der Wein eine Frische, die ihm Spannung gibt.

Im Glas zeigt sich das 2023 mit dunkler Beerenfrucht, weißem Pfeffer und einem Hauch Lakritze. Am Gaumen kommt eine feine Extraktsüße hinzu, begleitet von einer harmonischen Würze und seidigem Tannin. Zweigelt bildet das Fundament, Blaufränkisch bringt Struktur und Würze, Merlot steuert Dichte und Geschmeidigkeit bei.

Beschreibung: Ried Bärnreiser 2023

Rebsorten: Zweigelt, Blaufränkisch, Merlot
Farbe: intensives Rubingranat mit schwarzen Reflexen
Nase: dunkle Beerenfrucht, weißer Pfeffer, etwas Lakritz, Brombeere sowie Kakao und Wacholder
Gaumen: feine Extraktsüße, würzig, elegantes, seidiges Tannin, Frische, Länge mit lebendigem Biss
Flascheninhalt: 750 ml
Alkoholgehalt: 14 % vol.

Anna-Christina kehrt zu ihren Wurzeln zurück

Die Geschichte der Anna-Christina beginnt bereits 1999. Franz und Christine Netzl widmeten die Cuvée ihren beiden Töchtern Annemarie und Christina. Fast ein Vierteljahrhundert später greift Christina Netzl diese Familiengeschichte wieder auf, allerdings mit einer bewussten Veränderung.

Mit dem Jahrgang 2016 war der Name der Herkunft, Ried Bärnreiser, auf das Etikett gerückt. Gleichzeitig veränderte sich der Stil durch Christinas Blaufränkischanteil. Der Wein wurde rassiger und straffer. Irgendwann, so erklärt die Winzerin, passte der Name Anna-Christina für sie nicht mehr zu dieser neuen Stilistik.

Anna-Christina 2023 – eine filigrane Vermählung von Zweigelt, Cabernet Sauvignon und Merlot; Glas: Josephine N° 3 red / © Redaktion FrontRowSociety.net

2023 kommt die Cuvée deshalb wieder zu ihrem ursprünglichen Charakter zurück. Zweigelt, Cabernet Sauvignon und Merlot bilden diesmal die Verbindung. Die würzige Frucht des Zweigelts trifft auf die kernige Textur des Cabernet Sauvignon und die samtige Dichte des Merlots.

Auch hier stammen die Trauben aus tief verwurzelten Rebanlagen auf kalkhaltigen, sandigen Löss- und Schotterböden. Die rund 30 Jahre alten Rebstöcke liefern konzentrierte Frucht und Struktur. Der Wein zeigt sich dicht und dunkelbeerig, mit reifem Tannin und einer ausgeprägten Würze.

Beschreibung: Anna-Christina 2023

Rebsorten: Zweigelt, Merlot, Cabernet Sauvignon
Farbe: dunkles Rubinrot mit granatroten Reflexen
Nase: würzig, warme Aromen, dunkle Frucht, Noten von Olive
Gaumen: saftige, dunkle Frucht, kernige Struktur mit samtiger Dichte, reife Tannine, würzige und dennoch filigran
Flascheninhalt: 750 ml
Alkoholgehalt: 14 % vol.

Zwei Cuvées, zwei Handschriften

Interessant wird der Vergleich vor allem dort, wo sich die beiden Weine voneinander entfernen. Die Ried Bärnreiser 2023 ist stärker auf die Herkunft konzentriert. Mit dem Blaufränkisch greift Christina Netzl eine für sie wichtige regionale Rebsorte auf und interpretiert die Lage eigenständiger und spannungsreicher.

Anna-Christina 2023 und Ried Bärnreiser 2023 – beide Weine verbindet mehr, als man auf den ersten Blick denkt / © Redaktion FrontRowSociety.net

Die Anna-Christina 2023 dagegen ist stärker von der ursprünglichen Idee der Cuvée geprägt. Cabernet Sauvignon und Merlot verändern das Verhältnis von Würze, Frucht, Struktur und Dichte. Sie wirkt weniger wie eine reine Interpretation der Lage als wie eine Rückbesinnung auf den Wein, mit dem die Familiengeschichte der beiden Schwestern verbunden ist.

  Ried Bärnreiser 2023 Anna-Christina 2023
Rebsorten Zweigelt, Blaufränkisch, Merlot Zweigelt, Merlot, Cabernet Sauvignon
Stil frischer, würziger, präziser wärmer, dichter, samtiger
Nase Beeren, weißer Pfeffer, Lakritz dunkle Frucht, Würze, Olive
Gaumen seidiges Tannin, Frische, Biss, Länge mehr Dichte, reifes Tannin, Cabernet-Struktur
Säure 5,1 g/l 4,7 g/l
Restzucker 1,0 g/l 1,6 g/l
Alkohol 14 % vol. 14 % vol.

 

Und doch verbindet die beiden Weine mehr, als sie trennt. Beide werden selektiv von Hand gelesen, die einzelnen Sorten separat vinifiziert und drei Wochen auf der Maische belassen. Nach der malolaktischen Gärung reifen sie 18 Monate in Barriques, 40 Prozent davon neu. Erst nach sorgfältiger sensorischer Kontrolle werden die einzelnen Partien zur endgültigen Cuvée zusammengeführt.

Separate Vinifizierung und 18 Monate Reife im Barrique / © Foto: Julius Hirtzberger

Auch die biologische Bewirtschaftung gehört inzwischen fest zur Arbeit von Christina Netzl. Das gesamte Weingut ist biologisch zertifiziert. Begrünte Flächen, der Umgang mit Kompost, der Erhalt von Bäumen und Böschungen und ein möglichst natürlicher Kreislauf im Weingarten gehören zu ihrem Verständnis von nachhaltigem Weinbau.

So erzählen die beiden 2023er letztlich von einer Entwicklung, die sich durch das gesamte Weingut zieht. Zwei Weine, zwei Wege. Und beide zeigen, wie eine neue Generation mit dem Erbe der Eltern umgehen kann: Sie bewahrt, was Bedeutung hat, verändert, was nicht mehr passt, und lässt aus beidem etwas Eigenständiges entstehen.

Handarbeit und biologische Bewirtschaftung – dafür die Familie Netzl / © Foto: Julius Hirtzberger

Was sagt Christina Netzl über die Neuauflage von Anna-Christina?

„Die Cuvée Anna-Christina stammt ja aus einer unserer bedeutendsten Lagen – der Ried Bärnreiser und durch mich kam mit dem Jahrgang 2016 der Name der Herkunft/Lage mit aufs Etikett. Auch der Stil des Weine hat sich durch mich und den Blaufränkischanteil verändert und ich hatte irgendwie das Gefühl, dass der Name Anna-Christina irgendwie nicht mehr zu dem Stil des Weines passt und wollte auf der anderen Seite wieder eine Cuvée im ursprünglichen Stil kreieren, der vielleicht die Freunde und Liebhaber von Anna-Christina mehr abholt, als die neue, etwas rassigere und nervigere Variante der Ried Bärnreiser.“

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