Wer Felix und Victoria zu Salm-Salm vom Weingut Prinz Salm begegnet, merkt schnell: Titel spielen eine Nebenrolle – entscheidend ist der Boden unter ihren Füßen.
Zwischen Grünschieferterrassen an der Nahe und den warmen Kalklagen rund um Bingen treiben die beiden eine Vision voran, die Tradition nicht feiert, sondern weiterentwickelt. Sie arbeiten regenerativ, denken in Generationen und setzen auf gereifte Rieslinge, die erst dann auf den Markt kommen, wenn sie wirklich erzählen können. Gleichzeitig öffnen sie ihr Weingut für Menschen, die Sinn, Struktur oder einfach Gemeinschaft suchen.
Im Interview sprechen Felix und Victoria über die Kraft ihrer Lagen, die Haltung hinter ihrem Handwerk, die Relevanz von Reife in einer schnellen Zeit – und darüber, warum Demut, Humor und Zukunftsfreude für sie genauso unverzichtbar sind wie ein gesunder Boden.

Exklusives Interview mit Prinz Felix und Prinzessin Victoria zu Salm-Salm
Annett Conrad: Prinz und Prinzessin – das klingt nach Tradition, Ihr Alltag aber nach Schlepper, Schiefer und Schaumwein: Herr Prinz zu Salm-Salm, Frau Prinzessin zu Salm-Salm, wie prägt diese jahrhundertealte Familiengeschichte – über 32 Generationen hinweg – Ihr heutiges Selbstverständnis als Weinmacher im 21. Jahrhundert?
Felix: Das Kulturgut Wein spielt seit jeher eine zentrale Rolle in unserer Familie. Die damit verbundene Lebensart prägt uns. Durch die Bewirtschaftung der Weinberge, durch den Ausbau der Weine bringen wir Lebensfreude.
Victoria: Es gibt weniger schönere Dinge als bei einem Glas Wein zusammen zu sitzen. Das hat sich in all den Jahrhunderten nicht verändert und das Lebensgefühl genießen wir sehr.
Annett Conrad: Von der Historie zum Boden: Die DNA des Hauses ist der Grünschiefer. Welche sensorische Signatur verleiht dieser besondere Schiefer Ihren Rieslingen – und worin unterscheiden sie sich für Sie persönlich von den Rotliegenden- und Kalkstandorten auf der Binger Seite?
Victoria: Der Grünschiefer Boden ist einzigartig und unsere Spezialität. Der Wein macht keine Umwege, sondern ist direkt präsent am Gaumen. Auch in warmen Jahren strahlt er und ist geprägt von eher frischen, grün apfeligen und Zitrus Aromen.
Felix: In Bingen haben wir ein deutlich wärmeres Klima und eine höhere Reife. Hinzukommt eine kräftigere Textur und mehr Cremigkeit am Gaumen. Der Kalk der VDP.GROSSEN LAGE KIRCHBERG bringt zudem eine Salzigkeit im Abgang die seinesgleichen sucht.

Annett Conrad: Ihre Lagen stehen im Spannungsfeld zweier Herkunftsregionen: Wie differenzieren Sie die Stilistik zwischen Nahe und Rheinhessen im Ausbau – und welchen Einfluss haben Faktoren wie das „Cool Climate im Cool Climate“ im Felseneck oder Scharlachberg auf Phenolik, Säurestruktur und Reifepotenzial?
Felix: In den Binger Weinbergen haben wir eine frühere und höhere Reife. Die Weinberge dort liegen nur auf 100-180 Meter. 100 Höhenmeter machen ca. eine Lesewoche aus. Die Differenzierung ergibt sich aus den Vorgaben der Natur und den unterschiedlichen Böden. Da sind wir lediglich der Wegbereiter.
Victoria: Das Reifepotential sehen wir als nahezu identisch an. In Wallhausen ist die Säure vibrierender und die Phenolik sticht in Bingen etwas mehr hervor. Grundsätzlich sind wir in beiden Gebieten extrem dankbar über die klimatischen Gegebenheiten.
Felix: Ja, wir wissen von keiner anderen Periode, wo die Qualität so gut war wie in den letzten 30 Jahren, und das zu relativ konstanten Erzträgen.
Annett Conrad: Regenerative Landwirtschaft ist für viele Betriebe noch Zukunftsmusik – bei Ihnen gelebte Praxis: Können Sie beschreiben, welche agronomischen Maßnahmen für Sie den größten qualitativen Hebel haben und wie sich die Biodiversitätsarbeit konkret im Weinberg widerspiegelt?
Felix: Mein Vater war mit der ökologischen Wirtschaftsweise schon in den 1980er Jahren ein Vordenker. Ich denke, das vererbt sich und ist Teil der DNA, nach nachhaltigen Kriterien zu arbeiten. Bezüglich der regenerativen Arbeit gibt es viele Hebel wie z.B. das Arbeiten mit Tieren im Weinberg, die Direkteinsaat, das Wachsenlassen der Begrünungen.
Victoria: Alles in allem ist es eine Frage der Einstellung. Und der größte Hebel ist das Bodenleben und die Biodiversität. Das erlebt man am besten, wenn man im Frühjahr durch unsere Weinberge läuft.
Annett Conrad: Von äußerer Haltung zu innerer Haltung: Welche Rolle spielt der christlich geprägte Wertekanon Ihrer Familie in der Art und Weise, wie Sie heute soziale Verantwortung und nachhaltiges Wirtschaften im Weingut definieren?
Felix: Wir sind in christliche Familien hineingewachsen und sind selber gläubige Christen. Daraus ergibt sich ein Auftrag, dem wir versuchen gerecht zu werden. Dazu zählt Nächstenliebe genauso wie nachhaltiges Wirtschaften, und eben auch ein soziales Engagement. Das sind allerdings Themen, die nie fertig sind. Man ist dabei immer auf einem Weg.

Annett Conrad: Ihre Weine erscheinen bewusst gereift – ein seltenes Versprechen in einer Zeit schneller Markteinführung: Was hat Sie dazu bewogen, Rieslinge mit bis zu zehn Jahren Flaschenreife anzubieten, und wie reagieren Sommeliers sowie Händler aus der Spitzengastronomie auf dieses ungewöhnliche Konzept?
Victoria: Wir lieben gereifte Rieslinge! Um diese Rebsorte in seiner Gänze zu verstehen, kommt man an gereiftem Riesling nicht vorbei. Ich denke, das wir uns mit den deutschen Weinen, gerade mit gereiften Rieslingen, an die Weltspitze katapultieren.
Felix: Die Resonanz ist überwältigend. Es ist fast egal wo wir hinkommen. Da wo Leidenschaft für Wein herrscht, werden wir mit den 2014er und 2015er VDP.GROSSEN GEWÄCHSEN mit offenen Armen empfangen. Man muss die Weine einfach aufmachen, zeigen und verkosten, dann ist es ein Selbstläufer.

Annett Conrad: Damit verbunden ist ein zeitlicher und finanzieller Kraftakt: Welche weinbaulichen und vinifikatorischen Entscheidungen müssen, bereits im Weinberg getroffen werden, damit ein Riesling die Reifephase im Keller und auf der Flasche so souverän meistert?
Victoria: Als Grundlage dienen unsere VDP.GROSSEN und ERSTEN LAGEN. Ohne absolute Spitzenlagen geht das nicht. Wir haben derer vier. Wenn wir es dann im Weinberg schaffen, perfekte Trauben reifen zu lassen und diese zum perfekten Zeitpunkt ernten, kann nicht mehr so viel schief gehen.
Felix: Im Keller heißt es dann, dem Wein begleitend zur Seite zu stehen. Auf Neu-Wein-Deutsch würde man es wohl Low-Intervention nennen.
Victoria: Der Großteil der Reife findet dann auf der Flasche statt. In einem extra Reifekeller unter perfekten Bedingungen.
Annett Conrad: Ihre Schaumweine liegen über 40 Monate auf der Hefe: Welchen Stil verfolgen Sie im klassischen Flaschengärverfahren – und worin unterscheidet sich Ihre Handschrift von dem, was man derzeit an der Nahe und in Rheinhessen typischerweise findet?
Victoria: Vor 10 Jahren haben wir unser Augenmerk auf die Schaumweine gelegt. Es blieb kein Stein auf dem anderen. Von der Weinbergsarbeit hin zur Lese und der Unterteilung in unterschiedliche Pressfraktionen haben wir jeden Bereich optimiert.
Felix: Unsere Handschrift ist beim Sekt wie beim Wein. Wir lieben das zweite Glas.
Victoria: Wir erfreuen uns, wenn die Schaumweine zugänglich sind und Freude bereiten. Die Intensität und Mineralik ist bei der Art der Herstellung ohnehin sehr ausgeprägt.
Annett Conrad: Blicken wir auf die Absatzmärkte: Deutschland und die USA scheinen Ihre stärksten gastronomischen Partner zu sein – was schätzen diese Märkte besonders an Ihrem Profil, und wo sehen Sie mittelfristig Wachstumspotenzial?
Victoria: Zum einen den Willen neue Wege zu gehen, aber an Bewährtem festzuhalten. Dies hat uns bisher bei vielen Partnerschaften geholfen. Die Weine sprechen dann für sich selber. Sie sind zugänglich und gerade als Essensbegleiter perfekt, da sie selten das Essen überstrahlen es aber immer zum Strahlen bringen.
Felix: Das Wachstum bei den gereiften Weinen ist noch nicht annähernd erreicht. Gerade mit den gereiften Lagenweinen haben wir noch viel vor.

Annett Conrad: Zum Schluss ein Blick aufs große Ganze: Ihre Mission Statement „Geerdet sein und fröhlich genießen“ verbindet Bodenarbeit, Ethik und Lebensfreude. Wie übersetzen Sie dieses Leitbild in Ihre zukünftige strategische Entwicklung – von Veranstaltungen über Export bis zur Weitergabe an die nächste Generation?
Felix: Fröhlich bin ich qua Name und wenn es mal eng ist, kann ein Glas Wein Berge versetzen.
Victoria: Bewährtes Behalten, sprich Partnerschaften pflegen und ausbauen, ist mindestens genauso wichtig wie neue Beziehungen aufzubauen. Sicherlich werden wir in Zukunft daran arbeiten, Wein noch nachbarer und erlebbarer zu machen. Wir wollen die Lebensfreude, die der Wein bereit hält, weitergeben und Menschen dafür begeistern. Wenn uns das gelingt, wird auch die kommende Generation Freude daran haben.
Vielen Dank an Prinzessin Victoria und Prinz Felix zu Salm-Salm für die aufschlussreichen Antworten.

Weitere Informationen:
Weingut Prinz Salm
Schlossstrasse 3
55595 Wallhausen / Germany




























































