Im Interview sprechen die beiden Inhaber der fischimwasser – Denkfabrik für Gesundheitsförderung und Prävention, Stefan Sauerzapf und Prof. Dr. Ingo Froböse, über ihr gemeinsames Buch „Deutschland ist krank“, das wir als Buchbesprechung vorstellen werden.
Darin nehmen sie das deutsche Gesundheitssystem kritisch unter die Lupe und zeigen auf, warum trotz hoher Ausgaben immer mehr Menschen chronisch erkranken, erschöpft sind und unter Überforderung leiden. Im Gespräch erläutern sie ihre Diagnose eines Systems, das vor allem Krankheit verwaltet statt Gesundheit zu fördern, und diskutieren die tief liegenden strukturellen Ursachen dieser Entwicklung. Gleichzeitig skizzieren sie Wege, wie Prävention, Gesundheitskompetenz und Eigenverantwortung stärker in den Mittelpunkt rücken könnten – in Politik, Bildung, Arbeitswelt und Gesellschaft.
Exklusives Interview mit Prof. Dr. Ingo Froböse und Stefan Sauerzapf, Autoren des Buchs „Deutschland ist krank“
Annett Conrad: Ihr Buch „Deutschland ist krank“ erscheint in einer Phase, in der viele Menschen Erschöpfung und Überforderung erleben. Was hat Sie beide konkret dazu bewogen, gerade jetzt mit dieser Diagnose an die Öffentlichkeit zu gehen?
Ingo Froböse: Was uns beide konkret dazu bewogen hat, gerade jetzt mit dieser Diagnose an die Öffentlichkeit zu gehen, ist die Tatsache, dass Deutschland zwar enorme Summen für das Gesundheitssystem ausgibt, wir aber dennoch früher chronisch krank werden und kürzer leben. Das Buch bringt den gesundheitlichen Zustand unserer Gesellschaft und des von uns geschaffenen Systems auf den Punkt, da es trotz medizinischen Fortschritts an dem entscheidenden Willen zur Veränderung mangelt. Wir wollen ein Verständnis dafür schaffen, dass wir aufhören müssen, nur Krankheiten zu bekämpfen, und stattdessen anfangen sollten, aktiv in unsere eigene Gesundheit zu investieren und das System entsprechend umzugestalten.

Annett Conrad: Sie beschreiben ein System, das Krankheit verwaltet. Gleichzeitig haben viele Menschen heute kaum noch ein Gespür für ihre eigene körperliche und mentale Gesundheit. Wie hängt beides zusammen und wo sehen Sie die tieferliegende Ursache?
Stefan Sauerzapf: Der Zusammenhang zwischen dem System und dem schwindenden Gespür für die eigene Gesundheit liegt in der historischen Geburtsstunde der „Reparaturmedizin“ im Jahr 1883. Unter Otto von Bismarck wurde die Krankenversicherung eingeführt, um primär die Arbeitsfähigkeit der Arbeiter schnell wiederherzustellen, was die Menschen daran gewöhnt hat, dass ihr Körper unter den Lebensumständen leidet und erst im Krankheitsfall professionell repariert werden muss. Die tieferliegende Ursache ist ein Apparat, der uns zu passiven Patienten macht und uns in eine Abhängigkeit von Pillen und Therapien führt, anstatt uns zu befähigen, gesunde Entscheidungen für uns selbst zu treffen. Dies spiegelt sich in einer erschreckend niedrigen Gesundheitskompetenz wider: Laut RKI (2026) verfügten bereits 81 Prozent der Deutschen über unzureichende Fähigkeiten, Gesundheitsinformationen kritisch zu bewerten und in eigenes Handeln umzusetzen.
Annett Conrad: Herr Froböse, Sie argumentieren aus der Präventionsforschung heraus: Welche zentralen wissenschaftlichen Erkenntnisse stützen Ihre These, dass ein stärker präventionsorientiertes System langfristig wirksamer ist als der bisherige Fokus auf Behandlung?
Ingo Froböse: Zentrale wissenschaftliche Erkenntnisse stützen die These, dass Prävention weitaus wirksamer ist als der reine Fokus auf Behandlung. Beispielsweise belegt eine Studie der OECD und WHO aus dem Jahr 2023, dass bis zum Jahr 2050 durch ausreichende Bewegung allein in Europa 11,5 Millionen nicht übertragbare Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen und Diabetes vermieden werden könnten. Zudem bringt jeder in Gesundheitsförderung investierte Euro einen 1,7-fach höheren ökonomischen Ertrag. Eine neue Studie des McKinsey Health Institute sieht für Deutschland sogar eine Steigerung des BIP um 250 Milliarden Euro pro Jahr – wenn wirksame Prävention etwa zu einer Verringerung der AU-Tage der Beschäftigten führen würde.
Annett Conrad: Sie betonen die Bedeutung von Eigenverantwortung. Gleichzeitig sind Lebensbedingungen, Arbeitswelt und soziale Faktoren entscheidend für Gesundheit. Warum reicht Eigenverantwortung allein nicht aus und was müsste sich strukturell verändern?
Stefan Sauerzapf: Eigenverantwortung allein reicht nicht aus, weil Gesundheit untrennbar mit den Lebensverhältnissen und dem Verständnis durch Bildung verknüpft ist; wir definieren dies als die drei „V“s: Verhalten, Verhältnisse und Verständnis. Strukturell müsste sich verändern, dass Prävention zur zentralen dritten Säule des Gesundheitswesens wird und politische Entscheidungen ressortübergreifend darauf geprüft werden, ob sie die Gesundheit fördern, wir sprechen hier vom Ansatz „Health in All Policies“. Ein wesentlicher Baustein wäre die Einführung eines Schulfachs „Gesundheit“, um Kindern von klein auf die notwendige Gesundheitskompetenz zu vermitteln und so faire Chancen für alle zu schaffen, unabhängig vom sozialen Status.

Annett Conrad: Sie fordern, Gesundheit stärker im Alltag zu verankern, in Schulen, Betrieben und Familien. Welche konkreten Veränderungen würden Menschen tatsächlich kurzfristig spüren, wenn Ihre Vorschläge umgesetzt würden?
Ingo Froböse: Wenn unsere Vorschläge umgesetzt würden, könnten die Menschen kurzfristig eine deutliche Steigerung ihres Wohlbefindens und ihrer Lebensqualität spüren. In Schulen würde die tägliche Sportstunde und eine gesunde Mittagsverpflegung nach Qualitätsstandards der DGE die motorische und geistige Entwicklung der Kinder spürbar fördern. In der Arbeitswelt belegen Experimente, dass bereits eine tägliche 15-minütige Bewegungspause im Büro das mentale Wohlbefinden signifikant verbessert und Stressbelastungen senkt. Zudem würde eine flächendeckende, funktionierende elektronische Patientenakte den Alltag entlasten, indem sie Doppeluntersuchungen vermeidet und die Patientensicherheit erhöht.
Annett Conrad: Deutschland gibt viel Geld für Behandlung aus, aber vergleichsweise wenig für Prävention. Welche Rolle spielen dabei aus Ihrer Sicht wirtschaftliche Interessen, etwa durch Pharmaunternehmen oder andere Akteure im Gesundheitssystem?
Stefan Sauerzapf: Wirtschaftliche Interessen spielen eine dominante Rolle, da das System oft mehr rendite- als innovationsgetrieben ist. Die Pharmaindustrie investiert Milliarden in Forschung, bei der es oft primär um Gewinnmaximierung geht. So bietet über die Hälfte der neu zugelassenen Medikamente keinen nachgewiesenen Zusatznutzen gegenüber etablierten Therapien. Zudem üben etwa 6.000 Lobbyisten in Berlin massiven Einfluss auf die Politik aus. Gleichzeitig setzt das DRG-Fallpauschalensystem in Krankenhäusern finanzielle Anreize für eine hohe Anzahl an Operationen, anstatt die tatsächliche Qualität der Versorgung und das Patientenwohl in den Mittelpunkt zu stellen.
Annett Conrad: Sie plädieren dafür, Gesundheit politisch deutlich stärker zu verankern, bis hin zur Forderung „Gesundheit ins Grundgesetz“. Wie realistisch ist ein solcher Kurswechsel in der aktuellen politischen Landschaft?
Ingo Froböse: Ein politischer Kurswechsel hin zur Verankerung der Gesundheit im Grundgesetz ist zwar eine weitreichende Forderung, aber angesichts drohender Milliardendefizite und eines kollabierenden Systems dringend geboten. Bisher stützt die Politik, beeinflusst durch zahlreiche Lobbygruppen, ein System, das sich in bürokratischer Selbstverwaltung verfangen hat. Ein solcher Wechsel erfordert den Mut zu einer grundlegenden Reform der Sozialgesetzgebung, weg von der reinen Krankheitsorientierung hin zu einem Staatsziel Gesundheit, das einklagbare Rechte auf gesunde Rahmenbedingungen schafft. Ohne diesen systemischen Wandel wird die Solidargemeinschaft künftig finanziell nicht mehr funktionieren können.

Annett Conrad: Wenn Sie nach vorne blicken: Wo sehen Sie die größte Chance für echte Veränderung; eher im politischen System oder in einem veränderten Bewusstsein der Gesellschaft?
Stefan Sauerzapf: Die größte Chance für echte Veränderung liegt in der Abkehr vom Menschen als passivem Objekt eines defizitären Systems hin zum Menschen als aktivem Gestalter seiner eigenen Gesundheit. Wir müssen alle bei uns selbst anfangen und die Eigenverantwortung für unseren Lebensstil übernehmen, während der Staat gleichzeitig die notwendigen Regeln für eine gesunde Umwelt aufstellen muss. Erst durch das Zusammenspiel von individueller Verhaltensänderung und mutigen strukturellen Reformen kann der notwendige Wandel gelingen, um Gesundheit als unser höchstes Gut langfristig abzusichern.
Vielen Dank an Stefan Sauerzapf und Ingo Froböse für ihre aufschlussreichen Antworten zu diesem aktuellen und brisanten Thema.

Weitere Informationen
fischimwasser – Denkfabrik für Gesundheitsförderung und Prävention
Habsburgerring 3
50674 Köln / Deutschland
Tiefgründige Zusammenhänge über das kranke Deutschland sind im Buch von Froböse und Sauerzapf ausführlich beschrieben. Hier geht es zu unserer Rezension: Deutschland ist krank
Hinweis der Redaktion: Die in diesem Interview geäußerten Aussagen, Einschätzungen und Meinungen geben die persönlichen Ansichten des Interviewpartners wieder. Die Redaktion macht sich diese nicht zu eigen. Für die inhaltliche Richtigkeit der Angaben ist der Interviewpartner verantwortlich.




























































