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Man betritt den Bunker in St. Pauli nicht einfach. Man wird von ihm verschluckt. Hier erwartet einen keine Schönheit, sondern ein Monstrum, dem man sich erst auf den zweiten Blick bzw. Schritt zu nähern vermag.

Der Beton ist kühl, schwer, fast abweisend und doch liegt etwas Ungewöhnliches in der Luft. Kein Echo von Angst, viel eher herrscht Lebendigkeit. Der Bunker in Hamburg-St. Pauli, einst gebaut, um dem Krieg zu trotzen, ist heute ein Ort, der genau das Gegenteil feiert: Begegnung, Genuss, Neugier. Individualisten finden hier ein Hotelzimmer an einem Lost Place, gedacht für Menschen, die nicht das Erwartbare suchen, sondern das Bedeutungsvolle.

Der trutzige Beton-Bunker in Hamburg St Pauli trägt heute eine grüne Krone … / © Redaktion FrontRowSociety.net
… und füllt sein Inneres mit Helligkeit und Leben des REVERB by Hard Rock Hamburg / © Redaktion FrontRowSociety.net

Der Koloss an der Feldstraße war nie neutral. Errichtet wurde er während des Zweiten Weltkriegs. Er diente als Hochbunker und Flakturm, als sicheres Bollwerk gegen die Bombennächte. Während draußen Feuerstürme tobten, die Stadt in Flammen aufging und in Trümmern versank, drängten sich Tausende Menschen in seinem Inneren. Der Bunker war Schutzraum und Gefängnis zugleich, bis heute gilt er als Monument der Ambivalenz. Nach dem Krieg blieb er stehen. Er war zu massiv, um ihn zu beseitigen, damals eine Narbe im Stadtbild, die sich nicht verbergen lässt. Und genau hier beginnt seine eigentliche Geschichte.

Im Bunker St. Pauli ist die Vergangenheit Teil des Alltags / © Redaktion FrontRowSociety.net

Der Bauch des Bunkers – Erinnerung als Fundament

Im Inneren, dort wo das Licht nur spärlich seinen Weg bahnt, hallen die Schritte der Besucher. An den Wänden sind Tafeln angebracht, die über die Geschichte dieses Bunkers erzählen. Sie verzichteten komplett auf Pathos, stattdessen sprechen sie leise und eindringlich. Dokumente, Bilder sowie Erzählungen von Zeitzeugen lassen erahnen, was dieser Bau erlebt hat: Zwangsarbeit, Waffenproduktion, Schutzsuche, Angst. Der ehemalige Leitstand ist heute von außen sichtbar. Bald werden seine Ausgänge mit Glas eingefasst, um das Bedrückende von damals offenzulegen. Die Erinnerung wird hier nicht museal konserviert, sondern aktiv verwandelt.

Innerhalb des ehemaligen Leitstandes werden unter anderem Lesungen organisiert … / © Redaktion FrontRowSociety.net
… und an den Wänden sind Tafeln angebracht, die über die wechselvolle Geschichte des Bauwerks erzählen / © Redaktion FrontRowSociety.net

Anita Engels, Professorin für Soziologie an der Universität Hamburg, beschäftigt sich seit Jahren mit Stadtentwicklung, Klimaforschung und Erinnerungskultur. In Gesprächen beschreibt sie den Bunker als einen Ort, an dem Stadtgeschichte nicht abstrakt bleibt, sondern körperlich erfahrbar wird. Transformation, so ihre Perspektive, bedeutet nicht das Auslöschen der Vergangenheit, sondern ihre bewusste Einbindung in eine neue, lebendige Nutzung. Genau das geschieht hier.

Anita Engels ist Professorin für Soziologie an der Universität Hamburg und engagiert sich im Verein St. Hilldegarten e.V. / © Redaktion FrontRowSociety.net

Nach dem Krieg diente der Bunker zeitweise als Notunterkunft, später als Lager, dann als Kreativort, Club und Medienstandort. Jede Nutzung hinterließ Spuren. Nichts wurde glattgebügelt. Stattdessen wuchs Schicht um Schicht eine neue Identität. Aus einem Ort des Ausnahmezustands wurde ein Ort des Alltags und schließlich ein Ort des bewussten Aufenthalts.

Die ikonischen Wegweiser signalisieren: Ihr seid angekommen … im Hier und Jetzt … / © Redaktion FrontRowSociety.net
… und im Boutique-Hotel REVERB by Hard Rock Hamburg / © Redaktion FrontRowSociety.net

Vom Betonklotz zum Boutique-Hotel

Ganz oben, über allem, beginnt das REVERB by Hard Rock Hamburg, ein Boutique-Hotel, das nicht versucht, seine Herkunft zu verleugnen. Es gehört zur Hard Rock Hotel-Familie, bringt aber den individuellen Charakter des Bunkers in Gänze zur Geltung. Die Zimmer und Suiten spielen mit Kontrasten: rohe Materialien treffen auf natürliche Textilien, klare Linien auf eine sagenhafte Aussicht über die Hansestadt. Der Beton bleibt sichtbar, aber er wirkt nicht mehr bedrohlich. Er ist mehr Rahmen, als Mittelpunkt.

Auch wenn in der Lobby das Ambiente des Hard Rock Hotels das Ruder übernimmt, … / © Redaktion FrontRowSociety.net
… so bleiben die Spuren des Betons weiterhin sichtbar und zwar wie hier als Designobjekt im Boden der Bar Karo & Paul / © Redaktion FrontRowSociety.net

Manche Suiten eröffnen einen Blick, der überrascht: Direkt auf das Millerntor-Stadion. Sobald das Flutlicht angeht, scheint es, als würde das Stadion zum Nachbarn, als würde der Kiez selbst ins Zimmer treten. St. Pauli liegt hier nicht zu Füßen, es befindet sich auf Augenhöhe. Musik dringt von der Straße herauf, irgendwo lacht jemand, irgendwo spielt eine Gitarre. Der Bunker hört zu.

Die Zimmer und Suiten sind reduziert gestaltet / © Redaktion FrontRowSociety.net
Der Ausblick ist schon etwas besonderes / © Redaktion FrontRowSociety.net

Die gastronomischen Angebote im Hotel sind vielfältig und tragen die kreative Energie des Bunkers hinaus in die Stadt: das Restaurant La Sala mit Showküche, das Café Constant Grind mit Panoramablick über die Dächer Hamburgs, die Bar und das Restaurant Karo & Paul für Drinks, kreative Gerichte und Live-Musik sowie der Hard Rock Shop, der Rock-Merchandise, Souvenirs und exklusive Hard-Rock-Accessoires anbietet. Alle Locations sind nicht nur für Hotelgäste geöffnet, sondern eine lebendige Erweiterung des Stadtteils.

Gemütlich wird’s im Restaurant La Sala, … / © Redaktion FrontRowSociety.net
… insbesondere mit dem Sharing-Konzept der Speisen / © Redaktion FrontRowSociety.net
Im Rock Shop wartet allerhand Rockiges für daheim / © Redaktion FrontRowSociety.net

Die Gestaltung des Hotels folgt dabei dem Gedanken: Privat, aber nicht verschlossen. Die Dachterrasse ist öffentlich zugänglich, der Blick und die Atmosphäre sollen halt für alle erlebbar sein. Stadtentwicklung, Kultur und Gemeinschaft verschmelzen hier zu einem Erlebnis. Und genau dieser Umstand macht den Bunker endgültig zu einem Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen.

Besucher gelangen über die Treppe, den sogenannten Bergpfad auf die Dachterrasse, … / © Redaktion FrontRowSociety.net
… und können sich unter anderem an diesem Ausblick erfreuen / © Redaktion FrontRowSociety.net

Alles im Wandel

Eines der überraschendsten Elemente des Bunkers ist der sogenannte Bergpfad: ein begrüntes Band aus Pflanzen, Büscheln und kleinen Bäumen, dessen Stufen sich vom Boden um die Fassade bis hinauf zur Dachterrasse winden. Es wirkt wie eine moderne Version der hängenden Gärten: Natur, die den Beton umarmt, statt vor ihm zu kapitulieren. An diesem Pfad liegen Räume für Kunst, Kultur und Begegnung. Lesungen, Ausstellungen, Street Art. All das ist eingebettet in ein ehrenamtliches Engagement, getragen von Hilldegarden e.V., einem gemeinnützigen Verein, der Urban Gardening, historische Führungen und mediale Projekte initiiert.

Die hängenden Gärten von Hamburg … / © Redaktion FrontRowSociety.net
... betritt man über den Bergpfad. Dieser ist für die Öffentlichkeit frei zugänglich
… betritt man über den Bergpfad. Dieser ist für die Öffentlichkeit frei zugänglich / © Redaktion FrontRowSociety.net

Mit diesem ambitionierten Projekt steht der Bunker exemplarisch für einen Wandel. In Hamburg gibt es zahlreiche Bunker aus der NS-Zeit, noch immer sind sie stumme Zeugen einer zerstörerischen Vergangenheit. Nicht alle lassen sich transformieren, aber dieser zeigt, was möglich ist: aus einem militärischen Stützpunkt einen Ort der Offenheit zu machen, aus einem Symbol der Angst einen Raum für Genuss, Austausch und Leben zu gestalten.

Sichtbarer Wandel: Die Narben der Vergangenheit bleiben unverhüllt, neben ihnen stehen Informationen, die uns verstehen lassen / © Redaktion FrontRowSociety.net
Und dann taucht man ein, in das bunte Leben, welches einem zu Füßen liegt / © Redaktion FrontRowSociety.net

Vielleicht ist das die stärkste Metapher dieses Ortes: Das Gute überdauert das Böse nicht, indem es es verdrängt, sondern indem es darüber wächst. Pflanzen über Beton. Gespräche über Stille. Hotelzimmer über Schutzräume.

Die Verwandlung des Bunkers ist einer der vielen kleinen Siege und eine Hommage an des Leben / © Redaktion FrontRowSociety.net

Wer hier übernachtet, hört die Stadt, spürt die Geschichte und lebt für einen Moment in einem Gebäude, das alles gesehen hat und sich dennoch entschieden hat, weiterzuleben.

Neugierig auf die Bunker-Kulinarik geworden? Hier geht es zu unserem Artikel: Wo St. Pauli auf Karo trifft – Essen über dem Kiez, am Tisch der Stadt

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