Noch fahren wir durch das enge, aber liebliche Pitztal, begleitet vom Rauschen der Pitze, dem Gebirgsbach, der seinen Ursprung dem Gletscher verdankt. Trotz Hochsaison sind nur wenige Bergfreunde unterwegs – was für eine Wohltat.
Dieser Umstand ist kein Manko, sondern so gewollt. Naturnaher, klassischer Wandertourismus statt überfüllter Wandergebiete – das ist das Markenzeichen des Pitztals.
Mit dem Gletscherexpress ins Hochgebirge
Heute wollen wir den Pitztaler Gletscher erklimmen. Was nach einem ambitionierten Vorhaben klingt, wird von einem lokalen Bergführer begleitet. Das macht unsere Tour nicht weniger anspruchsvoll, jedoch ist die Wanderung in dieser Form auch für Familien geeignet. Startpunkt ist Mittelberg. Hier am Gletscherexpress befinden wir uns bereits auf 1.740 Metern Seehöhe. Seit 1983 bringt die Standseilbahn Gäste im Sommer wie im Winter zum Pitztaler Gletscher hinauf auf 2.840 Meter Höhe. Schon während der Fahrt „durch den Berg“ wird es merklich kühler, sodass wir froh über unseren Zwiebellook sind und eine Schicht nach der anderen anziehen können.


An der Bergstation treffen wir Michael Walser, unseren Bergführer. Bevor es endlich losgeht, gibt er uns noch Instruktionen zum Verhalten am Gletscher, klärt über mögliche Gefahren auf und erläutert das Ziel sowie den Sinn und Zweck unserer Tour. Gut ausgerüstet machen wir uns auf den Weg, das ewige Eis im Blick.

Um ehrlich zu sein: Auf den ersten Blick wirkt die Landschaft wenig einladend. Gott sei Dank scheint die Sonne von einem strahlend blauen Himmel herab und verleiht dem Szenario etwas Freundlichkeit. Schroffe Felsen, graues Geröll, kein Baum, kein Strauch – eine Landschaft, die einem nichts schenkt. Der Kontrast zu dem schönen grünen Tal mit seinen hohen Almwiesen könnte nicht größer sein.


Snowfarming: Wie der Winter im Sommer beginnt
Immer wieder rollen Steine unter unseren Füßen weg und die Gletscherzunge ist weiter entfernt als gedacht. Wie man sich doch in dieser Weite täuschen kann! Michael erzählt unterdessen von der Natur und dem Wintertourismus. Überall liegen mächtige Schneehaufen, abgedeckt mit dickem Filz. Diese gehören zum Snowfarming-Projekt des Pitztaler Gletschers. Hier stellt sich direkt die Frage: Was bringt die Zukunft? Ganz klar, der Winter ist die Hauptsaison. Nach wie vor wird in dieser Zeit das Geld verdient – Geld, das notwendig ist, um den Gletscher zu bewirtschaften, und das obendrein nachhaltig.


Michael hebt eine Ecke des weißen Geotextils an. Darunter kommt fester Schnee zum Vorschein – mitten im Hochsommer. Was auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkt, gehört längst zum Alltag am Pitztaler Gletscher. Bereits im Frühjahr werden große Schneemengen zu meterhohen Depots zusammengeschoben, verdichtet und mit einem speziellen Vlies abgedeckt. Dieses schützt den Schnee vor Sonneneinstrahlung und Wärme. Rund 80 Prozent der eingelagerten Schneemasse überstehen so den Sommer und bilden im Herbst die Grundlage für die ersten Pisten und Liftzufahrten.

Während wir langsam weiter Richtung Mittelbergferner wandern, erklärt Michael, dass die Vorbereitungen für den Winter praktisch unmittelbar nach Saisonende beginnen. Kaum haben Anfang Mai die letzten Skifahrer den Berg verlassen, werden Liftanlagen und Pistenraupen gewartet, Lawinenschutzeinrichtungen kontrolliert und die Gletscheroberfläche vermessen. Im September wird das Vlies entfernt, der konservierte Schnee mit Pistenraupen verteilt und die ersten Abfahrten präpariert. Bereits Ende September startet am Pitztaler Gletscher traditionell die Wintersaison, die – je nach Schneelage – bis Anfang Mai dauert. Der Winter bleibt damit die wirtschaftliche Grundlage des gesamten Gletscherskigebiets.

Auf dem ewigen Eis
Nach einer guten Stunde erreichen wir schließlich das Eis. Erst jetzt wird uns bewusst, wie gewaltig der Gletscher tatsächlich ist. Die Oberfläche wirkt lebendig: Risse durchziehen das Eis, feine Schmelzwasserbäche suchen sich ihren Weg talwärts und immer wieder knackt und arbeitet der Gletscher hörbar unter seiner eigenen Last und unter unseren Füßen. „Hört ihr dieses Geräusch unter den Schuhen?“, ruft uns Michael fragend zu. „Das ist die Melodie des Gletschers.“ Er zeigt uns die Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte und deutet auf Felsbereiche, die früher noch vollständig unter Eis verborgen lagen. Die Auswirkungen des Klimawandels werden hier nicht anhand von Zahlen sichtbar, sondern direkt vor unseren Augen.





An diesem klaren Tag sehen wir die Braunschweiger Hütte in respektabler Entfernung. Sie kann zu Fuß von der Bergstation des Gletscherexpresses erreicht werden. Jedoch ist Vorsicht geboten: Übers Eis geht es nur mit einem erfahrenen Bergführer oder entsprechender Ausrüstung. Auch diese samt ihrer Handhabung stellt uns Michael vor. Sein Blick schweift noch einmal zur Hütte. Ganz nebenbei erzählt er uns, dass die Zunge des Mittelbergferners noch bis in die späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre direkt bis zur Braunschweiger Hütte reichte. Der Rückzug des Gletschers lässt sich hier eindrucksvoll nachvollziehen – nicht auf Schautafeln oder in Statistiken, sondern unmittelbar in der Landschaft.

Die Kapelle des Weißen Lichts
Zurück an der Bergstation wartet bereits das nächste Erlebnis: die Kapelle des Weißen Lichts. Was so spirituell klingt, entbehrt auch nicht einer gewissen sakralen Aura. Die weiße, zeitgenössische Kapelle wurde vom Tiroler Bildhauer Rudi Wach entworfen. Zwischen Geröll und Eis leuchten die 180 weißen Carrara-Marmorplatten in der Sonne, als würden sie das Licht der umliegenden Gletscher aufnehmen. Innen ist es still. Durch kleine farbige Fenster fällt das Sonnenlicht auf den Altar und taucht den Raum in ein sanftes Farbspiel.


Nach der kargen, fast lebensfeindlichen Landschaft draußen wirkt dieser Ort überraschend warm und einladend. Den Bau initiierten die Gesellschafter der Pitztaler Gletscherbahn als Dank dafür, dass die Erschließung des Gletschers ohne schwere Unfälle verlaufen war. Gleichzeitig versteht sich die Kapelle als Zeichen des Respekts gegenüber der Natur und den Bergen, die den Menschen im Pitztal eine wirtschaftliche Perspektive bieten.

Ausblicke und Einsichten
Unser nächstes Abenteuer lässt uns weitere Höhenmeter zurücklegen. Mit der Wildspitzbahn schweben wir hinauf auf den Brunnenkogel. Die moderne Seilbahn überwindet in wenigen Minuten mehrere hundert Höhenmeter und bringt uns auf 3.440 Meter, dorthin, wo sich das höchste Café Österreichs befindet. Schon während der Fahrt öffnet sich der Blick über die vergletscherten Gipfel der Ötztaler Alpen.

Oben angekommen verschlägt es uns zunächst die Sprache. Von der großzügigen Panoramaterrasse reicht der Blick bis zur Wildspitze, Tirols höchstem Berg, und weit über ein scheinbar endloses Meer aus Dreitausendern. Bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen fällt es leicht, die Zeit zu vergessen. Während unten im Tal sommerliche Temperaturen herrschen, weht hier oben eine angenehm frische Brise.


Es ist einer jener Orte, an denen Worte fast überflüssig werden. Wir sitzen auf den mit Lammfellen ausgelegten Bänken, trinken unseren Kaffee und lassen den Blick über die Gipfel schweifen. Unten herrscht Hochsommer, hier oben bestimmen Eis, Fels und Wind das Bild. Erst in dieser Landschaft wird deutlich, wie klein der Mensch gegenüber den Kräften der Natur ist und wie viel Respekt sie verdient.




Auf der Aussichtsplattform wird noch einmal deutlich, wie eng Tourismus und Naturschutz am Pitztaler Gletscher miteinander verbunden sind. Mit großem technischem und organisatorischem Aufwand wird versucht, den Betrieb an die Folgen des Klimawandels anzupassen. Für uns bleibt vor allem die Erinnerung an eine außergewöhnliche Wanderung durch eine Landschaft, die in Österreich ihresgleichen sucht.
Eine etwas entspanntere Variante, das Pitztal und seine Gipfel zu entdecken, ist eine Wanderung im gebiet des Hochzeigers. Hier geht es zu unserem Artikel: Hochzeiger: Wo das Pitztal seinen eigenen Rhythmus findet
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