Perth stand lange im Schatten von Sydney und Melbourne. Zu unrecht. Zwischen Indischem Ozean, Swan River und riesigen Parks lebt man entspannt, genießt gutes Essen und blickt auf Weinregionen, die zu den spannendsten des Landes zählen.

Manche nennen sie die abgelegenste Großstadt der Welt – jene, die hier leben, die am schönsten gelegene. Perth. Hauptstadt von Western Australia. Dem größten und am dünnsten besiedelten Bundesstaat von Australien. Auf einer Fläche, in der Deutschland sieben Mal Platz hätte, leben knapp drei Millionen Einwohner, und davon 2,3 Millionen in Perth. Und alle sind sie ziemlich verliebt in ihre Stadt.
Perth liegt am Zusammenfluss von Swan und Canning River. Die Innenstadt ist klein und somit alles schnell erreichbar, auch die naturbelassenen Strände, an denen abends die Sonne im Indischen Ozean versinkt. Kein Wunder, dass die Menschen hier so entspannt sind, „viel entspannter als in Melbourne oder Sydney“, wie es ein Wahl-Perthianer ausdrückte. Und das muss was heißen, denn auch in den Ostküstenstädten sind die Leute Aussie-mäßig entspannt.

Stadt zwischen Fluss, Park und Ozean
Zum Wohlbefinden tragen sicher auch die vielen Weinregionen bei, die rund um die Stadt liegen. Doch bevor wir uns dem Weingenuss hingeben, machen wir erstmal einen Rundgang durch Stadt. Kaum eine australische Metropole hat sich in der jüngeren Vergangenheit so stark gewandelt. Im CBD, dem Central Business District, sind unzählige Hochhäuser in den Himmel geschossen. Trotz Wachstum ist von Hektik keine Spur.
Wahrscheinlich ist es die Sonne, die hier so großzügig scheint und die Nähe zur Natur. Im Swan River schwimmen Delfine, auf der städtischen Insel Heirisson Island leben Kängurus und im Kings Park zirpt und blüht es, als stünde man auf der grünen Wiese. Die im 19. Jahrhundert auf einer Anhöhe angelegte Grünfläche gehört zu den größten innerstädtischen Parks der Welt. Mehr als 3000 einheimische Pflanzen wachsen dort mit Blick über die Bucht. Zwischendrin wird flaniert, gepicknickt, gesportelt.

Vom Durchgangsort zur Food-Destination
Lange Zeit wurde Perth lediglich als Ausgangspunkt für Touren durch diesen mit Naturschätzen gesegneten Bundesstaat zu machen: Traumstrände, Wein und Wälder im Süden; rote Wüsten, Schluchten und Felsriesen im Norden. Heute lockt die Stadt mit einem kleinen, aber feinen Kulturszene und spannenden Restaurants. Wie alle australische Großstädte hat sie eine bunte internationale Community: Italiener, Deutsche, Chinesen, Filipinos – sie alle haben ihre Spuren hinterlassen, was man vor allem auf dem Teller merkt.
Gefragt nach dem besten Restaurant der Stadt nennen viele das Wildfllower. Schon die Lage ist spektakulär: Es befindet sich im obersten Stock des historischen Treasury Building, das vor zehn Jahren aus seinem Dornröschenschlaf erweckt, für viel Geld renoviert und zu einer der besten Adressen der Stadt wurde: Neben einem edlen Hotel und einer schicken Weinbar gibt es einen Coffeeshop, vor dem sich schon früh um sechs eine lange Schlange bildet. Das Wildflower orientiert sich an den sechs Jahreszeiten der Noongar People, der indigenen Gemeinschaft, die schon vor über 60.000 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Perth siedelte. Auf dem Teller: Endemische Pflanzen und heimische Tiere: Emu-Köfte, Snapper mit Wüstenlimette und Desserts mit lokalen Wildkräutern.


Zu den derzeit angesagtesten Adressen der Stadt zählt das Gibney. Warum? Fein komponierte Teller mit dem besten, was das Meer zu bieten hat. Eine der besten Weinkarten der Region. Und, auch das trägt zum Erlebnis bei, ein traumhafter Blick über den Ozean. Wer unkompliziertes Comfort Food sucht, wird in Northbridge fündig: Das ehemalige Arbeiterviertel nördlich des Bahnhofs ist heute eines der hipsten Quartiere der Stadt, bekannt für Streetfood, Bars und Boutiquen.

Einmal Ausblick bitte!
Bevor man die Stadt verlässt, sollte man unbedingt eine der Dachterrassen besuchen, die – dem kompakten Zentrum sei Dank – einen Panoramablick auf Stadt und Umland bieten. Neuzugang ist jene im QT. Das Hotel lockt mit moderner Eleganz, die leichtfüßig und ein wenig verspielt daherkommt. Im hauseigenen Restaurant im ersten Stock wird erstklassiges Frühstück serviert (wie vielerorts in Australien à la carte, nach dem Grundsatz: Qualität statt Quantität) und abends italienisch gekocht.
Zu den ältesten und nobelsten Adressen zählt das Crown Hotel. Wobei das Wort Hotel diesem Haus kaum gerecht wird. Es ist ein kleines Dorf, das dort auf einer Halbinsel gegenüber der Innenstadt liegt. Die Sicht ist dementsprechend spektakulär, vor allem aus der Private-Lounge-Bar, die das oberste Stockwerk umfasst. Von der Terrasse aus blickt man auf den kurvenschlagenden Swan River, dahinter die kompakte Innenstadt und rundherum die weite, endlose Landschaft, wo einige der landesweit besten Weine wachsen.

Von der Stadt in die Weinberge
Direkt vor den Toren von Perth liegt das Swan Valley, die älteste Weinregion Westaustraliens. Die ersten Reben wurden hier vor fast 200 Jahren gepflanzt – für australische Verhältnisse ein beachtliches Alter. Das warme Klima bietet ideale Bedingungen für kräftige Rotweine wie Shiraz und Grenache sowie Fortified Wines.
Der „Fremantle Doctor“ sorgt dafür, dass die Weinreben in der Regel auch heiße Sommer überstehen und trotz Hitze frisch sind, sowie Balance und Eleganz aufweisen. Der windige Doctor setzt meist am frühen Nachmittag ein, wenn sich das aufgeheizte Inland stärker erwärmt als der nahe Ozean. Die kühle Meeresluft, die landeinwärts strömt, mildert die Hitze und verlängert die Reifephase der Trauben.

Willkommen an der „Cellar Door“
Verglichen mit dem Swan Valley sind die Weinberge in den Perth Hills blutjung. Erst vor rund 30 Jahren wurde das hügelige Hinterland im Osten der Stadt zur Weinregion erhoben. Da sie etwas erhöht liegt wird hier auch mit leichteren Rotweinen wie Pinot Noir experimentiert.
Dass Australien ein Einwanderungsland ist – mit junger Geschichte und daher weniger „Zwang“, sich an alte Traditionen zu halten – merkt man auch in den Weinbergen: Da wachsen neben den Klassikern (Chardonnay, Sauvignon Blancund Shiraz, der hier gerne auch sparkling ausgebaut wird) auch Verdelho, Fiano, Gewürztraminer und Durif. Oder, auf der La Fattoria des Ehepaars Radice, ein Best-Of italiensicher Rebsorten von Sizilien bis Südtirol.

Wo man auch hinkommt – überall darf man kosten, überall wird man mit australischer Gelassenheit und Gastfreundschaft empfangen. „Cellar door“ nennen die Australier diese Verkostungsmöglichkeiten am Hof, die vom Schuppen mit selbstgezimmerter Theke bis zur verglasten Bar mit Blick in die Weinberge reichen.
Margaret River – kleine Menge, großer Ruf
Fährt man weiter nach Süden, gelangt man nach Peel und Geograph und noch ein Stück weiter nach Margaret River, das Aushängeschild des westaustralischen Weines. Der gleichnamige Ort ist ein beliebtes Urlaubsziel der Großstädter, denn hier unten warten neben charmanten Küstenstädten weite Strände wie jener in der Bunker Bay mit feinem Sand und unberührten Dünen (Tipp: Das Pullmann Bunker Bay Ressort mit Blick übers und direktem Zugang zum Meer).

Die Region Margaret River produziert mit zwei Prozent nur einen kleinen Teil des australischen Weins. Aber: 25 Prozent der Premiumweine stammen von hier – wie Einheimische bei jeder Gelegenheit stolz erwähnen. Kein Wunder also, dass die Macher des Rankings The World’s 50 Best Vineyards diese Region für die Verkündung der letztjährigen Awards auswählten. Gefeiert wurde auf der 2009 gegründeten Amelia Park Winery. Deutlich länger im Geschäft ist Voyager Estate, wo hochwertige Weinproduktion auf spektakuläre Architektur und eines der renommiertesten Restaurants der Region trifft.

Wein im schönsten Nirgendwo
Man könnte lange weitermachen, denn eine Weinregion grenzt an die nächste. Südöstlich von Margaret River liegt Pemberton, eine der kühlsten und regenreichsten Regionen Westaustraliens. Umgeben von Karri-Wäldern entstehen hier feine Pinot Noirs sowie frische, säurebetonte Chardonnays und Sauvignon Blancs. Fährt man noch weiter in den Osten gelangt man in eine der größten Weinregion Australiens, die – pragmatisch, wie die Australier sind – einfach Great Southern heißt.

Die stilistische Bandbreite ist groß und reicht von Riesling über Shiraz bis Pinot Noir. Perth und die belebte Ostküste sind hier weit weg. Dort werden – wie es eine Sommelière ausdrückte – wirklich „Weine mitten im Nirgendwo“ gemacht. Umgeben von sagenhaft schöner Natur, die die lange Anreise wert ist – egal ob man an Wein interessiert ist oder nicht.
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