Dr. med. habil. Frauke Bataille ist Fachärztin für Pathologie, Unternehmerin und Autorin. Neben ihrer medizinischen Tätigkeit engagiert sie sich seit vielen Jahren für Themen wie mentale Gesundheit, Selbstfürsorge und persönliche Entwicklung.
Als Mitgründerin der INHESA GmbH in Berlin (2008) und Medical Lehr-Coach verbindet sie medizinisches Wissen mit einem ganzheitlichen Blick auf den Menschen.
Im Interview spricht sie über ihren ungewöhnlichen beruflichen Weg von der Pathologin zur Coachin, darüber, warum gesundheitliche Fragen oft eng mit inneren Haltungen und Lebensentscheidungen verbunden sind und weshalb viele Menschen heute professionelle Begleitung bei wichtigen Lebensfragen suchen. Außerdem erläutert sie die Idee hinter ihrem INHESA® Institut für Health & Selfcare und gibt Einblicke in ihr Buch „Wieder spüren, wer ich bin“, das Menschen dabei unterstützen soll, ihre innere Orientierung und Selbstwirksamkeit
Exklusives Interview mit Frauke Bataille, Fachärztin für Pathologie, Unternehmerin und Autorin
Annett Conrad: Frau Dr. Batailles, Sie sind Fachärztin für Pathologie – ein Fach, das sich intensiv mit den Ursachen von Krankheit beschäftigt. Gleichzeitig arbeiten Sie heute als Coachin für Mental Health und Lebensgestaltung. Wie kam es zu diesem beruflichen Spannungsbogen und was hat Sie persönlich bewogen, diesen zweiten Weg einzuschlagen?
Frauke Bataille: Ursprünglich war es nicht mein Beruf als Ärztin, der mich zum Thema Coaching geführt hat, sondern meine Rolle als Praxisleitung. Ich leitete ein Team von knapp 30 Mitarbeitenden und stand damals vor einem großen Konflikt, den ich mit meinen damaligen Fähigkeiten nicht lösen konnte. Von außen bekam ich den Hinweis, ein Team-Coaching mit meinem Team durchzuführen. Der Vorschlag gefiel mir und ich holte mir dafür gezielt Unterstützung. Das Coaching war sehr erfolgreich – wenn auch nicht bereits nach der ersten Sitzung. Es setzte jedoch einen Prozess in Gang, den das Team anschließend gemeinsam durchlief. Dabei wurde mir klar, dass es nicht ausreicht, ein Team nur mit gesundem Menschenverstand zu führen, wenn man verantwortungsvoll leiten möchte. Es braucht mehr Wissen und andere Kompetenzen. Diese Erkenntnis hat mich schließlich auf eine mehrjährige Reise durch verschiedene Coaching-Ausbildungen geführt.

Annett Conrad: Gab es in Ihrer ärztlichen Laufbahn Momente, in denen Sie gespürt haben: Hier geht es um mehr als um Diagnosen und Befunde, hier fehlt ein Raum für das, was Menschen innerlich bewegt?
Frauke Bataille: In Tumorkonferenzen an Kliniken habe ich miterlebt, vor welch großen Entscheidungen und Veränderungen Patientinnen und Patienten stehen, wenn sie eine solche Diagnose erhalten. In diesem Moment verändert sich oft schlagartig die Perspektive auf das eigene Leben. Doch durch mein Wissen über Salutogenese weiß ich auch, welches Potenzial darin liegt, nicht nur auf die Krankheit, sondern auch auf den gesunden Anteil in uns zu schauen, der weiterhin vorhanden ist. Dieser Blick kann neue Kraft und Perspektiven eröffnen. Gerade in solch herausfordernden Situationen ist es hilfreich, einen Sparringspartner an seiner Seite zu haben, der mit den richtigen Fragen neue Blickwinkel eröffnet. So können Schritt für Schritt neue Lösungsmöglichkeiten und Gestaltungsräume für das eigene Leben entstehen.
Annett Conrad: Wenn Sie heute auf beide Rollen blicken – die Ärztin und die Coachin -, wie greifen diese Perspektiven ineinander? Was sehen oder verstehen Sie durch diese doppelte Expertise vielleicht anders als andere?
Frauke Bataille: Ich kann den Zusammenhang zwischen Medizin und Coaching erkennen. Ich weiß, welche Auswirkungen Gedanken und innere Haltungen auf unseren Körper haben und wie man gegensteuern kann, um nicht in einen Teufelskreis aus Stress und Krankheit zu geraten. Mir ist auch bewusst, dass Veränderungen nur Schritt für Schritt eingeleitet werden können. Unser Körper muss Veränderungen wahrnehmen und auf seine Weise bewältigen. Je länger wir am Ball bleiben, desto mehr unterstützt uns unser Körper positiv bei der Veränderung. Diesen Prozess kann man durch ganzheitliches und medizinisch fundiertes Coaching sehr gut einleiten und begleiten. Vor allem hilft das medizinische Wissen dabei die Veränderungen und Herausforderungen auf verschiedenen Themenplatten gleichzeitig im Blick zu behalten.
Annett Conrad: Mit der Gründung Ihres INHESA Instituts für Health & Selfcare in Berlin haben Sie einen eigenen Raum für diese Verbindung geschaffen. Welche Vision stand am Anfang und welche Lücke im bestehenden Gesundheits- oder Coachingangebot wollten Sie schließen?
Frauke Bataille: Nach meiner Wahrnehmung können wir uns heute kaum darüber beklagen, keinen Zugang zu Informationen darüber zu haben, was unsere Gesundheit stärkt und was ihr schadet. In nahezu jeder Zeitschrift, in Büchern, Podcasts oder Online-Artikeln finden wir zahlreiche Hinweise und Empfehlungen dazu, wie wir länger gesund bleiben, unsere Lebensqualität erhalten und möglichst lange selbstbestimmt leben können. Auch der zunehmend präsente Ansatz der Longevity – also der bewussten Förderung eines langen und gesunden Lebens – trägt dazu bei, dieses Wissen immer weiter zu verbreiten. Die eigentliche Herausforderung liegt aus meiner Sicht jedoch an einer anderen Stelle: Viele Menschen wissen zwar grundsätzlich, was ihnen guttut, aber es fällt ihnen schwer, dieses Wissen dauerhaft, mit Freude und auf eine persönliche Weise in ihren Alltag zu integrieren. Zwischen Wissen und tatsächlicher Umsetzung entsteht oft eine Lücke. Genau hier setzt unser Ansatz an. Wir bieten eine Ausbildung für Menschen an, die sich für Coaching interessieren und andere auf ihrem Weg zu mehr Gesundheit und Lebensqualität begleiten möchten. In dieser Ausbildung lernen sie, den Menschen ganzheitlich zu betrachten, mit seinen individuellen Lebensumständen, Bedürfnissen und Zielen. Gemeinsam mit dem Klienten wird ein wirkungsvolles und alltagstaugliches Konzept entwickelt, das ihn dabei unterstützt, sein Leben bewusst gesund auszurichten und langfristig positive Veränderungen zu gestalten.

Annett Conrad: Coaching-Angebote nehmen seit Jahren stark zu, und immer mehr Menschen suchen professionelle Begleitung. Wie erklären Sie sich diese gesellschaftliche Entwicklung? Was fehlt den Menschen offenbar, das sie im Coaching zu finden hoffen?
Frauke Bataille: Diese Entwicklung kann ich gut nachvollziehen. Wir werden mit Angeboten überschüttet, die uns zeigen, wie wir unser Leben gestalten, wo wir leben, was wir beruflich machen und wie wir unser soziales Umfeld gestalten können. Das ist ein riesiger Korb voller Möglichkeiten. Umso schwieriger wird es, für sich eine stimmige Lösung zu erarbeiten, die sich gut anfühlt.
Sonst machen wir nur das, was alle anderen machen, was aber eigentlich nicht zu uns passt. Das ist eine Herausforderung, da wir an unsere Grenzen zwischen dem Wunsch nach Freiheit und dem Wunsch nach Zugehörigkeit stoßen. Wir sollten und möchten eine ganz individuelle Entscheidung treffen. Ein gutes Coaching kann uns dabei sehr helfen und unterstützen. Hier herauszuarbeiten, welche der zahlreichen Möglichkeiten zu mir und meinem aktuellen Leben passen, ist ein Geschenk des Lebens. Dadurch fühle ich mich immer mehr mit mir verbunden, lerne, wer ich bin, kann Erfahrungen sammeln und fühle mich eigenständig und selbstwirksam.
Annett Conrad: Kritiker sprechen in diesem Zusammenhang häufig von einer Kultur der Selbstoptimierung, vom Druck, sich ständig verbessern zu müssen. Erleben Sie diesen Leistungsanspruch in Ihrer Praxis tatsächlich als zentrales Motiv?
Frauke Bataille: In der heutigen Zeit geht der Trend in großen Firmen und Konzernen zumindest wieder hin zu Druck und Performance, da man glaubt, so die Krise bewältigen zu können. Oft sind es in Krisensituationen die alten Muster, auf die wir gerne zurückgreifen. Sie stiften uns Sicherheit, so sagt uns unsere Erfahrung, koste es, was es wolle. Oft bezahlen wir eine solche Denkweise mit unserer Gesundheit, weil wir uns permanent unter Druck setzen und die Grenzen unseres Körpers ignorieren. Dieser Ansatz hat jedoch nichts mit ganzheitlichem Coaching zu tun. Hier geht es um das Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele und das Verständnis, dass wir nur dann leistungsfähig sind, einen klaren Gedanken fassen können und effektiv unsere Aufgaben bewältigen können, wenn es auch unserem Körper gut geht und wir uns nicht permanent im roten Bereich unserer Ressourcen befinden. Nur wer auch auf seine Ressourcen achtet, bleibt langfristig leistungsfähig – und hier kann ein ganzheitlich ausgerichtetes Coaching sehr unterstützen und helfen.
Annett Conrad: Oder beobachten Sie eher etwas anderes: eine tiefgehende Verunsicherung, vielleicht sogar eine Art Entwurzelung in einer komplexer werdenden Welt, in der traditionelle Sicherheiten wegbrechen?
Frauke Bataille: Auch diesen Aspekt beobachte ich häufig: Es gibt keine allgemeingültige traditionelle Lebensweise und Lebensform mehr. Das Angebot an Möglichkeiten, wie, wo und was ich leben möchte, ist facettenreich. Jeder muss und kann selbst entscheiden. Doch das löst oft Stress aus, da wir nicht wissen, wofür wir uns entscheiden sollen. Was ist das Richtige? Und was, wenn ich mich einmal entschieden habe, aber im Laufe der Zeit feststelle, dass die Entscheidung nicht richtig war? Oft formulieren meine Klienten diese Ängste. Hier ist es wichtig, mit ihnen ein gutes Sensorship herauszuarbeiten, mit dessen Hilfe sie äußere und innere Eindrücke und Aspekte gut verarbeiten können. Mit einem guten Sensorship können Entscheidungen getroffen werden, die zu unseren Bedürfnissen passen. Wir entwickeln eine innere Stärke und Sicherheit, da wir eine gute und stabile Verbindung zu uns selbst aufgebaut haben. Nur so können wir Entscheidungen treffen, die sich stimmig anfühlen, und ein Leben führen, das zu uns passt.
Annett Conrad: Ihr Buch „Wieder spüren, wer ich bin“ greift das Gefühl des Sich-selbst-Verlierens auf. Was war Ihr innerer Impuls, dieses Buch gerade jetzt zu schreiben?
Frauke Bataille: Immer öfter sitzen Klienten vor mir, die sagen: „Ich führe ein Leben, in dem ich das Gefühl habe, nicht mehr dazuzugehören. Ich werde gelebt, hetze nur noch meinen Verpflichtungen und den an mich gestellten äußeren Erwartungen hinterher. Immer öfter frage ich mich: War es das schon? Soll das so weitergehen? Soll das mein Leben gewesen sein?” Mit meinem Buch möchte ich genau diesen Menschen eine Anleitung bieten, wie sie wieder ein gutes Gefühl für sich selbst entwickeln und so Schritt für Schritt ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen können. Sie sollen das Gefühl bekommen, selbstwirksam und selbstbestimmt zu leben.

Annett Conrad: An wen haben Sie beim Schreiben gedacht? Eher an Menschen in akuten Krisen oder an jene, die leise ahnen, dass sie sich selbst ein Stück weit verloren haben?
Frauke Bataille: An beide: Oft beginnt der Prozess damit, dass wir uns Schritt für Schritt aufgeben und uns so verlieren. Oft ist es ein schleichender Prozess, den wir über lange Zeit gar nicht bewusst mitbekommen. Aufmerksam werden wir auf diesen Prozess erst aufgrund einer handfesten Krise, an einem Punkt, an dem wir spüren, dass es so nicht mehr weitergeht. An dieser Krise kann man zerbrechen. Wenn wir uns aber dessen bewusst sind, welches Potenzial sich oft hinter einer solchen Krise verbirgt, dann können wir anders mit dem Prozess umgehen. Wir können uns emotional aus dieser Krisensituation befreien und nach neuen Möglichkeiten Ausschau halten. In meinem Buch beschreibe ich hierzu viele Beispiele und gebe den Lesern Gedankengut an die Hand, um das Potenzial in der Krise zu entdecken, sie zu meistern und sich letztendlich neu zu entdecken.
Annett Conrad: Wenn Leserinnen und Leser Ihr Buch zuklappen: Was soll bleiben? Ein neues Verständnis von Selbstfürsorge, konkrete Werkzeuge oder vielleicht vor allem der Mut, wieder stärker der eigenen inneren Stimme zu vertrauen?
Frauke Bataille: Das haben Sie schön zusammengefasst – genau das! Das Buch ist als Einladung zu verstehen, sich auf den Weg zu machen. Wir sollten uns bewusst werden, dass unser Leben immer Höhen und Tiefen für uns bereithält. Die Höhen erleben wir gerne, vor den Tiefen haben wir Angst, weil wir uns dann hilflos fühlen. Genau hier möchte ich den Lesern ein Angebot machen: Mithilfe des Buches können sie sich einen Weg erarbeiten, um diese Tiefen gut zu meistern. Mein Wunsch ist, dass die Lesenden wieder Zutrauen zu ihren eigenen Fähigkeiten und Ressourcen entwickeln, erkennen, was sie nicht schon alles in ihrem Leben gemeistert haben, und dass es sich immer lohnt, sich mit Situationen auseinanderzusetzen – am Ende des Weges wartet eine neue Identität auf sie.

Vielen Dank an Dr. med. Frauke Bataille, Ärztin und Medical Lehr-Coach für die spannenden und aufschlussreichen Antworten. In ihrem Buch „Wieder spüren, wer ich bin“ beschreibt sie, wie Menschen ihre innere Orientierung und Selbstwahrnehmung stärken können – eine wichtige Grundlage, um auch in unsicheren Zeiten stabil zu bleiben. Hier geht es zu unserer Rezension.

Weitere Informationen
INHESA GmbH
Dr. med. habil. Frauke Bataille
Douglasstraße 28
14193 Berlin / Deutschland
Hinweis der Redaktion: Die in diesem Interview geäußerten Aussagen, Einschätzungen und Meinungen geben ausschließlich die persönlichen Ansichten des Interviewpartners wieder. Die Redaktion macht sich diese Inhalte nicht zu eigen; für deren inhaltliche Richtigkeit und rechtliche Bewertung ist allein der Interviewpartner verantwortlich.




























































