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Textilrecycling und Kreislaufwirtschaft gelten als Schlüssel, um die Ressourcenprobleme der Mode- und Entsorgungsbranche nachhaltig zu lösen. Während jedes Jahr Millionen Tonnen Alttextilien verbrannt oder deponiert werden, wächst gleichzeitig der Bedarf an innovativen Recyclingverfahren und marktfähigen Sekundärrohstoffen. Doch welche Technologien können diesen Wandel tatsächlich ermöglichen?

Im Interview erläutert das Gründerteam der CRCL GmbH, wie aus einer gemeinsamen Vision ein skalierbares Geschäftsmodell entstanden ist. Im Mittelpunkt steht der selbst entwickelte Werkstoff „Apatura“, der aus bislang schwer recycelbaren Mischtextilien hergestellt wird und als nachhaltige Alternative zu konventionellen Materialien dient. Die Gründer erklären, warum Alttextilien künftig als wertvolle Rohstoffquelle betrachtet werden müssen, welche Herausforderungen beim industriellen Hochskalieren bestehen und wie sich neue gesetzliche Rahmenbedingungen auf die textile Wertschöpfung auswirken.

Darüber hinaus sprechen sie über die Zukunft der Kreislaufwirtschaft, den Einfluss europäischer Regulierung, die Bedeutung industrieller Partnerschaften und ihre Wachstumsstrategie für die kommenden Jahre. Das Interview zeigt, wie wirtschaftlicher Erfolg und Nachhaltigkeit im Textilrecycling miteinander verbunden werden können.

Die CRCL GmbH ist ein Kölner Start-up, das innovative Lösungen für die textile Kreislaufwirtschaft entwickelt. Das Unternehmen verarbeitet schwer verwertbare Alttextilien zu dem industriell einsetzbaren Granulat „Apatura“ und schafft damit eine nachhaltige Alternative zu Primärrohstoffen. Ziel ist es, die Verbrennung von Textilien dauerhaft zu reduzieren, Ressourcen im Kreislauf zu halten und zirkuläre Materialien für Branchen wie die Möbel-, Bau- und Automobilindustrie bereitzustellen.

Aus Altkleidern entsteht das Granulat „Apatura“ und daraus werden zum Beispiel Sitzschalen hergestellt / © Dirk Loerper

Exklusives Interview mit Lars Conzendorf, CO-Founder von CRCL und verantwortlich für Business Development Marketing & Sales

Annett Conrad: Wie sind Sie drei als Gründerteam von CRCL GmbH zusammengekommen und ab wann wurde aus einer gemeinsamen Idee ein belastbares Geschäftsmodell?

Lars Conzendorf: Wir kennen uns seit unserer gemeinsamen Schulzeit und aus dem Leistungssport. Wir haben über viele Jahre hinweg gelernt, gemeinsam Herausforderungen zu meistern und Verantwortung zu übernehmen.

Die erste Idee im Textilrecycling etwas zu verändern, entsprang durch Lauritz und mich, mit dem Ziel, die Verbrennung einer endlichen Ressource zu stoppen. Aus einer ökologischen Idee wurde schnell eine ökonomische Chance. Der entscheidende Moment war, als wir nachweisen konnten, dass unser Werkstoff Apatura industriell verarbeitet werden kann und Thomas Kyriakis als Business Angel eingestiegen ist. Ab diesem Zeitpunkt wurde aus einer Vision ein belastbares Geschäftsmodell.

Annett Conrad: Welche Erfahrungen bringt jeder von Ihnen ins Unternehmen ein und wie organisieren Sie die Rollenverteilung und Entscheidungsprozesse zwischen Produkt, Business Development und Wachstum?

Lars Conzendorf: Individuelle Rollen ergeben sich aus unseren jeweiligen Stärken. Lauritz verantwortet alle administrativen Prozesse, die ein Startup bewältigen muss. Von Controlling und Logistik, bis hin zum staatlichen Fördermittelantrag sowie die Projektkoordination bei Forschung & Entwicklung.

Timur treibt Wachstum, Finanzierung, Partnerschaften und die externe Kommunikation voran. Lars konzentriert sich auf das strategische Business Development sowie die Marketingaktivitäten von CRCL. Vor allem verstehen wir uns jedoch als starkes Team, weshalb wichtige Entscheidungen gemeinsam und datenbasiert getroffen werden. Gerade in einer frühen Wachstumsphase müssen Technologie, Markt und Finanzierung eng verzahnt sein. Unsere gemeinsame Vergangenheit im Leistungssport hilft uns dabei, offen zu diskutieren, Verantwortungen klar zuzuordnen und dennoch als Team geschlossen aufzutreten.

Lauritz Schmidt, Lars Conzendorf und Timur Oruz (v.l.n.r.) erschaffen aus Alttextilen neue Rohstoffe / © Dirk Loerper

Annett Conrad: Welches konkrete strukturelle Problem in der Textil- und Entsorgungswirtschaft haben Sie identifiziert, das der Markt bislang nicht lösen konnte?

Lars Conzendorf: Das gesamte Recycling von Altkleidern. Ein Großteil der heute anfallenden Altkleidung besteht aus Materialmischungen, die mit bestehenden Verfahren nicht wirtschaftlich recycelt werden können. Deshalb landen 87 Prozent in der Verbrennung oder werden auf Deponien exportiert. Gleichzeitig steigen die Entsorgungskosten und die regulatorischen Anforderungen.

Der Markt betrachtet diese Stoffströme bis heute primär als Abfall. Genau hier setzen wir an. Unser Ansatz ist, Mischtextilien als Rohstoffquelle zu behandeln und daraus einen industriell starken Werkstoff herzustellen. Damit bieten wir eine Lösung für Entsorgungswirtschaft und produzierende Industrie.

Annett Conrad: Wie gelingt es, aus einem heute noch weitgehend kostengetriebenen Entsorgungsproblem einen marktfähigen Materialstrom zu entwickeln?

Lars Conzendorf: Der Schlüssel liegt im Perspektivwechsel. Solange Alttextilien ausschließlich als Entsorgungsproblem betrachtet werden, entstehen nur Kosten. Wir schaffen Wertschöpfung, indem wir aus diesem Materialstrom ein industriell einsetzbares Granulat herstellen.

Dadurch verbinden wir zwei Märkte: Auf der einen Seite Unternehmen, die Entsorgungskosten reduzieren wollen, und auf der anderen Seite Hersteller, die nachhaltige Rohstoffe benötigen. Entscheidend ist dabei die technische Qualität. Nur wenn das Material zuverlässig verarbeitet werden kann und wirtschaftlich konkurrenzfähig ist, entsteht echte Nachfrage. Genau daran haben wir mit Apatura gearbeitet – vom Labor bis zur industriellen Anwendung.

Annett Conrad: Was bremst den Aufbau eines echten Markts für sekundäre Textilrohstoffe aktuell stärker: fehlende Nachfrage oder noch nicht ausreichende technologische Reife?

Lars Conzendorf: Die technologische Reife ist inzwischen deutlich weiter, als viele vermuten. Die größere Herausforderung besteht aktuell darin, vorherrschende Wertschöpfungsketten und Beschaffungsprozesse zu verändern. Die Nachfrage wächst signifikant durch Regulierung, Nachhaltigkeitsziele und steigende Rohstoffkosten. Dennoch brauchen industrielle Anwender, Vertrauen in neue Materialien und belastbare Lieferketten.

Deshalb geht es heute weniger um die Frage, ob die Werkstoffe funktionieren, sondern darum, wie schnell sie in bestehende Produktionsprozesse integriert werden können. Die Skalierung entscheidet deshalb derzeit stärker über die Marktentwicklung, als die reine Technologiefrage.

Nicht alle hergestellten Kleidungsstücke werden verkauft, meist landen die Ladenhüter in Müllverbrennungsanlagen / © Redaktion FrontRowsociety.net
CRCL setzt mit seiner Innovation genau hier an: Mischgewebe können nun so aufbereitet werden, … / © Dirk Loerper
… dass ein neuer Rohstoff entsteht, was einen elementarer Bestandteil zum Schutz unserer schrumpfenden Ressourcen darstellt / © Dirk Loerper

Annett Conrad: Ist das klassische lineare Geschäftsmodell der Modeindustrie aus Ihrer Sicht bereits strukturell nicht mehr zukunftsfähig oder wird es durch Regulierung lediglich graduell korrigiert?

Lars Conzendorf: Wir sehen perspektivisch einen massiven Strukturwandel. Regulierung ist dabei nicht die Ursache, sondern der Beschleuniger. Das lineare Modell „produzieren, konsumieren, entsorgen“ stößt ökologisch und ökonomisch an seine Grenzen. Rohstoffe stoßen an planetare Grenzen, Entsorgung wird teurer und die Erwartungshaltung der Gesellschaft wird ebenfalls Druck ausüben.

Die Unternehmen, die frühzeitig auf Kreislaufwirtschaft setzen, werden langfristig Wettbewerbsvorteile erzielen. Deshalb glauben wir nicht an eine bloße Korrektur des bestehenden Systems. Vielmehr entsteht Schritt für Schritt ein neues Marktmodell, in dem Materialien möglichst lange im Recyclingkreislauf gehalten werden und CO2-Emissionen deutlich minimiert werden.

Annett Conrad: Welche neuen Märkte und Wettbewerbsdynamiken entstehen durch das EU-Verbot der Vernichtung unverkaufter Kleidung konkret und wer profitiert zuerst von diesem erzwungenen Strukturwandel?

Lars Conzendorf: Das Verbot erhöht den wirtschaftlichen Druck auf Marken und Händler. Die große Frage wird jedoch sein, wie sehr die aktuelle EU-Infrastruktur die Modefirmen wirklich prüfen und zur Veränderung zwingen kann.

Grundsätzlich müssen Unternehmen neue Wege finden, überschüssige Ware sinnvoll zu verwerten. Gleichzeitig entsteht ein immer größer werdender Markt für industrielle Anwendungen von Textilabfällen. Wer heute Technologien bereitstellt, die große Mengen an Alttextilien wirtschaftlich nutzbar machen, verschafft sich einen strategischen Vorteil. Der Wandel erzeugt neue Wettbewerbsdynamiken entlang der gesamten textilen Wertschöpfungskette.

Annett Conrad: Wo liegen aktuell die größten Engpässe beim Hochskalieren zirkulärer Textillösungen: Sammlung, Sortierung, industrielle Integration oder Vertrieb?

Lars Conzendorf: Alle vier Bereiche spielen eine Rolle, aber die industrielle Integration ist aktuell der entscheidende Hebel. Alttextilien fallen in horrenden Mengen an, und auch Sortierkapazitäten werden ausgebaut. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, daraus standardisierte Rohstoffe für industrielle Prozesse zu entwickeln. Deshalb arbeiten wir eng mit Industriepartnern zusammen, um genau diese Anforderungen zu erfüllen.

Annett Conrad: Wie sieht konkret das Geschäftsmodell von CRCL in der Praxis aus, soll heißen, welche Abnehmer treiben die Nachfrage nach Materialien wie „Apatura“?

Vielen Dank an Lars Conzendorf für die interassanten Antworten
Vielen Dank an Lars Conzendorf für die interassanten Antworten / © Dirk Loerper

Lars Conzendorf: Unser Geschäftsmodell verbindet den Entsorgungs- und Rohstoffmarkt. Wir nutzen schwer verwertbare Alttextilien als Ausgangsmaterial und erzeugen daraus unser Granulat „Apatura“. Unsere Kunden sind Unternehmen, die ökonomische, nachhaltige und kreislauffähige Materialien für ihre Produkte suchen. Dazu gehören unter anderem die Möbelindustrie, Bau- und Gartenprodukte sowie die Automobilindustrie, um ein paar wenige Bereiche zu nennen. Unser Ziel ist es, mit dem Granulat Primärkunststoffe und andere konventionelle Materialien zu substituieren bzw. zu ersetzen.

Annett Conrad: Was braucht es aktuell mehr: Kapital, industrielle Partnerschaften oder politische Rahmenbedingungen und wie schaut aus Ihrer Sicht Ihre realistische Wachstumsperspektive für die nächsten fünf Jahre aus?

Lars Conzendorf: Alle drei Faktoren sind wichtig, aber industrielle Partnerschaften haben aktuell die höchste Priorität. Sie ermöglichen die Skalierung unserer Technologie und den Zugang zu großen Material- und Absatzströmen. Kapital hilft, Produktionskapazitäten aufzubauen und Wachstum zu finanzieren. Die politischen Rahmenbedingungen schaffen den notwendigen Marktdruck und die nötige Planungssicherheit. In den nächsten fünf Jahren sehen wir enormes Potenzial. Unser Ziel ist es, Apatura als etablierten Werkstoff für industrielle Anwendungen zu positionieren und erhebliche Mengen bislang verbrannter Textilien in neue Wertschöpfungsketten zu überführen. Die Voraussetzungen dafür sind heute besser als je zuvor.

Herzlichen Dank für die aufschlussreichen Antworten zu einem brennenden Thema unserer Zeit.

 

FrontRowSociety-Herausgeberin Annett Conrad führte das Interview mit Lars Conzendorf im Juni 2026. 

Weitere Informationen

CRCL GmbH
Oskar-Jäger-Straße 170
50825 Köln / Deutschland

 

Hinweis der Redaktion: Die in diesem Interview geäußerten Aussagen, Einschätzungen und Meinungen geben die persönlichen Ansichten des Interviewpartners wieder. Die Redaktion macht sich diese nicht zu eigen. Für die inhaltliche Richtigkeit der Angaben ist der Interviewpartner verantwortlich.