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Tourismusfilme sind längst mehr als nur schöne Bilder von Stränden, Städten und Sehenswürdigkeiten. Sie sind strategisch geplante, emotional aufgeladene Werke, die Sehnsüchte wecken, Kulturen verbinden und Markenidentitäten stärken.

Einer, der diese Entwicklung seit Jahrzehnten begleitet und prägt, ist Alexander V. Kammel, Direktor des CIFFT – des weltweit führenden Netzwerks für Tourismusfilmfestivals. Im Gespräch mit Andreas Conrad erklärt er, was einen herausragenden Tourismusfilm heute ausmacht, wie sich die Branche verändert hat – und warum Emotionen und Authentizität mehr zählen als je zuvor.

Exklusives Interview mit Alexander V. Kammel, Direktor Internationalen Komitee der Tourismusfilmfestivals (CIFFT)

Andreas Conrad: Was macht für Sie einen herausragenden Tourismusfilm aus?

Alexander V. Kammel: Ein wirklich wirkungsvolles Video beginnt mit einem klaren Verständnis dafür, an wen es sich richtet und welche Botschaft es vermitteln soll. Das ist die Grundlage. Es ist wichtig, unterschiedliche Zielgruppen, Kulturen und Märkte zu berücksichtigen. Ein Beispiel: Dubai erstellt gezielt Inhalte für den indischen Markt. Der Inhalt muss widerspiegeln, was Menschen wichtig ist, was sie antreibt und wie sie sich emotional mit einer Destination, einem Produkt oder einer Dienstleistung verbinden.

Flexibilität ist ebenfalls entscheidend. Jede Plattform verlangt nach einem anderen Format und einer anderen Herangehensweise. Besonders TikTok setzt auf kurze, unterhaltsame Inhalte. Was auf YouTube oder im Fernsehen funktioniert, muss dort nicht zwingend wirken.

Die besten Tourismusvideos basieren immer auf einer durchdachten Strategie. Egal ob es darum geht, Aufmerksamkeit zu erzeugen, eine bestimmte Zielgruppe anzusprechen oder das Image einer Destination zu verändern, die Erzählung muss im Einklang mit den Zielen der Marke stehen. Ausgehend davon entsteht eine Geschichte, die Emotionen wie Neugier, Inspiration oder Nostalgie weckt und Menschen zum Handeln bewegt.

Auch die technische Qualität spielt eine wichtige Rolle. Aspekte wie Ton, Rhythmus und Kameraführung unterstützen die Aussage. Am Ende sind es die authentischen, kreativen und zielgerichteten Videos, die wirklich herausstechen. Genau das macht sie so wirkungsvoll und unvergesslich.

Andreas Conrad: Wie hat sich die Qualität und Aussagekraft von Tourismusfilmen in den letzten Jahren verändert?

Exklusives Interview mit Alexander V. Kammel, Direktor Internationalen Komitee der Tourismusfilmfestivals (CIFFT) / © Foto Filmservice International

Alexander V. Kammel: In den vergangenen Jahrzehnten, besonders aber in den letzten Jahren, hat sich die Qualität von Tourismusvideos deutlich verbessert. Seitdem CIFFT 1989 begonnen hat, diesen Bereich auszuzeichnen, hat sich viel verändert. Was früher einfache Informationsclips waren, sind heute filmisch anspruchsvolle Geschichten, die Zuschauer auch emotional fesseln.

Die Technologie hat diese Entwicklung stark begünstigt. Hochwertige Kameras, Drohnen und moderne Schnittprogramme haben es mehr Menschen ermöglicht, Videos auf professionellem Niveau zu produzieren. Dadurch konnten Bilder und Erzählformen entstehen, die früher entweder technisch unmöglich oder finanziell unerschwinglich waren. Das hat zu einer enormen Zunahme an Inhalten geführt. Einige davon sind wirklich außergewöhnlich, vielen jedoch fehlt eine klare Erzählstruktur, Authentizität oder emotionale Tiefe, um sich abzuheben.

Die wirkungsvollsten Tourismusvideos gehen heute über schöne Bilder hinaus. Sie sprechen die Werte und Emotionen der Menschen an. Themen wie der Respekt gegenüber lokalen Gemeinschaften, die Verbindung zur Natur und sinnstiftende Reiseerlebnisse rücken zunehmend in den Mittelpunkt.

Auch das Thema Nachhaltigkeit gewinnt an Bedeutung, sowohl in den erzählten Geschichten als auch in der Art und Weise, wie produziert wird. Diese Entwicklung verändert die Branche positiv. Aus diesem Grund haben wir die “GreenWorking Awards” ins Leben gerufen, um ökologisch verantwortungsvolle Produktionen zu fördern.

Tourismusvideos sind heute vielseitiger, durchdachter und wirkungsvoller als je zuvor. CIFFT ist stolz darauf, diese Entwicklung von Anfang an begleitet zu haben.

Andreas Conrad: Welche Rolle spielen Emotionen und Storytelling in den prämierten Beiträgen?

Alexander V. Kammel: Emotionen und Storytelling sind das Herzstück der erfolgreichsten und ausgezeichneten Tourismusvideos. Ein Video kann noch so beeindruckende Bilder und perfekte Technik haben, aber wenn es keine emotionale Verbindung schafft oder keine fesselnde Geschichte erzählt, wird es keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Was wir Jahr für Jahr bei den besten Einreichungen sehen, ist eine starke Erzählstruktur. Diese Videos erzeugen ein Gefühl. Es kann Staunen sein, Nostalgie oder Begeisterung, aber genau diese emotionale Verbindung macht ein Video unvergesslich. Die Zuschauerinnen und Zuschauer werden auf eine Reise mitgenommen, oft ganz ohne viele Worte.

Gutes Storytelling muss nicht kompliziert sein. Es muss ehrlich und packend sein. Wenn ein Video etwas in den Menschen auslöst, bleibt es im Gedächtnis. Es schafft eine emotionale Bindung zur Destination oder Marke. Das ist es, was die preisgekrönten Beiträge auszeichnet.

Ein Wiederkehrendes Event - World Tourism-Film Awards
Ein Wiederkehrendes Event – World Tourism-Film Awards / © Foto Filmservice International

Andreas Conrad: Wie reagieren Sie auf Kritik, dass Tourismusfilme oft zu idealisierte Bilder vermitteln?

Alexander V. Kammel: Diese Kritik ist nachvollziehbar. Aber es ist wichtig zu verstehen, welche Funktion solche Videos erfüllen. Wie jede Form von Werbeinhalten sollen sie inspirieren, das Beste einer Destination zeigen und Sehnsüchte wecken. Dennoch gehen die besten Tourismusvideos heute einen Schritt weiter. Sie setzen auf mehr Authentizität und zeigen auch die weniger perfekten Seiten eines Ortes. Manchmal mit Humor, manchmal ganz ehrlich.

Dieser Ansatz ermöglicht eine tiefere Verbindung zum Publikum, weil er echt und nachvollziehbar wirkt. Tourismusvideos bleiben inspirierend, entwickeln sich aber gleichzeitig in eine ehrlichere und mitunter spielerische Richtung weiter.

Andreas Conrad: Welche Herausforderungen sehen Sie bei der internationalen Zusammenarbeit der Filmfestivals?

Alexander V. Kammel: Eine der größten Herausforderungen besteht darin, innerhalb des Netzwerks internationaler Auszeichnungen ein Gefühl von Zusammenhalt zu bewahren, ohne das zu verlieren, was jedes Event einzigartig macht. Jede Auszeichnung hat ihre eigene Kultur, ihre eigenen Werte und Arbeitsweisen. Genau das verleiht dem Circuit seine Dynamik. Diese Vielfalt ist eine große Stärke, aber sie erschwert die Abstimmung.

Wir arbeiten darauf hin, einen gemeinsamen Rahmen zu schaffen, der hohe Standards, Fairness und sinnvolle Wettbewerbskriterien unterstützt, dabei jedoch jedem Festival erlaubt, seine eigene Identität zu bewahren. Am Ende geht es darum, Auszeichnungen zu schaffen, die glaubwürdig und angesehen sind und den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die bestmögliche Erfahrung bieten.

Die Gewinner lassen sich gerne ablichten
Die Gewinner lassen sich gerne ablichten / © Foto Filmservice International

Andreas Conrad: Was raten Sie jungen Filmemacher:innen, die sich im Bereich Tourismusfilm etablieren möchten?

Alexander V. Kammel: Heute kommunizieren fast alle Destinationen, Produkte und Dienstleistungen über Videos. Das eröffnet große Chancen für neu Einsteiger in der Branche, um Fuß zu fassen und eine Karriere aufzubauen.

Mein Rat ist, sich wirklich Zeit zu nehmen, um die Destination, das Hotel oder das Unternehmen zu verstehen für die man arbeiten möchte und mehr als nur ein Video zu produzieren, sondern gleich eine ganze Strategie zu entwickeln. Jeder hat seine eigene Geschichte. Die Aufgabe besteht darin, diese zu entdecken und auf authentische Weise zu erzählen.

Außerdem sollte man flexibel bleiben. Die Medienlandschaft verändert sich ständig. Wer seine Geschichten auf verschiedenen Plattformen überzeugend erzählen und anpassen kann, ist klar im Vorteil. Es lohnt sich auch, Beziehungen aufzubauen. Der Tourismusbereich ist stark von Zusammenarbeit geprägt. Verbindungen zu Destinationen, Agenturen, Festivals und anderen Filmschaffenden können viele Türen öffnen.

Vor allem aber sollte man neugierig und leidenschaftlich bleiben. Die besten Arbeiten entstehen aus echter Begeisterung und dem Wunsch, sich ständig weiterzuentwickeln.

Einen Dank an Alexander V. Kammel für seine Zeit und die aufschlussreichen Antworten.

FrontRowSociety-Herausgeber Andreas Conrad führte das Interview mit Alexander V. Kammel, Direktor Internationalen Komitee der Tourismusfilmfestivals (CIFFT) im Juli 2025.

Weiterführende Informationen:

 
Kammel Österreichisches Filmservice e.U.
KR Alexander V. Kammel
Schaumburgergasse 18, 1040 Wien