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Es klingt wie ein Märchen. Die 1844 gegründete Brennerei Kessler bei Bad Peterstal war noch bis vor zwölf Jahren eine von unzähligen kleinen Destillen im Renchtal, die aus Früchten Geisthaltiges herstellten.

Doch dann weckten Markus Kessler, der Nachkomme des Gründers Andreas Kessler, und seine Freunde Hannes Schmidt und Torsten Boschert mit dem Boar-Gin den Familienbetrieb aus dem Dornröschenschlaf und katapultieren ihn an die Weltspitze.

Am Rande eines Gin-Tastings erzählt Hannes Schmidt, Mitinhaber der „The Black Forest Boar Distillery“, ausführlich und unterhaltsam, wie aus einer Schnapsidee und mit Hilfe einer speziellen Zutat einer der höchstprämierten Gins der Welt entstand. Im Laufe des Gesprächs wechseln wir vom schicken Showroom im Ort hoch zur Brennerei am Waldrand bis hinauf auf den 127 Jahre alten Haberer-Turm. Dort oben mit fantastischem Blick über den Schwarzwald stoßen wir mit dem Gin-Likör „Caliber 1844“ auf den Erfolg des Boar-Gins an.

Wer hätte gedachte, dass in diesem grauen Gebäude eine internationale Berühmtheit steckt – die The Black Forest Boar Distillery / © FrontRowSociety; Foto: Corina Wießler

Exklusives Interview mit Hannes Schmidt, Mitbegründer der Boar-Distillery im Schwarzwald

Corina Wießler: Der Gin-Markt boomt seit Jahren, und viele Marken wurden nach dem ersten großen Erfolg an internationale Spirituosenkonzerne verkauft. Sie gehen mit Boar-Gin bewusst einen anderen Weg und setzen auf Unabhängigkeit. Warum ist Ihnen die Eigenregie so wichtig?

Hannes Schmidt: Für uns ist der Gin kein Renditeprojekt, sondern Herzblut. Die Destillerie wird weiterhin von uns in eigener Regie betrieben, weil wir die volle Kontrolle über die Qualität und die Identität unseres Produkts behalten wollen. Wir reinvestieren unsere Gewinne zu großen Teilen direkt wieder in den Betrieb. Nur so können wir die Produktion langfristig sichern, das hohe Qualitätsniveau halten und neue Produkte wie den Gin-Likör „Caliber 1844“ und den alkoholfreien Boar Zero entwickeln. Der ganz große finanzielle „Windfall Profit“ durch einen Firmenverkauf war nie unser Ziel – uns geht es um den Erhalt eines echten, handwerklichen Familienbetriebs.

Corina Wießler: Das Fundament des Boar-Gins reicht weit zurück. Die Brenntradition der Familie Kessler in Bad Peterstal begann bereits im Jahr 1844. Wie viel von diesem historischen Erbe steckt heute noch in jeder Flasche?

Hannes Schmidt: Unglaublich viel. Das handwerkliche Know-how wurde über Generationen weitergegeben. Wir brennen immer noch in der traditionellen Hofbrennerei, beheizt mit Holz aus dem eigenen Wald. Und ein ganz entscheidender Faktor ist unser hauseigenes, extrem weiches Tiefenquellwasser. Diese Ressourcen und das Wissen der Vorfahren sind die Seele unseres Gins.

Hannes Schmidt, Mitinhaber der „The Black Forest Boar Distillery“, erzählt ausführlich und unterhaltsam, wie aus einer Schnapsidee und mit Hilfe einer speziellen Zutat einer der höchstprämierten Gins der Welt entstand / © FrontRowSociety; Foto: Corina Wießler

Corina Wießler: 2014, mitten in der weltweiten Gin-Renaissance, haben Sie sich zu dritt zusammengesetzt, um etwas Neues zu wagen. Es gab damals schon unzählige Gins auf dem Markt. Was war Ihr Anspruch, um sich radikal von der Masse abzuheben?

Hannes Schmidt: Uns war klar: Noch ein klassischer Gin bewegt niemanden. Wir wollten ein Geschmacksprofil kreieren, das es so noch nicht gab. Das Ziel war eine extreme Milde, ohne dass der Gin seine Charakterstärke und seine 43 % Vol. verliert. Er sollte intensiv schmecken, aber im Abgang butterweich sein.

Corina Wießler: Die Lösung für dieses Geschmacksprofil klingt im ersten Moment wie eine verrückte Idee: der seltene Schwarzwälder Burgundertrüffel. Wie kam es zu diesem technologischen Durchbruch?

Hannes Schmidt: Das war tatsächlich eine klassische „Schnapsidee“ bei einem gemütlichen Bier! Ein Bekannter von uns betreibt eine Trüffelplantage. In der Runde entstand die Idee, den Trüffel einfach mal in den Herstellungsprozess einzubinden. Beim ersten Mal haben wir viel zu viel verwendet. Wissen Sie, wie intensiv Trüffel riecht? Wir haben dann vier Monate lang intensiv getüftelt und schließlich das richtige Mischverhältnis erwischt. Das Ergebnis war verblüffend: Der Trüffel drückt dem Gin keinen dominanten Pilzgeschmack auf. Stattdessen wirkt er während der Mazeration und Destillation wie ein natürlicher Filter. Er entzieht dem Brand die scharfen Bitterstoffe und sorgt für die sprichwörtliche Milde, die Liebhaber weltweit schätzen – wir nennen das den „Boar-Effekt“.

Corina Wießler: Nach fast zwei Jahren und mindestens 20 Brennversuchen hatten Sie im November 2015 schließlich drei finale Rezeptvarianten vorliegen, die alle hervorragend schmeckten. Wie haben Sie letztendlich die finale Entscheidung getroffen?

Hannes Schmidt: Da alle drei Varianten absolut überzeugend waren und wir uns nicht einig wurden, haben wir die Entscheidung schlicht und ergreifend per „Schnick-Schnack-Schnuck“ gefällt. Das klingt im Nachhinein vielleicht unkonventionell für ein Premium-Produkt, aber genau diese Mischung aus Professionalität und Lockerheit macht uns aus. Die Variante, die damals gewann, steckt heute weltweit in den Flaschen.

Der neue Gin-Likör „Caliber 1844“ / © FrontRowSociety; Foto: Corina Wießler

Corina Wießler: Auch das Design und der Name fallen auf. Auf dem Etikett prangt ein Wildschwein namens „Archibald der Kühne“. Welche Geschichte steckt dahinter?

Hannes Schmidt: „Boar“ ist das englische Wort für den Keiler, dem schlausten und wildesten Waldbewohner. Dieser Name und Archibalds Porträt sind eine Hommage an die unberührte, wilde Natur des Schwarzwalds. Dort sind nicht nur wir zu Hause, sondern auch die Trüffel und die klassischen Botanicals wie Wacholder, Thymian und Lavendel, die unseren Gin prägen. Vom Schwarzwald aus hat der Gin seinen weltweiten Siegeszug angetreten. Wir sind stolz darauf, dass wir beweisen können, dass wirtschaftlicher Erfolg und traditionelles Handwerk perfekt zusammenpassen.

Vielen Dank an Hannes Schmidt für die spannenden Einblicke und weiterhin viel Erfolg im Schwarzwald!
 

FrontRowSociety-Redakteurin Corina Wießler führte das Interview mit Hannes Schmidt im Mai 2026.

 

Weitere Informationen:

Boar Distillery im Schwarzwald
Renchtalstraße 49c
77740 Bad Peterstal-Griesbach

 

 

 

Hinweis der Redaktion: Die in diesem Interview geäußerten Aussagen, Einschätzungen und Meinungen geben die persönlichen Ansichten des Interviewpartners wieder. Die Redaktion macht sich diese nicht zu eigen. Für die inhaltliche Richtigkeit der Angaben ist der Interviewpartner verantwortlich.