Wer auf dem Katschhof zwischen Dom und Rathaus steht, befindet sich mitten in einem Stück europäischer Geschichte. Vor einem liegt die ehemalige Pfalz Karls des Großen, dahinter erhebt sich der Dom, zur anderen Seite das Rathaus. Dazwischen steht das Centre Charlemagne, Aachens Neues Stadtmuseum.
Kaum ein anderer Ort der Stadt eignet sich besser, um zu verstehen, wie aus einer römischen Siedlung an heißen Quellen die Residenz eines Kaisers und schließlich eine europäische Stadt wurde. Und ebenso wenig lässt sich die Entwicklung Aachens besser erzählen als von hier aus: hinein ins Museum, zurück durch die Jahrhunderte und anschließend hinüber ins Rathaus. Denn während das Centre Charlemagne die Geschichte erklärt, wird sie im Rathaus bis heute fortgeschrieben.

Eine Stadt erzählt ihre Geschichte
Das Centre Charlemagne wurde 2014 eröffnet und ist die zentrale historische Station der Route Charlemagne, die sich wie ein historischer roter Faden durch Aachen zieht. Sie verbindet zentrale Orte der Stadtgeschichte, angefangen beim Dom und dem Rathaus über das Couven-Museum bis zum Internationalen Zeitungsmuseum, und macht sichtbar, wie eng Aachens Geschichte mit europäischen Entwicklungen verbunden ist. Wer der Route folgt, bewegt sich dabei durch mehr als 1.200 Jahre Stadtgeschichte und entdeckt immer wieder neue Verbindungen zwischen Karl dem Großen, der europäischen Idee und dem Aachen der Gegenwart.


Im Stadtmuseum selbst führt eine Dauerausstellung auf rund 800 Quadratmetern multimedial durch die Geschichte Aachens: von den ersten Siedlungen über die römische Zeit und die karolingische Pfalz bis zur mittelalterlichen Krönungsstadt, zum barocken Kurort, zur Industrie- und Grenzstadt und schließlich zur heutigen Europastadt. Dabei ist der Name des Museums Programm. Karl der Große steht im Mittelpunkt, allerdings nicht als überlebensgroße Heldengestalt, auf die sich die Stadtgeschichte reduzieren ließe. Vielmehr dient seine Zeit als Ausgangspunkt, um zu verstehen, wie Aachen seine besondere Bedeutung entwickelte.


Wer durch die Ausstellung geht, begegnet deshalb einer Stadt, die sich immer wieder verändert hat. Das Thermalwasser lockte bereits die Römer hierher. Karl der Große machte Aachen zu seiner bevorzugten Residenz. Die Pfalz wurde zum politischen Zentrum seines Reiches. Nach seinem Tod blieb die Erinnerung an den Kaiser erhalten und prägte die Stadt über Jahrhunderte. Aachen wurde zur Stadt der Königskrönungen, später zum mondänen Badeort und schließlich zur Industriestadt.



Die Ausstellung macht aus diesen großen historischen Linien konkrete Geschichten. Sie zeigt Objekte, Bilder, Modelle und mediale Stationen und verbindet damit die unterschiedlichen Epochen. Im Zentrum befindet sich das Geschichtslabor. Dort lässt sich das Aachen der Karolingerzeit geradezu betreten: Kleidung, Fernhandel, Waffen, Schrift und Ernährung werden anhand von Objekten und interaktiven Stationen erfahrbar.



Karl der Große und die Idee von Europa
Gerade bei Karl dem Großen ist Vermittlung wichtig. Seine Bedeutung für Europa lässt sich nicht auf die These vom „Vater Europas“ reduzieren. Er war Herrscher, Eroberer und Kriegsherr, zugleich Förderer von Bildung, Verwaltung, Kunst und Kultur. Unter seiner Herrschaft wurden Gebiete politisch miteinander verbunden, die heute zu verschiedenen europäischen Staaten gehören.

Das Centre Charlemagne macht sichtbar, wie vielschichtig dieses Erbe ist. Aachen war unter Karl ein Ort, an dem Wissen gesammelt, Texte abgeschrieben, Künstler beschäftigt und politische Entscheidungen getroffen wurden. Die sogenannte karolingische Renaissance griff bewusst auf die antike Bildungstradition zurück. Damit entstand eine kulturelle Bewegung, deren Auswirkungen den Kontinent nachhaltig prägten. Selbstverständlich entsprach das nicht unserer heutigen Vorstellung von einem geeinten Europa. Aber wer verstehen will, warum Aachen später zu einem Symbol europäischer Verständigung werden konnte, findet hier wichtige historische Voraussetzungen.



Vom Museum ins Rathaus
Nur wenige Schritte sind es vom Centre Charlemagne zum Rathaus. Und doch verändert sich die Perspektive. Im Museum blickt man auf Aachen von außen und über einen Zeitraum von mehreren Jahrtausenden. Im Rathaus steht man plötzlich mitten in der politischen Geschichte der Stadt.


Das heutige Rathaus entstand im 14. Jahrhundert auf den Fundamenten der karolingischen Königshalle. Die Aachener Bürger errichteten ihr neues Rathaus bewusst an diesem historisch aufgeladenen Ort. Aus der ehemaligen Kaiserpfalz wurde ein Bürgerhaus und damit auch ein sichtbares Zeichen für das wachsende Selbstbewusstsein der freien Reichsstadt.


Besonders eindrucksvoll ist der Krönungssaal. Der zweischiffige Saal ist 45 Meter lang und 18,5 Meter breit. Fünf Kreuzrippengewölbe werden von mächtigen Pfeilern getragen. Als er um 1349 fertiggestellt wurde, war er der größte profane Saal im Heiligen Römischen Reich. Hier fanden die Festmähler nach den Königskrönungen statt. Die eigentliche Krönung fand zwar im Dom statt. Im Rathaus wurde anschließend gefeiert. Doch gerade diese Verbindung macht Aachen so besonders: Kirche, Kaiserpfalz und Bürgerstadt lagen unmittelbar nebeneinander.


An den Wänden des Krönungssaals erzählen Fresken aus dem 19. Jahrhundert Geschichten aus dem Leben Karls des Großen. Die Ausstattung verbindet mittelalterliche Erinnerung mit dem Selbstverständnis des 19. Jahrhunderts. Auch hier zeigt sich: Geschichte ist niemals unverändert. Jede Generation erzählt sie aus ihrer eigenen Perspektive.

Vom Krönungsmahl zum Karlspreis
Heute besitzt der Krönungssaal eine andere politische Bedeutung. Wo einst die Herrscher Europas nach ihrer Krönung tafelten, wird seit 1950 der Internationale Karlspreis zu Aachen verliehen.
Der Preis entstand aus einer Initiative Aachener Bürger. Er zeichnet Persönlichkeiten oder Institutionen aus, die sich in besonderer Weise um Europa und die europäische Einigung verdient gemacht haben. Bereits die ersten Preisträger lesen sich wie ein Kapitel aus der Entstehungsgeschichte der europäischen Integration: Richard Nikolaus Graf Coudenhove-Kalergi, Alcide De Gasperi, Jean Monnet, Konrad Adenauer und später Robert Schuman.

Jean Monnet erhielt den Preis 1953 für seine Arbeit an den ersten übernationalen europäischen Institutionen. Ein Jahr später wurde Konrad Adenauer ausgezeichnet, insbesondere für seine Rolle bei der europäischen Einigung und der deutsch-französischen Aussöhnung. Später weitete sich das Spektrum aus. Winston Churchill, George C. Marshall, François Mitterrand und Helmut Kohl, Václav Havel, Bill Clinton, Tony Blair und Jacques Delors gehören zu den bekannten Namen. Angela Merkel erhielt den Internationalen Karlspreis zu Aachen 2008, das Motto auf ihrer Karlspreis-Medaille lautete: „Europa gelingt gemeinsam“. 2023 wurden Wolodymyr Selenskyj (Volodymyr Oleksandrovytsj Zelensky) und das ukrainische Volk ausgezeichnet, 2026 ging die Auszeichnung an den ehemaligen Präsidenten der Europäischen Zentralbank und italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi.

Diese Reihe ist aufschlussreich, weil sie zeigt, wie sehr sich die Vorstellung von Europa verändert hat. Zunächst standen die politischen Architekten der europäischen Einigung im Mittelpunkt. Später rückten Wiedervereinigung, Demokratie, Menschenrechte, internationale Zusammenarbeit und die Rolle Europas in der Welt stärker in den Vordergrund. So entwickelte sich der Karlspreis zu einer Art Seismograf der europäischen Geschichte.

Inzwischen ist der Karlspreis keine rein innereuropäische Auszeichnung mehr. Die Geehrten kommen aus Politik, Wissenschaft, Religion und Gesellschaft und stehen für sehr unterschiedliche Herausforderungen, vor denen Europa steht. Bill Clinton wurde im Jahr 2000 für die Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und Europa, für Menschenrechte und Freiheit geehrt. Die Auszeichnung zeigt bereits, dass europäische Politik nicht an den Außengrenzen der EU endet. Europa wird nicht als fertiges Projekt verstanden. Der Karlspreis erinnert vielmehr daran, dass europäische Einigung immer wieder neu ausgehandelt werden muss.

Zwei Orte, eine Geschichte
Wer das Centre Charlemagne und anschließend das Rathaus besucht, erlebt deshalb zwei völlig unterschiedliche Formen der Geschichtsvermittlung. Im Museum geht es um die Frage: Wie wurde Aachen zu Aachen? Im Rathaus lautet die Frage eher: Was macht Aachen heute mit seiner Geschichte?

Das Centre Charlemagne erklärt die historischen Voraussetzungen. Es zeigt Karl den Großen, die Pfalz, die Krönungen, das Thermalbad, die industrielle Entwicklung und die Grenzlage der Stadt. Das Rathaus führt diese Geschichte in die Gegenwart. Hier wird sichtbar, wie aus der Erinnerung an Karl den Großen ein politisches Symbol entstehen konnte. Der Name Karl ist dabei stets die verbindende Klammer.


Deshalb sollte man beide Orte unmittelbar hintereinander besuchen. Erst durch die Ausstellung gehen, sich Zeit nehmen für die historischen Brüche und Entwicklungen, anschließend in den Krönungssaal treten und den Raum auf sich wirken lassen. Dann wird verständlich, weshalb gerade Aachen den Karlspreis verleiht. Hier stehen die Spuren eines mittelalterlichen Herrschers neben den politischen Ideen des 20. und 21. Jahrhunderts. Hier wurde einst über Herrschaft und Reich entschieden; heute geht es um Demokratie, Freiheit, Zusammenarbeit und Europas Rolle in einer globalisierten Welt.


Das macht Aachen so interessant: Die Stadt bewahrt ihre Geschichte nicht hinter Glas. Sie benutzt sie als Gespräch mit der Gegenwart. Das eine Haus erklärt, woher Europa kommt. Das andere fragt jedes Jahr aufs Neue, wohin Europa gehen soll.
Übernachtungsempfehlung: Parkhotel Quellenhof Aachen
Die wohl schönste und exklusivste Adresse von Aachen ist das Parkhotel Quellenhof. Es liegt eingebettet in den Kurpark lediglich 20 Minuten füßläufig vom Rathaus entfernt. Elegante Zimmer und Suiten sowie ein rundes gastronomisches Angebot, sprechen für das Haus. Wer nach einer anstrengenden Tour durch die Stadt entspannen möchte, kommt im hoteleigenen Spa zur Ruhe. Neugierig geworden? Hier geht es zu unserem Artikel: 110 Jahre Quellenhof – ein Haus nimmt sich Zeit.

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