Die Geschichte der „Aktion Rose“ begegnet einem auf Usedom bis heute auf Schritt und Tritt. Hinter restaurierten Villen, ehemaligen Pensionen und alten Gewerbehöfen verbergen sich oft Dramen von Enteignung, politischer Willkür und dem Verlust familiärer Existenzen in den frühen Jahren der DDR. Auch die Inselmühle in der Stadt Usedom gehört zu diesen Orten.
Wer heute durch den großzügigen Verkaufsraum geht, an langen Regalen mit Ölen, Fruchtaufstrichen und Senfspezialitäten vorbeischlendert oder im Bistro auf die alten Backsteinmauern blickt, ahnt rein gar nichts von den traumatischen Ereignissen, die sich 1953 hier abspielten. Zwischen Kaffee- und Brötchenduft erzählen die Steine des Gebäudes auf besondere Weise von den Brüchen der Inselgeschichte.

Historische Mühle im Wandel der Zeit
Die Wurzeln der Mühle reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Bereits damals war die Stadt Usedom ein regionales Zentrum für Landwirtschaft und Verarbeitung. 1860 entstand an diesem Standort eine Holländerwindmühle, die später erweitert und modernisiert wurde. Nach einem Brand wurde die Anlage 1914 neu aufgebaut. Über Jahrzehnte hinweg war die Mühle ein wichtiger wirtschaftlicher Bestandteil der Region. Bauern brachten ihr Getreide hierher, Mehl wurde produziert, Menschen fanden Arbeit. Die Mühle gehörte zur Identität der kleinen Stadt im Achterland, weit entfernt vom mondänen Glanz der Seebäder.

Mit der „Aktion Rose“ kam 1953 die Zäsur. Die groß angelegte Enteignungswelle der DDR traf zahlreiche private Hotels, Gaststätten, Pensionen und Betriebe entlang der Ostseeküste. Offiziell sollte gegen „Wirtschaftsverbrechen“ vorgegangen werden, tatsächlich ging es häufig um die Überführung privaten Eigentums in staatliche Hand. Auch die Eigentümer der Inselmühle verloren ihren Betrieb. Die Familie Schwarz wurde enteignet, die Mühle verstaatlicht und später als volkseigener Betrieb weitergeführt. Damit verlor die Inselmühle nicht nur ihre ursprünglichen Besitzer, sondern auch ein Stück ihrer gewachsenen Geschichte.

Die Inselmühle blieb dennoch über Jahrzehnte in Betrieb. Erst nach der Wiedervereinigung endete Anfang der 1990er Jahre die Produktion. Die Gebäude standen leer, Maschinen rosteten, Dächer und Fenster verfielen. Über viele Jahre wirkte die Mühle wie ein vergessenes Relikt am Rand der Stadt – zu groß, zu marode, zu weit abseits der touristischen Hauptströme, um noch einmal eine Zukunft zu haben. Während sich die touristische Entwicklung Usedoms vor allem auf die Kaiserbäder konzentrierte, blieb das Achterland häufig im Schatten dieser Entwicklung zurück. Wie ein verwunschenes Bauwerk lag die alte Mühle über Jahre hinweg in einem Dornröschenschlaf.

Neuanfang als Usedomer Regionalprojekt
1997 erhielt die Familie Schwarz die Mühle im Zuge der Rückübertragung enteigneter Besitztümer offiziell zurück. Der Zustand des Geländes machte eine Wiederbelebung jedoch schwierig. Erst zwei Jahrzehnte später begann ein neuer Abschnitt in der Geschichte des Ortes. 2017 kaufte die Inselmühle Usedom GmbH das Areal und startete eine umfassende Sanierung. Aus dem ruinösen Gebäudekomplex entstand Schritt für Schritt eine moderne Naturmanufaktur. Heute wird die Anlage von der Domäne Ostsee GmbH betrieben. Geschäftsführer ist der Unternehmer Horant Elgeti.

Mit der Sanierung veränderte sich der Charakter des Ortes nicht grundlegend, sondern knüpfte bewusst an die Geschichte der Mühle an. Die Backsteinfassaden, Teile der alten Architektur und industrielle Elemente blieben erhalten. Gleichzeitig entstanden moderne Produktionsräume, ein Bistro, Veranstaltungsflächen und ein großer Hofladen. Die Geschichte der Mühle bleibt dadurch sichtbar, ohne museal zu wirken. Nunmehr verkauft man dort authentische Produkte aus eigener Herstellung – und das voller Stolz, da die Inselmühle wieder ein Teil Usedoms geworden ist.

Regionale Produkte aus dem Achterland
Handwerklich produziert werden in der Inselmühle vor allem regionale Spezialitäten mit engem Bezug zur Landschaft Usedoms und Vorpommerns. Bekannt ist die Manufaktur für kaltgepresste Speiseöle, die aus regionalen Rohstoffen hergestellt werden. Diese tragen inzwischen den liebevollen Beinamen „Usedoms flüssiges Gold“. Hinzu kommen Direktsäfte, Marmeladen, Fruchtaufstriche, Liköre, Gin, Fruchtweine und traditionelle Senfspezialitäten wie der „Tutower Original“-Pommernsenf. Viele Zutaten stammen aus eigenem Anbau oder von regionalen Partnerbetrieben. Auf den Feldern und Plantagen wachsen Sanddorn, Aronia, Quitten, Aprikosen und Walnüsse – Früchte, die längst Teil der kulinarischen Identität Vorpommerns geworden sind.




Seit einigen Jahren hat sich die Mühle als feste Größe im Inselleben etabliert. Führungen, Verkostungen, saisonale Feste und Veranstaltungen gehören inzwischen fest zum Jahresablauf. Besonders die Ernte- und Aprikosenfeste stehen bei vielen Einheimischen fest im Kalender. Viele Touristen nehmen das Bistro samt Hofladen als bewussten Gegenpol zu den touristischen Zentren an der Küste wahr. Hier geht es weniger um Strandpromenade und Bäderarchitektur, sondern um Landwirtschaft, regionale Produkte und die Geschichte des Hinterlands. Und wer die Insel nach dem Urlaub wieder verlässt, legt oft noch einen kurzen Stopp ein, um sich mit Spezialitäten von Usedom zu versorgen.

Geschichte, die sichtbar bleibt
Für die Stadt Usedom besitzt die Inselmühle inzwischen eine wichtige wirtschaftliche Bedeutung. Besucher gelangen wieder in die kleine Stadt, Arbeitsplätze entstanden, regionale Produzenten erhalten Sichtbarkeit. Gleichzeitig wurde ein historisches Gebäude bewahrt, das lange als Symbol des Niedergangs galt. Die Mühle erzählt heute nicht nur von Produktion und Genuss, sondern auch von den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte.

Die Geschichte der Inselmühle lässt sich kaum von der Geschichte Usedoms trennen. Sie erzählt vom wirtschaftlichen Aufstieg im Kaiserreich, von Enteignung und staatlicher Kontrolle in der DDR, vom Verfall nach der Wiedervereinigung und von einer neuen Suche nach regionaler Identität. Aus einem verlassenen Industriegebäude wurde wieder ein lebendiger Ort, der politischen Einschnitten trotzt. Der Sprung ins Ungewisse hat sich für Horant Elgeti gelohnt. Wagemut ist ansteckend. Und um es mit den Worten von Johann Wolfgang von Goethe zu sagen: „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“
Der heutige Betrieb umfasst deutlich mehr als nur die historische Mühle selbst. Zur Unternehmensgruppe gehören:
- Landwirtschaft auf Usedom
- Obst- und Nussplantagen
- die Naturmanufaktur
- Bistro und Hofladen
- Weingut Schloss Rattey in Mecklenburg
Dennoch sind die Kaiserbäder ein Highlight, vor dem sich keine Besucher:innen Usedoms verschließen können. Dazu haben wir hier ein paar Inspiration: Die Kaiserbäder auf Usedom – ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart
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