Valerio Berruti, geboren 1977 in Alba im Piemont, zählt zu den eigenständigsten Stimmen der internationalen zeitgenössischen Kunst.
Mit seinem poetischen, zugleich subtil politisch aufgeladenen Werk hat er sich über Malerei, Skulptur, Affresken und Video-Animationen einen Namen gemacht. Seine Bildsprache ist geprägt von kindlichen Figuren und introspektiven Momentaufnahmen, die universelle Themen wie Erinnerung, Identität, Wandel und soziale Verantwortung ansprechen.

Ein Künstler mit Wurzeln und globalem Echo
Berruti schlägt eine Brücke zwischen seiner Herkunft in Alba und einer globalen künstlerischen Perspektive. Er lebt und arbeitet in Verduno, in einer restaurierten, ehemals geweihten Kirche aus dem 17. Jahrhundert. Sein Werdegang ist geprägt von interdisziplinären Projekten: 2009 war er jüngster Künstler auf dem italienischen Pavillon der Biennale von Venedig mit einer Video-Animation aus 600 affreskierten Zeichnungen, untermalt von Musik von Paolo Conte. Später arbeitete er mit Persönlichkeiten wie Ryuichi Sakamoto (2011, „Kizuna“) und Ludovico Einaudi („La giostra di Nina“, 2018) zusammen.
Seine Werke sind international zu sehen gewesen: Neben Ausstellungen in Italien war Berruti in Tokio, Johannesburg oder New York vertreten. Mit seiner klaren, minimalen Formensprache gelingt es ihm, mit wenigen Strichen große Themen anzusprechen – eine Paradoxie, die seine Arbeit so kraftvoll macht.
„More than Kids“ – das Ausstellungsprojekt in mehreren Kapiteln
Derzeit läuft in Berrutis Heimatstadt Alba das drittte Kapitel seines ambitionierten Ausstellungsprojekts „More than Kids“. Kuratiert wird die Reihe von Nicolas Ballario und Arturo Galansino. Den Anfang machte eine Schau bei der Fondazione Ferrero in Alba (4. April bis 4. Juli 2025), in der bislang unveröffentlichte Werke, Skizzen, Skulpturen und Video-Animationen präsentiert wurden. Der dritte Akt der Ausstellung ist nun in der Chiesa di San Domenico in Alba zu sehen (3. Oktober bis 3. Dezember 2025), parallel zur 95. Ausgabe der Internationalen Weißtrüffelmesse von Alba.

Was ist in Alba zu sehen?
In der San Domenico-Kirche zeigt Berruti zentrale, teils neue Installationen mit starker symbolischer und sozialer Tiefe:
„Nel silenzio“ (2025): Eine monumentale Skulptur aus Glasfaser, Beton und Erde (ca. 8 × 5 Meter), in deren Zentrum zwei Mädchen liegen, schlafend auf ausgedörrtem Boden. Diese Szene evoziert das stille, aber beunruhigende Bild von Unsicherheit, Unbewusstheit und der ökologischen Krise. Inspiriert ist dieses Werk auch von Francisco Goyas Idee im „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ – das kindliche Torpor steht für die Gleichgültigkeit der Menschen angesichts globaler Bedrohungen.

„Endless Love“: Achtzehn Aquarelle auf Jute (200 × 80 cm jeweils), die in einem Abseitsteil der Kirche hängen. Diese Arazzi zeigen symbolisch die Umarmung unter Geschwistern und verweisen auf den familiären, genetischen Kreis – eine Spirale, die an die Form der DNA erinnert. Diese Serie war zuvor in Los Angeles und New York zu sehen, doch erstmals ist sie nun in Italien zu erleben.

„Nel nome del Padre“: Eine Gruppe von fünf Figuren (Beton, Glasfaser, Erde, ca. 150 × 100 cm), die in einem Kreis versammelt beten. Jede Figur hält die Hände anders, richtet sich auf ihre Weise an eine höhere Macht – ein symbolisches Bild von kindlicher Spiritualität, Gemeinschaft und Vielfalt.

Poetische Kindheit als Spiegel für globale Verantwortung
Gleichzeitig nutzt Berruti dieses Bild, um ernstere Themen zu adressieren. Die schlafenden Kinder von „Nel silenzio“ stehen nicht nur für Verletzlichkeit, sondern für den globalen Klimawandel – sie sind Vermittler einer dringenden Botschaft: Wir dürfen nicht in Selbstzufriedenheit verharren.
Alba als Heimat und Bühne

Ein Blick über Alba hinaus
Diese dritte Ausstellungsphase ist zugleich Teil eines größeren Rahmens: Parallel dazu läuft in Mailand (Palazzo Reale) die bislang größte Einzelausstellung von Berruti, ebenfalls unter dem Titel More than Kids. Dort sind unter anderem monumentale Skulpturen, Video-Animationen und eine befahrbare Karussell-Installation zu sehen – Werke, die in Alba zum Teil vorbereitet oder erstmals gezeigt wurden.
Ausstellungorte wie die Ferrero Stiftung, Mailand oder Alba zeigen die Breite und Tiefe von Berrutis künstlerischem Ansatz. Es ist kein konventioneller Ausstellungszyklus, sondern eine Choreographie von Orten und Themen, die seine Vision ganzheitlich vermittelt.
Valerio Berruti gelingt mit „More than Kids“ ein außergewöhnlicher Spagat: Er verbindet kindliche Poesie mit dringenden Fragen unserer Zeit. Seine Figuren sprechen leise, aber eindringlich; seine Skulpturen sind beeindruckend, aber niemals monumentale Statements ohne Seele. In Alba, seiner Heimat, bekommt dieses Universum einen ehrwürdigen Rahmen – und eine Stimme, die weit über Stadtgrenzen hinaus gehört wird.

Die Ausstellung in der Chiesa di San Domenico (bis 3. Dezember 2025, Eintritt frei) ist nicht nur ein kulturelles Highlight der Trüffelfest-Messe, sondern ein Ausdruck dafür, wie Kunst in Alba und darüber hinaus Brücken schlagen kann – zwischen Generationen, zwischen der Vergangenheit und der Zukunft.
























































