Barbara Haas ist eine österreichische Journalistin und Autorin. Seit 2021 arbeitet sie als leitende Redakteurin der Kleinen Zeitung in Wien. Mit ihrem Buch „Bullshit mit Blümchenkleid“ hat sie eine Debatte über das sogenannte Tradwife-Phänomen angestoßen – also jene auf Social Media inszenierten Frauenbilder, die traditionelle Rollen als vermeintlich harmonisches, „natürliches“ Lebensmodell darstellen.
Im Gespräch mit Annett Conrad verbindet Haas persönliche Erfahrung mit medienkritischer Analyse: Sie beschreibt, wie sie sich selbst zunächst von der ästhetisch perfekten Welt dieser Accounts angesprochen fühlte, bevor sie deren Idealisierung und politische Aufladung kritisch hinterfragte. Im Zentrum des Interviews steht die Frage, warum solche Inhalte so stark wirken und welche gesellschaftlichen Sehnsüchte sie bedienen.
Dabei geht es nicht nur um Instagram-Ästhetik, sondern um größere Zusammenhänge: um unbezahlte Care-Arbeit, strukturelle Abhängigkeiten, die Versprechen von „Freiwilligkeit“ und die Rückkehr traditioneller Geschlechterbilder in digitalen Räumen. Haas ordnet das Phänomen zudem im Kontext von politischer Ideologie und radikalisierten Online-Communities ein, von der „Manosphere“ bis zu rechtspopulistischen Strömungen.
Gleichzeitig wird nach Gegenentwürfen gefragt: nach echter Wahlfreiheit, nach gesellschaftlicher Verantwortung für Familie und Kinderbetreuung – und danach, wie emanzipatorische Perspektiven aussehen könnten, die über individuelle Selbstoptimierung hinausgehen.

Exklusives Interview mit Barbara Haas, Redakteurin und Autorin von „Bullshit im Blümchenkleid“
Annett Conrad: Frau Haas, Sie schreiben sehr offen, dass Sie selbst kurz davor waren, auf die Ästhetik einer Tradwife-Influencerin hereinzufallen. Was hat Sie daran so angesprochen – und wann kam der Moment, in dem Sie gemerkt haben: Hier stimmt etwas nicht?
Barbara Haas: Ansprechend war und ist die Ästhetik dieser Accounts, es sind schöne Bilder und Videos, das Leben dieser Frauen wirkt ruhig, aufgeräumt, zufrieden und das in einem Familiensetting, das ich von mir selbst als chaotisch, stressig und eben meist wenig aufgeräumt kannte. Social Media lädt uns Frauen stets ein, sich zu vergleichen. Diese Tradwives haben mich erst inspiriert und dann schockiert, denn was sie zeigen, ist eine Illusion, die für Frauen gefährlich werden kann.
Annett Conrad: War genau dieses persönliche Erlebnis der Auslöser für Ihr Buch? Und warum halten Sie „Bullshit mit Blümchenkleid“ gerade jetzt für so dringend notwendig?

Barbara Haas: Wenn Millionen Frauen sich diese Inhalte Tag für Tag ansehen, dann prägen sie. Deshalb fand ich es wichtig, das Phänomen zu thematisieren und wenn ich mir Studien ansehe, wie stark rückwärtsgewandt die junge Generation ist, gerade was die Einstellung von jungen Männern betrifft, die sich unterwürfige Frauen erwarten und sich selbst als Bestimmer in einer Beziehung sehen, dann ist es wichtig, aufzuklären. Es ist wichtig, eine andere Perspektive zu ermöglichen, nicht weil ich die Sehnsucht verteufle, aber weil ich vor den Konsequenzen für Frauen warnen möchte.
Annett Conrad: Sie beschreiben das Tradwife-Phänomen als „politisches Projekt im Blümchenkleid“. Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen individueller Entscheidung und ideologischer Instrumentalisierung?
Barbara Haas: Individuell kann ich mich für jedes Leben entscheiden, das ich möchte. Eine Rolle einzunehmen, die sich primär mit Kindern, dem Haushalt und dem Essen dreht, macht mich aber finanziell und auch emotional von einem Mann abhängig. Die ideologische Instrumentalisierung kommt, wenn religiöse oder politische Gruppen einen Vorteil darin sehen, dass Frauen wieder als „Gebärmaschinen“ betrachtet werden. Sowohl die radikal evangelikalen als auch die rechtspopulistischen Strömungen sehen in einer Frau genau das. Sie soll Kinder bekommen, denn darin besteht ihr Wert.
Annett Conrad: Viele dieser Frauen betonen ihre „freie Wahl“. Sie hingegen sprechen von einer oft trügerischen Freiwilligkeit. Worin liegt aus Ihrer Sicht der entscheidende Unterschied?
Barbara Haas: Eine freie Wahl wäre es, wenn die Arbeit mit Kindern, mit Familie, mit älteren Angehörigen bezahlt werden würde. Dann könnte ich frei wählen und mich fragen: Welche Art der Arbeit möchte ich in meinem Leben ins Zentrum stellen? Doch leider ist diese Arbeit unbezahlt. Das ist ein Paradoxon, denn zugleich ist eine Gesellschaft ohne diese Arbeit zum Scheitern verurteilt. Daher geht es hier auch um strukturelle Schieflagen. Doch solange diese nicht politisch begradigt oder zumindest verbessert werden, ist es für eine Frau ein Risiko, sich nur dieser Rolle anzunehmen. Ich finde das ehrlich gesagt traurig, aber es ist wichtig, es klar auszusprechen.
Annett Conrad: Gleichzeitig scheinen diese Bilder einen Nerv zu treffen. Warum ist die Sehnsucht nach einer heilen, einfachen Welt Ihrer Meinung nach gerade jetzt so groß?
Barbara Haas: Wir leben in einer hypervernetzten und damit auch sichtbar unsicheren Welt. Wir erfahren in Echtzeit von allen Konflikten, Kriegen, Klimakatastrophen und sehnen uns alle vermutlich nach einer manchmal eher schlichteren Einordnung. Das, was ich unmittelbar in meinem Leben mache, ist so eine Simplifizierung.
Annett Conrad: Ist diese Sehnsucht nicht auch ein verständliches Gegengefühl zu Überforderung, Leistungsdruck und Dauerkrisen – selbst wenn die angebotene Lösung problematisch ist?
Barbara Haas: Natürlich spiegelt sich hier auch die Überforderung, in der vor allem Frauen stecken. Denn die Versprechen der „Bossbabes“, also jener Frauen, die prophezeiten, dass man alles schaffen könne, wenn man sich nur genug anstrenge, haben sich nicht erfüllt. Und konnten sich nicht erfüllen, weil die Strukturen sich nicht verändert haben. Und anstatt sich als Frau ständig sagen zu müssen: Wenn ich nicht alles schaffe, hab ich mich wohl zu wenig angestrengt, ist es eine vielleicht willkommene Möglichkeit zu sagen: ich konzentriere mich auf eine Aufgabe und die kann ich dafür perfekt machen.
Annett Conrad: Sie zeigen auch Verbindungen zu rechten Ideologien und zur sogenannten „Manosphere“. Wie lassen sich diese oft subtilen, toxischen Dynamiken erkennen – und warum sind sie so anschlussfähig?
Barbara Haas: Es gibt aktuell sowohl bei Männern als auch bei Frauen eine gesellschaftliche Sinnkrise, also der Frage: Was ist ein Mann, was eine Frau? Politisch wurde dem „woken“ Verständnis eine unmissverständliche Abkehr erteilt. Diversity ist nicht mehr modern, das geht von Trump bis zur AfD oder der FPÖ. Und wenn Vielfalt nicht mehr modern ist, was tritt an ihre Stelle? Das Traditionelle. Und mit ihm kommen eben auch die alten Rollenbilder zurück. Leider sind sowohl jener der Männer als auch jene der Frauen durch Social Media radikalisiert worden. Trotzdem ist das Bedürfnis, wo „dazuzugehören“ so groß, dass diese Vorstellungen übernommen werden. Und in dieser Vorstellung ist eine Frau dem Mann Untertan und der Mann der Starke.
Annett Conrad: Was würden Sie jungen Frauen konkret raten, um sich nicht von dieser ästhetisch perfekten Inszenierung beeinflussen zu lassen – und um solche Machtstrukturen überhaupt zu durchschauen?
Barbara Haas: Durchschauen kann man nur, wenn man es anschaut. Daher warne ich nicht vor dem Konsum. Es kritisch zu hinterfragen, sowohl die Botschaft, als auch die Tatsache, dass hier Frauen ein Business damit machen, anderen Frauen zu sagen, dass sie leise und hinterm Herd bleiben sollen, muss schon hinterfragt werden. Das alleine reicht schon. Ich will niemanden bekehren.
Annett Conrad: Ihr Buch verbindet Analyse mit persönlichen Erfahrungen, etwa der Geschichte Ihrer Mutter. Inwiefern prägt diese Perspektive Ihren Blick auf das Thema?
Barbara Haas: Viele Bilder, die ich bei den Tradwives sah, haben mich an meine Kindheit erinnert. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, mit sechs Geschwistern und eine Mutter, die vieles „from scatch“ gemacht hat. Ich fand es wichtig, die Perspektive meiner Mutter auf das leben von Tradwives mitzunehmen. Sie hat einen klaren Blick, wenn es um die Reduktion auf eine Rolle geht und warnt ganz explizit davor. Ihre Meinung finde ich, hat in dem Zusammenhang ein besonderes Gewicht.

Annett Conrad: Wenn Tradwife-Content so erfolgreich ist, weil er Sehnsüchte bedient: Wie könnte eine überzeugende, emanzipatorische Gegenerzählung aussehen – und was müsste sich gesellschaftlich ändern, damit echte Wahlfreiheit möglich wird?
Barbara Haas: Ein Blick nach Skandinavien reicht. Die faire und verpflichtende Aufteilung von Karenzzeiten für beide Elternteile würde einen Meilenstein bedeuten. Dazu ein politisches Mindset, dass man nicht nur Kinderbetreuung, sondern auch Ganztagesschulen als sozial so wichtiges Lernfeld für Kinder sieht und nicht als „Abgabestation“. Kinder und Familie sollten eben nicht als Privatangelegenheit gesehen werden, sondern als gemeinschaftliche gesellschaftliche und damit politische Aufgabe. Niemand muss sich wundern, dass Frauen keine Kinder mehr bekommen wollen, wenn sowohl Männer als auch die politischen und wirtschaftlichen Systeme Frauen für diese Entscheidung immer nur bestrafen.
Mein Dank geht an Redakteurin und Autorin Barbara Haas für die spannenden Antworten zu einem Thema, das sich in unserer Gesellschaft von vielen Menschen unbeachtet abpielt. Um einen Blick in das Buch „Bullshit mit Blümchenkleid“ zu werfen, geht es hier zu unserer Rezension.

Weitere Informationen
Kleine Zeitung
Barbara Haas
Lobkowitzplatz 1
1010 Wien / Österreich
Hinweis der Redaktion: Die in diesem Interview geäußerten Aussagen, Einschätzungen und Meinungen geben die persönlichen Ansichten des Interviewpartners wieder. Die Redaktion macht sich diese nicht zu eigen. Für die inhaltliche Richtigkeit der Angaben ist der Interviewpartner verantwortlich.




























































