40 Grad Celsius und kein Lüftchen. Scottsdale glüht – und ich gleich mit. Während andere unter Klimaanlagen Zuflucht suchen, finde ich im Juni für vier Tage mein Sommerglück: zwischen Saguaro-Kakteen in der Sonora-Wüste, auf grünen Fairways, beim Kayaken auf dem Lower Salt River und beim Rodeo. In der Stadt, die nicht umsonst „The West´s Most Western Town“ genannt wird.

Die Sonne Arizonas steht schon früh hoch über der Sonora-Wüste, als ich an meinem ersten Morgen in Scottsdale die Terrassentür öffne. In der Ferne ragen die roten Felsen des Camelback Mountain auf, eine Silhouette, an der kein Besucher vorbeikommt. Am ersten Tag steht Natur auf dem Programm. Draußen warten 40 Grad Celsius und so macht es mir nichts aus, schon um fünf Uhr Früh aufzustehen. Beim Kayaken auf dem Lower Salt River gleite ich mit Gleichgesinnten gemächlich über das Wasser. Rechts und links ragen Kakteen wie stachelige Wärter in den Himmel, über mir ziehen Adler ihre Bahnen. Mit etwas Glück, sagt mein Guide von Cliff Creek Outfitters, sieht man auch Wildpferde am Ufer.

Wildpferde im Tonto National Forest Park
Und ich habe Glück: Eine kleine Herde steht im seichten Wasser, als wäre das hier selbstverständlich – und wahrscheinlich ist es das auch. Denn ca. 400 dieser sogenannten Salt River Wild Horses leben noch in der Region rund um den Tonto National Forest Park. Ihre Vorfahren stammen von den spanischen Eroberern des 16. Jahrhunderts. Sie verwilderten im Laufe der Zeit und wurden zu einem Symbol des alten Westens. Heute stehen sie unter Schutz: Ein Gesetz von 2017 garantiert ihren freien Lebensraum entlang des Flusses. Die Tiere bewegen sich in kleinen Gruppen, im heißen Sommer kommen sie gerne frühmorgens oder am späteren Nachmittag ans Wasser.


Offroad mit dem Hummer durch die Wüste
Der nächste Tag bringt einen Perspektivenwechsel: Offroad im Hummer von Stellar Adventures durch das Hinterland der Sonora-Wüste. Wie gut, dass der Ranger jedes Sandloch, jeden Felsen, jedes Rumpeln kennt. Staub, Adrenalin, alles inklusive – nur keine Klimaanlage. Hier draußen, zwischen den verschiedensten Kakteenarten und Felsformationen, versteht man schnell, warum die Wüste kein leerer Raum, sondern ein äußerst lebendiges System ist.
Die Sonora-Wüste zählt zu den artenreichsten Trockenregionen der Erde. Im Jahresdurchschnitt fallen hier weniger als 25 Zentimeter Regen, meist in Form kurzer, heftiger Sommergewitter während der Monsoon-Saison von Mitte Juni bis Ende September. Die Pflanzen haben sich perfekt an diese Extreme angepasst. Besonders eindrucksvoll sind die Saguaro-Kakteen, Wahrzeichen Arizonas: bis zu 15 Meter hoch, manche über 200 Jahre alt. Ihre Rippen dehnen sich nach jedem Regenguss aus, um Wasser zu speichern. In der Trockenzeit schrumpfen sie wieder zusammen, natürliche Wasserspeicher mit eingebautem Überlebensinstinkt.


In der Wüste hilft alles allem
Rund um die Saguaro wachsen Ocotillos, die nach Regen in wenigen Stunden Blätter treiben und sie in Trockenphasen wieder abwerfen, Prickly Pears mit essbaren Früchten, Agaven, deren Blütenstängel bis zu sechs Meter hoch werden und erst am Ende ihres Lebens eine einzige, meterhohe Blüte treiben sowie zarte Creosote-Sträucher. In der Wüste hilft alles allem: Dornen bremsen den Wind und helfen so, die Verdunstung zu verringern. Schatten schützen kleinere Pflanzen, abgestorbene Äste spenden Humus. Und auch das Tierleben ist erstaunlich lebendig: von Gila-Krustenechsen, die ebenso wie die Saguaro-Kakteen, hier endemisch sind, über Kojoten und Jackrabbits bis zu Eulen und Kolibris, die sich zwischen Kakteen verstecken.
Zwischen Felsen und trockenem Gras sind Klapperschlangen zuhause. Western Diamondbacks, Mojave Rattlesnackes, Tiger Rattlesnacke oder Sidewinder, gefürchtet und zugleich bewundert. Sie spielen eine wichtige Rolle, weil sie Nagetiere regulieren, die sonst Pflanzenwurzeln zerstören würden. Ranger warnen grundsätzlich davor, abseits markierter Wege zu gehen. Alles funktioniert nach einem Prinzip: Energie sparen, Wasser halten, überlegen – und dabei noch wunderschön aussehen.


Scottsdale: The West´s Most Western Town
Zurück in der Stadt wartet ein Kontrastprogramm: Scottsdale mag von außen ja nach Wüste aussehen, aber drinnen pulsiert das Leben. In Old Town Scottsdale reihen sich Galerien, Boutiquen und Weinbars, wie etwa dem Carlson Creek Vineyard´s Old Town Tasting Room. Cowboy-Charme mischt sich mit Design. Ich streife durch die Straßen, koste Olivenöle, probiere Pralinen mit Chili und lande schließlich in einer Bar mit hausgemachtem Tequila.
Dass sich Scottsdale selbstbewusst „The West´s Most Western Town“ nennt, hat einen Grund. Der Slogan stammt aus den 1950er-Jahren, als Scottsdale noch mehr Sandpisten als Straßen hatte und Pferde vor den Geschäften angebunden wurden. Die Stadt wuchs aus Ranchland, Künstlerkolonien und Pioniergeist und bewahrte sich dabei ihren Western-Stolz. Noch heute erinnern alte Ladenfronten, Saloons und Reiterparaden an diese Zeit, während drumherum luxuriöse Design- und individuelle Boutiquehotels sowie eine lebendige, vielfältige Foodszene entstanden sind.


Showtime beim Rodeo
Am Abend dann das echte Amerika: Rodeo im mehrfach ausgezeichneten Buffalo Chip Saloon in Cave Creek, nördlich von Scottsdale. Schon auf dem Parkplatz riecht es nach Staub, Nachos, Corn Dogs und Leder. Familien, Paare, Teenager – natürlich alle in Cowboy-Outfits – strömen in die Arena. Bevor das Spektakel beginnt und alle ihre Biere oder Cokes in der Hand halten, wird es still. Die Reiter stellen sich im Halbkreis auf, ziehen ihre Hüte vom Kopf, sie beten. Danach, rechte Hand aufs Herz: Die amerikanische Nationalhymne erklingt und die ganze Arena singt mit.
Was folgt, ist ein Stück amerikanische Kulturgeschichte in Reinform: Acht Sekunden – so lange muss ein Cowboy auf dem bockenden Bullen sitzenbleiben, um gewertet zu werden. Acht Sekunden, in denen alles passieren kann. Die Tiere sind gewaltig, die Reiter wirken fast winzig dagegen. Staub wirbelt auf, das Publikum tobt, Countrymusic dröhnt aus den Lautsprechern. Für Außenstehende wirkt es roh – und doch steckt hinter allem ein fester Kodex, eine Tradition, die hier niemand hinterfragt.


Ein Stück amerikanische Identität
Und dann der Moment, der alle zum Lächeln bringt: das Mutton Bustin´, das Mini-Rodeo für Kinder. Mit Helm bestückt klammern sich die Kleinen an Schafe, die über den Sand jagen. Nach wenigen Sekunden landen die Kids natürlich lachend im Sand. So widersprüchlich es für europäische Augen wirken mag, das Rodeo ist in den USA mehr als Unterhaltung. Es ist ein Stück Identität. Eine Mischung aus Mut, Glaube, Gemeinschaft und Stolz. Der Buffalo Chip Saloon ist der ideale Treffpunkt für Rodeo-Fans, Countryliebhaber, Line-Dancer und alle, die den Wilden Westen lieber live als im Film erleben wollen.


Golfparadies Scottsdale
Schließlich das „Schöne Spiel“: Nicht nur für mich als leidenschaftliche Golferin ist Scottsdale mit seinen 51 Golfplätzen mit insgesamt 1200 Löchern – dazu mehr als 200 Plätze weitere Plätze im Umland – ein Paradies. Die Region gilt zu Recht als einer der größten Golf-Hotspots der USA. Auf meinem Programm steht der Camelback Golf Club beim JW Marriott Camelback Inn. Zwei 18-Loch-Championship-Courses bieten hier kontrastreiche Spielerlebnisse.
Der Ambiente Course, 2013 von Jason Straka neu gestaltet, setzt auf Nachhaltigkeit: Einheimische Wüstenvegetation ersetzt Teile der früheren Rasenflächen, das Wasser- und Erosionsmanagement gilt als vorbildlich. Durch den Einsatz heimischer Gräser konnte der Wasserverbrauch um bis zu 40 Prozent reduziert werden. Der Padre Course von Arthur Hills präsentiert sich klassisch und parkähnlich, mit alten Bäumen, Teichen und breiten Fairways. Das 18. Loch, flankiert von einem Wasserhindernis und mit Blick auf die Berge, gilt als eines der schönsten Schlusslöcher Arizonas. Beide Plätze fordern, aber sie belohnen jeden präzisen Schlag mit grandioser Kulisse.
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