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In meinem Interview mit Laura Fröhlich spricht die Autorin und Mental-Load-Expertin über die unsichtbare Last, die viele Frauen zwischen Beruf, Familie und Fürsorge tragen.

Sie beleuchtet, wie emotionale Arbeit und gesellschaftlich verankerte Rollenbilder Frauen belasten, warum People Pleasing ein erlerntes Muster ist und wie ihr neues Buch Ich bin nicht eure Feelgood-Managerin Wege aufzeigt, sich davon zu befreien. Ein Gespräch über Strukturen, individuelle Herausforderungen und die Chancen einer leisen oder viel besser, einer lauten Revolution für Gleichberechtigung im Alltag und Beruf.

Ich bin nicht eure Feelgood-Managerin - das neue Buch von Laura Fröhlich
Ich bin nicht eure Feelgood-Managerin – das neue Buch von Laura Fröhlich / © Redaktion FrontRowSociety.net

Exklusives Interview mit Laura Fröhlich, Mental-Load-Expertin und Autorin

Annett Conrad: Frau Fröhlich, Ihr Weg führte Sie vom Literaturstudium über die Verlagsarbeit und Selbstständigkeit hin zur Mental-Load-Expertin. Wann wurde Ihnen klar, dass mentale und emotionale Belastung nicht nur ein persönliches, sondern ein strukturelles Thema ist?

Laura Fröhlich: Das wurde mir klar, als ich mich selbst belastet gefühlt habe. Als selbstständige Texterin in Teilzeit mit Kindern war ich täglich hin und hergerissen zwischen meiner beruflichen Karriere und der Fürsorgearbeit. Ich hatte viel zu wenig Zeit, Kunden zu gewinnen und meine Texte zu schreiben, und musste nachmittags schnell wieder die Kinder abholen. Das hat mich erschöpft und mein Hausarzt verschrieb mir eine Kur. Die hat aber nicht langfristig geholfen, sondern erst das Kennenlernen des Begriffs Mental Load. Als ich verstanden habe, was hinter der „Last, an alles denken zu müssen“ steckt, habe ich auch die strukturelle Problematik erkannt, angefangen darüber zu bloggen und zu recherchieren. So ist auch mein Buch „Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles“ entstanden. Denn es ist längst nicht nur bei mir so, sondern sehr viele Frauen sind hin und hergerissen zwischen Fürsorgearbeit und Beruf, zwischen Familie und Karriere und der alltäglichen Verantwortung. Sie fühlen sich zuständig, haben volle To-do-Listen und finden zu wenig Zeit, um sich zu erholen, Hobbys auszuüben oder sich der beruflichen Karriere zu widmen.

Annett Conrad: Auf Ihrem Blog Heute ist Musik begleiteten Sie Frauen im Alltag zwischen Care-Arbeit, Beruf und Familienorganisation. Welche individuellen Muster und gesellschaftlichen Strukturen zeichnen sich in diesem Raum ab?

Laura Fröhlich - Autorin und Mental-Load-Expertin
Laura Fröhlich – Autorin und Mental-Load-Expertin / © privat

Laura Fröhlich: Auch wenn ich den Blog aktuell leider nicht mehr führe, so denke ich aktuell drüber nach, wieder mehr Texte zu schreiben. Denn wir denken oft, unser Leben ist so individuell, die einzelne Frau glaubt: „ich schaffe es einfach nicht, die anderen kriegen doch auch hin.“ Dabei denkt die Frau nebenan das gleiche. Auch bei ihr stagniert die berufliche Karriere oder das Chaos zu Hause ist riesig, aber es fühlt sich wie individuelles Versagen an, was den Druck auch noch erhöht. Es stecken gesellschaftlichen Strukturen dahinter, zum Beispiel auch, dass es als Frau mit Kindern oder zu pflegenden Angehörigen sehr schwierig ist, sich fokussiert der Erwerbstätigkeit zu widmen. Männer dagegen haben Schwierigkeiten, in Teilzeit erwerbstätig zu sein, weil wir immer noch die stereotypen Rollenbilder eines in Vollzeit erwerbstätigen Mannes im Kopf haben.

Individuell ist dann die Frage, was ich als einzelne Person für Privilegien und Möglichkeiten hab. Kann ich mich selbst gut abgrenzen, habe ich ein Netzwerk aus Freunden und Familie, habe ich einen Arbeitgeber, der mich unterstützt oder genug Geld, um mir Dienstleistungen zu kaufen? Das ist dann individuell sehr unterschiedlich und hat natürlich Einfluss darauf, wie gut ich Familie und Berufe vereinbaren kann.

Annett Conrad: In Ihrem neuen Buch Ich bin nicht eure Feelgood-Managerin rücken Sie die „Feelgood-Falle“ in den Mittelpunkt. Warum war es Ihnen wichtig, den Blick vom klassischen Mental Load auf das Gefühlsmanagement zu erweitern?

Laura Fröhlich: Wir haben in den letzten Jahren viel über Alltagsorganisation im Rahmen von Fürsorge-Arbeit gesprochen. Aber nach und nach wird klar, dass noch viel mehr dazugehört. Zum Beispiel die emotionale Arbeit. Die findet zu Hause statt, in Partnerschaft oder in Bezug auf eigene Kinder, aber auch Töchter kennen die emotionale Arbeit, die anfällt, wenn es um die eigenen Eltern geht. Frauen fühlen sich außerdem im beruflichen Kontext oft für die Gefühle andere verantwortlich, haben das Gefühl, es zuhause „schön machen“ zu müssen oder fühlen sich in heterosexuellen Beziehungen dafür verantwortlich, sich für die Beziehung zu engagieren. All das kann dazu führen, dass Frauen wenig Zeit für sich selbst haben und es kann belastend sein. Wenn gleich diese emotionale Arbeit auch als sehr bereichernd empfunden wird, solange man sich auch einmal abgrenzen kann.

Annett Conrad: Sie beschreiben People Pleasing als erlerntes Überlebensmuster und nicht als Persönlichkeitsfehler. Warum ist es für jede Frau wichtig, dieses Verhalten als Folge weiblicher Sozialisation zu verstehen?

Laura Fröhlich: Ich möchte Frauen nicht zu suggerieren, dass sie etwas falsch gemacht haben, indem sie sich viel kümmern. Aber es hilft, die Motive für die dadurch entstandene Belastung zu erkennen. Manche Frauen finden sich in der Rolle der Peoplepleaserin wieder, weil sie es gewohnt sind, sich um die anderen zu kümmern, aber nicht um sich selbst. Das aufzudecken ist mir wichtig, denn die Sozialisation als Frau kann uns in die Rolle der Peoplepleaserin stecken. Kleine Mädchen lernen früh, friedlich zu sein und sich zu vertragen, sie werden eher eingebunden in Hausarbeit und emotionale Arbeit und haben weibliche Rollenbilder, die sich bereits um diese Art von Arbeit kümmern. Von Frauen wird erwartet, nicht zu viel von ihren Erfolgsgeschichten oder ihrem Kompetenzen zu sprechen, also eher bescheiden zu sein, und wir haben immer noch die Erwartungen, dass Frauen häuslich sind und sich für Kinder interessieren.

Annett Conrad: Im Buch zeichnen Sie sieben typische Rollen nach – von der Feelgood-Managerin bis zur Super-Kollegin. Wo sehen Sie die Grenze zwischen struktureller Analyse und pauschalisierender Zuschreibung?

Laura Fröhlich: Ich habe im Buch bewusst beschrieben, dass Leserinnen sich in der ein oder anderen Rolle wieder erkennen können, aber nicht müssen. Manche entdecken vielleicht nur den kümmernden Tochter-Anteil in sich oder den der „Schönmacherin“. Diese Rollen sollen keine pauschalisieren Zuschreibungen sein, denn nicht jede Frau findet sich in jeder der Rollen wieder. Die Rollen sind grundsätzlich auch etwas positives. Wichtig ist, dass Frauen lernen dürfen, sich davon auch abzugrenzen. Dafür braucht es die Selbsterlaubnis und auch die kleine Erkenntnis: „Achtung, hier wird mir die Rolle der „Schönmachererin“ zugeschrieben. Und ich habe vielleicht auch Freude daran, aber bloß weil ich etwas gut kann, muss ich es nicht ständig machen.“ Strukturelle Analysen helfen, weil ich merke: „ich bin damit gar nicht alleine. Mehreren Frauen geht es so.“

Rollenbilder aufzeigen und der Weg daraus / © Redaktion FrontRowSociety.net

Annett Conrad: Sie schreiben, Erschöpfung entstehe nicht durch „zu viel Gefühl“, sondern durch ausgelagerte Verantwortung. Wie erleben Sie die Reaktionen von Frauen, wenn sie erkennen, dass ihre Überlastung kein individuelles Versagen ist?

Laura Fröhlich: Es gibt da eine große Erleichterung. Vor allem nach meinen Vorträgen kommen viele Frauen zu mir und sagen, dass die beste Erkenntnis ist, damit nicht alleine zu sein. Im Alltag führt Scham und Überforderung oft dazu, dass wir nicht über das scheinbar individuelle Versagen sprechen möchten. In dem wir hier Räume öffnen und uns austauschen, gerade auch unter Frauen, fühlen wir uns nicht so einsam. Andere Frauen können uns dazu inspirieren, auch mal eine Grenze zu setzen oder zu einer Aufgabe „Nein“ zu sagen. Nach Veröffentlichung meines ersten Buchs habe ich viele Rückmeldungen bekommen, dass Frauen sich darin wiedererkennen. Manche sagten mir: „Krass, du beschreibst mein Leben!“

Annett Conrad:  Wenn Frauen beginnen, erlernte Rollen abzulegen und „emotionale Lücken“ zuzulassen: Ist das aus Ihrer Sicht eine leise gesellschaftliche Revolution? Und welche realen Konflikte – in Beziehungen, Familien, Unternehmen – nehmen Sie dabei bewusst in Kauf?

Laura Fröhlich: Wir brauchen dringend eine laute Revolution, aber weil Frauen oftmals gelernt haben, dass Wut zu empfinden und Laut zu sein negativ behaftet ist, halten sie sich eher zurück. Alternativ kann dann so eine leise gesellschaftliche Revolution etwas bewirken. Wenn Frauen mehr Lücken stehen lassen, in die sie vorher gesprungen sind, haben Männer auch die Chance, Kompetenzen zu erwerben. Das Geschenk für die Kollegin besorgen, mit den Eltern Bilder der Kinder zu teilen – es kann eine große Chance sein, die Rollen zu tauschen.

Tatsächlich wird es dabei sicher auch reale Konflikte geben. Denn wenn Frauen nicht mehr zu allem bereit sind, werden sie irritierende Reaktion erhalten, auch oft von anderen Frauen. Es ist die Entscheidung jeder einzelnen Frau, was sie hier in Kauf nehmen möchte und kann. Grundsätzlich brauchen wir in der Gesellschaft aber diesen irritierten Moment, auch das Laut-sein in Form von Protest, damit sich auch endlich etwas am Gender Care Gap oder am Gender Pay Gap etwas ändert.

Mut zur Lücke sollten Frauen haben, jedoch nicht bei sich selbst, sondern bei den Dingen, die von ihnen erwartet werden, weil sie eben eine Frau sind / © Redaktion FrontRowSociety.net

Annett Conrad: Angenommen, viele Frauen folgen Ihrem Ansatz und ziehen sich aus der emotionalen Dauerzuständigkeit zurück: Was würde sich konkret verändern – in Partnerschaften, in Organisationen, vielleicht sogar global?

Laura Fröhlich: Ich glaube, dass durch Lücken, die Frauen hinterlassen, viele Männer in Sachen Fürsorge kompetenter werden. Das bietet eine große Chance. Wenn Frauen sich mehr abgrenzen und Männer mehr emotionale Kompetenzen erwerben können, haben wir am Ende eine Gleichberechtigung in der Übernahme von emotionaler Arbeit und Zuständigkeit. In Partnerschaften führt das zu mehr Augenhöhe, in Organisationen zu mehr Erfolg. Denn diverse Teams sind tatsächlich am erfolgreichsten, und wer sich die Arbeit gleichberechtigt teilt, hat am Ende auch die besten Ergebnisse. Verschiedene Perspektiven und die Wertschätzung von Fürsorge.Arbeit sind auch in Unternehmen wichtig. Wer Menschen beschäftigt, die durch ein Burn out ausfallen, weiß, was das kostet. Der Blick auf die mentale Gesundheit und auf den Wert von Fürsorge führt auch dazu, dass wir gesünder und erfolgreicher miteinander arbeiten. Daher ist das auch eine große globale Chance für die Gleichstellung von Mann und Frau.

Vielen Dank an Laura Fröhlich für die Zeit und die ausführlichen Antworten. Das Interview führte ich im Rahmen der Präsentation ihres Buchs „Ich bin nicht eure Feelgood-Managerin“. Hier geht es zu meiner Rezension des eindringlich geschriebenen Buchs, das unbedingt zur Standardlektüre jede Frau werden sollte.

FrontRowSociety-Herausgeberin Annett Conrad führte das Interview mit Laura Fröhlich im März 2026. 

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Hinweis der Redaktion: Die in diesem Interview geäußerten Aussagen, Einschätzungen und Meinungen geben ausschließlich die persönlichen Ansichten des Interviewpartners wieder. Die Redaktion macht sich diese Inhalte nicht zu eigen; für deren inhaltliche Richtigkeit und rechtliche Bewertung ist allein der Interviewpartner verantwortlich.