Zwischen Tabula Rasa und Tradition: Winzer Kai Schätzel und Jule Eichblatt entwickeln am Roten Hang ein Weinbaukonzept, das mit Geduld, Experimentierlust und radikaler Achtsamkeit neue Maßstäbe für Nachhaltigkeit setzt.
Das Weingut Schätzel gehört zu jener Sorte Winzer, die den Weinbau systematisch hinterfragen. Für das gesamt Team ist Wein kein Produkt, das man beliebig formt, sondern ein Spiegel für Haltung und Geduld. Gemeinsam verfolgen Jule Eichblatt und Kai Schätzel eine Vision: radikale Achtsamkeit im Weinberg, minimale Eingriffe im Keller, und ein Denken, das länger reicht als ein Jahrgang. Es ist ein Ansatz, der bewusst gegen Schnelllebigkeit und Modestrends arbeitet. Ganz wichtig für das Weingut sind praktisch fundierte Ansätze – kein Heckmeck oder Hexenwerk.

Von der BWL zurück zur Erde
Nach seinem BWL-Studium übernahm Kai 2008 das elterliche Weingut. Seine Rückkehr war kein sentimentaler Impuls, sondern eine glückliche Fügung. Schon früh war er auf dem Hof äußerst aktiv: Stets in den Weinzeilen und den Steillagen des Roten Hangs unterwegs, schien ihm der Wein förmlich im Blut zu liegen. Bereits mit 16 Jahren verantwortete er die Lese einzelner Parzellen.
Mit der Übernahme des Weinguts setzte Kai unweigerlich seine ersten prägenden Schritte – Schritte, die die Idee vom Wein fortlaufend weiterentwickelten. Die wichtigsten Entscheidungen fallen dabei stets draußen, im Weinberg, auf dem Terroir, nicht im Keller. Sein Ziel: lockere, humusreiche und vor allem gesunde Böden. Mit dieser Basis und häufigem Hinterfragen konventioneller Techniken fand das Weingut Schätzel langsam Zugang zu biodynamischen Wegen.

Die praktische Umsetzung ist vielfältig: Begrünung, humusfördernde Maßnahmen und biodynamische Präparate stärken den Boden maßgeblich und nachweislich. Gegen Bodenverdichtung nutzt das Weingut seit Kurzem gemeinsam mit befreundeten Winzern (u. a. Weingut Gunderloch und Weingut Kühling-Gillot) Drohnen, um Pflanzenschutzmittel gezielter einzusetzen und Unfälle an den steilen Hängen zu vermeiden. Eine smarte technische Lösung, die Ökonomie und Ökologie verbindet.
Unweigerlich wurde eine saftige Begrünung zur zentralen Komponente mit folgender Formel: Deckfrüchte, Mulch und gezielt minimalistische Bodenbearbeitung. Mit der Begrünung und obendrein mit ihren Schafen erreichen Kai und Jule eine Bodenbearbeitung mit geringer Verdichtung, sodass das Wasser in den steilen Hängen des Pettenthals versickern kann und die Hänge nicht abrutschen.
Mittlerweile konzentriert sich das Weingut unter Jule Eichblatt und Kai Schätzel von ursprünglich 15 auf etwa 11,5 Hektar; rund 75 Prozent der Produktion entfallen auf Erste Lagen und Große Gewächse; eine klare Entscheidung zugunsten von Qualität statt Quantität.

Arbeit im Weinberg – Selbstregulation, kein Aktionismus
„Die Rebe soll ihren Weg finden“ – das ist kein Slogan, sondern gelebte Praxis. In völliger Eigenregulation wird die Rebe ihrem natürlichen Wachstum überlassen. Der initiale Rebschnitt gibt lediglich die Richtung vor, in die sich die Rebe entwickeln soll – Schnitt und Laubarbeit sind daher auf das Minimum reduziert.
Die ersten Früchte ihrer Bemühungen zeigen sich auf ihrem Prestige-Weinberg, der Lage Pettenthal. Während der große Südhang des Pettenthals aufgrund der hohen Sonneneinstrahlung stellenweise ausgezehrt wirkt, zeigt sich auf der östlichen Parzelle ein anderes Bild: dichter Bewuchs, florierende Vegetation und hohe Pflanzdichte mit bis zu 12.000 Stöcke pro Hektar. Jule und Kai testen ihre Ideen bewusst auf einem der teuersten Terroirs Deutschlands. Ihre Parzellen am Pettenthal sind nicht nur Teil des Weinbergs, sie sind vielmehr Prüfstand neuer Methoden.

Auf anderen Weinbergen wie der Lage Hipping probieren sich Jule und Kai abseits des High-Density-Plantings an weiteren Praktiken. Hier findet sich eines der durchdachtesten und systematischsten Agroforst-Projekte des deutschen Weinbaus. Das Klima und die äußeren Einflüsse auf die Reben sind im gleichen Wandel begriffen wie die Gesellschaft um sie herum. Aufgrund dieser sich stetig verändernden Parameter überdenkt die „Kommune Schätzel“ den klassischen Aufbau eines Weinbergs grundlegend.
Nach den Lehren von Ernst Götsch ziert die unterste Parzelle des Hipping-Clos-Weinbergs ein frisch angelegter Agroforst. Laut Götsch wirkt die Symbiose zwischen Bäumen und Reben stabilisierend auf das Mikroklima, den Wasserhaushalt und die Nährstoffdynamik, insbesondere in heißen und trockenen Jahren. In der kleinen Lage Hipping Clos versucht das Weingut Schätzel, diese Idee zu realisieren, und das mit einem klaren Ziel: Für zukünftige Beschattung und eine bessere Sättigung der Reben werden über 200 Bäume pro Hektar in die historische Einzellage Hipping integriert.
Seine neuesten Helfer im Weinberg sind kleine Schafe, die ausgiebig in den grünen Zeilen weiden. Sie sind Folge und Verfeinerung eines bereits eingeschlagenen Wandels, nicht dessen Ausgangspunkt. Sie geben dem Weinberg alles zurück: Mit ihrem „goldenen Tritt“ und ihrer natürlichen Düngung fördern sie aktiv die biodiverse Gesundheit der Böden.

Arbeit im Keller – Geduld, Flor und die Kunst des Weniger
Im Keller folgt man einer ähnlichen Logik: weniger planen, mehr beobachten. Die Sequenz lautet bei Jule und Kai: spontane Vergärung, Malolaktik und als finale Stabilisierung die Florhefe. Seit 2017 arbeiten sie aktiv mit Flor – einer extrem sensiblen Kultur, die den Wein vor Oxidation schützt und sogar oxidative Aromen regenerieren kann, indem sie Sauerstoff chemisch bindet. Für das Team um Schätzel ist die Flor das letzte Puzzlestück: die natürliche Stabilisierung eines Weins, der lernt, sich selbst zu schützen.

Die Arbeit mit Flor hat allerdings Konsequenzen, denn Schwefel ist ihr natürlicher Gegenspieler. Deshalb wurde ein neuer, überirdischer Keller gebaut. So können nun die Flor-Weine getrennt von den restsüßen und geschwefelten Kabinettweine ausgebaut werden. Der in der Luft des alten Gewölbes präsente Schwefel stört die Flor-Kultur; ein einzelnes geschwefeltes Fass kann die Flora im gesamten Gewölbe beeinträchtigen. Daher trennt Kai heute die Wege strikt: Die trockenen Lagen- und Pettenthal-Ausbauvarianten reifen in der Umgebung, in der die Flor arbeiten darf; die restsüßen Partien lagern im neuen, kontrollierten Raum.
Das neueste Release des Pettenthal ist der Jahrgang 2017 – eine radikale Entscheidung zugunsten von Reife, intensiver Beobachtung und gezieltem Verschnitt. Die Entwicklung und die Jahrgangsnoten zeigen, wie facettenreich diese Arbeit ist:
2017 war das „entscheidende Fass“, jenes erste Fass, bei dem Jule und Kai die alljährliche Veröffentlichung ihrer Großen Gewächse grundsätzlich infrage stellten. Im Keller war die Arbeit bereits stark von den Aromen der Florhefe geprägt, doch der entscheidende Aha-Moment kam bei der Verkostung: Am Gaumen zeigte der Wein selbst nach acht Jahren eine bemerkenswert frische Lebendigkeit und klare Struktur.
2020 schrieb Kai Geschichte, als er erstmals einen ungeschwefelten und ungefilterten Wein auf GG-Niveau bei der VDP-Veranstaltung präsentierte. Alle Jahrgänge sind Teil eines langfristigen Experiments. Bei der jüngsten VDP-Jahrgangsverkostung im August 2025 wurde der Pettenthal 2017 erstmals einem hochkarätigen Fachpublikum präsentiert. Und hier schließt sich der Kreis, dass Veränderungen zuerst direkt an der Basis stattfinden.

Die Rolle der Gemeinschaft – Praxis, Bildung, Personal
Im Weinberg arbeiten Praktikanten, Schüler, Familien und Auszubildende; etwa acht bis zehn Menschen sind regelmäßig im Garten tätig. Die Kommune 3000 begleitet das Projekt als soziale Plattform: ein Leuchtturm, der sich gegen Schnelllebigkeit positioniert und für nachhaltige, langlebige Arbeitsweisen wirbt. Wachstum bedeutet für Jule und Kai nicht Expansion um der Größe willen, sondern die Reifung einer Idee — Achtsamkeit in der Arbeit und im Konsum.
Philosophie – Konsument passt sich dem Wein an, nicht umgekehrt
Für Jule und Kai ist klar: Der Weinkonsument passt sich dem Weinbau an – nicht andersherum. Man kann nur das probieren und lieben, was verfügbar ist; wenn ein Produkt gut ist, wird der Markt folgen. Das ist keine naive Marktlehre, sondern eine Überzeugung, dass Qualität und Authentizität die Nachfrage befeuern.
Ihre Philosophie verlangt Mut. Das Weingut testet seine Konzepte im Pettenthal, einem der bedeutendsten und zugleich teuersten Weinberg Deutschlands. Dort wird sichtbar, was möglich ist: aufgerissene Südhänge einerseits, und andererseits die geschützte, östliche Parzelle mit hoher Pflanzdichte und vitaler Vegetation. Dieser Weg ist kein Kinderspiel – er ist die bewusste Entscheidung, an einem exponierten Ort Risiken einzugehen, um mehr über die Machbarkeit nachhaltiger Konzepte zu lernen.
Eine Blaupause für die Zukunft?
Das Projekt von Kai Schätzel und Jule Eichblatt ist keine dogmatische Mission, sondern ein offener Dialog. Es verbindet Neugier an der Natur, praktische Lösungen und eine fast poetische Achtsamkeit gegenüber Pflanze und Mensch. Die Weine sind Resultat und Dokument dieses Prozesses: sie fordern, sie belohnen, sie regen zur Diskussion an. Eine Disskusion die wir in der Weinwelt schon lange führen sollten.
Eine Weltneuheit
Mit den neuen Etiketten rücken Eichblatt und Schätzel die Florhefe sowie die chemische Stabilität des Weins in den Fokus. Dieser Weinstil bewegt sich bewusst abseits des Mainstreams und folgt einer zukunftsorientierten Vision. Weltweit bereits anerkannt, stehen sie offen für die Zukunft des Weinbaus. Wir sind sehr gespannt auf die weitere Entwicklung des Weinguts. Sie hätten den einfachen Weg wählen können, doch stattdessen suchen sie bewusst die Konfrontation und den Diskurs. Chapeau!

Jule und Kai zeigen es ganz klar: Wandel braucht Ideen und Geduld. Mögen wir uns noch etwas gedulden.
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Die Redaktion von FrontRowSociety informiert, dass Alkohol verantwortungsvoll genossen werden sollte. Jeder sollte dazu verpflichtet sein, Alkohol von Kindern fernzuhalten.





























































