„In Savannah musst du unbedingt ins The Olde Pink House essen gehen“, raten mir gleich mehrere meiner Freunde in den USA, als ich ihnen erzähle, dass ich nach Georgia reisen werde. Gesagt, getan, ein Tisch wird reserviert.
Und schon auf dem Weg durch den kleinen Park Richtung Reynolds Square habe ich das Gefühl, dass sie recht behalten werden. Vor mir steht ein historisches Herrenhaus in zartem Rosa. Ein paar Stufen hinauf, durch eine schwere alte Tür hindurch und plötzlich bin ich mitten in der Geschichte Savannahs.

Geschichte seit 1771
Das Olde Pink House zählt seit knapp 100 Jahren zu den beliebtesten Adressen in Savannah und serviert moderne Südstaatenküche in einem eleganten, zugleich angenehm entspannten Ambiente. Bekannt ist das Restaurant für Spezialitäten wie gegrilltes Schweinefleisch mit Bourbon-Melasse, in Maisbrot panierte Austern, der berühmten „Crispy Scored Flounder“ oder Fried Chicken nach Familienrezept.
Doch kaum ein Gast kommt ausschließlich wegen des Essens hierher. Es ist vor allem die Atmosphäre des Hauses, die das Olde Pink House zu einem besonderen Ort macht. „Sobald man hineingeht und die originale Tür von 1771 öffnet, merkt man sofort, wie viel Vergangenheit in diesem Haus steckt“, sagt General Manager Craig Jeffress.

Erste Bank Georgias
Gebaut wurde das Herrenhaus 1771 von James Habersham Jr. auf Land, das damals von der englischen Krone vergeben wurde. Habersham lebte bis 1800 in dem Haus, das später eine zentrale Rolle in Savannah spielte. Historischen Überlieferungen zufolge fanden dort geheime Treffen statt, die zur Unabhängigkeit der 13 Kolonien beitrugen.
Später wurde das Gebäude zur „Planter’s Bank“, der ersten Bank Georgias. Noch heute erinnern die alten Gewölbe im Untergeschoss daran. Während des Amerikanischen Bürgerkriegs wurde das Haus erneut Teil amerikanischer Geschichte. Der „March to the Sea“ von General William Tecumseh Sherman brachte Waffen und Kanonen nach Savannah. Nachdem Sherman die Stadt eingenommen hatte, soll General York sein Hauptquartier im Olde Pink House eingerichtet haben.

Aus Rot und Weiß wird Pink
In den Jahrzehnten danach wechselte das Gebäude oft den Besitzer. Es war unter anderem Buchhandlung, Anwaltskanzlei, Schule, Antiquariat, Kirche und Tea Room. Mit den Jahren verfiel das Herrenhaus zunehmend, bis die Familie William Balish aus Charleston das Gebäude 1992 kaufte und umfassend restaurieren ließ. Wände wurden erneuert, Böden stabilisiert und historische Details freigelegt.
Besonders auffällig bleibt natürlich die Farbe des Gebäudes. Und genau dahinter steht eine der bekanntesten Geschichten Savannahs. Das Haus wurde ursprünglich aus roten Georgia-Lehmziegeln gebaut und anschließend weiß verputzt. Durch Hitze und Feuchtigkeit drangen Farbe und Mineralien der Ziegel immer wieder durch den hellen Putz. Das Weiß verfärbte sich rosa.

Jeder Raum hat eine eigene Atmosphäre
„In Südgeorgia schwitzt im Sommer alles, selbst die Ziegel“, erzählt Craig Jeffress lachend. Über Jahre versuchten verschiedene Besitzer offenbar, den Farbton wieder zu überstreichen. Erst in den 1920er-Jahren entschied sich eine neue Eigentümerin bewusst dafür, das Rosa nicht länger zu verstecken, sondern hervorzuheben. Seitdem gehört die Farbe untrennbar zum Charakter des Hauses.
Mindestens genauso besonders wie die Geschichte sind die unterschiedlichen Räume des Restaurants. Links vom Eingang liegt noch heute der alte Speisesaal, rechts der frühere Salon. Im Obergeschoss befinden sich heute Dining Rooms im ehemaligen Master Bedroom oder im Büro des früheren Bankpräsidenten. Jeder Bereich ist anders. „Manche Gäste nehmen sich sogar vor, in jedem Zimmer des Hauses einmal zu speisen“, erzählt Craig. „Das Essen bleibt gleich, aber jeder Raum hat seine eigene Atmosphäre.“

Live-Musik & Cocktails in der Planters Taverne
Viele Stammgäste zieht es zunächst allerdings nach unten in die Planters Tavern. „Wir haben eine Reservierung, aber wir starten unten“, höre das Team oft von Gästen, erzählt Craig. Die Taverne befindet sich im Untergeschoss des Hauses und war früher die Küche des Herrenhauses. Heute gibt es dort an mehreren Abenden pro Woche Live-Musik und Cocktails.
Kulinarisch prägt Executive Chef Vincent „Vinnie“ Burns das Olde Pink House seit vielen Jahren. Als er Ende der 1990er-Jahre zum ersten Mal durch die Eingangstür des Hauses ging, wusste er sofort, dass er dort arbeiten wollte. „Die breiten Treppen, die alten Holzböden, die Geschichte des Hauses – das hat mich sofort beeindruckt“, erzählt er.

Langsam kochen ist gutes Kochen
Burns begann seine Karriere als Tellerwäscher in Charleston. Eigentlich wollte er Ingenieur werden. Doch nachdem er einem Koch beim Filetieren von Fisch zugesehen hatte, blieb er in der Küche hängen. Heute ist er nicht nur Küchenchef, sondern bildet auch junge Köche aus. Viele Mitarbeiter hätten als einfache Line Cooks begonnen und später Führungspositionen übernommen.
Besonders stolz ist Vinnie auf die Konstanz der Küche. „Das Essen darf nie unterschiedlich schmecken“, sagt er. Deshalb werde täglich probiert, kontrolliert und angepasst. Sein wichtigster Grundsatz: „Langsam kochen ist gutes Kochen.“
Zu den bekanntesten Gerichten gehört die „Crispy Scored Flounder“, die bereits 1986 entstand. Die eingeschnittene Flunder wird knusprig frittiert und mit einer Aprikosen-Schalotten-Glasur serviert. Anfangs habe das Gericht kaum jemand bestellt, erzählt der Küchenchef. Später hätten Gäste sogar vorab angerufen, um Flunder zu reservieren.

Familienrezept für Fried Chicken
Auch das Fried Chicken des Hauses entstand eher zufällig. Für eine Veranstaltung wurde kurzfristig ein Hühnergericht benötigt und Vinnie entschied spontan, das Rezept seiner Mutter zu verwenden. Heute gehört genau dieses Rezept zu den Klassikern der Speisekarte.
Ebenso legendär sind die Cheddar Cheese Grits. Vinnie lobt dabei besonders seinen Mitarbeiter Ronnie Richardson, der sie täglich zubereitet. Die Produktion beginne oft bereits um sechs Uhr morgens, weil Gäste das Gericht so sehr lieben.

Ich verstehe schnell, warum das Olde Pink House in Savannah längst eine Institution ist. Es verbindet Geschichte, Gastfreundschaft und Küche auf die beste Weise. Craig beschreibt es am treffendsten: „Wir wollen unseren Gästen das Gefühl geben, dass sie immer wieder zurückkommen möchten.“ Ja, ich will.
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