„Zweigelt neu denken“ – Im Gespräch mit Christina Netzl, Winzerin und Geschäftsführerin des Weinguts Franz und Christine Netzl, ein Mitglied der renommierten Vereinigungen „Österreichische Traditionsweingüter“ sowie „Die Rubin Carnuntum Weingüter“.
Sie gilt als eine der wichtigsten Stimmen des modernen Zweigelt und prägt das Bild des Carnuntum maßgeblich: Christina Artner-Netzl führt das Familienweingut seit 2019 in fünfter Generation und zeigt mit jeder neuen Jahrgangsserie, wie tiefgründig und elegant österreichischer Rotwein sein kann. Sie versteht Wein als Spiegel der Landschaft, der Menschen, der Jahreszeiten. Und als Einladung, Zweigelt neu zu denken – als Wein mit Charakter, Tiefe und Seele. Im Interview spreche ich mit ihr über Herkunft, Haltung und den Mut zur Veränderung gesprochen.

Exklusives Interview mit Winzerin Christina Netzl
Annett Conrad: Frau Netzl, Sie gelten als eine der wichtigsten Stimmen des modernen Zweigelt. Was hat Sie dazu bewegt, diese Rebsorte neu zu interpretieren – und was ist Ihr persönlicher Zugang zu ihr?
Christina Netzl: Zweigelt ist mit Abstand unsere wichtigste und DIE autochthone österreichische Rebsorte. Mich fasziniert die unglaubliche Bandbreite an unterschiedlichen Stilen, die mit nur einer Sorte bespielt werden können. Abhängig vom Alter der Reben und den Böden des Standortes, entwickelt er seine saftige, kirschige Frucht, hinterlegt von feiner Pfefferwürze, was ihn zu einem großartigen Speisebegleiter machen, oder er geht in eine wahnsinnige Tiefe mit Struktur, dunkler Beerenfrucht, erdig/laubigen Anklängen und straffem, jedoch seidigem Tannin. Zweigelt steht einfach für Österreich und ich denke, dass wir hier in Carnuntum eine unverwechselbare Stilistik damit hervorbringen. Leider wurde den Rotweinboom Ende der Neunziger Jahr viel zu viel Zweigelt gepflanzt an Standorten, wo er entweder nicht hingehört oder er wird nicht entsprechend gearbeitet. Dann produziert er wahnsinnig große Mengen an nicht wirklich guten Trauben.
Annett Conrad: Wenn man Ihren Weg betrachtet, fällt auf, dass sich nicht nur Ihr Zugang zum Zweigelt, sondern auch das gesamte Stilverständnis im Carnuntum gewandelt hat. Carnuntum steht heute für Eleganz statt Power. Wie hat sich Ihr eigener Stil in den letzten Jahren verändert?

Christina Netzl: Definitiv ebenfalls in diese Richtung. In der Generation meiner Eltern hat sich wahnsinnig viel in unserem Weinbaugebiet verändert. Die Weingüter sind, so wie wir sie heute kennen, erst entstanden. Auch die Entwicklung vom Weißwein zum Rotwein fand in diesen Jahren statt. Anfangs gab es noch keine eigenständige Carnuntum-Stilistik und das große Vorbild Burgenland wurde oft versucht zu kopieren. „Leider“ ist Carnuntum jedoch geprägt von den kühlen Einflüssen der nahen Donau im Norden und deshalb brachte das die Winzer manches mal an ihre Grenzen – die Weine waren einfach nicht so dunkel, dicht und konzentriert wie im Burgenland. Ich denke, genau diese Einsicht und die Besinnung zu unserer eigenen Carnuntum-Stilistik haben die letzten 15 Jahre der Weinwerdung hier sehr geprägt, was letztendlich die Eleganz und feingliedrige Textur unserer Weine endlich zugelassen hat.
Annett Conrad: Dieser Wandel ist ja auch ein Stück weit generationsbedingt. Sie führen das Weingut in fünfter Generation. Wie gelingt es Ihnen, dabei die Balance zwischen Tradition und Eigenständigkeit zu halten?
Christina Netzl: Ich denke, die Kombination aus Tradition und Innovation ist essentiell in jedem Weingut. Es muss sich immer etwas ändern, man muss immer offen sein für Neues und darf trotzdem seine Wurzeln und die Tradition nicht vergessen und schon gar nicht über den Haufen schmeißen. Als ich ins Familienweingut eingestiegen bin, hatte ich so viele Ideen, die ich unbedingt umsetzen wollte, habe aber auch erst einmal von meinem Papa und Opa und ihren Erfahrungen lernen müssen. Das war unglaublich wichtig für mich und hat mich teilweise viel weiter gebracht, als alles, was ich im Studium gelernt habe. Jedoch hat man als junger Mensch vielleicht nicht so viel Verständnis dafür und muss erst einmal bereit sein, diese Erfahrung anzunehmen und in der eigenen Umsetzung zu berücksichtigen. Generell ist es in einem Generationenbetrieb sehr wichtig, dass jede Generation offen ist für die Gedanken und Bedürfnisse der anderen Generation und bereit ist, auf diese einzugehen. Sonst wird das Zusammenarbeiten und Zusammenleben sehr schwierig.
Annett Conrad: Ihre Weine werden oft als besonders fein und präzise beschrieben. Wie schaffen Sie es, in einem vergleichsweise warmen Klima wie dem Carnuntum Frische zu bewahren?
Christina Netzl: Ich habe schon gelernt, dass die Kombination aus Frische und Rotwein auch falsch verstanden werden kann Wichtig für mich ist der Kern eines Weines. Dieser muss straff und fest sein und darf sich nicht verlaufen. Das merke ich schon, wenn ich die Trauben verkoste – der richtige Erntezeitpunkt ist hier ausschlaggebend, es geht nicht ausschließlich um Zuckergrade und Reife. Die Aromareife muss da sein, ja, denn sonst fehlt dem Wein seine Seele – aber wenn wir zu lange warten, verlieren wir die Frische. Generell helfen uns in Carnuntum aber die kühlen Nächte diesen straffen Kern zu bewahren. Ich mag Jahrgänge, in denen die Aromareife etwas später in den Herbst fällt besonders gerne. Die Tage sind dann noch schön warm, aber die Nächte sind wunderbar frisch und das bringt auch die Frische in den Trauben. Je nach Jahrgang stelle ich dann im Keller auch die Vinifikation um. Es gibt kein Rezept, das über alle Jahrgänge gezogen werden kann. Wichtig für mich ist es auf die Weine zu hören und ihren Bedürfnissen zu folgen.

Annett Conrad: Ein schönes Beispiel für Ihre Handschrift ist die „Anna-Christine“- Cuvée, die mehrere Generationen miteinander verbindet. Welche Bedeutung hat Familie generell für Ihr Schaffen?
Christina Netzl: Familie bedeutet für mich persönlich alles. Auf der einen Seite mein Weingut, unser Grund und Boden, alles, was ich besitze, habe ich von meiner Familie erhalten. Ich darf mich eine Generation lang darum kümmern und hoffe, dieses gut an die nächste Generation weitergeben zu können. Auf der anderen Seite ist meine Familie mein Lebensmittelpunkt, meine Freude, mein Halt, alles, was mich als Person und Mensch ausmacht. Ohne meine Familie würde ich weder das Weingut, noch mein Leben meistern und ich weiß, dass ich sehr privilegiert bin, in eine so großartige Familie geboren worden zu sein. Dafür bin ich unglaublich dankbar.

Annett Conrad: Ein weiteres Thema, das Ihnen wichtig ist, ist Nachhaltigkeit. Was bedeutet dieser Begriff für Sie ganz konkret im Alltag des Weinguts?
Christina Netzl: Nachhaltigkeit hat viel Seiten und Aspekte. Ein großer Schritt war natürlich die Umstellung auf biologische Bewirtschaftung unserer Weingärten mit besonderem Augenmerk auf unsere Böden. Wir beschäftigen uns intensiv mit dem Begrünungsmanagement, kompostieren Trester und Stiele mit Pferdemist aus der Region, erhalten Böschungen und Bäume in der Weinbauflur. Unsere Wertschöpfung beginnt in den Weingärten, in der Natur und es liegt in unserer Verantwortung, diese zu pflegen und zu erhalten. Andererseits haben wir mit dem Neubau eine Photovoltaikanlage mit Speicher umgesetzt und schaffen es, uns über das wärmere Halbjahr fast selbst mit Strom zu versorgen bzw. helfen uns mit einer regionalen Energiegemeinschaft. Die Flaschen wurden zu 90% auf Leichtglas umgestellt. Es gibt einfach so viele kleine Schräubchen, die man hier drehen kann und viele Ansätze, die Schritt für Schritt umgesetzt werden können.
Annett Conrad: Apropos Verantwortung: Der Zweigelt hatte ja lange mit einem gewissen Imageproblem zu kämpfen. Was braucht es Ihrer Meinung nach, damit die Sorte international stärker wahrgenommen wird?
Christina Netzl: Wir müssen einfach das Potential der Sorte zeigen. In Österreich ist viel zu viel Zweigelt gepflanzt und leider gibt es auch viel zu viele schlechte Zweigelt-Weine am Markt. Diese sind preisgünstig und dadurch recht weit verbreitet, aber genau deshalb verbreiten sie auch das schlechte Image des Zweigelts. Wir haben mittlerweile Weingärten in wirklich gutem Alter. Sie sind tief verwurzelt in unseren Böden, bringen von Natur aus hochreife Trauben mit unglaublicher Spannung ins Glas – sowohl im fruchtigen Gebietsweinbereich, als auch bei komplexen Lagenwein. Wenn die Reben älter werden, sind sie nicht mehr so ungestüm, nehmen sich mehr zurück, setzen weniger und kleinere Trauben an und spiegeln unglaublich schön die Böden, ihre Herkunft wider. Diese Unterschiede müssen wir zeigen! Wir müssen dem Zweigelt eine Herkunft geben und somit diese unverwechselbare Stilistik festigen. Zweigelt hat auch unglaublich großes Potential als Speisenbegleiter, da er zu wahnsinnig vielen unterschiedlichen Gerichten und Küchen eingesetzt werden kann. Er macht im fruchtigen Bereich einfach Spaß zu trinken, ist saftig, animierend und belebt den Gaumen. Ich denke, gerade hier schlummert auch noch ganz großes Potential.

Annett Conrad: Sie sprechen oft davon, dass jeder Jahrgang seine eigene Geschichte erzählt. Gibt es Jahrgänge, die Ihnen besonders im Kopf geblieben sind – und warum?
Christina Netzl: Ja, natürlich bleiben einem die herausfordernden Jahrgänge mehr in Erinnerung als die „einfacheren“ unkomplizierten Ernten.
2008 hatten wir das erste Mal richtig Probleme mit Peronospora – das hat bei uns niemand gekannt und wurde sicherlich von vielen unterschätzt. 2014 hat es vor der Ernte zu regnen begonnen und nicht mehr aufgehört. Ich war schon ziemlich verzweifelt, aber meine Eltern haben hier großartige Mentor-Arbeit geleistet. 2016 hatten wir wirklich starke Spätfrostereignisse und die Weingärten waren stark in Mitleidenschaft gezogen. Wir hatten große Ernteeinbußen und die Reben haben 2-3 Wochen gebraucht, um sich überhaupt davon zu erholen. Das ganze Jahr war sehr herausfordernd. Die Ernte begann deshalb sehr spät und wir haben stark selektioniert zwischen den tieferen Lagen, die viel vom Frost beschädigt wurden und den höheren Lagen, welche mit nur leichten Schäden davongekommen sind. Aber dann hatten wir diese unglaublich finessenreichen, feinen Weine im Keller und ich bin immer noch begeistert von dem Jahrgang 2016.
2018 war dann heiß und früh und alle waren mit der unglaublichen Hitze während der Ernte überfordert. Wir mussten zum ersten Mal überlegen, wie wir mit so warmen Trauben umgehen. Die Weine sind dann am Ende sehr gut angekommen – ich nenne ihn immer noch den Blockbuster-Jahrgang. 2021 – der Frühling hat uns ein wenig herausgefordert, aber ab dem Frühsommer bis nach der Ernte war es das perfekte Jahr. Ein unglaublich toller Jahrgang, wie man ihn sich als Winzer wünscht. 2024 war wieder sehr heiß und Ende August stand gleichzeitig mein 40. Geburtstag ins Haus. Ich hatte am Samstag eine große 40er Party mit über 100 Gästen und am Montag war Erntestart – das werde ich wohl nie vergessen. Und natürlich 2010, 2013 und 2020 – allesamt eher kühle Jahrgänge mit sehr eleganten, feinen Weinen und die Geburtsjahrgänge meiner Töchter.

Annett Conrad: Und ganz zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was wünschen Sie sich, dass jemand empfindet, wenn er ein Glas Ihres Ried Haidacker oder Bärnreiser trinkt?
Christina Netzl: Ich hoffe, es ist okay, wenn ich hier weniger Worte verwende. Ich möchte mit den Lagenweinen wirklich Herkunft ins Glas bringen und ich würde mir wirklich sehr wünschen, wenn sich diese Herkunft von Jahr zu Jahr wie ein roter Faden durch die Weine zieht und eindeutig erkennbar ist. Also: ins Glas riechen und verkosten und eindeutig feststellen: das muss ein Bärnreiser / Haidacker sein!
Generell versuche ich, mit allen meinen Weinen ein Schlückchen Genuss und Freude ins Glas zu bringen.
Vielen Dank, liebe Christina Netzl, für die aufschlussreichen Antworten.

Weitere Informationen
Weingut Franz und Christine Netzl
Rosenbergstraße 17
2464 Göttlesbrunn / Österreich
Lust auf Ried Bärenreiser Anna-Christina 2022 oder Ried Haidacker bekommen? Hier geht es zu unserer Beschreibung: Heimat im Glas – Die neue Klasse des Zweigelt bei Christina NetzlHeimat im Glas – Die neue Klasse des Zweigelt bei Christina Netzl



























































