„Zehn Jahre elektrischer Aufbruch – ein Gespräch mit Alberto Longo, Mitbegründer der Formel E“: Was vor gut einem Jahrzehnt als visionäres Projekt begann, hat sich zu einer globalen Rennserie entwickelt, die Technologie, Nachhaltigkeit und urbane Lebenswelten vereint. Als Chief Championship Officer und Mitbegründer der Formel E war Alberto Longo von Anfang an treibende Kraft hinter dieser Transformation.
Heute ist die Formel E nicht nur ein innovatives Motorsportformat, sondern auch ein Vorreiter für nachhaltige Mobilität und zukunftsweisende Stadtkonzepte. Im Interview mit FrontRowSociety blickt Longo zurück auf mutige Entscheidungen, überraschende Erfolge und erklärt, wie die Formel E heute Einfluss auf ganze Industrien nimmt – und warum ihre Reise gerade erst beginnt.

Exklusives Interview mit Alberto Longo, Chief Championship Officer und Formel-E-Mitbegründer
Andreas Conrad: Herr Longo, wie hat sich Ihre ursprüngliche Vision für die Formel E in den letzten zehn Jahren entwickelt – und was hat Sie auf dem Weg dorthin am meisten überrascht?

Alberto Longo: Was mich in den letzten zehn Jahren am meisten – und im positiven Sinne – überrascht hat, ist das enorme Interesse von unterschiedlichsten Akteuren. Das war nicht völlig unerwartet, aber in dieser Größenordnung doch bemerkenswert: In nur einem Jahrzehnt haben wir eine weltweite Fangemeinde von über 400 Millionen Menschen aufgebaut. Unsere Rennen werden inzwischen in mehr als 190 Ländern übertragen, und die Qualität der Marken, die wir anziehen konnten – bei Herstellern, Teams und auch bei unseren globalen Partnern – ist beeindruckend. Das alles in nur zehn oder elf Jahren erreicht zu haben, im Vergleich zu Rennserien, die es seit Jahrzehnten gibt – das ist für mich besonders herausragend.
Andreas Conrad: Die Formel E versteht sich als Vorreiter für Nachhaltigkeit im Motorsport. Wie gelingt es Ihnen, diese Position auch in einem kommerziellen Umfeld glaubwürdig zu halten?
Alberto Longo: Nachhaltigkeit ist der Kern unseres Selbstverständnisses – sie liegt in unserer DNA. Seit dem ersten Tag ist die Formel E als CO₂-neutrale Rennserie konzipiert, und bis heute sind wir die einzige Meisterschaft, die dieses Ziel seit ihrer Gründung erreicht hat. Unsere Glaubwürdigkeit in diesem Bereich ist eindeutig belegt: Seit vier Jahren in Folge belegen wir Platz eins im Motorsport-Ranking für ESG-Leistung. Das spricht für sich. Deshalb stehen wir voll und ganz hinter unserer Position als nachhaltigste Sportart der Welt – und setzen sie auch täglich um.
Andreas Conrad: Angesichts des schnellen technologischen Fortschritts in der Formel E – wie stellen Sie sicher, dass die Serie sowohl für Fans als auch für Hersteller attraktiv bleibt?
Alberto Longo: Eine sehr wichtige Frage, mit der wir uns ständig beschäftigen. Technologische Weiterentwicklung macht die Rennen spannender – und das wiederum zieht mehr Fans an.
Je mehr Fans wir haben, desto interessanter wird die Serie auch für die Hersteller.
Für sie zählen im Wesentlichen zwei Dinge:
- eine starke und wachsende Fangemeinde
- die Möglichkeit, Technologien vom Rennsport direkt auf die Straße zu übertragen.
Beides bieten wir. Deshalb stehen wir auch mit weiteren Herstellern in aktiven Gesprächen über einen Einstieg in die Formel E.

Andreas Conrad: Wie stark beeinflusst die Formel E mittlerweile die Strategien großer Automobilhersteller in Bezug auf Elektromobilität und urbane Mobilitätskonzepte?
Alberto Longo: Wie bereits erwähnt, ist die Technologieübertragung bei uns ein zentraler Punkt – und genau das macht die Formel E für unsere OEM-Partner so wertvoll. Sie nutzen die Serie als Testlabor, und innerhalb von nur 10 bis 12 Monaten können neue Technologien von der Rennstrecke direkt in Serienfahrzeuge übertragen werden.
Ein Beispiel: Seitdem Nissan in der Formel E aktiv ist, ist der Nissan LEAF um 380 % effizienter geworden. Solche Verbesserungen Jahr für Jahr sind nur möglich, weil in der Serie kontinuierlich Innovationen stattfinden. In keinem anderen Motorsport gibt es einen derart direkten Technologietransfer – das ist einzigartig für die Formel E.
Andreas Conrad: Die Serie ist inzwischen hochgradig international. Nach welchen Kriterien wählen Sie neue Rennorte aus – und welche Rolle spielt dabei die lokale Politik?
Alberto Longo: Wir haben ein starkes Netzwerk aus hervorragenden Partnern – Herstellern, Sponsoren und globalen Stakeholdern. Mit ihnen stimmen wir uns eng ab, wenn wir unseren Rennkalender gestalten und neue Orte auswählen. Sie sagen uns, wo ihre wichtigsten Märkte sind, wo sie wirtschaftlich aktiv sind oder wo es strategisch-politische Interessen gibt. Diese Informationen fließen stark in unsere Planungen ein. Was die Politik betrifft, hängt das sehr vom Veranstaltungsort ab. Auf permanenten Rennstrecken ist der politische Einfluss eher gering. Wenn wir jedoch auf Straßenkursen im Herzen von Großstädten fahren, ist die Unterstützung der lokalen Regierungen absolut entscheidend.

Andreas Conrad: Wenn Sie die Formel E heute noch einmal neu gründen könnten – was würden Sie anders machen?
Alberto Longo: Ganz ehrlich: Wenn wir heute starten wollten, wären wir wahrscheinlich zu spät dran – jemand anderes hätte es schon gemacht! Aber im Ernst: Wenn wir noch einmal von vorne beginnen könnten, würden wir die Ressourcen anders verteilen.
Vor zehn bis zwölf Jahren mussten wir viele Widerstände überwinden und die Menschen erst einmal für Elektromobilität sensibilisieren. Es gab große Bedenken in Bezug auf Reichweite, Preise und Vertrauen in die Technologie. Wir mussten massiv in Aufklärung investieren, um zu zeigen, dass E-Autos schnell, spannend und zuverlässig sind – und dass Batterieprobleme nur temporär sind.
Heute ist diese Aufklärungsarbeit nicht mehr nötig. Die Menschen wissen bereits, was Elektromobilität leisten kann. Würden wir heute neu starten, könnten wir diesen Aufwand stattdessen in andere Bereiche investieren – vermutlich in noch stärkeres Marketing, um die weltweite Bekanntheit und Reichweite schneller zu steigern.
Einen Dank an Alberto Longo für seine Zeit und die aufschlussreichen Antworten.

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