Bei Filippo Catarzi dreht sich alles um Strohhüte. Kein Wunder, einst war Signa, nahe Florenz, das unbestrittene Zentrum der italienischen Strohverarbeitung.
Die Geschichte Hutmacher-Familie beginnt 1910, als Olderigo Catarzi eine bescheidene Werkstatt gründete. Nunmehr in vierter Generation geführt, zählt die Manufaktur zu einer der letzten vollständigen Produktionsstätten für Hüte aus Naturfasern. Wer hineingeht, wird schnell bemerken: Man befindet sich in einem Archiv des italienischen Handwerks. Qualität und Authentizität kommen halt nie aus der Mode.

Zum internationalen Markenzeichen
Wie wir nun bereits wissen, legte Olderigo Catarzi den Grundstein für das Traditionsunternehmen. Gerade war er noch ein bescheidener Strohhändler aus Signa, und schon wurde er zum stolzen Besitzer einer Hutmanufaktur. Diese integrierte er in sein Wohnhaus, und was lag da näher, als ihr den Namen seines kleinen Sohnes Filippo zu geben. Sicherlich war die Entscheidung mit der Hoffnung verbunden, das die Hutproduktion von kommenden Generationen weitergeführt wird. Damals kaufte Olderigo das Stroh aus den Hügeln von Malmantile, ließ es von den Frauen des Ortes zu Zöpfen flechten und die Hüte von Heimarbeitern zusammennähen. Heute würden wir diese typische Arbeitsweise der Region sicherlich als Remote-Work bezeichnen.

Seine Schwestern Emma, Giulia und Amabilia zählten zu den erfahrenen Flechterinnen der Gegend, in der nahezu jede Frau das Handwerk beherrschte. Unter der Marke „Filippo Catarzi“ entstanden jene legendären Strohhüte, die als „chapeaux de paille d’Italie“ in die Geschichte eingingen. Verschifft wurden die Hüte vom Hafen Livorno (Leghorn) aus, weshalb sie weltweit als „Leghorn Hats“ berühmt wurden.

Der Stoff, aus dem die Träume sind – Stroh, Filz, Wolle, Leder und Raffia
Das Herzstück von Catarzi ist das Material. Stroh, Filz, Wolle, Leder und Raffia. Stets sind es Naturfasern, die die Handschrift des Toskana repräsentieren. Jährlich verlassen rund 200.000 Hüte die Werkstatt. Jedes Stück durchläuft dabei einen langwierigen Prozess: Von der Auswahl der Rohstoffe über die aufwändige Flechtarbeit bis hin zum Formen und Verzieren. Die Handarbeit bleibt dabei der USP der Marke.

Besonders die Strohhüte aus der Toskana verkörpern diese Tradition am allerbesten: leicht, luftig und nahezu unverwechselbar. Denn wie ein Sprichwort besagt: Zwischen Himmel und Kornfeld ist der Strohhut das Dach der Wanderers. In den Winterkollektionen kommen robuste Filze und Wolle zum Einsatz, die ebenso behutsam von Hand gefertigt werden. Wer die Werkstatt betritt, wähnt sich fast in längst vergangene Zeiten: Bis heute kann man Flechterinnen in ihren Schürzen bei der Arbeit zusehen. Die Schere haben sie immer griffbereit, um die meterlangen Bänder passend zu schneiden, die für einen Hut benötigt werden.





Die Geburt der eigenen Marke
Jahrzehntelag blieb Catarzi im Hintergrund: Die Familie produzierte für große internationale Modehäuser und etablierte so weltweit einen Ruf für makellose Qualität. Aus diesen Exklusivpartnerschaften schöpfte die Manufaktur jene Erfahrung, die sie 2010, zum 100-jährigen Bestehen, dazu bewog, einen eigenen Weg zu gehen.




So entstand schlussendlich „Catarzi 1910“. Diese Linie bündelt das gesamte Können aller Generationen. Gleichzeitig hat die heutige Manufaktur ihre eigene zeitgemäße Sprache gefunden und steht nunmehr für zurückhaltend-eleganten Luxus. „Wir wollten etwas Eigenes schaffen, das unsere Expertise, unser Handwerk und unsere Kreativität widerspiegelt“, erklärt Stefania Nistri, die das Haus gemeinsam mit ihrem Ehemann Maurizio Catarzi, dem Ururenkel des Gründers, führt.
Mit dieser Entscheidung begann ein neues Kapitel. Die Kollektionen von Catarzi 1910 sind heute weltweit in ausgewählten Boutiquen und Kaufhäusern zu finden – von Frankreich über die USA bis nach Japan.
Der Geist der Kreativität: Zwischen Humor und Poesie
Wer glaubt, Catarzi sei ein traditionsverhaftetes Unternehmen, das sich in klassischen Formen erschöpft, irrt. Die aktuelle Kollektion beweist, wie fantasievoll die Verschmelzung von altem Wissen mit neuem Geist sein kann. Der jüngste aufsehenerregende Wurf: Eine scheinbar zum Hut geformte Tasche aus Raffia. Diese augenzwinkernde Anlehnung ist eine Hommage an das spielerische toskanischen Design, das trotz alles Traditionen immer wieder für Überraschungen sorgt.



Die Frühjahr-Sommer-Kollektion 2025 trägt den programmatischen Titel „Emotional Heritage“. Sie setzt auf natürliche, zu 100 Prozent nachhaltige Materialien, experimentiert mit kraftvollen Orangetönen und erdigen Nuancen und wagt sich darüber hinaus an Unisex-Entwürfe aus zeitlosem Denim. Ein ganz besonderes Zeichen setzt die „Atelier Collection“: Sie trägt die Schere als zentrales Symbol. Eine gelungene Verbindung zur Handwerkstradition der Familie.
Paris und die Weltbühne
Für Catarzi 1910 ist Paris ein Sehnsuchtsort. Seit über zwanzig Jahren präsentiert das Haus seine neuen Kreationen auf der „Premiere Classe“ während der Pariser Modewoche. Sie sind stolz darauf, an diesem renommierten Treffpunkt der internationale Modeindustrie teilhaben zu können und auf Käufer aus Japan, Asien und den Vereinigten Staaten zu treffen.
Catarzi-Hüte sprechen eine universelle Sprache. Sie verbinden die Bodenständigkeit der toskanischen Natur mit der Anmut eines urbanen Lebensstils. Vom eleganten Fedora über den breitkrempigen Floppy Hut bis hin zu verspielten Fascinatoren reicht das beeindruckende Spektrum, das Männer wie Frauen gleichermaßen anspricht.


Doch die globale Konkurrenz schläft nicht. Insbesondere die Massenproduktion aus Asien, setzt die traditionsreiche Manufaktur unter Druck. Der Preis für Rohmaterialien steigt beständig, und der Aufwand, eine einzige Kopfbedeckung in detailgenauer Handarbeit zu schaffen, bleibt immens: 50 bis 60 Meter Geflecht werden benötigt, um einen Hut zu weben. Umso bemerkenswerter, dass Catarzi sich nicht von der schnellen Mode vereinnahmen lässt. Die etwa 20 Angestellten, die im Familienbetrieb arbeiten, sind allesamt Hüter dieses Kunsthandwerks.
Ein lebendiges Erbe
Mehr denn je suchen wir heute ein Stück Authentizität dürstet. Unbestritten ist hierbei die Rolle von Catarzi 1910. Diese Manufaktur stellt mehr als bloßen Sonnenschutz her, denn ein Hut von Catarzi ist eine Ode an die Schönheit des Unvollkommenen. Die Werkstatt in Signa ist mitnichten ein sentimentales Museumsstück. Im Zusammenspiel von traditionellen Handgriffen sowie der Leichtigkeit des modernen Designs gelingt Catarzi das Kunststück, sowohl das Gedächtnis der Toskana zu bewahren als auch deren Zukunft zu schreiben: Wer einen Strohhut trägt, trägt ein Stück Feld, Wind und Freiheit auf dem Kopf.

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