Die Straße nach Latsch zieht an Apfelbäumen vorbei, jung noch, die Früchte hart und grün. Ich habe das Fenster runtergekurbelt, weil ich wissen will, ob es hier draußen wirklich so riecht, wie viele davon schwärmen. Es duftet nach frischem Gras und warmem Stein, und ich werde langsamer, ohne es zu merken.
Über den Apfelbäumen, weit hinten, blitzen Gipfel mit Schneeresten auf, während unten längst Sommer ist. Latsch liegt auf 639 Metern, mitten im Vinschgau. Vor meiner Windschutzscheibe beginnt einer der größten Obstgärten Südtirols, Reihe um Reihe, soweit ich sehen kann. Und mittendrin, fast unvermittelt, taucht DAS PARADIES auf.

Das Haus wirkt auf Anhieb vertraut, ich könnte nicht genau sagen, warum. Vielleicht das Holz. Vielleicht einfach die Ruhe, mit der es dasteht. Noch bevor ich richtig geparkt habe, nickt mir ein Mitarbeiter zu, als hätte er mich schon erwartet.
Eine Familie, viele Frei-Räume
Simon Platzgummer führt mich durch das Hotel. Er gehört über Marilena Pirhofer, eine der Töchter, zur Gastgeberfamilie. Heute leiten die beiden Frauen mit ihren Partnern das Hotel, die Eltern sind im Hintergrund präsent geblieben.

Ich frage Simon, was Paradies für ihn bedeutet, und er braucht einen Moment, bevor er antwortet. Es gehe darum, dass hier jeder seinen Platz findet, mit Kindern, mit der ganzen Familie, als Paar oder ganz allein –, ohne dass einer dem anderen im Weg steht. Gleich hinter der nächsten Tür sehe ich, was er meint: Kids Club, Teenie-Lounge, tägliche Betreuung, eine kleine, eigene Welt für Familien mit Kindern.

Wenig später stehe ich vor einer massiven Holztür, dahinter beginnt etwas ganz anderes, der Spa-Bereich auf zwei Etagen, nur für Erwachsene. Kaum fällt die Tür hinter mir zu, ist auch das letzte Geräusch von draußen verschwunden.

Auf zwei Rädern durchs Tal
Vor dem Hotel stehen Räder bereit, und sie stehenzulassen wäre in dieser Landschaft fast unhöflich. Ich fahre eine Runde auf dem Vinschgauer Radweg, Apfelreihen rechts und links, die Sonne im Nacken. Kurz taucht Schloss Kastelbell über dem Tal auf, eine Burg aus dem 12. Jahrhundert. Ich bremse nicht extra dafür, der Blick bleibt einfach von selbst hängen. Unten rauscht die Etsch vorbei, dann nimmt mich der Fahrtwind wieder mit. Auf dem Rückweg merke ich, dass meine Wadenmuskeln das erste Mal seit Monaten wieder etwas zu tun hatten. Nicht jedes Detail einer Reise muss poetisch sein.

Als ich zurück bin, kommt mir Andreas Pernthaler entgegen, der Partner von Patricia Pirhofer, zuständig für Ausflüge und Kulinarik im Haus. Er fragt beiläufig, wie die Runde war, und ob ich morgen Lust auf die Weinberge hätte. Ich überlege noch, sage ich, und er nickt nur, kein Problem, falls nicht. „Wir wollen den Gästen nichts vorgeben, wir zeigen einfach, was möglich ist, und dann schauen wir mal“, sagt er ganz unverbindlich. Zurück im Zimmer, werfe ich mir den Bademantel über und laufe hinüber ins LaVita Spa, noch etwasaußer Atem, aber schon spürbar langsamer im Kopf.
Der Moment, in dem ich abschalte
Im Spa wird es leise, und ich merke, wie sich etwas in mir löst, noch bevor ich verstehe, warum. Eine alte geschnitzte Tür steht dort. Ich weiß nicht, wohin sie führt. Vielleicht muss ich das auch nicht. Für einen Moment reicht es, die Gedanken ziehen zu lassen und nichts zu wollen. Auch das kann ein Paradies sein.

Ich bin noch mitten in diesem Nichts-Wollen, als eine Tür aufgeht. Marilena Pirhofer leitet den Wellnessbereich und lebt die fernöstlichen Ansätze, die sie unterrichtet, sichtlich selbst – ihre Yogaausbildung in Indien, das Ayurveda, das sie seither ins Haus geholt hat, erwähnt sie nur auf Nachfrage, ganz beiläufig. Sie fragt, was ich heute brauche, und schlägt dann Shirodhara vor: ein warmer Ölstrahl über der Stirn, gedacht, um wirklich abzuschalten. In einem Hotel findet man das selten, dafür ist die Behandlung zu aufwendig – zu viel Zeit, zu viel Handarbeit für den durchgetakteten Spa-Alltag.

Kurz darauf strecke ich mich auf der Behandlungsbank aus. Das Sesamöl läuft in einem gleichmäßigen, warmen Faden über meine Stirn, wieder und wieder, und mit jeder Wiederholung wird in meinem Kopf etwas ruhiger, weicher, langsamer, als ich es für möglich gehalten hätte. Oben auf dem Rooftop lasse ich mich anschließend in den Solepool gleitenund ziehe ein paar langsame Bahnen.

Ringsum liegen die Berghänge so sanft im Licht, dass ich für eine Weile einfach nur treibe und nichts anderes will, als genau das zu tun.

Ein Teller mit wenigen Zutaten und viel Herkunft
Abends übernimmt Chefkoch David Paulmichl die Küche, und was er auf die Teller bringt, kommt fast immer mit wenigen Zutaten aus. Mehr als sechs, sagt er, brauche es selten, wenn das Produkt ohnehin für sich sprechen kann. Er bleibt dabei ganz bei Südtirol, bei dem, was hier gerade wächst und reift, und lässt nur hin und wieder etwas Mediterranes hineinspielen, so elegant, dass man es kaum bemerkt.

Beim Wein wird das Haus dann noch einmal persönlicher. Über vierhundert Etiketten liegen im Keller, viele davon aus Südtirol, dazu Italien, kleine Winzer neben klingenden Namen – ausgesucht, wie ich höre, gemeinsam mit dem Seniorchef, während mich der Sommelier locker durch den Abend führt, mit spürbarer Freude an der Sache.

Am Ende bleibt man länger
Später finde ich mich in der neuen Bar wieder, dunkles Holz, Sessel, in denen man beinahe versinkt, darüber ein Lichtobjekt, in dem die Flaschen golden aufleuchten. Einen Aperitif wollte ich eigentlich nur. Es wurde ein zweiter. Und zum ersten Mal auf dieser Reise denke ich nicht an das, was als Nächstes kommt, sondern nur daran, dass ich morgen noch nicht fahren möchte.

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