Espresso auf der Piazza, berühmte Berggipfel und abends ins dampfende Thermalwasser: Bormio beherrscht die seltene Kunst, Höchstleistung und Dolce Vita mühelos zu verbinden. Ein Sommer zwischen Dreitausendern, Hüttenglück und italienischem Genuss.
Auf der Piazza Cavour vor der Kirche und dem alten Versammlungsort „Kuerc“ duftet es nach Espresso. Rennradler in bunten Trikots sitzen an kleinen Tischen, ihre Carbon-Bikes lehnen an eigens aufgestellten Ständern, daneben parken Mountainbiker ihre staubigen Räder. Wanderer schnüren die Stiefel auf, Rucksäcke lehnen an der jahrhundertealten Loggia. Hier, wo einst die freie Bergrepublik Magnifica Terra ihre Versammlungen abhielt, trifft heute Genuss auf Aktivtourismus – und beides scheint sich seit jeher blendend zu verstehen.

Bormio, 1.225 Meter hoch im lombardischen Veltlin gelegen, ist im Winter Weltcup- und Olympia-Bühne – 2026 fanden hier die Herrenabfahrten der Winterspiele statt. Doch im Sommer zeigt sich das 5.000-Einwohner-Städtchen von seiner anderen, stilleren Seite. In den verwinkelten Gassen der Altstadt reihen sich Sportgeschäfte an Cafés, alte Fresken schmücken die Fassaden. Ein Abstecher lohnt sich zur Likörmanufaktur Braulio, wo seit Generationen ein geheimes Rezept aus Enzian, Wacholder und Alpenkräutern zum würzigen Verdauungslikör reift – in Eichenfässern, 15 oder 30 Monate lang.

Wer die Berge nicht nur betrachten, sondern erleben will, findet in Bormio den idealen Ausgangspunkt. Rennradfahrer schrauben sich legendäre Alpenpässe hinauf, Mountainbiker suchen abseits der Straßen ihr Terrain, und passionierte Bergsteiger steigen zu Dreitausendern wie der Königsspitze, italienisch Gran Zebrù, mit 3.851 Metern der zweithöchste Gipfel der Ortler-Alpen, auf.

Aber auch normale Wanderer mit guter Kondition und etwas Bergerfahrung kommen in den Bergen bei Bormio, die zum Nationalpark Stilfserjoch gehören, auf ihre Kosten. Ein beliebtes Ziel ist die Hütte „Rifugio Quinto Alpini“ auf 2.877 Metern, die sich wie ein Adlernest an einen Felsvorsprung im einsamen Val Zebrù klammert. Von Niblogo bei Bormio führt der Weg gut fünf Stunden durch Lärchenwälder und Moränenlandschaft hinauf – wer Zeit und Höhenmeter sparen möchte, nimmt das Geländewagen-Taxi und halbiert die Strecke.

Wirtin Elena Bariselli empfängt ihre Gäste, als kämen sie nach Hause. Gemeinsam mit ihrem Mann Michele führt sie die Hütte seit 2004 – er übernahm sie mit gerade 18 Jahren, nachdem er schon als Junge hier gekellnert hatte. Elena, von Beruf Designerin, hat jedem Zimmer ihre Handschrift gegeben: geblümte Bettwäsche, Holzvertäfelung, Erinnerungsstücke überall. Und Erinnerungen gibt es viele. Die Hütte wurde 1884 als Militärstützpunkt errichtet, im Ersten Weltkrieg kämpften und starben hier Soldaten – nicht nur durch Kugeln, auch durch Lawinen und Kälte. Elena zeigt Schwarz-Weiß-Fotos: Männer in schweren Wollmänteln, knietief im Schnee. „Heute kommen Menschen wegen der Schönheit der Berge“, sagt sie. „Damals bedeuteten dieselben Berge Entbehrung.“

Drei Monate im Sommer tauschen die beiden ihr Talleben gegen den kargen Hüttenalltag. Materialseilbahn und Solaranlagen haben vieles leichter gemacht, doch Wetter und Wasserversorgung bleiben tägliche Herausforderungen – zumal der Gletscher, aus dem früher Wasser gewonnen wurde, spürbar schrumpft. „Das sind drei intensive Monate“, sagt Elena, „aber es macht uns jedes Jahr wieder große Freude.“
Wer nicht die komplette, siebentägige Ortler-Höhenweg-Runde gehen möchte, findet in der von Elena und Michele entwickelten Alternative die perfekte Lösung: dem Giro del Confinale, einer zwei- bis viertägigen Runde durchs Val Zebrù und ins Valle dei Forni.

Wer möchte, kann einen Bergwanderführer buchen. Massimiliano „Max“ Radice, 29, Naturwissenschaftler und Nationalpark-Mitarbeiter, seine Gäste hinauf zum knapp 3.000 Meter hohen Zebrù-Pass. Er kennt hier jeden Stein, erklärt vulkanisches Gestein und die Spuren des schwindenden Eises. Über den Köpfen kreist lautlos ein Bartgeier. „Die Tiere wurden fast ausgerottet, weil man dachte, sie fressen Schafe“, erzählt Max. „Dabei ernähren sie sich nur von Aas – heute leben wieder rund zwei Dutzend im Nationalpark.“ Wenig später grasen Steinböcke, kaum drei Meter vom Weg entfernt, völlig unbeeindruckt von den Wanderern. Zwischen den Felsen leuchtet zottiges Edelweiß, perfekt angepasst an Kälte, Hitze und UV-Strahlung in dieser Höhe.

Oben am Pass öffnet sich ein gigantisches Panorama: vergletscherte Dreitausender bis zum Horizont, tief unten das Valle dei Forni. Der lange Abstieg endet am Rifugio Forni – von dort führt die Runde gemütlich zurück nach Niblogo, oder sportliche Wanderer nehmen noch den 3.370 Meter hohen Monte Confinale mit.

Ankommen in warmem Wasser: Drei Thermalbäder laden in Bormio zum Relaxen ein
Nach Tagen im Hochgebirge fühlt sich Bormio fast mediterran an. Und der perfekte Ausklang wartet in einem der drei Thermalbäder, die aus neun Quellen gespeist werden und schon Plinius der Ältere erwähnte. Die Bormio Terme im Zentrum sind familienfreundlich, mit Sportbecken und Rutschen für Kinder. Wer es exklusiver mag, findet in den historischen Thermen Bagni Vecchi und Bagni Nuovi ein Wellness-Erlebnis der besonderen Art: In den Bagni Vecchi fließt das warme Wasser zum Beispiel bis heute durch über 2.000 Jahre alte, römische Steinbecken, direkt in den Berghang integriert. Wer sich in einem der dampfenden Außenbecken zurücklehnt, blickt hinauf zu genau jenen schneebedeckten Gipfeln, die tags zuvor erklommen wurden – ein Moment vollkommener Entspannung nach Anstrengung.

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